Ton der Planeten
Jostein Sæther | Über Krebs und das Aufräumen - und sogleich dem Ton der Planeten lauschen

Heute lausche ich nach dem Ton der Planeten, dem Ton des Planeten.* Ich lausche nach dem Gesang der Erde. Ich schaue nach ihren Wunden. Ich berühre ihre Narben. Sie sind Heilmittel meiner Seele, - Arzneien unserer allen Seelen, die so verletzt, verwundet und belastet sind.

Gestern haben wir in der kleinen, überfüllten Wohnung ausgemistet. Möbel mit Schwächen und Alterssymptomen wurden hinunter getragen und an der Straßenseite hingestellt. Der feine Holzkleiderschrank, der etwa 10 Jahre gedient hat, musste leider verabschiedet werden, da er nicht in der neuen Wohnung, die wir ab den Sommer beziehen werden, nicht hineinpasst. Glücklicherweise kamen zwei Eigner aus Ungarn mit ihrem Lastwagen und ihrem Gemüt, ehe die ersten Teile entlassen waren, und sie halfen sogar die schwersten Stücke direkt aus der Wohnung zu tragen.

Meine vorausgeschickte Ängstlichkeit - diesmal wegen der jetzt geheilten Rippenbruch - war also nochmal unnötig! Da meine Anzüge schon entsorgt waren und heute vielleicht von jemand irgendwo anders in der Welt getragen werden, war der Schrank überflüssig geworden. Die Anzüge haben viele Vorträge über Karma mitgemacht in Bonn, Dornach, Hamburg, Kassel, Leipzig, London, Oslo, Stuttgart, Trondheim, Zürich und anderswo; der Schrank aber nicht, da er immer Hausmann gewesen ist. Heute bin ich Hausmann und lausche nach dem Karma der Erde. Was versucht sie auszumisten?

Jetzt muss ich aber mit dem Schreiben eine längere Pause machen, da ich Mittagessen für zwei hungrige Bäuche und für mich selbst fertigen muss. Auftrag: drei verschiedene Salate und Pfannkuchen. Letzteres ist das Leibgericht meines Sohnes. Da ich sowieso seit Jahren für das Mittagessen zuständig bin, brauche ich mir nur in die Küche zu stellen, die Schubläden und den Kühlschrank aufzumachen und alles wie aus dem Ärmel schütten. Selbstverständlich oft mit Vanille, Oliven- oder Sonnenblumenöl, Majoran, Thymian, Basilikum und Kräutersalz dazugestreut - nicht zusammengemischt, sondern alles im richtigen Gericht und Moment.

Alles geschafft! Ich warte nur auf meine zwei lieben Mittagsgäste und werde das erste Pfannkuchen dann zu braten beginnen, wenn es klingelt. Einen guten Salatrest aus Rotkohl und Äpfeln hatte ich noch von gestern; das hatte ich vergessen. Er wurde mit einbisschen Senf und Sahne erfrischt. Dann zwei neue Salate dazu, einen aus geriebenem Kohlrabi und Apfel und der andere aus Eisbergsalat und Tomaten mit Nüssen und Sonnenblumenkerne, beide mit Sonneblumenöl, Salz und diverse Gewürze aus ökologischem Landbau wie Dillspizen, Pastinake und Petersilie.

In den Pfannkuchenteig aus Eiern von frei gehenden Hühnern, Bliesgaumilch und Weizen- und Dinkelvollkornmehl kamen Salz und Vanille dazu. Meine Ehefrau sagt immer, ich sollte ein vegetarisches Gasthaus aufmachen. Wer möchte mitmachen? Ich bräuchte genügend Startkapital, eine Geschäftsführerin samt eine Handvoll nette Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen - einen für den Daumen, eine für den Zeigefinger, einen für den Langfinger, eine für den Ringfinger und einen oder eine für den Kleinfinger. Fühlt sich jemand angesprochen?

Es sollte eine Gaststätte für die freien Geister werden - und für diejenigen, die eventuell kranke Leiber tragen und gequälten Seelen. Früher nannte man das ein Sanatorium. Heute heißt es z. B. Heilerzentrum. Es klingelt!

Alles hat gut geschmeckt! Der dritte und jüngste Gast war aber zu einer anderen Gaststätte gegangen und nach zwei Pfannkuchen stellte ich die Rühre für den Abend in den Kühlschrank. Sie werden auch dann ihm schmecken. Es wird immer alles anders als man denkt! Das bestätigt sich jeden Tag. Daher habe ich seit lange aufgehört zu wollen, was ich denke, geschehen sollte. Somit falle ich nicht in meiner eigenen Gefühlsgäre hinein, sondern ihre Oberfläche bleibt ein Spiegel für das Denken und ein Speisekammer für den Willen. Meiner Ehefrau gefiel der Senfsalat am meisten. Am liebsten hätte sie sich da reingesetzt! Ich nicht.

Apropos Gaststätte, lachte sie, ehe sie dem tschechischen Auto wieder ins Autohaus fuhr - es hat es wohl sowohl an der „Lunge“ als auch am „Herzen“; hoffentlich hat es kein „Krebs“ -, und sagte, dass sie - die Gaststätte - ja, doch wohl einen Koch bräuchte, weil ich mit den Gästen den ganzen Tag nur herumreden würde. Kurze Rede, kurzer Sinn: unser Wohlfühlstätte wird sicherlich noch lange auf sich warten. Bis dahin werden wir hoffentlich ein anderes Auto - Japaner oder Chinese? - und eine neue Wohnung haben.  

Nun zurück zum ausmisten: Vieles wollte dem Schrank begleiten, und sie bekamen alle Platz im ungarischen oder in deutschen und französischen Autos, sodass wenig Kram dem kommunalen Fahrzeug übrig blieb: der kniefällige Kinderschubladenschrank, die lumpige IKEA-Lampe, der defekte HP-Drucker, der verwüstete Werkbank, das verblasste Bild, die untauglichen Töpfe, die trüben Teppiche usw. Ich werde sie nicht betrauern, weil ich heute nach dem Ton der Planeten lausche.

Heute Vormittag habe ich noch mitgeholfen, etwas sehr Altes auszuräumen. Es war kein Antikmöbel, sondern ein Skelett in einem Glassarg! Die Knochen hatten lange genug gelegen in einem Kellerraum, vergessen und nicht vermisst. Ich meine ernst! Es war kein physisches Knochengerüst, aber nichtsdestoweniger ganz real. Ich habe mit jemand, der krebskrank ist, eine innere Wanderung gemacht, eine sogenannte Kraftreise oder etwas Ähnliches, was nach der Amerikanerin Brandon Bays The Journey genannt wird.   

Aus eigener Erfahrung mit der Journey durch eine Heilerin, durch Übungen damit an Freunden und durch meine zehnjährige professionelle Karmaarbeit habe ich eigene Methoden der Salutogenese** entwickelt. Statt Heilverfahren können wir von Gesundheitsentstehung oder -förderung sprechen. Wie können wir veraltete Gedankenleichen, Gefühlsketten und Tatbestände ausmisten, sodass wieder oder zuallererst im Leben Gesundheit entsteht? Wenn wir nicht schon bei der Geburt krank waren, erkranken wir sofort nach der Trennung der Nabelschnur, weil da so viele Leute herumstehen, die uns mit ihren Problemen und falschen Mustern überrumpeln, weil sie es selber nicht geschafft haben, mit ihnen fertig zu werden.

Im heutigen Fall kam viel Seelenmist zutage aus der Zeit, wo der Betreffende lange noch nicht geboren war. Die Großeltern und die Eltern als Kinder hatten schon in den Wirrnissen des zweiten Weltkriegs so viel Elend und solche Traumata erlebt, die bis heute nicht genügend verarbeitet sind, sodass Dinge im heutigen dritten Generation herumgetragen werden und als Krebs genannt wird. Etwas da abzuschneiden hilft nicht, sondern schafft neue gärenden Wunden, die mit gängigen medizinischen Verfahren zunächst unheilbar sind, Wunden, die dann andere „unzeitgemäße psychisch-astrale Energien“ heranziehen.

Der Leib ist ein Tempel
. Also können wir den Tempel innerlich, imaginativ mit schöpferischer Phantasie aufsuchen, um zu gucken, wie liebreizend er ist, wenn er „gesund“ ist und für alle Feste funktioniert. Und da begegnen wir reale geistige Wesen, Freunde und Verwandten aus der Biographie. Sie helfen aufzuklären, und sie zeigen auch, was sie uns „vergewaltigt“ und angetan haben. Die Ursache der Krankheit, wenn sie in dem jetzigen Leben zu suchen ist, wird aufgefunden. Die Diagnose kann hundertprozentig gestellt werden. Wenn nicht, dann liegt es nicht an der Methode, sondern an mir im Moment des Begleitens als Therapeut - ein Begriff, das ich übrigens für mich fast nie benutze. Aber Heilkünstler?

Krebs
ist die im gesunden, allerheiligsten, hellsten, wundervollsten Ort oder Organ der Organismus zusammengetragener und komprimierter Schrott, der darauf wartet, spiritualisiert, transformiert zu werden. Die Krebszellen sind reine Materie. Sie sind konzentrierte, materialisierte Energie. Hier ist das eigene Ätherleib und Astralleib außer Funktion gesetzt. Der Ich-Organismus kann drankommen, aber wer ist soweit aus dem Egoismus herausgewachsen, dass er aus reinster Liebe sich selbst dort anschauen und einen Genesungsprozess anfangen kann? Kaum jemand! Also hilft die innere Reise zunächst, das Übel bildlich in Metaphersprache - aber sogleich objektiv - anzuschauen.

Noch einmal: In der reinsten und wunderbarsten Kapelle des Tempels führt eine Treppe zur Krypta hinunter, wo die Leiche oder das Skelett außer Sichtweite liegt. Dort kann der Auftakt zum Neuen aus einer Saite des Ich ausgelöst werden. Ihr Ton ist der Ton unseres Planeten und wir dürfen mitsingen im Chor der Heilenden.

* Der Titel dieser Blog entstammt einem Gedicht von Hildegard Büyükeren in ihrer Gedichtband Jede Blüte eine Pieta (Verlag Ch. Möllmann, Borchen 2004), das hier folgt:                              

Seid einander Stimme
Für J. S. und † Hans-Jørgen Høinæs

I.
Ruf
- mondmundig
im Falterglanz der Nacht -
der eintaucht in euer wogendes Meer
der euch geisttröstend führt
auf der Lichtbrücke eurer Freundschaft

eure Gewandung
- von Geistwesen neu geweht -
weitet sich
Erdbekleideter du
und du auf dem Planetenpfad

seid einander Stimme
Hirtenstimme
Engelstimme
im Fluss eures Flammenseins



II.
Ob erd-
ob sternbekleidet
trösten mögt ihr euch einmütig
in eurer Abschiedsflut
während ihr
gemeinsam
winterlichte Pfade durchstreift
und dem Ton der Planeten lauscht

Sonne und Mond verneigen sich
ob eurer Freundschaft
und beugen sich schützend über euch
Schwesterseelen ihr
die ihr geborgen seid
im Tränenlicht

Hildegard Büyükeren


** Die Salutogenese (zur Wortherkunft vergleiche Genese) bedeutet soviel wie „Gesundheitsentstehung“ oder „Ursprung von Gesundheit“ und wurde von dem israelisch-amerikanischen Medizinsoziologen Aron Antonovsky (1923-1994) in den 1970er Jahren als Gegenbegriff zur Pathogenese entwickelt. Nach dem Salutogenese-Modell ist Gesundheit kein Zustand, sondern muss als Prozess verstanden werden. Aus Wikipedia: http://de.wikipedia.org/wiki/Salutogenese/

                                
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