Impressionen aus Russland II
Gamamila
16. Mai 2009
Chronikarchiv

5. Mai 2009
Impressionen aus Russland I

8. April 2008
Der Willensweg zu Christus

19. Maerz 2009
Zurückwandlung in frühere Zeiten

8. Maerz 2009
Gibt es im Gehirn ein Organ für karmische Erinnerung?

16. Februar 2009
Stigmatisation

26. Januar 2009
Holger Niederhausen II

20. Januar 2009
Holger Niederhausen I

15. Januar 2009
Die Anthroposophie in Norwegen

5. Januar 2009
Das Traumlied vom Olav Åsteson

12. Dezember 2008
Über die Enthüllung der Mysterien

1. November 2008
Dafür ist Güte nötig

2. Oktober 2008
Anwältin für Rudolf Steiner

23. September 2008
Ist Sebastian Gronbach eine Gefahr?

3. September 2008
Der Almandin

29. August 2008
Ich-Kunst und Karmaforschung

28. Juni 2008
Erleuchtung im Sinne Rudolf Steiners - seine Lichtübung frei interpretiert

24. Juni 2008
Baummeditation

26. Mai 2008
Italien und die Zukunft des Südens

Die krause Stimme der 1990 durch einen Autounfall verstorbenen russischen Rockmusiker, Poet und Schauspieler Wiktor Zoi klingt aus der CD vertraut, anspornend und durchdringend, auch wenn ich zunächst keine seiner mit Glut und Gefühl gesungenen, russischen Worte begreife. In einer Ruhezeit nach dem ersten intensiven Karmaseminar in Moskau und vor meinem ersten öffentlichen Vortrag dort hatte Anna Gussinskaias Sohn, Arkadij, sechs Jahre alt - wie aus einem höheren Bewusstsein - seine Musik mit der sowjetischen Pioniergruppe des russischen Rocks, Kino, aufgelegt. Diese einfache und meisterhafte Musik kannte ich bereits flüchtig, aber jetzt drang sie mit voller Kraft in meine Seele ein und mischte sich mit meinen ersten Eindrücken auf russischem Boden, sodass ich einfach die inneren Ohren aufschlagen und mich aufrichten konnte gegenüber das russische Phänomen schlechthin.

„…wir wollen unsere neun Leben haben…“
Sich einstimmen auf das Karma bedeutet gleichsam überall wo man sich befindet, die Eigenheiten der unmittelbaren menschlichen Situation zu beachten. „Wir wollen weiter blicken als bis zum Fenster auf der anderen Straßenseite. Wir wollen leben, wir wollen unsere neun Leben haben. Und wir sind hier, um unsere Rechte zu beanspruchen, ja! Kannst Du das Rascheln unserer Mäntel hören - wir sind da! Von jetzt an werden wir handeln!“ Dieses Zeugnis Wiktor Zois, dessen Übersetzung ich im Internet fand, kann ich für die Karmaarbeit in Russland übernehmen. (Beim Korrigieren entdeckte Anna übrigens, dass eine Ungenauigkeit bei der Übersetzung hier vorliegt - eigentlich heißt es bei Zoi: „Wir wollen leben, wir sind so zäh, wie die Katzen, man kann uns nicht so leicht erledigen“. Da ich den Gedanken mit den „neu Leben“ schon aufgegriffen hatte, bin ich bei dieser Variante geblieben.)
Sowie die Katze neun Leben zugesprochen wird, und falls aus dem Fenster geworfen, weil man kein Fisch mehr für sie hat und vielleicht für sich und seine Familie inklusive die Omi auch nicht, wird sie aber auf ihren vier Füßen intakt auf dem schneebedeckten Boden landen.

Wie viele Leben hat die russische Seele verbraucht im Laufe ihrer Leidensgeschichte? Wie viele Leben hat der Zarismus aus ihr geraubt? Wie viele der sowjetische Kommunismus? Hat sie überhaupt ein Leben noch übrig? Wiktor Zoi starb auf der Straße einen typischen „russischen“ Tod, aber er lebt! Auf dem Arbat haben wir nicht nur das Belyj-Haus, wie früher geschildert, sondern auch gesehen die sogenannte Zoi-Mauer, die in eine Seitengasse führte, die mit Graffitis dicht übereinander bedeckt war, und an der viele Blumen und Kerzen lagen. Und mehrere Jugendliche standen daneben. Diese Mauer gibt es dort seit Zois Tod, also seit gut 19 Jahren. Nikolai, der mich an dem Tag durch Moskau begleitete, wurde am 3. August 1990 geboren. Etwa zwei Wochen später, am 15. August starb Wiktor Zoi. Daran kann Anna sich sehr gut erinnern, an diesen Tag. Anna fügte hinzu: „Trotzdem wurde er zu Nikolais Lieblings-Popsänger, Arkadijs auch. Das ist für mich erstaunlich, er war ja mein Zeitgenosse. Er ist auch der einzige Popmusiker, der mich interessierte und den ich richtig mochte.“


Die russische Seele lebt ebenfalls, und sie hat mich mit liebevoller Wucht in ihre grandiose Obhut eingeheimst! Ich spürte was die russische Menschenseelen unmittelbar brauchen: Sie brauchen Erkenntnisse über ihre mindestens acht früheren Leben! Auch wenn sie keine russische, sondern möglicherweise amerikanische, norwegische, deutsche, afrikanische, japanische, islamische, katholische oder Inkarnationen der Katharer waren.

In der russischen Waldorfschule „Semejnyj Lad“
Für diesen Bericht habe ich nicht vor gründlich zu recherchieren, und wegen zuwenig Kenntnis der Sache kann ich nicht die geschichtlichen Hintergründe der Entwicklung anthroposophischer Initiative wie die Waldorfschulen in Russland skizzieren. Das können andere besser. Das 1988 erschienene Buch Russlands Sehnsucht nach Spiritualität. Theosophie, Anthroposophie und die Russen. Eine geistige Wanderschaft - das ich damals mit Begeisterung las - von Victor B. Fedjuschin ist ein Klassiker zu diesem Thema. Von Oskar A. Popp gibt es zur Geschichte der frühen anthroposophischen Bewegung in Russland einen im Internet zugänglichen Text, der einen gewissen Übersicht gibt auch zu spirituellen Entwicklungen in Russland ab dem 17. Jahrhundert.  

Die Hausarbeit Waldorfschulen in Russland - ein neuer Weg von Nikolai
Höfer Murer bietet außerdem schöne Einblicke in die dynamische Geschichte der Waldorfpädagogik in Russland seit Mitte der 1980er Jahre bis anfangs des neuen Jahrhunderts. Höfer Murer war selbst ein Jahr als Deutschlehrer in der Waldorfschule in Jaroslawl. Höfer Murer weist auf eine für die Waldorfpädagogik in Russland interessante und aufschlussreiche Perspektive hin, die in ihrer eigenen Geschichte wurzelt:„Hilfreiche Elemente für die Waldorfschulen fand man auch in der eigenen pädagogischen Tradition Russlands. Bei der Suche nach einer Antwort auf die Frage, ob die Waldorfpädagogik Rudolf Steiners für Russland überhaupt ein richtiges Schulkonzept darstellt, ob es sozusagen sinnvoll ist, diese Ideen aus dem Westen auf russische Verhältnisse zu übertragen, stieß man auf die pädagogischen Werke Konstantin Uschinskijs.“ Etwas zu Konstantin Uschinski (1824-1870) gibt es in einem Aufsatz Die russische Schule: Vom Kaiserreich zur Föderation auf der Website ruvr.ru.

In kurz aufgeführten Zitaten zeigt Nikolai
Höfer Murer auf, dass Uschinski kompatibel zu Rudolf Steiner „eine ganzheitliche, am Menschen und nicht am Wissenszuwachs orientierte Pädagogik anstrebt, was auch dem Grundkonzept der Waldorfschulen entspricht“.

Die Waldorfschule im Nordwesten Moskaus in der Straße Kulakowa ul. 3-2, , die ich einen Abend besuchte, um dort einen Vortrag über Karmaarbeit zu halten, gleicht äußerlich kaum, was ich kenne von Waldorfschulen, wie ich sie in Skandinavien und Mitteleuropa sowohl als Kunstlehrer als auch als Farbgestalter und Lasurmaler erlebt habe. Der funktionalistische und schlichte, einstöckige Gebäudekomplex liegt umrahmt von etwa zehnstöckigen Wohnblöcken. Die Lokalen der heutigen Waldorfschule gehörten in der kommunistischen Ära einem staatlichen Kindergarten.      

Basiert alles, was geschieht, auf Karma?
Eine kleine Gegebenheit auf dem Innenhof vor Annas Wohnblock gab mir einen Hinweis, wie ich mein Vortrag in der Schule eventuell beginnen könnte. Es gibt da ein öffentlicher Kindergarten, und es war die Zeit spät am Nachmittag, als einige Kinder noch abgeholt wurden. Ich sah zwei Geschwister, ein Mädchen mit ihren jüngeren Bruder, und höchstwahrscheinlich ihre Mutter mit der Oma. Auf der nassen und staubigen Kiesstraße lagen heruntergefallene Äste von den hohen, noch laubfreien Birken. Das Mädchen holte zwei Äste auf, behielt den längeren Ast und gab den kürzeren dem Jungen. Beide Hölzer waren am einen Ende abgebogen, sodass die Kinder sofort anfingen, sie als Schusswaffen zu benutzen. Dabei gingen durch meine Seele viele Fragen und einige Gedankenreihen.        

Als ich in den Gymnastiksaal der Schkola Semejnyj Lad (das heißt so etwas wie „Familieneintracht“, „Familienfrieden“) etwa verspätet wegen etwas Verkehrsstau eintrat, saßen etwa 40 Zuhörer inklusive das ganze Lehrerkollegium da wartend auf einem Karmavortrag. Es wurde mir berichtet, dass auch viele Eltern da waren, weil gleichzeitig ein Elternabend vorgesehen war, welcher kurz vorher umgebucht worden war, damit sie alle den Vortrag mithören konnten. Als ich nun statt einem Vortrag, das ich meinte, sehr unzeitgemäß ist - und in Russland sowieso -, einen Gesprächsabend anbot, sagten alle zu, und wir gestalteten mit schnellen Griffen den steif aufgestellten Stuhlreihen um zu einem großen Kreis. Nach einer kurzen Einführung zum Thema und zu meiner Person fingen die Fragen auf mich zu hageln: Basiert alles, was geschieht, auf Karma? Was ist es mit dem Karma in Beziehungen, wenn es schief geht?

Ich griff einer der allgemeinen Fragen gegenständlich auf, indem ich einen der neunen Freunde aus dem ersten Seminar, dem meine Arbeitsweise schon vertraut war, zu mir stehend mitten im Kreis zuwinkte, sodass wir zusammen durch eine dramatisierte Illustration auf die Frage eingehen konnten. Dies war nun etwas, was ich vielmals bei früheren Veranstaltungen gezeigt hatte, weswegen ich wusste, dass es überzeugend für das Publikum wirken würde:

Mein Freund und ich stehen zunächst einige Meter voneinander entfernt. Das ist die Ausgangslage der karmischen Relation. Das heißt, es liegt hier Karma vor, das während des Lebens angegangen wird. Dann bewegen wir uns quasi in einen großen Bogen an einem Punkt am Boden vorbei, den wir nacheinander berühren. Das zeigt in diesem Fall, dass wir beide zu unterschiedlichen Zeitenpunkten ganz konkret in Dornach gewesen sind. Also haben unsere Füße den gleichen Boden berührt, ohne, dass wir zunächst uns begegnet sind. Dann bewegen wir uns einander zu, und die erste Begegnung in Moskau vor einigen Tagen wird somit illustriert, indem wir in einem Abstand von etwa 33 Zentimeter voneinander stehend bleiben. Dies soll bedeuten, dass eine erste Phase unseres Karmas nun erfüllt ist. Zwischen uns ist es ein Freiraum, also genug Luft, damit dort irgendein Mensch, ohne uns zu berühren, stehen könnte. Würden wir uns jetzt berühren, liegt das nicht in unserem Karma sondern ins unserer Freiheit. Das heißt, irdische Konvention oder Höflichkeit könnte zulassen, dass wir uns berühren, mit den Händen grüßen oder einander auf die Wangen küssen. Dies ist schlechthin kein Karma sondern Kultur und sozialer Gewohnheit.

Somit wurde gezeigt, dass Karma uns im Leben zu einer Begegnung führt, Freiräume schafft, um ein anderes Aspekt unseres Karmas frei zu schalten, wo es aber in unserem Willen liegt, ob dieses nächste Karma angegangen werden wird oder nicht. Ich sagte auch, das in diesem Luftraum zwischen uns darf Christus gleichsam stehen. Und beachten wir nicht diesen Freiraum nach der karmischen Begegnung, würden wir etwa Gewalt oder Macht anwenden, dann würden wir zulassen, dass Luzifer und Ahriman über das weitere Geschehen Einfluss haben würden.                              

Karmische Synchronisität
Es wurden weitere Fragen gestellt, und etwa eine, die ähnlich war, wie diejenige von Belinda in einem Kommentar im meinem Blog: Wieso kommt uns manchmal ein Mensch unwiderstehlich bekannt und vertraut vor, obwohl wir sicher sind, ihn vorher nie gesehen zu haben? Durch diese, scheinbar alltägliche Frage konnte ich die Gelegenheit nutzen, ein sehr aufschlussreicher Hinweis von Rudolf Steiner weiterzureichen: Durch das Stellen dieser Frage, kommen wir zu den dahinter liegenden etwa mehr komplizierten Motiven, die mit Ahnungen und Gefühlen sich befassen, die auf ein bestimmtes Beziehungskarma zeigen. Gefühle, Sympathie, Antipathie, sich Verlieben usw. und dazu Willensregungen, dass man mit jemand etwas sehr gerne unternehmen möchte, haben immer karmische Ursachen laut Steiner. Nur wenn wir bei einer Begegnung im eigenen Denken von der Gedankenart des anderen angeregt werden, liegt kein Karma vor, das erfüllt werden muss. Es kann in einem solchen Fall schon dasjenige vorliegen, dass man in einem früheren Leben das gemeinsame Karma abgeschlossen hat, sodass jetzt die Grundlage besteht, aus Freiheit etwas Neues anzufangen, aber das hat dann keine karmische Dringlichkeit.

Wenn es nun ein „Wiedererkennen“ ist, wieso erkennt der Mensch mich nicht, auch wenn ich ihm das erzähle? Einfach deshalb, weil wir uns in unterschiedlichen Bewusstseinsebenen befindet. Selten sind Menschen, die sich in diesem Leben sich wieder begegnen - sich hier zum ersten Mal treffen -, sozusagen ab dem ersten Tag synchron miteinander. Nur die sogenannte Liebe beim ersten Blick wäre so etwas, und wie oft kommt das vor? Bei denjenigen des Öfteren, wenn sie quasi mit „offenen“ Augen herumspaziere. Auch die andere Person bemerkt es dann, aber später kann ein sich distanzieren Wollen von einander trotzdem eintreten, wenn etwa ein anderes Karma unsere „Beziehung“ durchkreuzt, und  der eine von uns sich dann entscheidet, aus welchen Gründen auch immer unserer Beziehung auf den jetzigen Stand „fallen“ zu lassen, das heißt, auf die Zukunft zu verschieben.

(Der Begriff Synchronisität, wie ich ihn hier benutze, geht auf Carl Gustav Jung zurück. Er besagt, dass ein biologisches Ereignis wie eine Geburt, ein seelisches Ereignis wie ein Traum oder eine Imagination in der Meditation und ein astronomisches Ereignis wie ein Sonnenaufgang sich sinnbildlich aber sinnvoll aufeinander beziehen können, ohne dass ein materieller Zusammenhang vorhanden ist. Auch Johann Wolfgang von Goethe behandelte - ohne direkt sich auf Reinkarnation und Karma zu beziehen - ähnliche Phänomene, die nicht simultan, sondern nacheinander in der Zeit auftreten, indem das neu Auftretende sich auf das Ehemalige sich zu stützen scheint. Darauf werde ich in einem anderen Zusammenhang zurückkommen.)

Eine Lehrerin fiel sodann mit der folgende Frage herein: Es wurde uns zugesichert, dass Sie über Karma und Pädagogik sprechen sollten: Wie können wir uns als Lehrer auf das Karma der Schüler vorbereiten? Den Vorfall mit den zwei Geschwistern vor dem Kindergarten benutzte ich nun als Beispiel, um zu erklären, das alles was wir mit Kindern erleben und von ihnen sehen, wie sie sind und sich benehmen, zur allgemeinen Schule der Karmaverständnis gehört. Wir Erwachsene können dabei erkennen, wie sie einerseits in ihrer kulturellen Gegenwart stehen, aber andererseits wie sie beispielhaft auf Karmisches unbewusst hinweisen. Man muss sich nur in das Vorgefallene einleben, darüber meditieren und gucken, ob und wie man zu inneren Ergebnissen kommt, die auf konkrete karmische Hintergründe zeigen.  

Nach dem anderthalbstündigen, sehr intensiven Gespräch vereinbarten wir, dass diejenigen, die mit einer meditativen Übung weitermachen wollten, sich nach einer Lüftungspause wieder einfinden sollten. Interessanterweise kamen keine der Lehrer zurück! Entweder brauchten sie Zeit am späten Abend, sich mit den schon behandelten Fragen selber zu beschäftigen, um zu gucken, wie man sie in der Schule und im privaten Leben umsetzen konnte, oder sie hatten keine Hinweise bekommen, die ihre Arbeit befruchten würden.    

Die kleinere Runde mache mit Freude und Zuversicht meine sogenannte Inselübung mit. Mit dem Kulturgegenstand, der im Wasser am Strand der Insel gefunden, und mit der Geschichte die fabulierend zu ihm gedacht wurde, traten für die Anfänger der Karmaarbeit schon die ersten karmischen Hinweise auf. Sowie diese Waldorfschule eine Kulturinsel im postsowjetischen, zerbröckelnden Zivilisation ist, die aber langsam und zu einem „Kulturkontinent“ wachsen kann, könnte diese erste karmische Übung ein Anfang für einen neuen Kultur sein, die mit der potenziellen Begabungen und Ressourcen der ganzen menschlichen Individualität rechnet.         

Ein Karmavortrag in der Anthroposophischen Gesellschaft
Am Dienstagabend fand der zeitgemäße Vortrag im Lokal der Anthroposophischen Gesellschaft in der Straße Nastschokinskij Pereulok 6 in Moskau statt. Anders als der Abend in der Schule war er nicht geplant vor meiner Abreise von Deutschland. Er entstand etwa aus einer Ambivalenz: Einerseits wollten einige Zweigmitglieder mit mir nichts zu tun haben, andererseits wollten andere Mitglieder nicht in der Situation sein, kein authentisches Bild von mir zu bekommen. Und da keiner von ihnen es vorhatte, an einem Seminar teilzunehmen, entstand quasi spontan die Idee, mich doch einzuladen. Schon am Donnerstagnachmittag, am Tag der Ankunft nach Moskau, war ich mit Anna dort zu Besuch und guckte mir die Räumlichkeiten an. Da ich in sehr vielen Zweigen der AG im Westen Vorträge und Seminare abgehalten habe und darüber hinaus als Farbgestalter und Maler einige Zweigräume in Skandinavien mit Lasurfarben gestrichen habe, fühlte ich mich auch in Moskau mit ihren lasierten Holzwänden gut zuhause. Dies konnte ich auch anfangs des Vortrags zum Erwärmen der Atmosphäre verkörpern.

Zum wesentlichen Inhalt des Vortrags trug ich vor die Fragen und Themen, die in den zwei Aufsätzen zu Körperbewusstsein und Zeitreise (Gibt es im Gehirn ein Organ für karmische Erinnerung? und Zurückwandlung in frühere Zeiten) beschrieben sind, weshalb nicht Näheres dazu hier erörtert werden muss. Einige andere Eindrücke während dieses besonderen Vortrags in Moskau können aber angedeutet werden, da sie bestimmte Aspekte des Karmathemas berühren, die allgemeines Interesse haben.

Es ist nicht abzustreiten, dass viele Vorurteile, Unwahrheiten und Kuriosa über mich und meine Karmaforschung existieren in anthroposophischen Kreisen, und Moskau ist davon nicht wegzudenken. So durfte ich auch hier mehrere Arten von Abneigung ob in männlichem oder in weiblichem Benehmen fein verhüllt bei einigen der Anthroposophen erdulden, als ich
„ihren“ Boden betrat. Die Art und Weise, wie solche Phänomene der Ungunst sich sowohl sinnlich als auch übersinnlich entfalten während eines Vortrags wie dieser, sind vielfältig. Es konnte empfunden werden nicht nur vom mir sondern auch von einigen Freunden, die anwesend waren und diejenigen für mich neuen Gesichter kannten, dass bestimmte abweichende Gedanken und Trugbilder als kritische Fragen am anschließenden Gespräch geäußert werden könnten. 

„So wie jeder Mensch seinen eigenen karmischen Doppelgänger hat, hat er jeweils auch Anteile kollektiver Doppelgänger mit verursacht und ist ihnen daher auch ausgeliefert. Künstliche, vom Menschen geschaffene Dämonen entstehen beispielsweise dann, wenn Wahrheiten als allgemeingültig und unumstößlich hingestellt werden, die aber der Einzelne als abweichend von seinen persönlichen Wahrheitsempfinden erlebt, bez. Kollektive Glaubenssätze, die unbewusst in der Kindheit übernommen und nie hinterfragt werden. Dazu zählen auch religiöse Dogmen oder spirituelle Wahrheiten, die als verbindliche Regeln behandelt werden, zu denen der Einzelne aber keinen erlebnismäßigen, sondern bestenfalls einen theoretischen Zugang hat. Daraus entstehen Anspruchshaltungen und Erwartungen aneinander oder an sich selbst, aus denen Unwahrhaftigkeiten und verlogene Lebensumstände zwangsläufig resultieren müssen. Davon ernähren sich die Gruppendoppelgänger, denen die persönlichen Doppelgänger in die Hände spielen. Das können sie nur, solange die Menschen unbewusst ihren Mechanismen unterliegen. Bewusstheit und Wahrhaftigkeit sich selbst und anderen gegenüber sowie Toleranz und Interesse an der individuellen Wahrheit des Gegenübers nimmt diesen Wesen den Wind aus den Segeln.“

Diese akkurate Behandlung des Doppelgängerthemas, die Christiane Feuerstack im Buch
Das Geheimnis der Goldmarie. Arbeit, Geld und Karma - ein Werkstattgespräch macht, beleuchtet etwas, was während des Vortrags in Moskau miterlebt werden konnte. Den Wind aus den Segeln eines mächtigen Gruppendoppelgängers wurde gewissermaßen genommen durch die interessebezogene Frage eines Russen und durch meine ehrliche Antwort darauf, also warum ich aus der Anthroposophischen Gesellschaft ausgetreten bin. Da mein Austritt als Hintergrund hatte, wie ich mit der sogenannten viertägigen Karmaübung von Rudolf Steiner - beschrieben in einem Vortrag in Dornach am 9. Mai 1924 - praktisch umgegangen bin, welche imaginative Bilder daraus entstanden war und wie ich damit in der Öffentlichkeit umging, konnte ich nun diese Übung aus meiner Sicht genau skizzieren.

Daraus entfaltete sich dann ein lebhaftes Gespräch, in welchem ich außerdem von der Praxis im Moskauer Zeig erfuhr, wie sie anhand vom Zuhören bestimmter Musikstücke einen hochinteressanten Übungsweg der Imagination betreiben. Statt sich aus einer vermeinten Verschiedenheit sich weiter voneinander zu entfernen, ergriffen wir die Chance durch das Interesse an der individuellen Wahrheit des Gegenübers, der Grund zu einem möglichen zukünftigen Miteinander zu legen. Somit war ein Freiheitsraum geschaffen, der gleichzeitig für die Doppelgänger ein Schritt des Umwandelns bedeutet. An diesem Vortragsabend wurde das Doppelgängerthema aber nicht diskutiert - während der Karmaseminare jedoch mit konkreten Beispielen aus dem Leben.


(Der Bericht wird fortgesetzt)




Für Leserkommentar gehe zu meinem Blog
Jostein Sæther | „Veränderungen ist die Forderung unserer Herzen...“
Wiktor Zoi auf einer russischen Briefmarke aus dem Jahr 1999. Quelle: Wikipedia
Ein Bild aus der Moskauer Waldorfschule Skola Putj Serna. Quelle: putzerna.ru
(Von der russischen Internetsite von Schkola Semejnyj Lad, wo ich tatsächlich zu Besuch war, konnte ich keine Informationen herausbekommen.)
Maximilian Woloschin, Aquarell.
Quelle: watercolor.narod.ru
„’Veränderungen!’ ist die Forderung unserer Herzen. ‚Veränderungen!’ ist die Forderung unserer Augen. In unserem Lachen, in unseren Tränen und im Puls der Adern
‚Veränderungen! Wir wollen Veränderungen!’“

Wiktor Zoi
Wiktor Zoi inmitten seinen Bandmitgliedern. Quelle: boshetunmay.com
Das Geheimnis der Goldmarie Arbeit, Geld und Karma - ein Werkstatt-gespräch herausgegeben von Christiane Feuerstack.
ISBN 978-3-940586-01-8. Borbyer Werkstatt Verlag,
Eckenförde 2008.
Nikolai Höfer Murer beim Unterricht der 3. Klasse in der Waldorfschule in Jaroslawl. Quelle: hoefer-murer.de
Johann Wolfgang von Goethe, Farbenkreis zur Symbolisierung des menschlichen Geistes- und Seelenlebens, aquarellierte Federzeichnung, 1809. Quelle: Wikipedia
„Ich bin nicht ich, sondern jemand ganz anderer, der mir verblüffend ähnlich ist“ - zu dieser verwirrenden Einsicht kommt der schüchterne Kanzleibeamte Goljadkin, als er in einer unheilvollen Nacht in Petersburg seinem Doppelgänger gegenübersteht. Fjodor Dostojewskis (1821-1881) zweiter Roman in minimalistischer Hörspielfassung bietet eminenter Sprechkunst mit dem deutschen Schauspieler Ignaz Kirchner als der „verrückte“ Beamte.
____________________
Copyright © 2009
by Jostein Sæther
   
All Rights reserved 
  
eMail:
Nach oben