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Frieden durch gegenseitiges Lernen -
Kari Bu im Gespräch mit Christian Egge

2. April 2008
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Der Umgang mit Kunst baut eine seelische Brücke, die zu geistigem Erleben führt...


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Im höheren Bewusstsein betritt man geistige Orte, wo man sich normalerweise nicht auskennt...

17. Februar 2008
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10. Februar 2008
Biografisches zu denken, zu bewegen und zu vertiefen, ist eine Voraussetzung für karmische Erkenntnisse...          


3. Februar 2008
Fragen über und an die Anthroposophie führen durch... 
           
Jostein Sæther|Über die Enthüllung der Mysterien

Besprechung des neuen Buches von Peter Selg über die Begründung der „Ersten Klasse“

Die Gesellschaft ist nicht mehr nötig, weil die Anthroposophie schon auf Erden ist. Auf den einzelnen Menschen kommt es jetzt an und die müssen dann zusammen bilden aus ihrer Entwickelung heraus einen höheren Verein, der seine Wurzeln hat in der geistigen Welt. Jede individualistische Entwickelung ist hiermit bewahrt, jede Freiheit des einzelnen Menschen und aus der Einsicht des einzelnen Menschen heraus fühlt er sich mit diesem Geistverein oder Michaelschule verbunden. So hat es mir in meinem Innern geklungen. Auf mein eigenes Darinnenstehen in diesem Impuls, darauf kommt es an. Das andere richtet sich von selbst.

Ita Wegman, 1935

Der Leiter des Ita Wegman Instituts für anthroposophische Grundlagenforschung (Arlesheim), Prof. Dr. med. Peter Selg, hat wieder ein bemerkenswertes Buch zum Lebenswerk von Rudolf Steiner und zum Wirken von Ita Wegmann veröffentlicht. Der inzwischen ernannte Professor für medizinische Anthropologie an der Alanus Hochschule für Kunst und Gesellschaft (Alfter bei Bonn) scheint derzeit zu sein einer der fleißigsten anthroposophischen Autoren. Er hat viele Veröffentlichungen nicht nur über die geistigen und sozialen Hintergründe des Wirkens von Steiner und Wegman und deren engen Zusammenarbeit geliefert, sondern er hat auch zahlreiche Publikationen selbst geschrieben oder koordiniert zu verschiedenen Themen der Anthroposophie, der Medizin und der Heilpädagogik und zu anderen Pionieren der anthroposophischen Bewegung wie u. a. Christian Morgenstern, Edith Maryon, Marie Steiner-von Sivers, Helene von Grunelius, Siegfried Pickert, Karl König, Gerhard Kienle.  Außerdem hat er Bücher über andere beispiellosen Gestalten des 20. Jahrhunderts geschrieben wie Paul Celan und Nelly Sachs, Hans und Sophie Scholl, Rainer Maria Rilke und Franz Kafka.  

Anthroposophische Übungswege gehen
Das hier zu besprechende Buch ist erschienen im eigenen Verlag des Ita Wegman Instituts. Im Verlagspräsentation heißt es unter anderem: „Die Studie von Peter Selg beleuchtet den geistesgeschichtlichen Umraum und die Intention der Dornacher Hochschulgründung Rudolf Steiners 1923/24, die ‚Esoterische Schule des Goetheanums’ und ihre ‚Erste Klasse’, die Rudolf Steiner noch in den letzten Arbeitsmonaten vor Anbruch seines Krankenlagers entfalten konnte. Beschrieben wird in diesem Zusammenhang auch die Mitwirkung Ita Wegmans, Rudolf Steiners ‚Gehilfin’ im Aufbau der Michaelschule (Polzer-Hoditz) - sowie Ita Wegmans innere Haltung zu den Klassenstunden nach Rudolf Steiners Tod, ihr wortgetreues ‚Lesen der Stunden’, an dem sie bis zuletzt festhielt.“

Peter Selg stellt im Vorwort fest, dass „zu recht“ lange Zeit nicht viel geschrieben wurde über die „Erste Klasse“ der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft (FHG) in Dornach seit dem Tod Rudolf Steiners (1925). Die grundlegende Studie von Hella Wiesberger, viele Jahre tätig in der Rudolf Steiner Nachlassverwaltung, Rudolf Steiners esoterische Lehrtätigkeit aus dem Jahr 1997 beschäftigt sich mit Steiners Esoterik besonders vor dem Ersten Weltkrieg. Wiesberger arbeitete aus der Fülle des großen Archivmaterials, der überlieferten Briefen, der Teilnehmernotizen und der Stenogrammen der esoterischen Lehrstunden die Kennzeichen seines Esoterikbegriffes heraus, die auch auf die „Erste Klasse“ zutreffen, dass es um die Pflege der Seelenbedürfnisse und der Geistessehnsucht derjenigen inkarnierten Menschen gehe, die vorgeburtlich in der vom Zeitgeist  Michael selbst geleitete übersinnliche Schule teilgenommen hatten. „Man darf bei den von Rudolf Steiner dargestellten esoterischen Inhalten nie vergessen, dass sie sich einer eindeutigen, dem gewöhnlichen Bewußtsein ohne weiteres zugänglichen Feststellung entziehen. Das gehört zu ihrem Wesen. Auch ist man bei dem Versuch, die Motive seiner Handlungsweise in diesen intimen Zusammenhängen verstehen zu können, weitgehend angewiesen auf ein liebevolles Eingehen auf das Wenige, das er darüber gesagt hat.“ (Wiesberger, Seite 12)  

2005 erschien die Studie von Johannes Kiersch, Zur Entwicklung der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft. Die Erste Klasse im Verlag am Goetheanum. Kiersch weist auf Rudolf Steiners grundlegende Aussage zu übersinnlicher Wahrnehmungen, dass nur sinnengebundene Wahrnehmungen erinnert werden können. „Übersinnliche Wahrnehmungen in ihrer eigentlichen Wirklichkeit müssen immer wieder neu hervorgerufen werden.“ (Kiersch, S. 19) Die Unterschiede zwischen drei Selenvorgängen, erstens solche, die zu einer geistigen Wahrnehmung führen, zweitens die geistige Wahrnehmungen selbst und drittens die Umsetzung derselben in Begriffen des gewöhnlichen Bewusstsein müsste diejenige, die die anthroposophischen Übungswege gehen, beachten, sonst würden sie die esoterischen Erläuterungen von Steiner zu handfest nehmen. „Manches [von den gegenwärtigen Ausdrucksformen der Anthroposophie, JS] ist heute weit entfernt von der lebendigen Wirklichkeit geistiger Erfahrung, wie sie etwa aus den Tafelzeichnungen Rudolf Steiners zu uns spricht: keimhaften, offenen Farb- und Formgebilden, von denen wir uns an keiner Stelle dogmatisch festgelegt, vielmehr zu eigenem Beobachten, Weiterdenken, Nachsinnen und Forschen angeregt fühlen.“ (Kiersch, S. 20)      

Esoterisches Konfliktpotential
Zu beiden dieser Schriften geht Peter Selg in seiner neuen Studie mehrfach ein und auf einigen Punkten distanziert er sich von der Art, wie Johannes Kiersch an dieses schwierige Kapitel der anthroposophischen Geschichte und der heute noch weiter bestehenden esoterischen  Arbeit herangegangen ist. Selg schätzt die „mühevolle Kleinarbeit“ von Kiersch, wie er die Dokumente gesichtet hat in vielen Archiven. „Vielen Klassenmitgliedern und Lektoren wurde durch seine Arbeit erstmalig ansichtig, welches Konfliktpotential und welche Tragik das Abhalten der Stunden in den Jahren und Jahrzehnten nach Rudolf Steiners Tod in sich barg, in welche Dynamik inneranthroposophischer Auseinandersetzungen die ‚Erste Klasse’ geriet und wie sehr sich die Hauptbeteiligten - gegen ihren eigenen Willen - in dem entsprechenden Wirbel verstrickten.“ (Selg, S. 10)

Peter Selg stellt die Frage, ob Johannes Kiersch der Themenstellung seiner Studie gerecht wurde, da er kaum etwas schrieb über das Wesen, den ‚Sinn’ und den Inhalt der FHG im Kontext der Weihnachtstagung 1923/24 und über den ungeheuren Ernst dieses Initiatenversuchs am Ende des ersten Viertels des 20. Jahrhunderts. „Es ist jedoch nur schwer möglich, die Diskussion über den richtigen Umgang mit der esoterischen Schule von ihrem Inhalt und Kontext zu trennen; hier droht ein nicht unerheblicher Verzerrungs- und Verfremdungsprozess - möglicherweise waren die verschiedenen Auffassungen im Hinblick auf den Modus der Stunden Ausdruck einer tiefen Beschäftigung mit dem von Rudolf Steiner so und nicht anders Eröffneten, wenn nicht der Beziehung zu Rudolf Steiner selbst. So entstand ein Buch, das von der Hochschule und ihrer ‚Ersten Klasse’ in repräsentativer Weise handeln wollte, deren Inhalt jedoch weitestgehend umging - und zur (direkten wie indirekten) Darstellung einer Gesellschaftskrise wurde.“ (Selg, S. 11)        

Esoterischer Anschluss an Rudolf Steiner
Peter Selg ist es sehr zu danken, dass er - Hella Wiesbergers Anhaltspunkt folgend - durch „ein liebevolles Eingehen“ auf das Wesentliche, auf die historischen Tatsachen hinweisend den Leser mit in eine Entwicklungsgeschichte, auf einer Entdeckungsreise nimmt, die von Rudolf Steiner und seinem spirituellen Werk in keiner Weise und - was dieses Teil des Werks betrifft - von seiner Mitarbeiterin, Ita Wegman, auch nicht zu trennen ist. Selg erklärt, dass die „Erste Klasse“ nicht nur Steiners originäre Schule wäre, „sondern in gewisser Hinsicht ein zentrales Zeugnis seiner geistigen Erfahrungen, auch wenn diese eine objektive, überpersönliche Form gewonnen hatten“. Johannes Kiersch erklärt, dass Rudolf Steiner habe die FHG und damit auch die „Erste Klasse“ Schritt für Schritt aus den Beobachtungen heraus entwickelt, die sich für ihn aus der Zusammenhang der Beteiligten ergab. In dieser Frage ist Peter Selg ganz anderer Ansicht: „In fundamentaler Weise war und ist die ‚Erste Klasse’ vielmehr ein Mysterienzeugnis von Rudolf Steiners geistigen ‚Christus-Michael’-Weg; dieser Weg hatte soziale Konsequenzen und führte zu praktizierbaren Formen esoterischer Zusammenarbeit - er selbst aber ereignete sich nicht primär mit ‚beteiligten Menschen’, sondern im Dialog mit der geistigen Welt, ihren Wesenheiten und Kräften.“          

Das wenig konkrete Wissen über die ursprünglichen Intentionen Rudolf Steiners deckt nun Peter Selg in seiner exemplarischen Studie minutiös auf basierend teilweise auf Kiersch unfangreiche Vorarbeiten und teils auf dort wohl unerwähnten Dokumenten, die in seinem Archiv verfügbar sind. Er schildert die fachwissenschaftlich angelegte und für Steiner selbst unbefriedigende Dornacher Hochschulkurse; die Vorgeschichte der Weihnachtstagung 1923/24; das sogenannte von Steiner selbst ausdrücklich formulierte ‚Nichtexistieren’ der von Helene Finckh mitstenographierten Klassenstunden; Aspekte der inneren Weg der Klassenstunden; die Studien- und Arbeitskreise von Lily Kolisko und anderen (die Kiersch noch ausführlicher darstellt, was die Ausbreitung in den verschiedenen Ländern Europas angeht), und er skizziert die kultische Elemente in den Klassenstunden. Bei der eingehende Behandlung der Bedeutung Ita Wegmans für das Zustandekommen und den Aufbau der „Ersten Klasse“, eine Bedeutung, die auch Johannes Kiersch zu würdigen versuchte, kommt Selg zu kontroversen Gesichtspunkten, die weit reichende Implikationen für die heutige Praxis der FHG haben könnte:

„Nach Polzer-Hoditz ist es eine Aufgabe der Klassenstunden, den ‚esoterischen Anschluss’ an Rudolf Steiner zu ermöglichen. Indem Johannes Kiersch - wie viele Menschen in der Gegenwart - das ‚Lesen’ der Klassenstunden als lediglich ‚rückwärtsgewandte, bewahrende Haltung, sich auf eine geheiligte Überlieferung in Gestalt der erhaltenen Texte zu stützen’, apostrophiert - als eine ‚rückwärtsgewandte, bewahrende Haltung - geht er an überaus Wesentlichem vorbei, ja entstellt (oder verstellt) den Blick auf dieses. Nicht nur für Ita Wegman war das Aussprechen des originären Wortlautes Rudolf Steiners - nach intensiver Beschäftigung und Durchdringung des Stundenaufbaus - sehr viel mehr und anderes, als ein konservativer Rekurs auf Erwürdig-Vergangenes.   [Zwei Fußnotehinweise im Zitat wurden weggelassen, JS]“ (Selg, S. 12)

Der Österreicher Ludwig Graf Polzer-Hoditz hatte in seiner Tagebuch nach einem Besuch bei Rudolf Steiner in Dornach geschrieben: „Auf meiner Frage, wie ich in Wien und Prag die Klasse halten sollte, antwortete er liebevoll und betonte: ‚Machen sie es, wie sie wollen’.“ Diese Formulierung von Steiner ist nicht eine vereinzelte, sondern sie erscheint in mehreren Berichten Polzers. Lily Kolisko hatte die Stenogramme von Steiner bekommen, und sie durfte sie vortragen für diejenigen aus dem Lehrerkollegium an der Waldorfschule in Stuttgart, die  berechtigt waren, an Klassenstunden teilzunehmen. Für Willem Zeylmans van Emmichoven in Holland, der die Stenogramme der Klassenstunden nicht besaß, riet Ita Wegman in einem Brief am 9. September 1925 ihn, die Meditationsstunden so zu halten, dass er nur die Mantren inklusive der kultischen Umrahmung als abgeschlossene esoterische Handlung zu erfüllen habe. Danach als eigenständiges Vorhaben würde er ein Vortrag oder seine Bemerkungen dazu geben können. Es ging ihr darum, „dass die Erklärungen, die für alle diese esoterische Dingen zu machen sind, durch mich gehen aus dem, was Dr. Steiner gegeben hat“. Ita Wegman hatte dann die Nachschriften der Klassenstunden von Rudolf Steiner selbst an seinem Krankenlager bekommen.

Aus diesen wenigen Beispielen wird es schon klar, dass Rudolf Steiner die Umgangsformen der Esoterik der „Ersten Klasse“ keinen definierten Konsens vorgegeben hatte. Andere Beispiele zeigen derselben Tendenz. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden die Arbeitsformen, die ich begegnete als neuer Mitglied der FHG 1975 - in demselben Jahr als Manfred Schmidt-Brabant und Jørgen Smit in den Dornacher Vorstand erhoben wurden.  

Ita Wegman: „Die Gesellschaft ist nicht mehr nötig…“
Peter Selg konstatiert, dass Ita Wegman es schwer mit der Weiterführung der „Ersten Klasse“ nach dem Tod Rudolf Steiners hatte. In der darauf aktuellen Ostertagung waren keine Klassenstunden gedacht und „ihre eigene Position und Aufgabe innerhalb der esoterischen Schule war nicht einmal ihren Vorstandskollegen deutlich“. „Es war uns klar, dass es vorläufig darum zu tun war, die Esoterik, die gegeben war, zu hüten und durch Wiederholung die Kräfte, die in dieser Esoterik liegen, lebendig in den Mitgliedern zur Wirkung zu bringen.“ (Ita Wegman in einem Aufsatz im Nachrichtenblatt, 14.6.1924.)

Ita Wegmans kompromisslose Haltung gegenüber der Esoterik Rudolf Steiners und ihr Drinnenstehen in derselben wurde zum Anstoßstein, der ihren definitiven Absetzung aus der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft im Jahre 1935 veranlasste, welcher auch den Ausschluss zahlreicher anderen Mitglieder mit sich zog. „Ita Wegman wollte Rudolf Steiners ‚Liebe’ und ‚Treue’ zu seinen esoterischen Schülern, zu den Mitgliedern der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft, ‚fortsetzen’, seine Verbindung zu ihnen, und ihre Verbindung zu ihm - im Sinne der von Polzer-Hoditz gemeinten ‚esoterischen Anschluss’ an den Geisteslehrer, dessen Klassen-‚Gehilfin’ sie war.“ (Selg, S. 85) 1934 soll Ita Wegman während einer ernsten Erkrankung eine Nahtoderfahrung und eine Christus-Erfahrung gehabt haben. Hierauf konnte sie sich auch während einer Palästina-Reise auf den Ich-Impuls ihrer Erdenbiographie, auf das Wesentliche des eigenen Weges, in seiner Aufgabenstellung und Zielorientierung bezüglich der anthroposophischen Esoterik vertiefen. Zu Maria Röschl schrieb sie:

„So wurde es mir eines Tages ganz klar, dass ich zurückgehen musste auf den Grundimpuls Rudolf Steiners, den er der neuen Gesellschaft geben wollte, indem er aus dem Geistverein (michaelische Schule) in der geistigen Welt dasjenige herunterholen wollte, noch mehr als vorher, was von Michael dort gelehrt wurde. […] Die Gesellschaft ist nicht mehr nötig, weil die Anthroposophie schon auf Erden ist. Auf den einzelnen Menschen kommt es jetzt an und die müssen dann zusammen bilden aus ihrer Entwickelung heraus einen höheren Verein, der seine Wurzeln hat in der geistigen Welt. Jede individualistische Entwickelung ist hiermit bewahrt, jede Freiheit des einzelnen Menschen und aus der Einsicht des einzelnen Menschen heraus fühlt er sich mit diesem Geistverein oder Michaelschule verbunden. So hat es mir in meinem Innern geklungen. Auf mein eigenes Darinnenstehen in diesem Impuls, darauf kommt es an. Das andere richtet sich von selbst.“

Vom möglichen Unwirksamwerden des esoterischen Guts
Peter Selgs sehr prägnant geschriebene Studie ist im „eigenen“ Verlag und nicht im Verlag am Goetheanum, wo etliche andere Bücher von ihm verlegt wurden, herausgebracht. Vielleicht sind einige seiner Schlüsse und Ausblicke so brisant und kontrovers, dass die Hochschulleitung am Goetheanum unterstützt von den Generalsekretären der Länder sich damit nicht offiziell befassen wollen, weil sie mit den Traditionen der Hochschule trotz jahrelanger Auseinandersetzungen und Versuchen der Neuregelung nach den Ursprungsintentionen der Weihnachtstagung einfach traditionstreu und ungehindert weitermachen wollen.

Peter Selg beschreibt, dass es Rudolf Steiner sehr viel daran lag, das fehlende geisteswissenschaftliche Arbeitsbewusstsein in der Anthroposophischen Gesellschaft zu erhöhen, und er zitiert Steiner dazu: „Da wurde dasjenige, was ich eigentlich will, fortwährend durch die Gesellschaft abgestampft. Es wurde ihm die impulsive Kraft genommen, insbesondere stark seit 1918.“ (Steiner im GA 260a, S. 105) Nach dem Brand des ersten Goetheanum beschrieb Steiner des Öfteren einige diese Defizite und hielt auch die moderne Neigung zum Kompromiss und zur Diplomatie als etwas herzbeklemmendes für die Anthroposophie selbst. „Nachdem diese Mysterienausrichtung des Dornacher Hochschul-Baues in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg immer weiter in den Hintergrund gedrängt worden war, akzentuierte Rudolf Steiner sie auf und nach der Weihnachtstagung in aller Deutlichkeit. Nie sagte Rudolf Steiner dabei, das Goetheanum sei bereits in der Gegenwart eine Stätte neuer Mysterien; wohl aber betonte er, dass es zu einer solchen werden könne, ja müsse, wenn es seiner eigentlichen Entwicklungsrichtung und Aufgabenstellung treu bleibe, “ notiert Selg (S. 30).

Peter Selg zeichnet Rudolf Steiner als der ernsten, irdischen Leiter einer modernen esoterischen Institution, der aus der Kraft des Michael-Zeitalters heraus als Beauftragter wirkte und durch sich die Inhalte, die Mantren und die kultischen Formen im Großen inklusive der Gestaltung der Mitgliedskarten in Kleinen als Darlegungen der geistigen Welt vermittelte. Selg pointiert (S.51): „In der Klassenstunden der esoterischen ‚Schule für Geistesentwickelung’ [Ein Fußnotehinweis wurde weggelassen, JS] sollte entschieden Ernst gemacht werden mit jenem spirituellen Entwicklungsweg, den Rudolf Steiner seit zwei Jahrzehnten methodisch im Sinne der esoterischen Rosenkreuzerströmung gelehrt und vertreten hatte, der aber nur wenigen erfolgreich gegangen worden war…“

Er nennt hierzu keine Namen für Anthroposophen, die mit den Schulungswegen Erfolge gehabt haben sollen. Dazu benötigt es vielleicht eine eigene Studie, falls die entsprechenden Nachlässe darüber Auskunft geben würden. Selg nennt verständlicherweise auch keine Namen bezüglich damalige Mitglieder der „Ersten Klasse“, die Rudolf Steiner kurz nach ihrem Eintritt schon wieder entließ, weil sie die Forderungen und Verpflichtungen nicht eingehalten hatten. Steiner selbst ging auf solche gravierenden Probleme in den Klassenstunden ein, und Selg apostrophiert dazu: „Von den Mitgliedern seiner esoterischen Schule erwartete Rudolf Steiner in dieser zeitgeschichtlichen Konstellation und Aufgabenstellung einen realen Sinn für den ’strengen Geist’ und den ’heiligen Ernst’ der Hochschul-Gründung; er schloss zahlreiche Mitglieder nach Verstößen gegen die Ordnung der Schule aus, sprach wiederholt von dem möglichen Unwirksamwerden des esoterischen Guts und verlangte eine entsprechende Gesinnung…“ (Selg, S. 58)

Als Beispiel der Schlampereien nannte Steiner selbst, dass Texte und Mitgliedskarten auf der Straße gefunden worden waren, und, dass prominente Mitglieder ihre Karten benutzten, um Plätze im Saal zu belegen. Höchstwahrscheinlich sind solche wegen Nachlässigkeiten ausgeschiedene Mitglieder der heutigen Dornacher Hochschulleitung und vielleicht auch Peter Selg bekannt, zudem ihre Karten archivarisch aufbewahrt sein müssten. In einer künftigen gesamten Geschichtsschreibung der anthroposophischen Bewegung im 20. Jahrhundert - die Beiträge von Peter Selg sind ja schon sehr ansehnlich geworden - wäre es vielleicht wahrheitsgemäß, auf solche Mitglieder und ihre Lebensläufe aufmerksam zu machen, damit wir erfahren können, wie der Ausschluss auf sie gewirkt hat, und wie sie danach in der anthroposophischen Bewegung gegebenenfalls weiter gewirkt haben, oder ob sie eventuell später wieder Hochschul-Mitglieder geworden sind. Da das Cliquenwesen - das Rudolf Steiner ausnahmslos entgegenwirkte - in der Anthroposophischen Gesellschaft bis heute eine starke und manchmal ein eher negativer Effekt in den Gremien gehabt hat, könnte ich mich vorstellen, dass solche Mitglieder, falls sie enttäuscht waren, und etwa im Streit um Ita Wegman ebenfalls hinterlistig gewirkt haben.     

Zumal Peter Selg als Komplement zu Johannes Kierschs Darstellungen versucht, die Begründung der „Ersten Klasse“ in ihrer Wesensart in Zusammenhang besonders mit dem Zusammenwirken von Rudolf Steiner und Ita Wegman zu dokumentieren, und dabei den heutigen interessierten Leser auf die Ursprungsimpulse der anthroposophischen Esoterik zu lenken, ist es zum Teil verständlich, dass er die unumgängliche Frage des „Unwirksamwerdens“ offen lässt. In der Einleitung der Herausgeber der veröffentlichten Stenogramme der „Ersten Klasse“ 1992 wird diese Frage gewiss thematisiert, aber so behandelt, dass die Hochschul-Leitung, ihre Lektoren und Tausenden von Mitgliedern davon ausgehen dürfen, dass das esoterische Gut weiter eine vollgültige geistige Legitimität hätte. Wenn diese Fragestellung einmal aus den Lebenserfahrungen und aus den geistigen Erlebnissen vieler Teilnehmer authentisch und breit behandelt würde, würden Peter Selgs Forschungen und Aufarbeitungen z. B. betreffend Ita Wegmans Haltung damals in ein neues Licht treten. Trotz der relativen Friedensstiftung, die ich als Außenstehender auf der Ebene der Klassenarbeit heute beobachte, kommt es mir jedoch so vor, als ob Ita Wegman - als die „rechte Hand“ der Esoterik von Rudolf Steiner - und ihre eigene Einschätzungen kaum oder zuwenig berücksichtigt werden. Ist das nicht ein historischer Widerspruch, der dringend aufgeräumt werden müsste?

Es vertiefen den Einblick in diesem verflossenen Abschnitt der Esoterik des 20. Jahrhunderts einige Fotos von Rudolf Steiner und Ita Wegman und andere Abbildungen z. B. von Handschriften samt Ita Wegmans Einleitungsworte zu Klassenstunden aus dem Jahr 1925, die alle anschaulich eingefügt sind in Peter Selgs bedeutungsvolles Buch, das ich vielen Lesern als Weihnachtsgeschenk erwünsche. Auf dem Schutzumschlag ist eine klassische fotografische Abbildung von Rudolf Steiner wiedergegeben. Auf Seite 40 ist ein fast identisches Foto zu sehen. Bei näherem Mustern weist es aber einpaar feine Unterschiede auf. Sind die Fotos am gleichen Tag gemacht worden? Peter Selg gibt keine Daten an. Sofern es sie im Archiv geben, fände ich es sehr interessant zu wissen. Steiner war kein Liebhaber der Fotografie als Mittel zur Reproduktion von Kunstwerken:  „Für denjenigen, der plastisch künstlerisches Gefühl hat, für den ist jede Fotografie einer Plastik eine Ertötung des eigentlichen plastischen Kunstwerkes.“ (GA 288) Daher finde ich es zunächst eigentümlich, dass er sich selbst so oft fotografieren ließ. Vielleicht hat er es gemacht, damit seine Schüler die Diskretion üben könnten. Das würde heißen, dass sein ernstes Gesicht in jedem Foyer eines Rudolf Steinerhauses und in allen Waldorflehrerzimmern in holzgeschnitzten Rahmen nicht aufgehängt werden müsste. Gehören etwa seine Fotos einer Abteilung der Esoterik des Humors?

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Peter Selg, Rudolf Steiner und die Freie Hochschule für Geisteswissenschaft. Die Begründung der „Ersten Klasse“, Verlag des Ita Wegman Instituts, Arlesheim 2008. 192 S. Leinen mit Schutzumschlag, Verkaufspreis: 40 CHF / 26
. ISBN 978-3-9523425-1-0

Johannes Kiersch, Zur Entwicklung der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft. Die Erste Klasse, Verlag am Goetheanum, Dornach 2005. ISBN 3-7235-1262-3

Hella Wiesberger, Rudolf Steiners esoterische Lehrtätigkeit. Wahrhaftigkeit - Kontinuität - Neugestaltung, Rudolf Steiner Verlag, Dornach 1997. ISBN 3-7274-5327-3   



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Umschlag von Peter Selg, Rudolf Steiner und die Freie Hochschule für Geisteswissenschaft. Quelle: Verlag des Ita Wegman Instituts
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