Kunstmeditation
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Jostein Sæther | Kunstmeditation
als Brücke zum Geist-Erleben
Der Umgang mit Kunst baut eine seelische Brücke, die zu geistigem Erleben führt. Eine künstlerische Annäherung an alle sinnlichen Phänomene führt dahin, dass du übersinnlichen Qualitäten auf die Spur kommst. Es kann eine „Brückenbau“ in der Seele eingerichtet werden. Ich spreche dabei von einem Gefühlsgebilde. Wie diese Bildung oder dieser Modus genauer erschaffen werden kann, möchte ich verdeutlichen, so dass die Art und Weise des seelischen Vorhabens der Bildmeditation richtig verständlich werden kann.
Das seelisch-geistige Bemühen
Nehmen wir einmal ein sehr berühmtes Gemälde, das in Dresden hängt: „Die Sixtinische Madonna“ von Raffael. Wenn die Möglichkeit nicht besteht, nach Dresden zu fahren, um das Original anzuschauen, musst du dich damit zufrieden geben, eine Reproduktion als Vorlage zu benutzen. Durch die Kunstbetrachtung gehst du wie oben beschrieben vor, bis der Punkt erreicht ist, dass du das Bild immer neu aus der Erinnerung auch mit geschlossenen Augen aufbauen kannst, ohne die Reproduktion zusätzlich anzuschauen.
Setze dich mit aufrechtem Rücken bequem hin, so dass die Schultern locker sind und eine ruhige Atmung möglich ist. Nun gehst du das Motiv wieder durch, indem du es in andere Kunstformen übersetzt. Versuche, es als Plastik anzuschauen, das heißt als dreidimensionale Gestaltung in einem architektonischen Raum zu denken. Was erlebst du dabei? Oder wie würde es auf einer Bühne in eine dramatische Darstellung passen? Wie, wenn dazu Musik käme und es, wie in einer Oper, gesungen werden sollte? Unabhängig von deinen verschiedenen Gefühlen und Gedanken, die sich einstellen, musst du dich selber energisch durch ein solches Vorhaben als direkt dabei anwesend denken. Deine Position rückt gewissermaßen dem Motiv näher, als wenn du es als ein von dir getrenntes Bild siehst.
Ein solcher Vorgang wird in der heutigen psychologischen Terminologie als Visualisierung bezeichnet. Diesen Begriff kann natürlich benutzt werden, wenn berücksichtigt wird, dass hier nicht nur visuelle Aspekte in Wirksamkeit treten sollen, sondern dass auch Aspekte, die mit den Zeitkünsten zu tun haben, mitwirken müssen. So gesehen reicht es auch nicht, nur von Bildmeditation zu sprechen, sondern wir müssten von Kunstmeditation reden. Der Begriff „Bildmeditation“ wird der Einfachheit halber im Text weiter benutzt, weil er schon durch Jahre in meiner Arbeit eingearbeitet ist.
Mit dem Begriff Visualisierung besteht vielleicht die Gefahr, dass man sie mit einer falsch verstandenen Interpretation von Vision verbindet, wobei häufig - mindestens bei vielen Anthroposophen - etwas Krankhaftes gemeint wird. Weil es in allen diesen seelischen Abläufen, seien sie als psychologische Therapie oder als eine sich selbst schulende Meditation eingesetzt, um das echte Künstlerische geht, ist es immer besser, durch direkte individuelle Erfahrung zu den adäquaten Begriffen zu kommen. Wesentlich ist, dass auch hier - wie bei aller Meditation - es um die eigene Aktivität des seelisch-geistigen Bemühens geht.
Die innere Atmosphäre
In der nächsten Phase der modulierenden Beschäftigung mit dem Madonnenmotiv versuchst du, dich dementsprechend zurecht zu finden, dass du dich selbst überzeugst, in einer immateriellen Situation zu sein, das heißt, du versuchst wirklich, dich mitten in dem Motiv anwesend zu erleben. Um zu verstehen, was hier gemeint ist, musst du zunächst verschiedene menschliche Positionen in der Meditation nacheinander ausprobieren. Du versetzt dich in die Rollen der verschiedenen Figuren im Bild, indem du von der entsprechenden Raumposition in dem gebildeten, imaginierten Zusammenhang versuchst zu handeln, zu fühlen und zu denken. Du lässt aus dem sich Hineinleben in die Figuren die oben beschriebene Dreiheit - Bewegung, Gefühl und Charakter - mit ihren entsprechenden Farben entstehen.
Du kannst von den Farben im Bild ausgehen, aber du musst nicht bei ihnen „hängen bleiben“, sondern du kannst aus dem inneren Gefühl heraus andere Klänge entstehen lassen, die dir auch relevant vorkommen. Aus diesem sich hin und her Bewegen und sich Zurechtfinden wirst du entdecken, dass dir in den verschiedenen Haltungen und Positionen abwechselnde Empfindungen, Gefühle oder Ahnungen aufkeimen. Du wirst allmählich oder sogar unerwartet spontan entdecken, dass du dich nicht mehr nur innerhalb der eigenen Phantasiegebilde befindest, sondern du wirst merken, dass in deiner Seele eine Atmosphäre - sozusagen als etwas Spürbares, das um dich lebt - entsteht, wo echtes Übersinnliches als etwas Befindliches empfunden werden kann. In dieser Lage wird es wichtig, diesen entscheidenden Moment innerhalb der Meditation nicht nur als Erleben zu haben, sondern nach der Meditation ihn mit dem normalen Bewusstsein zu charakterisieren,
um erneut aus einer Gefasstheit der Vertiefung zu neuem Meditieren zu gehen.
Das atmosphärische Gefühl ist die Ankündigung einer Erweckung der in der Seele schlummernden Organe der Chakren, die im Menschen für geistige Wahrnehmung allgemeingültig seit Uranfang der Menschheitsentwicklung eingegliedert sind. So wirst du zunächst die Geistorgane anders als die Sinnesorgane erfahren. Wenn für die Sinneswelt der Mensch wie aus einem Punkt nach außen etwas erfasst, muss er für Übersinnliches umgekehrt, mehr wie aus dem Umkreis wahrnehmen, das Geistige auf sich wirken lassen, um aus einem inneren Willen die Erkenntnisse dann zu erschließen.
Karmaschau bewirken
Wenn eine entstandene relevante Frage aus der forschenden Arbeitsweise mit in die Übung hinein genommen wird, kann die aufgebaute Relation zum Madonnenmotiv als Übergang zu einer weiteren Situation in der Meditation geschaffen werden, in der auf eine Auskunft eingegangen werden kann. Später werden wir diese fragende Tätigkeit genauer betrachten und mit Exempeln ergänzen, wie du dich verhalten kannst, wenn Beantwortungen in Form von symbolischen, bildhaften oder sprachlichen Prägungen erscheinen.
Für die künstlerische Ausgestaltung des ersten Goetheanums schuf Rudolf Steiner eine Reihe von Entwürfen, die er maßgebend selber in den plastischen und malerischen Techniken mit ausarbeitete. Der erste Goetheanumbau war von ihm so intendiert, dass, gefördert durch die künstlerischen Formen des Baus, Karmaschau bewirkt werden sollte. Schon die sinnliche Anschauung sollte die Funktion haben, karmische Imaginationen beim Betrachter frei zu machen. Wenn man unbefangen ist und sich meditativ in diese Goetheanum-Motiven vertieft, muss angenommen werden, dass eine gesteigerte Möglichkeit entstehen wird, das Schauen anzuregen. Für die Malerei der großen Kuppel existiert z. B. das Motiv „Der indische Mensch“, das auch in einer nachgemalten Kopie in dem heutigen Dornacher Bau zu sehen ist.*
Fortsetzung am 16. März
* Eine Beschreibung mit den Kommentaren und Skizzen von Steiner zu diesem Motiv befindet sich in: Hilde Raske, Das Farbenwort. Rudolf Steiners Malerei und Fensterkunst im ersten Goetheanum, Verlag Freies Geistesleben, Stuttgart 1983. Seite 101 ff.
Berit Frøseth hat eine solide künstlerische ausbildung in malerei, radierung, lithographie und graphische gestaltung von SHKS (Staatliche kunsthochschule) in Oslo, von Emerson College, Forest Row (GB) und von Rudolf Steinerseminar, Järna (SE). Zusätzlich hat sie noch deutsch studiert. Wir lernten uns im künstlermilieu in Järna kennen, wo künstler, junge und alte, mit verschiedener herkunft sich austauschten und neue wege für die eigene künstlerische arbeit suchten. Berit schreibt über kunst und engagiert sich für die situation der künstler in Skandinavien, die von der anthroposophie inspiriert sind. In ihren bildern sehe ich eine starke sensibilität für natur- und lichtzusammenhänge, die schöne stimmungen schaffen und neue objekte auf der fläche offenbaren.
Künstlerporträt: Berit Frøseth
Ich suche wohl den expressiv-persönlichen Ausdruck anstelle des Forscherischen, Experimentellen. Die Inspirationsquelle ist oft die Wechsel der Jahreszeiten, die Verwandtschaft des Menschen mit der Natur und religiöse Motive, als Ausdruck allgemeinmenschliche Ereignisse.
Berit Frøseth
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Berit Frøseth,
Motiv von Ekhagen
Berit Frøseth, Morgen
Berit Frøseth, Horisont 2
Berit Frøseth,
Nacht in Ekhagen
Gamamila
2. März 2008
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