

Von der physischen Seite betrachtet, erfolgt der Einstieg ins Leben immer durch andere Menschen. Meine Geburt entstand durch meine Eltern. Sterben kann ich nur, indem andere betroffen werden, weil sie dabei sein oder zu den Hinterbliebenen gehören werden. Ich habe einige Erfahrungen mit Sterben und Tod von Angehörigen und Nahestehenden gehabt, aber nie war ich dabei, im Augenblick als jemand starb. Danach habe ich jedoch den Unterschied erlebt, wie der physische Leib eines Menschen ganz anders wirkte, als wenn der Betroffene ihn durch Seele und Geist noch belebte. Der Leichnam schien abgelegt worden wie ein Kunstwerk. Wie möchte ich sterben?
Das Sterben im Altertum
So wie die Archäologie und die Ethnographie zeigen, entwickelte sich die Sterbekultur durch viele Stadien. Die Anordnung der Skelette in Begräbnisstätten, wo die Frau dem Mann zugeordnet ist, lässt ableiten, dass die Longshan-Kultur patriarchal war. Diese späte neolithische Kultur in China wird etwa auf die Zeit von 3200-1850 v. Chr. datiert. Dagegen war die frühere Yangshao-Kultur offenbar noch matriarchal. Die buddhistische Schrift Bardo Thödröl («Befreiung durch Hören im Zwischenzustand») aus dem 8. Jahrhundert - im Westen bekannt als das Tibetische Totenbuch - enthält Anleitungen über den Sterbeprozess und die Wiedergeburt nach drei Zwischenzuständen sowie die Aussicht, aus dem Karmakreislauf auszusteigen. (1) Diese Phasen gliedern sich schematisiert in: 1. Der Moment vor dem Tod: Das Wesen des eigenen Geistes strahlt in hellem Licht. 2. Die Essenz der höchsten Wirklichkeit: Die friedvollen und die rasenden Gottheiten erscheinen als ein Mandala. 3. Der Zwischenzustand des Werdens: Das persönliche Karma und die Lebenstaten werden durchlebt.
Platons Dialog Phaidon (entstanden um 380 v. Chr.) beschreibt am Ende Sokrates Abschied von der Familie und die berühmte Hinrichtung. Er trinkt den Giftbecher in Dabeisein seiner traurigen Freunde aus und wartet gelassen auf den Tod. Er äußert, dass der Glaube an das ewige Bestehen der Seele ein schönes Wagnis bedeutet: «Also um deswillen muss ein Mann gutes Mutes sein seiner Seele wegen, der im Leben die andern Lüste, die es mit dem Leibe zu tun haben, und dessen Schmuck und Pflege hat fahren gelassen, als etwas ihn selbst nicht Angehendes und wodurch er nur Übel ärger zu machen befürchtete, jener Lust hingegen an der Forschung nachgestrebt und seine Seele geschmückt hat nicht mit fremdem, sondern mit dem ihr eigentümlichen Schmuck, Besonnenheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit, Edelmut und Wahrheit, so seine Fahrt nach der Unterwelt erwartend, um sie anzutreten, sobald das Schicksal rufen wird.» (2)
Die Mittelalter-Idee des ‹guten Todes›
Der Tod war im Mittelalter eine Grundkonstante des Lebens und religiös und kulturell allgegenwärtig. Dazu trug die hohe Sterblichkeitsrate bei, die den nahen Tod stets ins Gedächtnis rief. Bis zur Reformation war die Einstellung zum Sterben von der Idee des ‹guten Todes› geprägt, die besagt, dass man den eigenen Tod einrichten und seine Ängste bändigen kann. Der Ritter nahm zur Kenntnis, dass er im Kreuzzug sterben könnte, und regelte zuvor seine profanen Affären und seine Seele vor Gott.
Die katholische Beichte und Kommunion gehörte hingegen zum Ritual für alle, die den unerwarteten Tod fürchtete, da er keine Chance bot, Sünden zu beichten, um sich ewige Seligkeit zu sichern. Die Reformation brach mit diesen Jenseitsvorstellungen. Die Idee des guten Todes existierte zwar noch in der Renaissance, aber sie ist sodann allmählich abgeklungen. Anstatt setzte sich die Angst vor dem plötzlichen Tod durch, das nicht mehr zuließ, Buße zu tun. Später kam es zu einer institutionellen und mentalen Todesverdrängung überhaupt. Mit der zu-nehmenden Säkularisierung wurde der Tod als endgültigen Schluss des Daseins und nicht mehr als Wechsel in ein anderes, besseres Leben gesehen.
Lebendige Sterbekultur heute
Es gibt immer mehr Menschen, die ein menschenwürdiges Finale des Lebens befürworten. In spirituellen Strömungen und allmählich überall übernommen, gibt es den Begriff «bewusstes Sterben». Das Institut für Leben und Sterben in Rosdorf (DE) möchte Menschen für ein bewusstes Sterben vorbereiten. «Ein bewusster Tod kann tatsächlich der Höhepunkt unseres Lebens sein, ein Wiedereingehen in die Dimension, in der wir nicht mehr vom ‹Ozean der Wirklichkeit› getrennt sind», heißt es auf ihrer Website.
Ein Fachzweig der Anthroposophischen Gesellschaft in der Schweiz nennt sich Arbeitsgemeinschaft Sterbekultur. Er versteht sich als Dach mehrerer Initiativen, Arbeits- und Berufsgruppen rund um Fragen des Sterbens. Auf ihrer Website fand ich aufklärende Texte über Sterbebegleitung, Todesfall, Suizid, Angebote und Fallbeispiele. Die Gemeinschaft möchte «bei der Gestaltung einer Sterbekultur unterstützen und die Verbindung zur Welt der Verstorbenen fördern. ‹Die Verstorbenen sind mitten unter uns›, erklärte Rudolf Steiner, der es als eine wichtige Aufgabe unserer Zeit betrachtete, die Beziehungen zu den Verstorbenen zu pflegen». Ein lesenswerter Beitrag hier von Dr. med. Björn Riggenbach zeigt, dass Wachsamkeit am Platz ist, wenn jemand im Sterben liegt. Er erzählt von einem Fall, wo eine Verwechslung zwischen dem Schmerz der Patientin und dem Empfinden ihrer Tochter auftrat. Immer als sie zu Besuch kam, begann die Mutter zu stöhnen. Ihr Leiden zeigte sich im Nachhinein gar nicht körperlicher Art, sondern deutete auf einen alten Streit mit der Tochter, die verlangt hatte, dass man Morphin einsetzen sollte, was also nicht am Platz war. Schließlich fand die Linderung durch eine Aussprache statt.
Wesenhafte Ausdehnung nach dem Tod
In meiner Reinkarnationsforschung habe ich das Sterben vielfach erlebt, als ich einstige Sterbeabläufe von mir schaute und bei anderen ihre früheren Todesfälle meditativ erforschen durfte. Demgemäß wurden gewisse Stadien nach dem Tod nachvollziehbar. Teils bestätigte sich, was Steiner beschrieb, dass das einmalige Sterben am Schluss einer Inkarnation nur eine Summierung bedeutet, gegenüber den kleinen Sterbeprozessen, die im Wachbewusstsein während des Lebens fortlaufend stattfinden. Wiederum bestätigte sich, was er als eine nachtodliche wesenhafte Ausdehnung beschrieb: «Der Eindruck unmittelbar nach dem Tode ist der, als ob unser Wesen sich ergießen würde über alles das, was außerhalb unser ist. Wir tauchen gleichsam in die Dinge unter, wir fühlen uns eins mit ihnen. Ein Gefühl des Ausbreitens und -dehnens und -weitens der Seele tritt auf, ein Verschmelzen mit den Dingen, die in der äußeren Umgebung sind als Bilder». (3)
Unmittelbar nach dem Tod überschauen wir das vollbrachte Leben in einem bildhaften Gedankengewebe für eine kurze Zeit, ehe der Ätherleib abgelegt wird. Dieses Lebenstableau können wir im «Zurückwandeln» (Steiner) aufleben lassen. «Ohne Gefühls- und Willensanteil, rein in einer Art von passiver Überschau hat man dieses Erdenleben vor sich». Als Coach zahlreicher Menschen bekam ich meditativer Einsicht in einigen ihrer Vorleben. Wenn die Todesschwelle einer entdeckten Inkarnation überschritten wurde, und die Phase des Lebenstableaus begann, machten wir Gebrauch von der ‹Standort› der passiven Überschau. Damit konnte ein viel freierer Blick auf das abgeschlossene Leben entstehen, als wenn man kurz vorher die Ereignisse sehr gefühlsgeladen durchlebt hatte.
Der Dreiklang der Tugenden
Es gibt eine hilfreiche Orientierung im Umgang mit Sterbens- und Todeserfahrungen: zu fragen nach drei bestimmten Tugenden. Sie entsprechen der maßgeblichen Anstrengung, die jemand in einem Leben im Denken, Fühlen und Tun machen. In der Karmaarbeit fanden wir, dass man sie innerhalb des beendeten Lebens mehr oder weniger aufblühen konnte. Der Erwerb der Tugenden war aus karmischer Bedingtheit notwendig gewesen oder man hatte sie gewonnen, so dass sie als Früchte des Lebens mitgenommen und den Geistwesen, die das Menschenleben lenken, nach dem Tod quasi zurückgegeben werden konnten. Eine Reihe von Tugenden wird derlei durch die Leben hindurch aufgegriffen und vertieft wie Bedacht, Beharrlichkeit, Demut, Dienen, Edelmut, Geduld, Gehorsam, Mitgefühl, Mut, Nüchternheit, Ritterlichkeit, Taktgefühl, Toleranz, Treue, Verzicht, Würde, Zufriedenheit usw.
Der Dreiklang der Tugenden war entweder in verschiedenen Lebensphasen der Reihe nach aktuell oder sie wirkten in gewissen Erfahrungen zusammen, um Probleme oder Prüfungen standzuhalten. Man wird auf die drei Begriffe oft gleich aufmerksam, oder sie müssen in der Lebensrückschau für sich entdeckt werden. Je nachdem erkennt man drei Lebensereignisse, in der die entsprechenden Tugenden ihre Auswirkung hatten. Falls man auf frühere Leben nicht eingehen kann oder will, bietet die anthroposophische Biographiearbeit für die Sterbebegleitung sinnvolle Möglichkeiten, darüber zu reden, wie der Dreiklang der Tugenden einem im Leben beherzigt hat.
Bewusst sterben
Heute wird es viel diskutiert über Differenzen zwischen Sterbebegleitung und Sterbehilfe. In jener geht es darum, in der letzten Lebensphase lediglich nur Beistand zu geben. Diese dagegen bezeichnet Handlungen, die den Sterbenden oder Schwerstkranken beim Übergang vom Leben zum Tod bis hin zur aktiven Tötung Hilfestellung reichen. Sterbehilfe betrifft ansonsten Situationen, wo ein Sterbeprozess bereits unumkehrbar ist, und unterstützt die Herbeiführung des Todes einer Person durch eine andere.
Wie definieren wir, um was es sich handelt, wenn jemand sich selber beim Sterben helfen will z. B. durch Abstellen dem Leben verlängernde Technik - ob bei vollem Bewusstsein oder durch vorherige Patientenverfügung? Wo geht die Grenze zwischen bewusstem Sterben und Suizid, wo man den Tod durch beabsichtigtes Tun herbeiführt? Was bedeutet es, zu unterlassen, lebenswichtige Medizinen, Nahrung oder Flüssigkeit zu sich zu nehmen? Hinter dem Wunsch, das eigene Leben zu beenden, stehen verschiedene Motive und Lebenssituationen.
Ist Freitod jemals eine Befreiung, oder nur wenn Verzweiflung der Triebfaktor ist? Wie wird die Menschenwürde dabei gewahrt? Gibt es Grenzen für die Selbstbestimmungs- und Freiheitsrechte des Patienten? Ist es die Aufgabe der Gesellschaft, dem Suizid auf jeden Fall zuvorzukommen? Für Rudolf Steiner war Suizid keine Lösung, sondern ein brutaler Eingriff, der sich auf das nachtodliche Leben bitterlich auswirkt. Die Auseinandersetzung mit dem ‹Freitod› ist aber heute ernst zu nehmen, vor allem, wenn jemand in Notlage die Absicht dazu hat. In der Wissenschaft wird der Begriff ‹Selbstmord› heute meist abgelehnt, da man eine Beurteilung der Tat vermieden will. Der Kölner Medizinaldirektor Dr. Fred Dubitscher meint, dass Suizid kein Mord im eigentlichen Sinne und kein Verbrechen sei.
Steiner formulierte die Prinzipien eines ethischen Individualismus, der ganz auf der Erfahrung und der Einsicht des Einzelnen fußt. Franz Ackerman - Präsident der Anthroposophischen Gesellschaft in der Schweiz und Leiter eines Alters- und Pflegeheims im Kanton Zürich schreibt: «Anthroposophie ist dazu berufen, die Freiheit besonders hoch zu schätzen. Das ist wegleitend für alle soziale Tätigkeit auf anthroposophischem Boden. Gewissensfragen sind ganz persönliche Fragen; sie können heute nicht mehr vom Kollektiv, von der Gesellschaft, der Familie oder der Kirche dem mündigen Menschen aufgezwungen werden.».
Es ist also zeitgemäß, dass jemand Leben und Sterben selbst verantworten will, nicht weil er vorzeitig das Leben abbrechen will, sondern sich so verhält, dass der Todesmoment, der karmisch vorausbestimmt sein kann, aber nicht muss, dann eintritt, wenn die Zeit reif ist. «Die Folge des späteren Todes, der karmisch eintreten muss, ist, […] die vorausgeschobene Krankheit», stellte Rudolf Steiner einmal fest. (4) Die Krankheitsursache muss also nicht in der Vergangenheit liegen, sondern kann vom Todeszeitpunkt verursacht sein. Könnte der Entschluss, ihm bewusst ins Auge zu fassen, auch wenn man nicht krank ist, als Ausdruck des ethischen Individualismus sein und nicht als Vollzug eines Suizids? Nur jeder individuelle Fall könnte darüber Antwort geben. Die Karmaforschung, die mit mehreren und dazu mit künftigen Leben rechnet und sie eventuell überblickt, würde Hintergründe dazu geben können.
10. Oktober 2010
nach oben
meine blogs
Jacques-Louis David, Der Tod des Sokrates (1787)
D
ie Sterbekultur machte im Orient, in der Antike und im christlichen Westen viele Phasen durch. Wie Sokrates sich vor der Hinrichtung gelassen verhielt,
Gutes Sterben | Jostein Sæther
besucher seit 2008
bildete ein Höhepunkt zur Frage der Unsterblichkeit der Seele. Auf dem Hintergrund der mittelalterlichen Idee des ‹guten Todes› skizziere ich einige Perspektiven im Umgang mit Sterben und Tod, die sich heute aus meditativer Forschung ergeben. Ein Dreiklang von Tugenden tritt dabei im Vordergrund.
1. Den tibetanske Dødsboken. Gyldendal, Oslo 2000. Übersetzt aus dem Tibetischen ins Norwegische von Henrik Mathisen.
2. Platon, Phaidon 63, in: Sämtliche Werke, Bd. II, Hamburg 1994, Seite 350.
3. Rudolf Steiner, Makrokosmos und Mikrokosmos, GA 119, Vortrag vom 22. März 1910.
3. Rudolf Steiner, Die Wirklichkeit der höheren Wel-ten, GA 79, Dornach 1962, Seite 120f.
4. Rudolf Steiner, Esoterische Betrachtungen karmischer Zusammenhänge, GA 239, Vortrag vom 14. Juni 1924.