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jostein sæther | waren jens bjørneboe und seine anthroposophischen freunde während der naziokkupation von norwegen zur kollaboration bereit?
ein abriss der aktuellen streit zwischen akademiker und anthroposophen
Jens Bjørneboe
Illustration:
© Marvin Halleraker
Copyright © 2008-2010 · Jostein Sæther · info@gamamila.de
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eit dem Mammutwerk Anthroposophie in Deutschland. Theosophische Weltanschauung und gesellschaftliche Praxis 1884-1945 (Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2007) vom deutschen Historiker und katholischen Theologen
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Helmut Zander ist anthroposophische Theorie und Tun nicht mehr vom akademischen Diskurs wegzudenken. Nicht nur im deutschsprachigen Raum werden Studien angefangen und entstehen Kontroversen zwischen anthroposophischen Protagonisten und deren Kritikern, die auf Zanders Thesen bauen, sondern auch in Skandinavien. Besonders fleißig wird untersucht, wie die mit Namen genannten Anthroposophen sich während der nationalsozialistischen Ära verhielten, um eventuell zu dem Urteil zu kommen, dass die Anthroposophie entgegen ihrem Selbstbild oder Teile davon als rechtsextreme Weltanschauung geächtet werden könnte.
Es ist belegt worden, dass unter etwa 300 Mitgliedern der Anthroposophischen Gesellschaft in Norwegen (AGiN) nur 3 Anthroposophen der faschistischen Partei National Samling - die durch ihren Führer Vidkun Quisling während des zweiten Weltkriegs ein Teil der politischen Macht mit der deutschen Besatzungsmacht besaßen - als Mitglieder beitraten. Es wird behauptet, dass die vergleichende Quote in anderen Ländern viel höher gewesen sei. Ich kannte persönlich einen seit mehreren Jahren verstorbenen Anthroposophen, der sogar vorübergehend als Quislings Privatchauffeur in Oslo arbeitete, der nach meiner Kenntnis aber nie Mitglied der Anthroposophischen Gesellschaft wurde. Es ist überaus denkbar, dass es außer den Anthroposophen, die Mitglieder waren, noch weitere Personen gaben, die Sympathisanten mit den nationalsozialistischen Ideen gewesen wären, auch wenn dies im Nachhinein nicht mehr belegt werden könnte. Aber Briefe und Dokumente könnten noch weiterhin auftauchen.
Indessen gerieten norwegische Anthroposophen wie Sam Ledsaak, Arne Smit und Olaf Stuhaug damals u. a. wegen ihrer öffentlichen Kritik an die nationalsozialistischen Tendenzen in deutsche Gefangenschaft; andere wurden Widerstandskämpfer wie der spätere Filmforscher und Schriftsteller Willy Buzzi, den ich in Schweden persönlich kannte und der mir über die Sabotagetätigkeit seiner Gruppe in Trondheim erzählte. Einige, wie der spätere Vorsitzende der AGiN Sophus Claussen, deckten berühmte Widerstandskämpfer auf. Darunter auch den Saboteur und Unterleutnant Gregers Gram, der kein Anthroposoph war. Viele flüchteten nach Schweden, wie der damals 23jährige und später berühmte, aber umstrittene Waldorflehrer, Schriftsteller und Dramatiker Jens Bjørneboe (1920-1976). Gerade ist in Norwegen der Streit um Bjørneboe wieder ausgebrochen wegen des Erscheinens des ersten Teils einer umfassenden Biographie über ihn vom Osloer Literaturprofessor Tore Rem genannt Sin egen herre (Sein eigener Herr), herausgegeben vom Verlag Cappelen Damm, Oslo 2009.
passagen aus tore rems bjørneboe-biographie
Die Osloer Tageszeitung Morgenbladet hat am 4. September Auszüge aus der Biographie veröffentlicht. Aus ihnen habe ich - mit freundlichem Einverständnis des Verlags - einige Passagen übersetzt:
„Was in der Welt im zwanzigsten Lebensjahr Jens Bjørneboes geschah, war der Ausbruch eines Weltkriegs. Dass dieser Krieg ihn prägen würde, ist zweifellos. Sein Weltkrieg ist aber nicht zum Krieg der Majorität, zum Krieg der guten Norweger, geworden.“
„In dieser Zeit begegnete er Rudolf Steiner. Richtiger gesagt: erstens wurde er mit Karl Magnus Brodersen bekannt. Sie müssen sich früher begegnet sein im Umgangskreis von André Bjerke, aber zuerst im Herbst 1941 wurden sie Freunde.“
„Ehe er sich selbst überzeugen ließ, charakterisierte ein fragender André Bjerke die Lehre Steiners als ‚eine Mischung von östlichen Opiumsvisionen und westlichem Christentum, [...] als deutsch-tibetanischer Gedankenverwirrung.“
„Seit dem 1. November 1936 hatte der Schweizer Conrad Englert als Generalsekretär in der Anthroposophischen Gesellschaft in Norwegen gewirkt. Er war ein gelehrter Humanist und ein gut geschulter Anthroposoph. Englert ist selbst Steiner begegnet und stand in naher Verbindung zu Steiners Witwe, Marie. Er war so etwas wie ein anthroposophischer Missionar mit Vollmachten des Hauptquartiers der Gesellschaft, Goetheanum, im schweizerischen Dornach. Einzelne norwegischen Enthusiasten wie Ernst Sørensen, Per Arneberg und Thomas Arentz hatte eine Weile einen anthroposophischen Studienkreis in Oslo betrieben. 1935 hatte dieser zur Bildung des Osloer Zweigs der Anthroposophischen Gesellschaft geführt, und mit der Ankunft Englerts wurde die Tätigkeit gestärkt und mehr öffentlich.“
„Hier ist es, dass Vallen [Jens Bjørneboe nannte sich in jüngeren Jahren so wegen des Zwischennamens Ingvald. JS] Bjørneboe zusammen mit Karl Brodersen und André Bjerke im Herbst 1941 eintritt. Hier begegnet er Menschen wie Dan Lindholm, Leif Wærenskjold, Øistein Parmann, Christa Englert, und wahrscheinlich auch die Mutter Lindholms, die Autorin Ingeborg Møller, eine Frau, die schon 1909 Rudolf Steiner begegnete, und in einem Kreis aufgenommen worden war, der tiefere esoterische Unterweisung vom Doktor selbst erfuhr. Sie sollte wie eine Mutter für Jens Bjørneboe werden. - Die Vorträge finden statt in der Oscarsgate 43, in einem Saal, der die Anthroposophische Gesellschaft gemietet hatte von der naziinspirierten Norsk Husmorsforbund […] Der Lokal ist mit Nazisymbolen dekoriert. Während deutsche Soldatenfersen in den Straussen draußen klapperten, ist eine Gruppe suchende Seelen versammelt in der Hoffnung, deutsche Kultur zu retten.“
”Hier sitzen sie. Freitagabend nach Freitagabend. Es ist Krieg, aber größtenteils hält sich Englert fern des aufdringlichen Tagesaktuellen - mit Ausnahme einzelner Markierungen […] als wenn er ein aufklärendes Rundschreiben fortschickt, nachdem es Gerüchte entstanden sind vom Verbot der Werke Steiners in Deutschland. Es handele sich um ein Missverständnis: ‚Das Rassenamt in Berlin hat vor einigen Jahren die arische Abstammung von Rudolf Steiner bestätigt.’
„Steiner war von den gängigen deutschen Ideen vom ‚Volk’ geprägt, aber er ist einige weitere Schritte gegangen. Er hat behauptet, dass die Volksgeister individuelle Erzengel sind, und, dass sie als die Inspiratoren und die obersten Leiter der Völker wirken. Völker sind auch Träger einer Form von kollektivem Karma, ihr Schicksal wird von den früheren Handlungen des Volkes beeinflusst. - Vielleicht kann die Betonung Englerts auf die geistige Dimension der historischen Aufgaben der Völker als eine Protest gegen den Nationalsozialismus verstanden werden, aber sie ist folglich zugleich mit ihrer ‚völkischen’ Ideologie nahe verwandt. Die Wurzeln sind dieselben, tief unten in der deutschen Romantik und im deutschen Idealismus.“
„Der junge Jens Bjørneboe sucht sich in eine Richtung wo Widerstandskampf kaum als relevant verstanden wird, und wo die Universitätswissenschaft ein erklärter Feind ist. Von hier aus sollte sich eine kleine, aber markante Gegen- oder Subkultur bilden gegenüber den Ideen, die in Norwegen in den ersten Jahrzehnten nach dem Krieg dominierend werden.“
„Bei Steiner fand Bjørneboe eine Geistigkeit, die nicht traditionell und institutionalisiert war, die noch nicht geprüft und abgewiesen war. Sie behauptete undogmatisch zu sein, auch wenn sie keine Religion war. Jeder, der sich Zeit nahm, die Methoden zu lernen, das Reagensglas der Geisteswissenschaft anfing, zu benutzen, konnte selbst die steinersche Wahrheiten erfahren. […] Einige fanden das Antwort im Marxismus, andere im Faschismus; er fand es in er Anthroposophie.“
„Dass er, der unglückliche Junge, der trotz und aufgrund der großen Privilegien seiner Kindheit und Jugendzeit sich zu einer sozialen Außenseiter gemacht hatte, als er siebzehn war, es schaffen würde, sein Leben aufzuräumen, ist vermutlich das meist bemerkenswerte Zeichen im ganzen Lebenslauf Jens Bjørneboes. - Hier hätte er meinen können, die Freiheit zu finden. Die Freiheit, demjenigen zu entkommen, was ihn plagte, was ihn in Depression, übertriebenem Alkoholverbrauch, destruktivem und selbstdestruktivem Handeln geführt hatte. In einem Steinervortrag, den er selbst einmal mit der Maschine geschriebenen hat, hat er oder sie, die damals seine Ehefrau gewesen war, einen wichtigen Satz unterstrichen: ‚Beim Aufnehmen der Anthroposophie in sich kann der Mensch sich über dasjenige, was durch den Erbstrom herunterfließt, zu Herr machen.’ Ohne Zweifel hat er an ihn appelliert. Sich befreien der Kräfte, mit denen er kämpfte. Zu entkommen der Herkunft, die er so start verachtete und fürchtete.“
„Etwas Eigenartiges an Bjørneboes schwedisches Exil ist, dass es primär deutschsprachig war. In der anthroposophischen Milieu, wo er Zuflucht fand, wurde alltäglich Deutsch gesprochen, und im Laufe dieser zwei Jahre wurde er ‚im Grunde deutschsprachig’.“
„Er ist von einem Land geflohen, das von den Deutschen okkupiert war, und ist am Ende im Exil ein Deutschsprechender geworden. Vielleicht wird sein Gefühl davon gestärkt, das das Normale nicht normal ist, davon, dass das scheinbar Heimatliche ihm eigentlich fremd ist: Jedenfalls kriegt er die doppelte Perspektive des Emigranten auf das Dasein.“
„Alles deutet darauf hin, dass Jens Bjørneboe den Standpunkt seines Freundes [Karl Brodersens. JS] über den Krieg und über das norwegische Exilmilieu teilte. Sie nahmen Abstand von den Intrigen, von den Gereden und vom inneren Machtkampf. […] Keiner der zentralen Gestalten des Milieus hat später gewollt oder geschafft, ausführlich über dasjenige, was in diesen Jahren eigentlich geschah, zu schreiben. Aber nichtsdestotrotz ging es Bjørneboe und Brodersen geringfügig an.”
„Im anthroposophischen Milieu im neutralen Schweden war es das deutsche Kriegsschicksal, welches außer seiner geistigen Deutung des Krieges zentral stand. Dies zeigen die ‚Mitteilungen’ und ‚Rundschreiben’, die unter den Mitgliedern der Christengemeinschaft in den Kriegstagen zirkulierten. - Es handelt von Deutschland. Man kriegt Neues über die Leiden auf der deutschen Seite in der Schlacht von Stalingrad, über gefallene Söhne bekannter Anthroposophen und außerdem über das Priesterseminar in Stuttgart. Man bekommt stärkende Rapports von der ‚Anthroposophie am Front’ mit Berichten über deutsche Offiziere, die Steiner lesen. Man druckt erschütternde Briefe und Gedichte von deutschen Soldaten.“
„Das Milieu, in welchem Bjørneboe sich befand, operierte mit anderen Haltungen und Erzählungen als diejenige, die in der norwegischen Kriegsgeschichte Platz gefunden haben. Viel hatten sie mit den Anthroposophen zuhause gemeinsam, und in wesentlicher Weise trug dies dazu bei, ihre Auffassung über die Nachkriegszeit Norwegens zu formen.“
„Alle markanten Anthroposophen scheinen eine ambivalente oder kritische Haltung gegenüber dem Gerichtsprozess nach dem Krieg zu haben. Sie hielten sich abwesend. Sie hatten während des Kriegs nie richtig geschafft, gute Norwegen zu werden, und sie schafften es auch nicht jetzt. Schon anfangs des Kriegs erklärte Alf Larsen, dass er sich ‚den Absturz dieser Welt’ wünscht. Er grüßt den Krieg willkommen aus etwas, was einem nietzscheschen Traum der Aufräumung, einer spenglerischen Idee eines kommenden Ragnarocks oder einer steinerschen Vorstellung von einem Weltbrand entspricht.“
„Die Kritik der gerichtlichen Verfolgung der norwegischen Nazisten nach 1945 [Norwegisch rettsoppgjøret. JS] und der Todesstrafe speziell, ist der Norm in den Kreisen, denen Jens Bjørneboe ab jetzt angehört. Hier werden seine Standpunkte geformt und gefestigt. Die Alliierten haben nicht den Krieg gewonnen, sagen sie. Gewonnen hat der Staat, die Gesellschaft, das Allgemeinwohl. Der wahre Verlierer des Kriegs ist das Individuum. Eine solche Sichtweise macht diesen Kreis schwierig qualifiziert für das neue, sozialdemokratische Norwegen, für den Wiederaufbau und für die Entwicklung des Wohlstandsstaates.“
kaj skagen kontra tore rem
Diese nicht erste aber bis jetzt umfassendste Bjørneboe-Biographie wurde schon in den norwegischen Medien von Journalisten und Rezensenten erst einmal positiv entgegengenommen. Trond Berg Eriksen schrieb in der Osloer Tageszeitung Dagbladet, dass „Rem so weit die Aufgabe mit Glanz und Eichenlaub gelöst“ hat. Mode Steinkjer konstatiert in der Tageszeitung Dagsavisen, dass Rem „mit Kenntnis und List schreibt“ und fährt fort: „Er vermeidet nicht die Sensationen, aber profitiert auch nicht auf sie. Weil seine ausführlichen Reflektionen über Zeit, Geist und Persönlichkeit die Treibkraft in der Biographie wird, sagt es sich selbst, dass ‚Sin egen Herre’ umständlich und nicht für alle geeignet wird.“
Andere Stimmen sind kritischer. Am kritischsten scheint der Schriftsteller Kaj Skagen zu sein, der seit Jahrzehnten in der norwegischen Öffentlichkeit als autonomer Sprecher der Anthroposophie und der Dreigliederung und als Kritiker mancher unzeitgemäßen Tendenzen in der Waldorfbewegung aufgetreten ist. Er hat selbst zwei Bücher mit Material von und über Jens Bjørneboe geschrieben. Olav Østrem bringt in der Osloer Tageszeitung Klassekampen ein Gespräch mit Skagen, in welcher dieser sagt, dass Tore Rem „Fehldeutungen und Fehllesungen“ anwende, „um einen Bild eines Autors zu geben, der Sympathien für die Okkupation gehabt haben soll.“
Kai Skagen fährt so in seinem bekannten nachdrücklichen Stil fort: „Mit diesem Buch tritt Tore Rem hervor als ein Gerüchtemacher, ein Biograph, der dreht, wendet und deutet das vorliegende Material so, dass es seine Botschaft passt: Dass, dasjenige, was Rem als die Passivität Bjørneboes während des Krieges meint, am Schluss als eine Unterstellung von Sympathie zur Okkupationsmacht erscheine. Rem sagt dies nie direkt aus, aber er legt im Text tendenziöse Indizienketten aus, die beim Leser wenig Zweifel zurücklegen lassen.“
Auf Østrems Frage über das mutmaßliche Nazimaterial auf den Wänden, wo die anthroposophischen Vorträge während des Krieges gehalten wurden, antwortet Skagen: „Betty Claussen weist energisch zurück, dass es auf den Wänden Nazipropaganda gaben. ‚Dann würde mein Mann Sophus sie sofort niedergerissen haben’, war ihr Kommentar. […] Sophus und Betty Claussen verdeckte ja den Widerstandskämpfer Gregers Gram zuhause bei sich anderthalb Jahre während des Krieges. Es saßen also aktive Widerstandsmenschen in diesem Saal. Waren sie auch zur Okkupation gleichgültig?“ Kai Skagen konstatiert nun, dass Rem die Sekundärliteratur benutzt und zwar Helmut Zanders Darstellung, um sich ein Bild von der Anthroposophie zu machen: „Wie alle Sekundärquellen mit der Anthroposophie machen, nimmt auch Zander eine Für- oder Gegenhaltung ein. Und Zander ist klar antipatisch, er mag Steiner nicht. Das hat vielleicht dazu beigetragen, Rems Buch zu färben.“
wer war der junge jens bjørneboe?
In der Wochenschrift Morgenbladet stellt Marius Lien ein umfassendes Interview hinein mit mehreren Menschen, die Jens Bjørneboe persönlich kannten oder sich mit seinem Werk auseinandergesetzt haben. Sie möchten Rems, was einige von ihnen sagen, „tendenziösen“ Bild korrigieren oder ergänzen. Gefragt wurden nochmals Kai Skagen, dann der Anthroposoph und pensionierter Professor am Kunsthandwerksschule Torger Holtsmark, der Generalsekretär der AGiN Frode Barkved, Professor der Ideengeschichte am Osloer Universität Jan-Erik Ebbestad Hansen und Professor Emeritus in Philosophie an der Universität in Oslo Egil A. Wyller.
Skagen konstatiert nun, dass Bjørneboe inmitten der 50er Jahre sich selbst fragte, wie viel er von Steiner selbst beibehalten konnte und was er fallen lassen musste: „Solche Fragen müssten Menschen sich stellen, die die Fähigkeit der Individualität besitzen und ihr Problem kennen. Dies trennt Bjørneboe von einem mehr durchschnittlichen Anthroposophen, der die ganze Zeit sich nur unkritisch mit Steiner identifiziert. Dann erlebt man nicht den Antrieb, sich selbst zu werden, den wir bei Bjørneboe finden.“
Frode Barkved meint, dass viele Anthroposophen auch politisch aktiv gewesen waren: „Es war und ist keinen Gegensatz zwischen dem Interesse für die Anthroposophie, sich der tagesaktuellen Situation zu stellen und dem politischen Engagement, dass man nach Außen etwas vertritt.“
Torger Holtsmark, 86, sagt, dass es während der Okkupation unter Anthroposophen in Oslo keine offizielle Einstellung gab, dass man für oder gegen etwas wäre. Er bestreitet, dass man gleichgültig gegen den Widerstandskampf wäre. „Gelegentlich tauchten in der Osloer Zweig Deutsche, möglicherweise Offiziere und Soldaten auf, aber das ergab sich aus nichts anderem, als dass man ein gemeinsames Interesse für Anthroposophie hatte.“
Jan-Erik Ebbestad Hansen äußert, dass die Debatten in den 1950ern auffallend sind, weil die Anthroposophen damals in der Gesellschaftsdebatte hervortraten und den Arbeiterstaat und den Wiederaufbau kritisierten: „Sie warnten vor dem ‚Diktatur’ und Jens Bjørneboes literarische Abhandlung des zweiten Weltkriegs geschah in der Form von Under en hårdere himmel [Unter einem härteren Himmel; nicht in deutscher Übersetzung. JS]. Man kann seine Kritik an den autoritativen Sozialismus des Arbeiterpartei-Staats und an das Rechtsverfahren nach dem Krieg verstehen. Aber wenn die Rückblende eine desinteressierte Haltung während der Okkupationsjahre ist, sieht es nicht so schön aus.“
Wie erklärst du die Veränderungen bei Bjørneboe gegen das Ende der 50er, fragt Marius Lien. „Mit Rauch und Sexualität ist man in anthroposophischen Kreisen vorsichtig. Und als Bjørneboe ausbricht, kommt es teilweise als eine Folge der Drang, seine Sexualität auszuleben. Er war bisexuell, und seine sexuelle Praxis und das Alkoholkonsum machte es schwierig für ihn da drinnen zu bleiben“, antwortet Ebbestad Hansen.
Skagen pointiert Bjørneboes Stärke und Klarheit, wenn es darum ging, sein eigenes Standpunkt und das Leben zu greifen. Die Individualisierung war für ihn wichtig. Andererseits hat er ideenartige Schattenseiten in seinem Denken, die Skagen ableitet, dass sie nichts mit Anthroposophie zu tun hätten: „Er hatte eine Faszination für das Böse und meinte, dass nichts Gutes ohne dem Bösen geschehen könnte. Es kann nur eine reelle soziale Änderung via enorme Schmerzen und Millionen von Todesfällen kommen. Um innere Wachstum zu bekommen, muss man das Grausame erleben. Dies ist eine Romantisierung der Grausamkeit, die mehr als bedenklich ist“, betont Kaj Skagen. In seiner bald erscheinen Essaysammlung Den nødvendige utopi (Die notwendige Utopie) hat er diese Gesichtspunkte aufgegriffen.
Sowohl Skagen als auch Ebbestad Hansen meinen, dass der junge
Bjørneboe für die Mythos um Bjørneboe wichtig ist. „In diesem Teil des Lebens ist es die Anthroposophie, die ihn auf Platz hält. Er ist Waldorflehrer und macht einen vorzüglichen Einsatz in der Schule. Er ist populär und wird von vielen geschätzt. Er ist von dieser Outsiderposition, die die Anthroposophie befestigt, wohl geprägt. Das anarchistische Element, mit dem individualistischen Fokus von Max Stirner, das zusammen zu einem gewissen spiritualistischen Individualismus wird, ist das Zentrale nach meiner Meinung. Mit diesem Profil verliert er nie den Kontakt“, sagt Ebbestad Hansen.
Wie ist es mit den jungen Menschen, die heute neugierig auf die anthroposophischen Ideen sind, fragt Lien. „Einige erwähnen ihn, aber andere Studenten, die zur Rudolf Steinerhochschule kommen, wissen kaum oder nichts von Jens Bjørneboe“, erzählt Frode Barkved. Aber wie steht es mit der Literatur des jungen Bjørneboe?
die pornografiedebatte
Egil A. Wyller war in den 1950ern einen nahen Freund von Bjørneboe: „Ich stand ihn ja sehr nahe, sodass ich sehr enthusiastisch über dieses neue und spannende Talent in der norwegischen Literatur war. [Jonas] ist ein solides Buch, das die Zahn der Zeit aushält. Ich glaube, es wird zu den Klassikern der norwegischen Literatur zählen, wenn sie in hundert Jahren aufgeführt werden sollen. Aber er reicht nicht ganz hinauf zu den wirklich Großen: Henrik Ibsen, Henrik Wergeland, Olaf Bull, Knut Hamsun“, sagt Wyller heute.
Er erzählt, dass die Freundschaft mit Jens Bjørneboe nie einfach war, und, dass sie zerbrach wegen den Wirren um die Pornografiedebatte in den 60er Jahren. Wyller hatte damals einen harten Angriff geschrieben an einen unbekannten Autor, der unter Pseudonym schrieb: „Es handelte von einem Buch und dem pornographischen Zuschnitt, dass es hätte. Als ich vom Buch hörte, schrieb ich unmittelbar einen harten und spontanen Beitrag in Aftenposten. Ich machte es hautsächlich deswegen, weil ich während einem Dinner zehn Jahre früher, meinen Freund Jens Bjørneboe versichert hatte, gegen die aufkommende Pornographie vorzutreten.“ Einige Tage nach Wyllers Aufsatz warf der Autor die Maske. Der pornographische Roman, den Egil A. Wyller angegriffen hatte, um das Ehrenwort an Jens Bjørneboe zu erfüllen, hieß Uten en tråd und war von Bjørneboe selbst verfasst. Wyller bemerkt darauf. „Das war unerhört. In dieser Weise hatten wir in Freundschaft und in Feindschaft eine Schicksalsgemeinschaft, kann man sagen.“
Therese Bjørneboe (46), Kritiker und Redakteur der norwegischen Shakespeare- und Theaterzeitschrift, gab über ihr Vater ausnahmsweise ein Interview in Aftenposten. Zur Frage was sie von Rems 640-Seitigem Buch hält, antwortet sie: „Da ist viel Spannendes. Man bekommt den Eindruck ‚von Monat zu Monat’ Bjørneboe zu begleiten, aber da ist auch ein Problem, weil es den Eindruck von Objektivität suggeriert. Und sowohl die Biographie als auch ihr Empfang geben mir den Eindruck von einer Art Kulturkollision zwischen der heutigen akademischen Welt und dem unakademischen Jens Bjørneboe und der Anthroposophie, die nicht akademisch stubenrein ist. Andere Stellen hat Rem geschrieben, dass Bjørneboe zumeist in seiner Autorschaft unpolitisch war. Dann hat man einen sehr bornierten Sicht von der Literatur.“
Bjørneboes Tochter unterstreicht, dass sie jetzt nicht für die Familie sondern nur für sich selbst spricht, wenn sie so stark auf das Buch reagiert, wo suggeriert wird, dass die Anthroposophen eine „Zwischenposition“ zur deutschen Besatzung von Norwegen eingenommen hätten. Sie ist selbst keine Anthroposophin aber kann nicht stillschweigend tolerieren, dass ihr Vater in ironisch-zweideutigen Formulierungen die „deutsche Kultur“ hätte retten wollen. Sie findet es merkwürdig, dass Rem nicht erwähnt, dass Karl Brodersen, ein des Vaters nahesten Freunden, im Kampf gegen die Nazis einstieg und fast getötet wurde. „Solche Unterlassungen und was ich als eine karikierende Darstellung der Anthroposophie begreife, gibt den Anschein, dass Rem Jens Bjørneboe und viele im Milieu sowohl menschlich als auch intellektuell unterschätzt.“
Tore Rem hat sowohl in der Tagespresse als im Radio, z. B. in einem aktuellen Befragung am 5. Oktober zusammen mit dem Anthroposophen und Staatsanwalt Cato Schiøtz, alle Kritik zurückgewiesen, und er besteht darauf, dass Jens Bjørneboe in Verhältnis zu der deutschen Okkupation „ambivalent“ gewesen sei. Er hofft, dass die Aufregung in den vielen Abwehren von Anthroposophen nicht intendiert ist, aber trotzdem hat er den Eindruck, dass die Anthroposophie eine Bewegung sei, die Schwierigkeiten hat, sich zu Offenheit und Kritik zu verhalten. „Selbst möchte ich prinzipiell entgegnen, dass auch Rudolf Steiner auf derselben Linie wie andere historische Akteure prüfend, kritisch und nuanciert erforscht werden muss“, fügt Tore Rem hinzu.
Der Schriftsteller Peter Normann Waage veröffentlichte einen Debattebeitrag in Dagbladet am 7. Oktober, zu welchem ich separat zurückkommen möchte. Jan-Erik Ebbestad Hansen stellte demnächst außerdem verblüffende Andeutungenvor in Morgenbladet über den Anthroposophen und Autor Alf Larsen (1886-1967) und seine vermutete Holocaustverleumdung nach dem Krieg, die, wenn es empirisch belegt werden kann, ins Detail verlegt werden müsste. Die Streitgespräche um Jens Bjørneboe, um die Anthroposophen vor, während und nach der Naziokkupation und die Kontroversen um die Anthroposophie selbst, - ob sie fruchtbar oder ergebnislos werden, sei offen - werden mit Höchstwahrscheinlichkeit fortsetzen. Und flammen sie nach dieser Zusammenstellung hier in Mitteleuropa nicht wieder auf, gewiss werden sie in Norwegen in einem Jahr wieder emporlodern, wenn der zweite Teil der Bjørneboe-Biographie von Tore Rem erscheint.
13. Oktober 2009