Novalis in memoriam
Jostein Sæther | Der Mensch -
Fragment und Metapher
„Die meisten Schriftsteller sind zugleich ihre Leser - indem sie schreiben - und daher entstehn in den Werken so viele Spuren des Lesers - so viele kritische Rücksichten - so manches, was dem Leser zukömmt und nicht dem Schriftsteller. Gedankenstriche - großgedruckte Worte - herausgehobne Stellen - alles dies gehört in das Gebiet des Lesers. Der Leser sezt den Accent willkührlich - er macht eigentlich aus einem Buche, was er will.“
Dieses über 200 Jahre alte literarische Bruchstück von Novalis mit der Nummer 398 in seinem Teplizfragment lese ich und schreibe es ab. Ich schreibe die Worte für mich erneut auf. Sie stehen in einer Sammlung, die 1990 von Daniel Birnbaum und Anders Olsson mit schwedischer Übersetzung herausgegeben wurde. Ich kaufte das Buch zweimal. Das erste Exemplar verschenkte ich 1991 einem Novalisliebhaber, der später in den Vorstand der allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft in Dornach berufen wurde. Das zweite Exemplar liegt vor mir. Ich liebe solche seltene Bücher, die auf der linken Seite die Originalfassung hat und auf der rechten Seite eine Übersetzung. Dieses asymmetrische Lesen gleicht dem Spazierengehen in einem neu entdeckten wundervollen Park.
Das Lesen ist eine freie Operation, wo keine Betäubung notwendig ist, wo kein Blut fließt und kein Fleisch wegoperiert werden muss. Wie ich und was ich lesen soll, kann mir keiner vorschreiben, schrieb Novalis weiter unten in demselben Fragment. Lesen setzt das Schreiben vor. Das Geschriebene ist schon vorhanden, wenn ich lese. Es ist eine bestehende Vergangenheit im Jetzt. Es ist auf Papier oder in einem Medium festgehalten. Der Papiergeist erzählt in den Flensburger Heften, wie er schafft, absolut alles Aufgeschriebene im Überblick zu halten, aber das ist eine andere Geschichte.
Ich beäuge das Vorhandene und werde dadurch nicht Blind. Vielleicht muss ich einen Satz mehrmals lesen, um ihn richtig zu verstehen. Der Blinde liest mit den Fingerspitzen. Sein Lesen setzt Fingerspitzengefühl voraus. Dass er die Punkte der Blindenschrift schon gelernt hat, um sie zu verstehen, ist selbstverständlich. Wie viel setzt mein Lesen als ein Sehender voraus? Das normale Augenlesen ist das feinste Tasten, das es gibt. Tasten mit dem Feingefühl, Tasten mit Ahnung und Einfühlungsgabe, mit Vorsicht. Dieses Augenmerk ist ein Lesen mit dem unsichtbaren Bedachtkörper. Rudolf Steiner und andere Vorgänger nannte ihn Ätherleib. Ich versuche mit Tastleib, Berührungsleib, Kontaktleib. Darin fließt all meine Energie - Hieroglyphe des Lebens.
Mit meinem blinden Freund Paul reiste ich mehrmals ohne Fahrkarte nach Frankfurt, um in die Oper zu gehen. Ich brauchte wenig im Programmheft zu lesen, um auf das Stück mich vorzubereiten, zumal Paul mich alles über die Personen und das Geschehen der betreffenden Intrige erzählte. Er ist ein Opernkenner ersten Rangs und er machte mich zum Opernliebhaber. Ich las Paul nur die Namen der aktuellen Sänger vor, wenn er das nicht schon wusste. Wenn Paul ein Name eines Sängers, Musikers oder Dirigenten hört, weiß er genau wie sie singen, spielen und sich bewegen. Er hat quasi ein extra Gehör für die Art und Weise, wie jemand sich hörbar macht. Paul hört sofort auf der Stimme eines Menschen, wenn dieser spricht, wie er als Mensch ist. Er hört, ob jemand für ihn interessant sein wird oder nicht. Er hört, ob jemand geizig, überspannt, galant oder wahrhaftig ist. Er nimmt als innere
Schriftzeichen gleichsam in seinem Punktebewusstsein wahr, was der Betreffende von sich abgibt. Insofern ist Paul kein gesellschaftlicher Mensch im normalen Sinne, der mit jedermann über Belangloses plaudert. Er hat sich in seinem Leben so eingerichtet, dass er sich auf ganz bestimmte Dinge konzentrieren möchte. Alles andere bleibt draußen vor. Aber wenn die Möglichkeit besteht, einen Komponist - den er auf Konzerten, in Radio oder auf CD gehört hat, und ihm lieb geworden ist - life zu begegnen, steht ihm nichts im Wege, dahinzugehen, wo er die Stimme des Tonkünstlers unmittelbar erfahren kann.
Warum erzähle ich das alles? Warum tippe ich diesen Blog ein, den ich schon gestern mit einem angenehmen Kugelschreiber aufs Papier zur Kladde brachte und heute retuschiere und ergänze? Schreibe ich die Sätze nebenher, weil ich mein Leben und mich selbst dadurch besser kennen lernen könnte? Novalis schrieb in Vorarbeiten: „/…/ Man sollte, um das Leben und sich selbst kennen zu lernen, einen Roman immer nebenher schreiben. /…/“ Vielleicht sind diese Sätze nur ein Fragment in diesem meinen Nebenbeiroman. Vielleicht ist mein derzeitiges Leben nur eine Nebenübung in einer viel größeren Initiation, die ich entdecken werde. Wie viel von ihrer Erleuchtung ist mir schon zu Ohren, zu Augen, zu Herz gekommen?
Ich habe in meinem Leben viele Romane, Dramen, Geschichten und Novellen angefangen zu schreiben. Nur Einbisschen davon ist fertig geworden oder kam zur Drucklegung. Habe ich zuwenig am Rande geschrieben und zuviel hinterher oder davor? Habe ich zuviel Druck darauf gesetzt, die richtigen Worte zu finden und habe sie deswegen überholt oder überfahren? War ich vielleicht nicht genug neben mir selbst, um diese Texte lesbar zu machen?
Im Moment wenn ich das hier schreibe, schreibe ich nebenher, während die Mutter meines siebenjährigen Sohnes die Geschichte von Sams und Herrn Taschenbier „Eine Woche voller Samstage“ von Paul Maar vorliest. Dieser Paul ist nicht blind und ein anderer als mein Paul. Und Sams ist kein Junge sondern ein Wesen - aber kein Papierwesen -, das alles leichthin frisst oder er tobt oder ist frech, wenn man nur schimpft und nicht ein Wunsch äußert, dass er sich anständig verhalten soll. Auf das Wünschen kommt es an. En passant erwähnt, es kommt auch daran an, dass alle Worte der Erwachsenen durch Sams zu Wahrheit werden können. Auch die nicht ernst gemeinte Aussagen oder weiße Lügen werden sofort umgesetzt. Sams fehlt der Fähigkeit, in der Sprache Analogien oder Gleichnisse zu verstehen.
„Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis“, schrieb Goethe - und Novalis: „Der Mensch - ein Metapher. […] Es liegt nur an der Schwäche unserer Organe, dass wir uns nicht in einer Feenwelt erblicken.“ Wusste Novalis von den Papier- und den Sams-Elementarwesen? „Wer das Leben anders, als eine sich selbst vernichtende Illussion, ansieht, ist noch selbst im Leben befangen. Das Leben soll kein uns gegebener, sondern ein von uns gemachter Roman seyn.“ So schrieb Novalis nebenher.
In diesem Sinne ist mein Leben ein zuweilen dramatischer, ab und zu langweiliger Roman, den ich jedoch gern lese und ebenfalls gern anderen zum Lesen ausleihe. So sind diese Zeilen nichts anderes als Lesezeichen, Lebenszeichen meines Selbst; in diesem Moment - wenn sie gelesen werden - Hieroglyphen meiner Metaphern. Und wenn fertig gelebt und geschrieben ist, sei der Roman nur ein Fragment eines noch großartigeren Opern des durch vielen konkreten Inkarnationen als Mann und Frau dichtenden und entziffernden Autors des A und O.
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Metapher des Selbst
Novalis
Nach einem Kupferstich von Eduard Eichens
Die Metapher (griechisch „Übertragung“, von metà phérein „anderswohin tragen“) ist eine rhetorische Figur, bei der ein Wort nicht in seiner wörtlichen, sondern in einer übertragenen Bedeutung gebraucht wird, und zwar so, dass zwischen der wörtlich bezeichneten Sache und der übertragen gemeinten eine Beziehung der Ähnlichkeit besteht.
Aus Wikipedia
Novalis um 1799 Porträt von
Franz Gareis
Eine Metapher ist die Übertragung eines Wortes (das somit in uneigentlicher Bedeutung verwendet wird), und zwar entweder von der Gattung auf die Art, oder von der Art auf die Gattung, oder von einer Art auf eine andere oder nach den Regeln der Analogie.
Aristoteles
(Poetik 21, 1457b7 ff. Übersetzung von M. Fuhrmann)
Novalis-Grab in Weißenfels in Sachsen-Anhalt Bildquelle: Wikipedia