Migräne und Missionen
Jostein Sæther | Von der mission der migräne
und der missionen von Sebastian Gronbach


Migräne
Heute bin ich seit drei tagen mit kopfschmerzen aufgewacht. Am donnerstag bekam ich schon wieder migräne. Ich konnte die schmerzen nicht aushalten und bat meine frau schon vor ihrem arbeitsanfang, die besondere kleine packung aus der apotheke zu holen. Zu mittag war ich schmerzfrei. Mindestens scheinbar und bis samstagmorgen. Der freitag wurde so zum freien tag, wo ich mich meiner korrespondenz und kommenden seminaren widmen konnte.

Louise L. Hays seelisch-geistige gründe für körperliche krankheiten kenne ich gut und kann ihre psychosomatische anweisungen bei mir und anderen beobachten und manchmal daraus wege antreten, um wieder gesund zu werden. Der widerstand gegen den fluss des lebens aufzugeben, ist aber nicht einfach. Der stand der dinge zu akzeptieren statt des widerwillens gegenüber den eigenen schatten und mich selber nicht zu treiben, ist schwieriger, als ein sturmwind zu befallen, sich zu legen. 

In der sonderheft 22 der Flensburger Hefte der naturgeister heißt es, dass der migräne eine abschottung gegenüber kosmischen einflüssen zugrunde liegt und meist wieder verschwinden würde, wenn ein mensch geistig wieder offener wird. Das naturwesen „Der Nasse“ sagt, dass es sich in der migräne ein nichtanerkennen der richtungsimpulse des ich zeigt, und, dass digräne die aufforderung des ich sei, seine lebensrichtung zu ändern, schritte zu machen zu einer einigung von ich und seele.

Ich verstehe diese beschreibung gut und kann sie mit meiner eigenen krankheitsgeschichte bestätigen. Nahezu mein ganzes leben habe ich von kopfschmerzen gelitten und auch mit anthroposophischer medizin ohne erfolg versucht, sie zu bewältigen. In den Jahren 1996-99 als ich äußerst geistig geöffnet war und dauernd verschiedene hellseherische fähigkeiten hatte, war die migräne beinahe ganz weg. Alsdann vor fünf Jahren verschiedene hürden sich in meinem weg stellten, die mich zu einem richtungswechsel nötigte, wurde die migräne wieder frappant.

Welchen wechsel müsste ich heute schaffen? Gibt es für mein ich eine neue richtung, die ich nicht kenne? Dass in meinem alter - ich erwarte in zwei schnelle jahre den dritten mondknoten - etwas neues sich noch zeigen könnte, kann ich kaum denken. Ich möchte ja sehr wohl, die kosmischen energien zulassen. Ich bin doch sehr spirituell aufgeschlossen? Warum denn dieser migräneinitiation wieder? Drei tage eingekerkert sein im eigenen Ego.

Missionen
Ohne neue schmerzlindernde medikamente fahre ich heute meine frau zur arbeit und meinen 7-jährigen sohn zum kindergarten. Ich fahre anschließend zum autohaus, um den tschechischen wagen, der wie ein norwegisches motorboot brummelt,  einzuliefern. Ihm fehlt irgendwas und wohl viel, da wir im letzten jahr mehr geld für ihn ausgegeben haben als die beschränkte haushaltskasse zulässt. Danach hebe ich geld von einem konto ab, um es auf zwei anderen konten verschwinden sehen. Gerade soviel bargeld bleibt übrig, dass ich essen einkaufen und in unserer buchhandlung der alten sorte mein bestelltes buch abholen kann. Herr und frau Greulich hinter ihren theken des letzten oder eher vorletzten jahrhunderts sind die nettesten händler, die ich mich vorstellen kann.

Das nagelneue buch, „Missionen“ von Sebastian Gronbach, fange ich an, schon im bus nachhause zu lesen. Es fällt mir sofort auf, dass das im Verlag Freies Geistesleben herausgegebene buch absolut aus dem 21. jahrhundert stammt und kein exemplar des letzten aus einem anthroposophischen antiquariat sei. Der autor schreibt auf der ersten seite, dass das buch noch gar nicht in wirklichkeit existiert, weil er es erst schreiben muss. In seinem moment als autor muss es selbstverständlich noch geschrieben werden. Ich habe es schon!

Sebastian Gronbach behauptet auf der Seite 15, dass sein buch - das ich tatsächlich für 14, 90 euro gekauft habe und nun in den händen halte im bus nummer 501 des RSW - mein leben schon verändert habe: „Was auch immer Sie sonst auch hätten tun können, Sie haben es eben nicht getan, und stattdessen dieses Buch gelesen. Ihr Leben ist also anders verlaufen, als es ohne dieses Buch verlaufen wäre. Was hätten Sie in dieser Zeit sonst getan? Haben Sie gerade die Liebe Ihres Lebens verpasst oder sind Sie nicht auf der Treppe ausgerutscht“ Wenn ich in seinem buch nicht gelesen hätte, wäre ich jedoch mit demselben bus gefahren! Und nichts anderes wäre passiert!

Vielleicht hätte ich mehr gesehen von dem schönen Bliesgau in wind und nässe, die ich schon seit zehn jahren so gut durch dieselbe strecke kenne. Wahrscheinlich hätte ich einige der eingestiegenen alten damen, die ich nicht kenne, gegrüßt. Vermutlich aber nicht. Die liebe meines lebens habe ich gewiss nicht verpasst, weil ich sie schon seit lange im herzen überall mittrage. Die kopfschmerzen waren schon vorüber, vordem ich das buch vom plast befreit hatte. So kann ich leider nicht sagen, ob Gronbach ein neues migränemittel geschaffen hat, aber ein kleinbisschen hat sich mein leben jedenfalls durch das lesen der gronbachzeilen verändert.          

Bis jetzt habe ich einpaar kapitel gelesen und somit mich mit seiner stimmlage und mit seinem humor befreundet. Ich kannte ihn ja schon einbisschen aus der zeitschrift Info3, aber hier tritt er als „ganze“ gestalt hervor. Somit kann ich sehen, ob er krawatte trägt, ob er jeans an hat oder nicht. Er trägt anscheinend keine krawatte! Mindestens nicht beim schreiben, nehme ich an. Das ist gut. Auch „Der Große“ in den Flensburger Heften findet es gut, wenn anthroposophen heute keine krawatten mehr tragen!

„Der Große“ hat noch gesagt, dass die sprache des beginnenden 20. jahrhunderts nicht mehr ganz die sprache des beginnenden 21. jahrhunderts ist und dass die heutigen jungen Menschen eine sprache brauchen, die es ihnen möglich macht, in geisteswissenschaftliche begriffe einzudringen. Vielleicht ist Sebastian Gronbach derjenige, an der „Der Große“ gedacht hat, als er sagte (vermutlich 2003), dass er jemand im auge habe, der ein populäres, gut verständliches buch über die anthroposophie im verlauf der nächsten 20 jahre schreiben würde. Hat er schon dieses buch mit „Missionen“ geschrieben. Ich weiß es nicht, da ich nur noch beim 3. kapitel bin. Wenn noch nicht, vielleicht ist das buch eine gute skizze zum künftigen bestseller.

Nackt im wind
Gemütlich auf unserem weißen ikeasofa verzichte ich heute auf die rhythmische halbstunde der individuellen meditation, um das kapitel über Gronbachs blaue sofa von IKEA zu lesen, das seiner meinung nach unser sofa ist, weil er die bewusstseinsseele - also der sofa, nicht herr Gronbach - repräsentiert: „also der Ort in unserer Seele, in dem nichts mehr selbstverständlich ist, sondern in dem alles aus uns heraus gebildet wird und mit Bewusstsein gefüllt werden muss.“ Demzufolge sitze ich plötzlich auf einem hellblauen sofa. Als zeitgenosse höre ich Sebastian Gronbach zu, wie er mich siezt, und bin durcheinander, weil er mich nicht duzt. Ich bin doch norweger und skandinave und weltbürger - frag mal Stephan Mögle-Stadel! - und brauche nicht mehr mit dem SIE angesprochen zu werden! Gewiss nicht von Sebastian. Ich bin der ältere und nach gutem, mitteleuropäischem manier, das ich mich mühsam angeeignet habe, beschließe ich ab Seite 24 ihn das DU anzubieten. Er hört mich jedoch nicht.

Ist Sebastian (Gronbach) eventuell taub? Ist mir wieder etwas selbstverständliches nicht aufgefallen? Ich beschließe, das stille zuhören und das schweigen à la Eckehart Tolle zu üben, und keinen dummen fragen mehr zu stellen. Im üben der monatstugenden wird ja diskretion zu meditationskraft! Sicherheitshalber lese ich weiter im weißen und nicht im blauen sofa, um keinen zu blamieren, nicht herr Gronbach und auch nicht herr Walter Kugler, der einen steinerkenner bleibt, ob er krawatte nun trägt oder blaue jeans anhat oder zylinderhut, selbst wenn er keinen schornsteinfeger ist, aber in den missverständnissen um Rudolf Steiner räumt er ordentlich auf laut Sebastian.

Danach erwirke ich mir eine halbe stunde am computer. Als trost. Nach neuen emails schauen. Mich freuen darüber, dass das juniseminar in Portugal von den anthroposophenfreunden da unten endlich nach einem jahr zeit des bedenkens beschlossen worden ist. Ich werde deutsch sprechen und Fritz wird ins portugiesische übersetzen. Ich meckere nicht länger über mich selbst, dass ich einige diffizile, aber hochkarätige details der deutschen grammatik nie lernen werde. Die meisten leute verstehen mich doch, und diejenigen, die mich ohnehin missverstehen, werden voraussichtlich bei solchen seminaren über karma nicht anwesend sein. Die überzeugung von reinkarnation und karma ist keine glaubensfrage, sondern setzt erkenntnis voraus. Und erkenntnis ist für viele etwas mühsames und schreckliches. Karmaerkenntnis ist sogar für mache anthroposophen sehr schrecklich und obendrein gefährlich. Aber da muss jeder für sich hindurch. Irgendwann oder nie. 

In der küche beim fertigstellen des mittagessens - ich bin jeden werktag dafür zuständig - für meine zwei lieben, die nach halbem arbeitstag und kindergarten bald buchweizen- und gemüsehungrig nachhause kommen, erinnere ich mich, was mich beflügelt hatte, die entscheidung zu machen, das gronbachbuch zu kaufen. Es war die folgende aussage von ihm in einem interview im letzten a tempo, das lebensmagazin seines verlags: „Wer sein Leben als Mission versteht, der kann sich nicht mehr verstecken. Er steht nackt im Wind.“ Der Satz (vom mir nicht fett gestellt) hatte mich getroffen. Wie einen bumerang in der flaute! Ich fand mich selber wieder in diesem bild.

Der nachmittag ist immer windiger geworden und als ich mit meinem sohn an der bushaltestelle stehe und wir vorbeihetzenden autos anschauen, bin ich froh, dass ich wollunterkleider und einen winddichten jacke habe. Mein sohn möchte wissen, was die schrift auf den plakaten und schildern im bus bedeuten. So bin ich mal auch froh, in dieser hinsicht ein schriftgelehrter zu sein. 

Mit offenen ohren
Die neuen radlager, radlagergehäuse und zusätzliches plus meisterarbeit gehen auf beinahe 300 euro. Das ist mir schrecklicher als viele drehpunkte im meinem Karma, aber ich darf gottseidank wieder mit raten bezahlen. Bei der heimfahrt ist der Skoda erneut erkennbar. Er ist ruhig, bescheiden und brüllt nicht mehr. Die werkstadt hat seinen kobold herausgelassen, meint mein sohn. Ja, jetzt können wir ruhig nach Lörrach nach ostern fahren, denke ich und lausche Bob Dylans knorrige stimme und sein satz: „Sooner or later one of us must know.“ Früher oder später muss ein von uns wissen. Ich weiß nicht, ob er gerade uns beide meint, oder, ob er Mr. Gronbach einbezieht. Ich lasse jetzt Sebastian mit uns lieber nicht hitchhiken, zumal ich unser buch zuhause liegengelassen habe.

Meinen sohn lasse ich bei einem seiner freunde im dorf eine stunde spielen gehen, sodass ich in der alten wohnung in ruhe kaffeetrinken kann. Ich liebe das rezept des alten wissenschaftlers aus Dornach, der im zweiten weltkrieg wegen einer schusswunde immense schwierigkeiten mit dem verdauen kriegte und deswegen wege für sich suchte, den kaffee mit zucker und arabischen kräutern so zu mischen und gären, dass er äußerst schonend wird. Mit koriander wird der kaffeegeschmack sehr huldreich. Etwa wie „der Nasse“ in den Flensburger Heften.  Seitdem ich damit angefangen habe, glaube ich nicht, dass der kaffee eine hauptperson in meinem migränemysteriendrama mehr spielt. Eher als bühnenarbeiter in den kulissen.

Gegen abend fahre ich mit sohn und ehefrau, nachdem wir sie mit uns eine andere schöne saarlandstrecke landstreichen lassen, um eine mögliche neue wohnung anzuschauen. Es darf keine dachwohnung sein, sodass unser sohn beim einschlafen, wenn sturm und regen auf die dachfenster lärmen und klimpern, keine ohrenschützen braucht. Er will nicht immer bauarbeiter im bett sein, sondern manchmal auch ritter oder hase mit freien ohren.

Früher oder später wird ein von uns wissen, ob diese wohnung ohne badewanne uns oder jemand anderen gehören wird. Höchstwahrscheinlich jemand anderen. Sebastian Gronbach wird sie auch nicht nehmen. Das weiß ich mit der sicherheit und der radikalität einer wahrheit. Sebastian ist stadtmensch und würde in seiner jetzigen inkarnation in diesem dorf trotz der alten burgruine nicht wohnen. Das weiß ich schon. Dazu brauche ich keine „Allintelligenz“ und keine „Erdkompetenz“. Da reicht es mit guter, alter bauernvernunft. Dessen ungeachtet hält Thor seinen hammer segnend über die autobahn, über die landstrasse, die burg, das autohaus und die buchhandlung.                                  


Sebastian Gronbach, Missionen. geist bewegt - alles. Verlag Freies Geistesleben, Stuttgart 2008. ISBN 978-3-7725-2077-8
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Gamamila
10. März 2008
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