Stigmatisation
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Eine 7-teilige Matrjoschka aus Russland. Matrjoschka, auch Matroschka sind aus Holz gefertigte und bunt bemalte, ineinander schachtelbare, eiförmige russische Puppen mit Talisman-Charakter. Diese mehrfach gegliederte Puppe kann als Bild der Reinkarnation sein, wenn man bedenkt, dass der Mensch den früheren Leben in sich unsichtbar trägt. Quelle: eBay
Jostein Sæther | Stigmata als eine okkulte und sinnlich-sittliche Prüfung

Die seit Jahren anhaltende mehr oder weniger intern-anthroposophische Diskussion zum Thema ‹Stigmatisierung und Christuserkenntnis› ist ein Stückchen mehr an die öffentliche Oberfläche gestiegen durch zwei konträre Rezensionen - geschrieben vom Vorstandsmitglied Heinz Zimmermann und vom ehemaligen Redakteur Dietrich Rapp im ‹Goetheanum› Nr. 6/2009 - des neuen Buches von Sergej O. Prokofieff über die Auferstehung. Sofort sind auch im Internet Kommentare dazu abgegeben worden einerseits von Jens Heisterkamp in ‹Info 3› und andererseits von Michael Eggert, der auch einen offenen Brief von Wolfgang Garvelmann bei den ‹Egoisten› veröffentlicht hat. Den folgenden Einwurf - hier mit einigen Erweiterungen versehen - habe ich als Leserbrief der Wochenschrift in Dornach zugeschickt. Damit meine Leser in dieser für mich interessanten Fragen auf den Laufenden sein können und einige meiner Gesichtspunkte dazu kennen lernen können, erfolgt diese Veröffentlichung sogleich.    

Dietrich Rapp dürfte die stigmatisierte Judith von Halle gesehen haben, wie er gewiss den nichtstigmatisierten Sergej O. Prokofieff gesehen hat, weil sie alle sich viel in Dornach bewegen. Letzterer hat sie eigentümlicherweise «nicht sehen wollen», ein Zeugnis, das ich entnehme den Bericht des Hamburger Anthroposophen Rolf Speckner, der neulich in der Anthroposophischen Gesellschaft in Saarbrücken öffentlich vortrug und diese aktuelle Kontroverse in die Frage der Zukunft der anthroposophischen Bewegung hineinstellte. Ob Dietrich Rapp ihre Stigmata gesehen hat, sei dahingestellt. Ich bin Judith von Halle selbst nicht begegnet, aber ich habe mich mit ihrem Buch ‹Und wäre Er nicht auferstanden...› intensiv beschäftigt, deshalb fokussiert mein Interesse zunächst auf Grundsätzliches in dieser Debatte.

Der Sinn des Sehens
Dietrich Rapps redliche Rezension des neuen Buchs von Prokofieff las ich in Relief zu seinem brillanten Exkurs (Das Goetheanum, Nr. 1/2-2009) über den Sinn des Sehens. Auch der Sinn der Stigmatisierung allgemein und besonders diejenige von Judith von Halle ließe sich erkennen durch die Sichtweite von Rapp, wo er schreibt: «…der Weg
über die Grenze in die übersinnliche Welt verläuft, […] explizit übend über die Sinne, indem er die Erlebnisse, die sie im gewöhnlichen Bewusstsein vermitteln, von deren Funktionen entbindet und rein in sich selbst zu stützen einübt.»

Rudolf Steiner hat ins Detail beschrieben, welche Rolle die Wundmale für den Stigmatisierten selbst spielt. Welche Aufgabe hat sie nun für uns als des Stigmatisierten Zeitgenossen, falls wir unvoreingenommen uns fragen, ob und wie Christus dabei tätig ist? Im Sinne der Goetheanismus und der auf ihm sich bauenden Anthroposophie muss der Forscher sich explizit aussetzen der bedingten Konfiguration eines Phänomens, das er zu erforschen hat. Insofern entlarvt sich Prokofieffs Ermahnung davon wegzusehen, ohne ein gegenwärtiges Objekt zu beschreiben und angesichts der Nichterwähnung Judith von Halles, nicht nur als «unehrlich» (Rapp) sondern als dilettantisch, und das könnte sich bald für die Anthroposophen, die er belehren möchte, als ein Bärendienst erweisen.

Der christliche Einweihungsweg
Steiner behandelte das Phänomen der Stigmatisation in Bezug zu den sieben Stufen des christlichen Einweihungsweges, sodass ich den zweifellosen Eindruck bekomme, dass sowohl die geistige Stationen, die seelischen Wiederholungen als auch die entsprechenden je nach Person verschiedenartigen leiblichen Zeichen des Golgatha-Weges heute noch legitim seien, und nicht als etwas schier Abartiges, Vergangenes oder Katholisches abgetan werden dürften. Im Vortrag vom 28. Mai 1906 (Kosmogonie, GA 94, Dornach 1979, Seite 53.) betont er sogar, dass die christliche Einweihung «immer dieselbe […] während des Mittelalters und bis auf unsere Tage [Kursiv JS]» geblieben ist, und er benutzt die Formulierung «gleiche und unveränderliche Symptome».

Gewiss sagt Steiner in diesem Pariser Vortrag, dass der Eingeweihte während der Meditation die Stigmata auf seiner Haut ‹hervorrufen› kann als Zeichen der sogenannten 5. Stufe (GA 94, Seite 58), aber ich finde nirgends beschrieben oder dass er zugefügt haben soll, dass man sofort selbst Herr sein wird über dieses neue «Körperbewusstsein» (Steiner), das mit dem wiederhergestellten Urbild des physischen Leibes (Phantom) zu tun hat, oder dass man unbedingt die Stigmata selbst bewirkend wieder zurücktreten lassen könnte: «Es kommen die Stigmata, die von Blut durchtränkten Stellen der Wundmale des Christus Jesus hervor. Wenn wir bis in den physischen Leib hineinwirken, dann machen wir nichts Geringeres, als daß wir uns bereit machen in unserem physischen Leibe, das Phantom nach und nach zu empfangen, das ausgeht von dem Grabe auf Golgatha.» (Vortrag vom 14. Oktober 1911 in: Von Jesus zu Christus, GA 131, Dornach 1958, 212f.)

Wie es eben Dietrich Rapp in Bezug auf Judith von Halle abschätzt, stelle ich fest, dass wir in allen Initiationsvorgängen, wo Schwellenphänomene eintreffen, und man einen bewussten Weg in die geistige Welt sucht, mit ganz individuellen und letztlich mit karmischen Bedingtheiten zu tun haben. Was dann in der Bewusstseinsseele desjenigen vorgeht, ist ein ganz individueller Vorgang und eine teilweise Einverleibung, aber auf seelischer Ebene eine Art Auferstehen seines höheren Selbst. Geht er nun die christlichen Einweihungsstufen durch, ist er berufen, wie Steiner das in Kosmogonie (GA 94, Seite 179f) erklärt, mit der Erforschung des Erdinneren anzufangen. So gesehen kommt mir Judith von Halles neueste Veröffentlichung gerade zu diesem Thema sehr folgerichtig vor.

‹Taufen durch den Geist und durch Feuer›
Prokofieff hat ein umfangreiches Buch über die sogenannte Auferstehung geschrieben. Dagegen ist nichts einzuwenden. Die Auferstehung in anthroposophischer Beleuchtung kann aber auch kurzerhand beschrieben werden: Sie ist eine durch das Christus-Wesen vollbrachte Wiederherstellung der göttlichen Idee des Menschen am 5. April im Jahre 33, die vor allem die Jünger und Frauen um Jerusalem, in Judäa und in Galiläa in den nächsten 40 Tagen erlebten. Mit der Auferstehung wurde nach Rudolf Steiners Forschungen das an den Tod gebundene menschliche sogenannte Phantom des physischen Leibes aus der Verhaftung an unlösliche Aschekräfte befreit. Unter Phantom versteht die Anthroposophie die unsichtbare Strukturleiblichkeit des physischen Leibes. Sichtbar wird sie durch Einlagerung von Materie. Ursprünglich sollte die Einlagerung von Materie in das Phantom so sein, dass nur Salzhaftes hinein genommen würde. Dieses hätte sich mit dem Tode völlig aufgelöst und der Verstorbene hätte das Phantom unmittelbar mit in die geistige Welt nehmen können.

Durch den Sündenfall wurde aber unlösliches Aschehaftes eingelagert. Aus diesen Bestandteilen resultiert der eigentliche Tod des Phantoms. Durch das Mysterium von Golgatha hat Christus durch die besondere Leiblichkeit des Jesus von Nazareth dieses Aschehafte im Phantom so locker halten können, dass es erlösbar wurde. So brachte er Ostern als Auferstehungsleib dieses von Asche befreite Phantom mit. Der zukünftige Teil des Menschenwesens, genannt Geistesmensch, das eine ichhafte Umwandlung des physischen Leibes in eine ‹Geistsubstanz› bedeutet, kann nur aus dem erlösten Phantom gebildet werden. Daher war das Christusopfer unerlässlich.

Auf mehreren Stellen in Rudolf Steiners Vortragswerk findet sich Beschreibungen, die in Zusammenhang mit Phänomenen wie diejenigen des Phantoms und der Stigmatisation gesehen werden könnten, ohne dass diese Begriffe immer vorkommen. Eine bemerkenswerte Stelle ist die folgende aus dem Vortrag vom 30. Juni 1909:
 
«Wer sich wirklich in die Tatsachen, die damals geschehen sind durch das Ereignis von Palästina und durch das Mysterium von Golgatha, versenken kann, so stark, dass er ganz darinnen lebt und sie ihm gegenständlich werden, so daß er das geistig lebendig vor sich sieht, daß es wirkt wie eine Kraft, die sich selbst seinem Blutumlauf mitteilt, der erlangt durch dieses Erlebnis dasselbe, was früher erlangt wurde durch das Heraustreten des Ätherleibes. Durch den Geist, der als der Christus-Impuls ausgeströmt ist, strömt in den Leib etwas hinein, was sonst nur auf dem Wege physisch-physiologischer Entwickelung hervorgerufen werden kann: durch Feuer, inneres Feuer, das sich in der Blutzirkulation ausdrückt. Läßt der Mensch den Christus-Impuls wirken, dann wirkt dieser Christus-Impuls so, dass sich die Erlebnisse des astralischen Leibes in den Ätherleib hineinergießen und der Mensch hellsehend wird. Hier haben Sie erklärt den Ausdruck ‹taufen durch den Geist und durch Feuer›.» (Rudolf Steiner, Das Johannes-Evangelium im Verhältnis zu den drei anderen Evangelien, besonders zu dem Lukas-Evangelium, GA 112, Dornach 1959, Seite 133f)

Auch zum in diesem Zusammenhang benutzten Begriff ‹Zeitreise› (Judith von Halle) könnte einiges Aufhellendes gesagt werden, sodass ersichtlich wird, dass es sich nicht um ein leibgebundenes, sondern um ein mit imaginativer Geist durchdrungenes Schauen handelt und ein bis auf höhere Intuition sich Identifizieren mit den ehemaligen physischen Ereignissen. Meine eigenen Rückblicke in und Erinnerungen an früheren Erdenleben konnte manchmal so präzise sein und wie anwesend an etwas Handelndes erlebt werden, sodass sie manchmal deutlicher und kräftiger waren als normale Erinnerungen aus dem jetzigen Leben. Auch Steiner betont diese ungewöhnliche Stärke des karmischen Erkennens und benutzt den präzisen Begriff ‹Zurückwandlung›, eine Art des ‹Gestanden-Habens›, welches ich auch bei Judith von Halle in ihrer Erzählungen der Ereignisse der Zeitenwende wieder finde. Daher hat es für mich eine Relevanz, zu denken, dass sie selbst damals diese Menschheitsereignisse mitgemacht haben müsse.    

«In der geistigen Welt ist auch die Erkenntnis etwas durchaus Reales. Und derjenige, der mit wirklicher Initiations-Erkenntnis das durchmacht, daß er in die früheren Erdenleben hineinschaut, er kommt sich nicht so vor, als wenn er jetzt da wäre [in der Gegenwart], sondern er wird sich selber gegenwärtig in dem Verlaufe der früheren Erdenleben; er schaut da nicht nur hinein, sondern er schaut sich in seinem ganzen Wesen zurück. Es ist nicht ein abstrakt-erkenntnismäßiges Hineinschauen, es ist eine Zurückwandlung, ein Einssein, ein Identischwerden mit demjenigen, was man war. Es wird sehr lebendig das Innere, sehr bewegt und erregt, wenn man da zurückkommt in die früheren Erdenleben.» (Vortrag in Breslau vom 15. Juni 1924 in: Rudolf Steiner, Esoterische Betrachtungen karmischer Zusammenhänge, Band V, GA 239, Dornach 1963, Seite 259ff.)

Eine geistgemäße Prüfung
Vor etwa 12 Jahren ertrug ich selbst - anfangs im Hinblick auf Karma - immense Initiationserfahrungen, die bis in meinen physischen Leib individuell bedingte und aufgrund der Zurückwandlung in die früheren Leben verständliche und konsequente Anzeichen und Wunden hervorriefen, die meine nächste Umgebung damals als Symptome dafür deutete, dass ich krank wäre. Das anthroposophische Studium und die meditative Schulung hatten mich aber auf das geistige Gesetz hingewiesen, das besagt, dass jedes Mal, wenn ein neues Geist-Erleben kommt, man in der Sinneswelt und möglicherweise in seinem sozialen Umkreis stattfindend irgendeiner seelischen Prüfung exponiert wird.

Als adäquates Zeugnis für viele Andere, die auch anderen geistigen Erfahrungen erproben, nehme ich wahr Judith von Halles „Auftreten“ mit Christus-Wunden entsprechend einer geistgemäßen Prüfung in der Gegenwart für die anthroposophische Bewegung und für ihre Gesellschaft. Diese wäre weiter zeitgemäß, falls ihre Mitglieder diesen okkulten und „sinnlich-sittlichen“ Check der geistigen Welt beständen. Das belächelnde Verharmlosen ihres Versuchs, aus der Anthroposophie mit den Stigmata zu leben, das abscheuende Nichterkennen Judith von Halles als eine anthroposophische Geistesforscherin und die arrogante Ablehnung ihrer Forschungsergebnisse führt nur zu einer weiteren Verschärfung der Fronte und zu einer Verharren im karmischen Cliquenwesen, von der die anthroposophische Bewegung trotz Steiners dezidierten Warnungen in dieser Richtung schon genug gelitten hat. U. a. das Pilatusartige des Hände-Waschens, das Lächerlich-Machen und das Verwerfen ins Katholische, das ich in den Beiträgen von Michael Eggert, Jens Heisterkamp und Holger Niederhausen lese, führen nicht weiter.         

Wir können den Impuls esoterischer Entwicklung darin sehen, dass wir niemals uns zufrieden stellen brauchen, sondern uns immer höheren und auch vielleicht schwereren individuellen und gemeinsamen Prüfungen unterziehen müssen. Nicht wie einige ‹GA-Gelehrte› es sich allenfalls erhoffen, werden die neuen ‹Eingeweihten› irgendwelche beispielhafte Heilige sein. Rudolf Steiner wusste es: Es wird heute und künftig viele Naturen geben, wie z. B. es Goethe war, die mit dem einen Teil ihres Wesens hoch hinaufsteigen, dagegen bleiben sie mit dem anderen Teil zum Glück ‹menschlich-allzumenschlich›.

Falls Sergej Prokofieff seine Allzumenschlichkeit zugeben würde, statt sich hinter den Wortlauten von Rudolf Steiners zu verschanzen wie drinnen sitzend in einer russischen, hölzernen Matrjoschka-Puppe, würde man mit ihm wie unter Freunden oder unter Kollegen ins Gespräch kommen können. Dann wäre etwas für die Zukunft der Anthroposophie gewonnen. Mein einziger Versuch, mit ihm ins Gespräch im Jahr 2001 zu kommen nach einem Jahrzehnt der persönlichen Vorbereitung und des anhaltenden Briefwechsels, gescheiterte einfach nach einpaar Minuten, nicht weil ich unbedacht, taktlos oder parteiisch war, sondern weil er zu jener Zeit keine unmittelbare Aufgabe für sich sah, ‹hervorzukommen›, um über denkbare Resultate praktischer Karmaübungen zu sprechen.












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Der Schutzumschlag vom Prokofieffs neuesten Buch
Judith von Halle, ‚Und wäre Er nicht auferstanden...’ Die Christus-Stationen auf dem Weg zum geistigen Menschen
Fresko der Stigmatisation des Franz von Assisi in St. Katharinen (Lübeck). Quelle: Wikipedia
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Sergej O. Prokofieff, geb. 1954 in Moskau. Studium der Malerei und Kunstgeschichte an der Kunsthochschule in Moskau. Vortragsredner und Autor zu anthroposophischen Themen. 1990 Mitbegründer der Anthroposophischen Gesellschaft in Russland. Seit 2001 Mitglied des Vorstandes der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft. Zahlreiche Publikationen, Verheiratet.
Quelle: Goetheanum
Die Sophia-Sonne (The Sophia Sun), aus dem amerikanischen Nachrichtenblatt ‹Newsletter of the Anthroposophical Society in North Carolina›. Quelle: rtpnet.org