gamamila.de
anthrokarma
leben in Anthroposophie und Karmapraxis
a
a
a
a
a
a
jostein sæther | das wesen der persönlichkeit
rückblick auf meine zweite russlandreise in oktober 2009
Zweigespalten hat sich, leidend und weinend,
bis auf die heutige Stunde - Russland.
Andrej Belyj im Roman Petersburg
Andrej Belyj-Museum besuchen. Auch diesmal hielt ich einen Vortrag in der Anthroposophischen Gesellschaft - jetzt über den forschenden Umgang mit Rudolf Steiners Karmaübungen. Ich gab außerdem einem Seminar in Moskau und einem in Waldai - über Karmapraxis und die Frage der Verwandlung der Persönlichkeit. Dabei wurde das Bauen der imaginativen Hütte geübt, das die Frage der Tempel des Geistes allgemein und in individueller Umsetzung aufgriff.
das neue tretjakow-galerie
In der Neuen Tretjakow-Galerie wird die Avantgarde der Moderne anregend präsentiert. Die gesamte Ausstellung schließt den Zeitraum von 1910 bis zur Gegenwart ein. Dort hängt Das schwarze Quadrat von Kasimir Malewitsch zentral - eine Art moderne Ikone der abstrakten Malerei aus dem Jahr 1913. Eine herausragende Künstlerin der russischen Avantgarde war zu Anfang des 20. Jahrhunderts Natalja Gontscharowa. Sie beeinflusste sowohl Malewitsch und als auch Wladimir Tatlin. Doch anders als Malewitsch mit seinen strengen Farbkompositionen und Quadraten, durchstreifte sie die abstrakte Malerei nur kurz und pflegte dann eine malerische Vielfalt. Ihre farbenfrohen Bilder, die zurzeit in Deutschland u. a. in Rüsselheim zu sehen sind, wurzeln in bäuerlichen Motiven Russlands.Tatlins Werke zeichnen sich aus durch eine Expressivität, die typisch war für den Kubisten und Futuristen, die reichlich im Museum repräsentiert sind. In ihren Arbeiten sollten sich die Dynamik der russischen Revolution und des Aufbruchs in die Diktatur des Proletariats spiegeln.
Die Bilder der sogenannten Primitivisten M. Larionow, I. Maschkow und P. Kontschalowskij und der georgische Naive N. Pirosmani sind ebenso vertreten wie K. S. Petrow-Wodkin mit seinem berühmten, ausdrucksstarken und schön farbenfrohen Bild Das Baden des roten Pferdes. Auch viele der jüngsten Werke der russischen Kunst in vielen Stilarten und Materialien bis zu Skulpturen und Installationen werden heute sowohl drinnen als auch im Park neben dem aus dem Funktionalismus inspirierten Riesenbau gezeigt. Ein Teil davon ist auch mit Spielgeräten für Kinder ausgerüstet.
Es war sehr ergreifend, ein Bild von Marc Chagall, der in Weißrussland geboren war, zu entdecken. Sofort vom Abstand erkannte ich, dass es von ihm stammt, wegen des Merkmals der schwebenden Menschen, die mein Leben lang innerlich und äußerlich begleitet haben. Ob es damals um 1980 bei der fabelhaften Chagall-Ausstellung in Stockholm zu sehen war, als die Besucher vor dem Modernen Museum in der Winterkälte tagelang während Stunden Schlange standen? Seine im hohen Alter verfertigten Glasmalereien in aller Welt haben eine Leuchtkraft und ein Wärme ausstrahlender Ausdruck, wie kaum bei einem anderen Glaskünstler. Ich bin mehrmals hingefahren, um Chagalls Glasmalereien in der Kathedrale in Metz zu sehen. Seine eigene Worte in der Autobiographie Mein Leben kann ich gut nachvollziehen:
„Das Wesentliche ist die Kunst, die Malerei, eine Malerei, die ganz anders ist, als alle Welt sie macht. Aber welche? Wird mir Gott oder sonst jemand die Kraft geben, dass ich den Bildern meinen Atem einhauchen kann, den Atem des Gebets und der Trauer, des Gebets um Erlösung und Wiedergeburt?“
das andrej belyj-museum
Die bildende und die illustrierende Kunst begleitete auch Andrej Belyj (Boris Bugajew) sein Leben lang neben der schriftstellerischen Tätigkeit. In der Ausstellung Richtkräfte für das 21.Jahrhundert - Steiner, Belyj, Beuys und Emma Kunz im Kunsthaus Zürich tauchten 1999 als Sensation auf die sogenannten Meditationsblätter von Belyj, die wenige Jahre davor in der Schublade eines Mitarbeiters der Rudolf Steiner Nachlassverwaltung entdeckt waren. Diese Illustrationen wurden „in einer Art abgekapseltem Baptisterium“ gezeigt und ließen Belyjs Weg vom gegenständlichen Symbolismus zur ungegenständlichen Malerei nachvollziehen. „Am Schluss stehen bewegte Linien oder eine mandala-artige Form mit fünf Fünfsternen in der Mitte eines Kreises: ‚Weisheit’“, heißt es in der NNA-Report über die Meditationsbilder, die ich leider nicht gesehen habe.
Im Belyj-Museum in Moskau sah ich dagegen die Originale von mehreren in größerem Format mit Farbstiften gezeichneten ‚Lebensgraphiken’, die Andrej Belyj anscheinend während vieler Jahre immer wieder machte, um die auf- und abgehenden Tendenzen in seiner Biographie abzubilden. Jahr für Jahr sieht man die verschiedenen Linien wie auf zum Berg und nieder zum Tal gehend. Die Jahreszahlen sind in russischer Sprache mit Stichwörtern und Namen kennzeichnet. Mit einbisschen Übertragungshilfe konnte ich nachvollziehen, wie Andrej Belyj eine Begegnung oder ein Ereignis erlebt hatte. Von oben kommen in roter Farbe dicke Pfeile herunter und von unten sind in Schwarz andere Pfeile hochgerichtet. Sie deuten die entscheidenden Einflüsse aus der geistigen Welt an, jeweils die ‚guten’ und die ‚bösen’.
Es liegen mehrere, lang gestreckte Bilder solcher Lebensabschnitte vor, die er mit anscheinend geringen Abweichungen später nochmals für die gleichen Phasen gemalt hat. Leider gaben es keine Kataloge, Bücher oder Postkarten, die diese besonderen und einmaligen Bilder dokumentieren. Meine Recherchen im Internet gaben auch keinen Erfolg in dieser Hinsicht. Also darf man hoffen, dass die Belyj-Forschung in der Zukunft diese Seite seines meditativen Lebens aufgreift. Meines Wissens sind auch die vor zehn Jahre gezeigten Meditationsbilder noch nicht veröffentlicht.
In der ehemaligen Wohnung der Familie Bugajew finden sich Fotographien, Bücher, Möbel und anderes Inventar aus der Zeit um die vorige Jahrhundertwende. Einige mathematische Vorlagen des Vaters, Nikolaj Bugajews, der einen bedeutenden Mathematiker und Universitätsdekan war, sind ebenfalls ausgestellt. Belyj selbst studierte temporär an der naturwissenschaftlichen Abteilung der physikalisch-mathematischen Fakultät der Moskauer Universität. Interessant ist das Zimmer, das die entscheidende Umbruchsphase im Leben Belyjs mit entsprechenden Fotos sowie Erstausgaben seiner Bücher dokumentiert, als er am ersten Goetheanum in Dornach als Bildhauer mitarbeitete.
Die Professorin für slavische Literaturwissenschaft der Universität Trier Henrieke Stahl schreibt folgendes in einem Zeitschriftenbeitrag über Belyj:
„Im Schaffen des russischen Symbolisten Andrej Belyj (1880-1934) nimmt die Frage nach dem Wesen von Persönlichkeit [russisch, licnost] zeit seines Lebens einen wichtigen Raum ein und ist sowohl in seinen literarischen wie philosophisch-theoretischen Schriften entwickelt. Wenngleich Belyj keinen Text verfasst hat, der sich diesem Begriff eigens widmet, können dennoch aus seinem Werk Grundzüge einer Theorie der Persönlichkeit genetisch rekonstruiert werden.“
karmische anhaltspunkte
In den Vorträgen über karmische Zusammenhänge die im ersten sogenannten Karmaband (GA 235) gesammelt sind, spricht Rudolf Steiner von „prägnanten Punkten“, von „signifikanten Eigentümlichkeiten“, vom „Okkultismus im Leibe“ und von „Anhaltspunkten“ der Biographie, die man benutzen kann, um zu Karmaerkenntnis zu erlangen. Steiner beschrieb zahlreiche konkrete Beispiele von karmischen Zusammenhängen historischer Persönlichkeiten. Dabei können wir nachvollziehen, wie er selbst durch solche Anhaltspunkte auf meditativem Weg zu den früheren Leben der betroffenen kam. Ein solches Beispiel, das ich in Moskau referierte, behandelt den Philosophen Eduard von Hartmann, der für Steiners eigene philosophische Entwicklung von Bedeutung war. Steiner hebt Hartmanns Knieleiden hervor, als die günstigste meditative Basis, um in seine karmischen Hintergründe zu gelangen.
Ein Beispiel, das ich einmal in der Karmakonferenz in Stuttgart 1998 in einem Vortrag beschrieb, das später in der Buch-Dokumentation von Nothart Rohlfs mitgenommen wurde, berührt meinen ehemaligen Lehrer in Järna, Jørgen Smit, der seit 1975 im Dornacher Vorstand und als Sektionsleiter wirkte. Zu großer Trubel und Widerstreit einiger Zuhörer nannte ich damals auch seinen Namen. Im Buch jedoch und auch in meiner eigenen karmischen Autobiographie verweigerte mir das Verlag, seinem Namen gleichzeitig in Zusammenhang mit dem Beispiel anzugeben. Heute führt eine direkte karmische Bezugnahme zu bekannten Anthroposophen kaum mehr zu Aufregung. So auch in Moskau nicht, als ich die folgende Geschichte erzählte:
Bei Jørgen beobachtete ich oft, dass er morgens aus seinem damaligen Wohn- und Unterrichtshaus - namens Tallevana - auf der Seminargelände auf die Treppe ging und hochschaute, ob es Regen in der Luft lag. Wenn es am Tag der Gefahr bestand, nass zu werden, nahm er sicherheitshalber seine Gummigaloschen mit. Wenn er feststellte, dass der Pfad lehmig war, nahm er sie über die feinen, schwarzen Halbschuhe immer an. Keine andere der Lehrer oder Studenten am Rudolf Steinerseminar hatten meiner Erinnerung nach solche Galoschen. Auch darin war Jørgen Smit originell.
Um andere Imaginationen über das 12. Jahrhundert, die ich geschaut hatte, worin auch Jørgen in seiner damaligen Gestalt auftauchte, zu bestätigen, nahm ich nun das Galoschenmotiv als Anhaltspunkt, um etwas Neues über uns oder über ihn zu erforschen. Eine erstaunliche Geschichte mit Vor- und Nachgeschehen offenbarte sich als Antwort: Ich schaute der im Jahr 1167 aus Rom in einem Flusskahn sitzenden Papst Alexander III. von seinem nächsten Berater und Gefolgsmänner begleitet und vom Gepäck umgeben. Die Szene mit nassen mit Goldsaum genähten Spitzschuhen und kalten Füßen und die darauf entstandenen Influenza und dem bis zum Lebensende andauernden Lungenleiden habe ich in meinem ersten Buch detailliert geschildert. Die Eigentümlichkeit, bei Regen sich Galoschen anzuziehen, scheint also mit dem mittelalterlichen Platzregen zu tun zu haben, wobei anzumerken ist, dass allenfalls mehrere Inkarnationen dazwischen liegen können, sodass in diesem Beispiel eine regelrechte Umkehrung der karmischen Folgen nicht direkt nachvollziehbar ist.
„Der Lebenslaub eines Menschen erscheint inspiriert von seiner eigenen Dauerwesenheit, die von Leben zu Leben sich weiterführt; und die Inspiration erfolgt so, dass die Lebensschicksale eines folgenden Erdenseins als die Folge sich ergeben der vorangegangenen Erdenleben. So lernt der Mensch sich selbst erkennen als eine ‚andere Wesenheit’, eine solche, welche er nicht im Sinnensein ist, und die sich in diesem Sinnensein nur durch ihre Wirkungen zum Ausdruck bringt.“
bauen der imaginativen hütte
Dieses Zitat von Steiner aus Die Schwelle der geistigen Welt (GA 17) fasst zusammen die Aufgabe und die Möglichkeit, die sich für eine meditative Schulung ergeben. In den Seminaren in Moskau und in Waldai wurden dementsprechend innere Schritte übend gegangen, um besonders das Trauma der Heimatlosigkeit, das ein Merkmal des modernen Menschen ist, aufzugreifen, und, um die daraus entstandene Befremdung gegenüber der eigenen Persönlichkeit auf einer höheren Ebene umzuwandeln. In einer faktischen Landschaft, die jeder aus dem Gedächtnis ausfindig machen können, die mit wohlwollenden Gefühlen und mit schönen Erinnerungen geprägt ist, wird eine sogenannte Hütte, eine Kapelle oder ein Tempelchen aus der schöpferischen Phantasie innerlich ‚gebaut’. Dieser meditative Ort wird sodann zum Ausgangspunkt, zum Vorbereitungsraum und zum Rückzugsplatz auf dem inneren Übungsweg, die dann weiteren Freistätten der Seele und Tempel des Geistes ausfindig machen lassen.
Dorian Schmidt, Gärtner, Bildekräfteforscher und Mitarbeiter am Institut für biologisch-dynamische Forschung in Darmstadt, formuliert diese übersinnliche Aufgabe mit folgenden Worten:
„Man sollte sich im Geistigen eine Hütte bauen. Das heißt, nicht überall herumsuchen, sondern an einem Punkt ansetzen, an dem man schon in der Sinneswelt, im normalen Seelenleben sich gut auskennt, einen soliden Erfahrungshintergrund hat. Dadurch hat man Korrekturmöglichkeiten beim Verständnis von feinen Wahrnehmungen, wenn diese, wie anfangs oft, mit wenig Inspiration durchsetzt sind.“
Eine Bedingung für Erfolg auf diesem Schulungsweg ist, dass man mit der der geistigen Welt und z. B. mit Naturwesen freimütig zusammenarbeiten möchte. Dabei können geistige Anhaltspunkte in der Meditation auftauchen, die bis in konkrete Hinweise für die Herstellung von neuen Produkten und Erfindungen gehen, die aber zunächst entziffert und verstanden werden müssen, wenn sie z. B. in Form von Symbolen oder anderen imaginativen Andeutungen auftreten. Unter den russischen Teilnehmern sind auf diesem Weg bereits einige positive Erfahrungen gemacht worden. Die nächste Russlandreise ist für den Frühsommer 2010 vorgesehen.
18. November 2009


Kasimir Malewitsch, Selbstporträt(1933), Staatliches Russisches Museum, St. Petersburg. Quelle: Wikipedia
Besucher seit 2008
Copyright © 2008-2010 · Jostein Sæther · info@gamamila.de
D
urch die Dienstleistungen zweier orientierungsfähigen Jugendliche, die beide Deutsch mühelos sprechen, konnte ich bei meiner Wiederkehr nach Moskau sowohl das riesengroße und umfassende Neue Tretjakow-Galerie als auch das kleine und intime