Das innere Kind
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Jostein Sæther | Das innere Kind - der zweite Mensch in uns
Biografisches zu denken, zu bewegen und zu vertiefen, ist eine Voraussetzung für karmische Erkenntnisse. Wie viel und in welcher Weise du das machen sollst, kannst nur du selbst entscheiden. Heutzutage gibt es viele Praktiken, die sehr sorgfältig unterschiedliche Wege anbieten, um die eigene Biografie aufzuarbeiten. Um nur einige wenige solcher Impulse zu erwähnen, möchte ich hier auf die Biografiearbeit von Gudrun Burkhart und das Schicksalslernen von Coenrad van Houten hinweisen.* Das sind zwei miteinander verwandte Arbeitsweisen, die gegenwärtig von vielen Lebensberatern auf der ganzen Welt angewandt werden.
Der sternenhafte Astralleib
In meinem Buch "Wandeln unter unsichtbaren Menschen“ habe ich gezeigt, wie ich selbst mit der biografischen Thematik gearbeitet habe. )In dieser Chronik werden nun in loser Reihe einige Übungen und eher einfacheren Meditationen geschildert, die nach und nach in der meditativen Arbeit mit Menschen wæhrend der letzten Jahre entstanden sind. Diese Übungen müssen nicht streng chronologisch durchschritten werden. Auch können sie immer wieder geübt werden und demgemäß als etwas Grundlegendes oder in gewissem Sinne als Hilfs- oder Nebenübungen betrachtet werden.
Der ideenreich Meditierende wird bemerken, dass er selber aus den beschriebenen Beispielen noch andere Übungen entwickeln kann, weil aus Phantasievollem immer neues Einfallsreiches entkeimen kann. Ich werde mit Erinnerungsübungen anfangen und gehe dann weiter zu Übungen, die einen erfinderischen oder fiktiven Charakter haben. Wenn du die Tatsachen des Lebens bearbeitest, wirst du entdecken, dass du zunächst von objektiven, wahren Zusammenhängen auszugehen glaubst, die aber durch die Arbeit so durchleuchtet werden können, dass du entdeckst, dass du im Gedächtnis durch die Jahre vieles mit subjektiven Motiven "geschminkt“ hast. Hingegen wirst du sehen, dass etwas Fiktives, das du dir ausdenkst oder in der Meditation entstehen lässt, Komponenten beinhalten kann, die als wahre Themen oder Urbilder der eigenen Individualität erscheinen können.
Der Sinn dieser Übungen ist es, in deiner Seele einen anderen Menschen, der du gleichfalls selbst bist, zu entbinden. Dieser andere Mensch in dir soll innerlich so standhaft, plastisch, malerisch, musisch, ausdrucksvoll, beweglich und gesellschaftlich werden, dass du Schritt für Schritt alle Angst und alles Zurückschrecken vor dem real Geistigen bis in die Tiefen deines Wesens erkennst und überwindest. - Maria Röschl-Lehrs, eine Schülerin Rudolf Steiners und die erste Leiterin der Jugendsektion der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft in Dornach, Schweiz, fasste in einem Aufsatz diese Angelegenheit mit folgenden Worten zusammen:
„Dieser zweite Mensch, der bisher nur in zurückgezogenen Schulungsstätten bewusst gepflegt wurde, er beginnt, der heraufkommenden Menschheit als ganzer allmählich erlebbar zu werden. Es ist an der Zeit, ihn bewusst zu erfassen. Allmählich kommen wir, wenn wir den geisteswissenschaftlichen Schulungsweg im exakten inneren Tun betreten, dazu, diesen zweiten Menschen in Augenblicken reiner Konzentration herauszuheben aus dem physischen Leibe, mit ihm und durch ihn erkennend Welt und Mensch zu erfassen. Dann geschieht
dies nicht unter Aufgabe des Ichbewusstseins, sondern gerade ichhaft. Denn dieser zweite, wolkenartige Mensch hängt ja zusammen mit unserem sternenhaften Astralleib, dem Träger und der Hülle des Ich.“**
Die Seelensubstanz des Kindheitsglanzes
Es soll eine Übung zunächst beschrieben werden, die ich als dynamische Biografieübung bezeichne, zumal zwei Erinnerungen nacheinander angeschaut werden und miteinander in Wechselbeziehung treten sollen. Zu der ersten Erinnerung fügt man eine Stimmung, die aus der zweiten Erinnerung stammt und mit hinein genommen werden soll in das Gedenken, das man zuerst aufgerufen hat. Das erste Andenken bezieht sich auf das Erwachsenenleben, das andere auf die Kindheit oder die Jugendzeit. Die in der Seele vorhandenen, aber oft schlafenden Kindheitskräfte - in vielen modernen Praktiken wird sogar mit Recht von einem "inneren Kind“ gesprochen - sollen im Meditationsbewusstsein dadurch angeregt werden.
Du wählst also die erste Erinnerung aus, die einige Jahre zurück liegt. Es soll eine Situation sein, in der du ein bestimmtes Problem hattest, wo du z.B. in einem sozialen Konflikt standest und wo du dich möglicherweise von einem oder mehreren Menschen ungerecht behandelt fühltest. Du gehst den Ereignissen nach, überlegst, was vorher geschehen war, wie das Problem entstand und wie es sich weiter entwickelte. Du betrachtest den Ort, die Räumlichkeit des Geschehens, wie das Wetter war, wie jeder gekleidet war; kurz gesagt, du berücksichtigst alle äußeren Umstände in der vollen Farbigkeit ihres Ablaufs. Dann gehst du im Gedächtnis über zu dem, was gesagt wurde, und erinnerst, in welcher Art ihr miteinander gesprochen oder vielleicht auch geschwiegen habt. Die Verhaltensweisen der Betroffenen sollen bis in die Gefühle hinein vorgestellt werden, die jeder hatte, soweit sie nach außen durch Gesten und den Gesichtsausdruck gezeigt wurden.
Nun wirst du vielleicht feststellen, dass du wiederum Gefühle bekommst, die ähnlich denen sein können, die du damals hattest. Das soll dich nicht beunruhigen oder daran hindern, die Übung geduldig durchzumachen. Zu unterscheiden ist jedoch zwischen demjenigen, der du jetzt bist, und demjenigen, der du damals warst. Nun lässt du diese erste Erinnerung ausklingen, indem du dir eine kleine Ruhepause nimmst, um danach die andere Erinnerung zu suchen. Du musst also nicht schon zu Beginn auch sie ausgewählt haben, obwohl das den Prozess erleichtert.
Wenn die erste Situation eher als negativ empfunden werden kann, soll das zweite Ereignis positiv, glücklich oder heiter sein. Wenn du zu den Menschen gehörst, die nur schwer glückliche Erfahrungen aus der Kindheit finden - solche Menschen gibt es ja auch; ich bin z.B. vielen Menschen begegnet, die in der Zeit der Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkriegs ihre Kindheit verbrachten -, dann suchst du halt ein Ereignis aus den Jugendjahren oder später. Eine Geburtstagsfeier oder ein Jahresfest sind dazu gut geeignet. Du denkst an liebe Menschen, etwa eine Großmutter oder einen -vater, die dir mit viel Liebe begegneten, oder du denkst an Spielkameraden, mit denen du schöne Erlebnisse in der Natur oder in der Schule hattest. Du durftest dich damals im Mittelpunkt des Geschehens erleben. Du vergegenwärtigst dir die damaligen Gefühle als Kind und schaffst jetzt daraus eine Stimmung, ein Gefühlsgebilde, das als warmer "Lichtschein“ auftreten könnte.
Mit dieser Seelensubstanz des Kindheitsglanzes gehst du nach einer kleinen Weile zurück zu der ersten Erinnerung. Wie wenn man Blumen mit Wasser begießen würde, "gießt“ du jetzt diese Kindheits- oder Jugendsubstanz hinüber und hinein in die Erwachsenensituation. Du versuchst, den prozessualen Einfluss zu beobachten und zu gucken, ob und wie die eigene Haltung des Gegenwartsmenschen sich dabei verändert. Wie erscheint jetzt die negative Erinnerung? Hat sich etwas verwandelt? Tauchen neue, vorher nicht erkannte Aspekte auf? Oder kannst du jetzt die Verhaltensweisen der Anderen besser einordnen?
Die Erfahrung zeigt, dass einige Menschen Schwierigkeiten haben, zwei Ereignisse, die miteinander zeitlich nicht geradewegs zu tun haben oder in ihrer Art nicht direkt miteinander verwandt sind, in dieser Weise zusammenspielen zu lassen. Sonst aber kann man oft entdecken, dass vorher unbekannte Übereinstimmungen oder unterschwellig vorhandene Fäden zwischen Kindheit und Erwachsensein durch dieses Verfahren der dynamischen Aufstellung plötzlich freigelegt werden. In dieser Weise kann man verschiedene Situationen des Erwachsenen mit Kindheits- und Jugenderlebnissen sogar behandeln. Man wird erkennen, wie von dem so genannten inneren Kind eine heilende Kraft ausgeht und dass man im Gedächtnis einen Kurort entdecken kann, wo "Pflanzen" der Selbstheilung und des Verzeihens aufblühen können.
Das eigene Schöpferwesen
Eine Variante der Übung besteht darin, dass du am Anfang dich mit der positiven Kindheitssituation einstimmst, ohne zuvor zu der Problemsituation zu gehen. Auch in diesem Fall bringt der Lichtschein der Kindheit die Möglichkeit, ein Problem aus dem Erwachsenenleben zu behandeln. Aber auch Positives aus der ganzen Biografie kann dementsprechend eine meditative Kraft verleihen, um Probleme ebenfalls aus der Kindheit zu kurieren.
Die Kindheitskraft ist mit der Wachstumskraft eines Samens zu vergleichen. Immer wieder kann auch dieselbe Kindheitssituation als "Arznei“ dienen, um die Verhärtungen des Erwachsenen aufzuweichen. Merkwürdigerweise scheint dieser Quellhof der Kindheit nie versiegen zu wollen, sondern wiederum entdeckt man, dass im eigenen verborgenen Wesen ein schöpferisches, begeistertes Wesen lebt, das auf ein Wirksamwerden quasi gewartet hat. Dieses Schöpferwesen im eigenen Innern beschreibt Steiner in folgender schlichter Weise in seinem Buch Die Rätsel der Philosophie:
"Wie dringt Erkenntnis in das Wesen der Dinge; was kann die Betrachtung der Dinge leisten? Solche Untersuchung ist zu vergleichen mit derjenigen nach dem Nahrungswert des Samenkorns. Doch kann man auch hinblicken auf das seelische Erleben, insofern dieses nicht nach außen abgelenkt wird, sondern in der Seele fortwirkend diese von Daseinsstufe zu Daseinsstufe führt. Dann erfasst man dieses seelische Erleben in der ihm eingepflanzten treibenden Kraft. Man erkennt es als einen höheren Menschen im Menschen, der in dem einen Leben das andere vorbereitet. Man wird zu der Einsicht kommen, dass dieses der Grundimpuls des seelischen Erlebens ist. Und dass die Erkenntnis sich zu diesem Grundimpuls verhält wie die Verwendung des Samenkorns als Nahrung zu dem fortschreitenden Wege dieses Korns, der es zum Keim einer neuen Pflanze macht. Wenn man dies nicht berücksichtigt, so lebt man in der Täuschung, dass man in dem Wesen des seelischen Erlebens das Wesen des Erkennens suchen kann. Man muss dadurch in einen Irrtum verfallen, dem ähnlich, der entstünde, wenn man das Samenkorn nur chemisch untersuchte auf seinen Nahrungswert hin und in dem Ergebnis dieser Untersuchung das innere Wesen des Samenkorns finden wollte. Die hier charakterisierte Geisteswissenschaft sucht diese Täuschung zu vermeiden, in dem sie die selbsteigene innere Wesenheit des seelischen Erlebens offenbar machen will, das auf seinem Wege auch in den Dienst der Erkenntnis treten kann, ohne in dieser betrachten den Erkenntnis seine ureigentliche Natur zu haben.“***
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* Gudrun Burkhard, Schlüsselfragen zur Biographie. Ein Arbeitsbuch. - Gudrun Burkhard, Das Leben in die Hand nehmen. Arbeit an der eigenen Biographie. - Gudrun Burkhard, Das Leben geht weiter. Geistige Kräfte in der Biographie. Alle Bücher im Verlag Freies Geistesleben, Stuttgart. - Coenrad van Houten, Erwachsenenbildung als Schicksalspraxis. Grundlagen für zeitgemäßes Lernen, Verlag Freies Geistesleben, Stuttgart 1998.
** Maria Röschl-Lehrs, Vom zweiten Menschen in uns, Philosophisch-Anthroposophischer Verlag, Dornach 1972, Seite 38.
*** Rudolf Steiner, Die Rätsel der Philosophie, GA 18, Taschenbuch 611, Dornach 1974, Band II, Seite 249f. Die Kursivsetzung stammt von mir.
Berit Frøseth hat eine solide künstlerische ausbildung in malerei, radierung, lithographie und graphische gestaltung von SHKS (Staatliche kunsthochschule) in Oslo, von Emerson College, Forest Row (GB) und von Rudolf Steinerseminar, Järna (SE). Zusätzlich hat sie noch deutsch studiert. Wir lernten uns im künstlermilieu in Järna kennen, wo künstler, junge und alte, mit verschiedener herkunft sich austauschten und neue wege für die eigene künstlerische arbeit suchten. Berit schreibt über kunst und engagiert sich für die situation der künstler in Skandinavien, die von der anthroposophie inspiriert sind. In ihren bildern sehe ich eine starke sensibilität für natur- und lichtzusammenhänge, die schöne stimmungen schaffen und neue objekte auf der fläche offenbaren.
Künstlerporträt: Berit Frøseth
Ich suche wohl den expressiv-persönlichen Ausdruck anstelle des Forscherischen, Experimentellen. Die Inspirationsquelle ist oft die Wechsel der Jahreszeiten, die Verwandtschaft des Menschen mit der Natur und religiöse Motive, als Ausdruck allgemeinmenschliche Ereignisse.
Berit Frøseth
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