Der lebendige Rudolf Steiner
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Fragen über und an die Anthroposophie führen durch... 
           
Jostein Sæther | Anwältin für Rudolf  Steiner

Eine Buchbesprechung: Mieke Mosmuller, Der lebendige Rudolf Steiner. Eine Apologie

In diesem Jahr des Einstimmens habe ich wenige Bücher gelesen. Heutzutage schaffe ich ein Buch fertig zu lesen, vorwiegend, wenn ich auf längere Reisen ohne Auto bin. Während der letzten in Skandinavien und Italien hatte ich Der lebendige Rudolf Steiner. Eine Apologie von Mieke Mosmuller als Lektüre mit. Ihre früheren vielen Bücher - die gebürtige Niederländerin hat seit 1994 in deutscher Sprache sieben und insgesamt 19 Bücher veröffentlicht - habe ich nicht gelesen, weswegen meine Kommentare und meine Kritik jetzt mit gewissem Vorbehalt gegeben werden. Mosmuller scheint also unter anderen anthroposophischen Autoren wie Sergej O. Prokofieff und Peter Selg ganz vorne im esoterisch-exoterischen Turnier sich zu tummeln.

In der Autorenpräsentation ihres Verlags, das gegründet worden ist von ihrem Ehemann, Jos Mosmuller - der ebenfalls wie sie Mediziner ist -, und rein für ihre Schriftstellerei veranlasst zu sein scheint, wird sie wie folgt umschrieben: „Durch intensives meditatives Studium von u. a. Die Philosophie der Freiheit von Rudolf Steiner kam eine vollkommen selbstständige innerliche Entwicklung in Gang. Von 1984 bis 1998 waren beide Mitglied der Anthroposophischen Gesellschaft und zugleich der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft. Mit dem selbstständigen Erleben des Geistes, ausgehend vom reinen Denken, geriet Mieke Mosmuller in Opposition zur herrschenden anthroposophischen Lebens- und Meditationspraxis, zu deren Vertretern. Konflikte gab es zwar nicht, aber sie konnte ihre Arbeit nicht in die bestehenden Strukturen hineinführen. Äußerlich führte dies 1994 zur Niederschrift eines philosophisch-spirituellen Zeugnisses des realen Erlebens des Geistes: Suche das Licht, das im Abendland aufgeht, das durch Jos Mosmuller publiziert wurde (Occident Verlag).
[…] 2008 äußert Mieke Mosmuller ihre in vielen Jahren gewonnenen Einsichten in Bezug auf das wahre Wesen der Anthroposophie zum ersten Mal in aller Klarheit. Ihre Biografie mag deutlich machen, dass diese neuen Bücher einerseits die Bedeutung einer Rechtfertigung der wahren Anthroposophie und ihres Begründers, des Meisters des Abendlandes, haben, dass sie andererseits nichts anders sein können als eine Anklage gegen die heutige Form und die Vertreter der Anthroposophie.“

In diesem biographischen Umriss wird es klar, dass Mieke Mosmuller Rudolf Steiner als der Meister des Abendlandes ansieht. Für sie ist sein Wort von seinem Gedanken nicht getrennt, er war eins damit. Demgemäß lebte er sich in seinen Worten dar, und in sich lebte er die geistige Welt dar. In den Worten des Verlags erfolgt daraus, dass, wenn jemand eine Steiner-Zeile liest, „so hat man ihn selbst, zusammen mit dem gelesenen Inhalt, aufgenommen.“  

Die vier Quellen zu Rudolf Steiner
Beim Lesen dieser Verteidigungsschrift für Steiner, beim Verstehen-wollen ihrer Rechtfertigung auch der eigenen Annäherung an Steiner, habe ich probeweise mit wechselhaftem Resultat versucht, ihre Vorgehensweise zu benutzen, um mich sie anzunähern. Im Vorwort sagt Mosmuller, dass sie keine zusätzliche Biographie über Rudolf Steiner geschrieben hat. Das ist gut so! Es gibt für sie vier Quellen, wenn man ihn kennen lernen möchte: erstens, die vielen Biographien inklusive sein eigenes unvollendetes Umriss des Lebensgangs; zweitens, sein ganzes Lebenswerk; drittens, die zurückgelassene Anthroposophische Gesellschaft und viertens, die Quelle, aus der man in sein inneres Wesen blicken kann. „Dieses Buch ist aus der vierten Quelle geschöpft und trägt deshalb den Titel: Der lebendige Rudolf Steiner. Dieser Mensch ist noch immer da, entweder in der geistigen Welt, oder aufs Neue in einem physischen Körper inkarniert. Er schaut zu, was aus seinen drei Quellen, seinem Vermächtnis, gemacht wird, was daraus wird.“

Der Weg zur vierten Quelle beschreibt Mosmuller als derjenige der liebenden Erkenntnis oder der erkennenden Liebe. Es handelt sich um eine gelebte Erkenntnisart. Wenn man einen Menschen oder sein Lebenswerk kennen lernen will, kann die Erkenntnisart weder intellektuell noch nur empfindend sein, sondern sie muss über dem reinen Denken entstehen. „Man hat ein Denken entwickelt, das sich so stark angestrengt hat, nur im Denken selbst zu leben, das es sich ganz vom Egoismus, von subjektiver Sympathie und Antipathie befreit hat, das also vollkommen unbefangen jeden Inhalt mitdenken kann, ohne Meinung oder Urteil - denn diese können im reinen Denken nicht weiterleben. Man erlebt die Inhalte nur, und es ist ein reines, urteilfreies Erleben. Die Geduld beim Erleben liefert schließlich das Urteil; es wird nicht geformt, sondern überkommet einen.“

Lesen ist ein Atem
1983 begann Mieke Mosmuller Steiner zu lesen, sie fing drei Jahre später an zu meditieren und ein Jahr danach im Alter von 36 Jahren „überkam“ ihr erstmals „die Erfahrung des reinen Denkens, zusammen mit der reinen Ich-Erfahrung.“ Diese Fähigkeit die „über Sternen“ (Steiner) liegt, benutzt sie nun seitdem, wenn sie anthroposophische und andere Themen z. B. in Romanform ausarbeitet. Der Rezensent Holger Niederhausen äußert sich in der Zeitschrift Europäer (Nr. 12/2008) äußerst zusagend über ihr Steiner-Buch: „Es gibt kein Buch, das dem Wesen Rudolf Steiners näher kommt und die Tragik der Anthroposophie heute klarer und wahrhaftiger beschreibt als dieses.“  Wie er auch schreibt, gibt es heute sehr viele Bücher über Rudolf Steiner, aber da ich sie alle nicht gelesen habe, und auch nicht lesen werde, möchte ich nicht riskieren, meine Begeisterung zu überspannen. Also wiederhole ich seine Adjektive lieber nicht. 

Im ersten Teil des Buches, das mehr als die Hälfte umfasst, beschreibt nun Mieke Mosmuller das Leben und Wirken Rudolf Steiners nach ihrer Methode des Annäherns. Es geht um das Lesen des Werks, die Frage, ob Steiner nur Denker war oder auch Eingeweihter. Sie behandelt seine Grundschriften und seine Vortragstätigkeit, seine künstlerische Arbeit und die Zeit während und nach dem ersten Weltkrieg. Sie untersucht die Weihnachtstagung und das Karma ihres Klienten in Zusammenhang mit dem Karma der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft (AAG). Im zweiten, kurzen Teil wiederholt und vertieft sie die einleitenden Gesichtspunkte zur Beziehung zum lebendigen Rudolf Steiner. Im dritten und im vierten Teil werden die Konsequenzen aus dieser Erkenntnisart gezogen für das Verständnis der Zeit nach Steiners Tod beziehungsweise für das Wirken seiner Individualität in Relief zur inneren Gegnerschaft der Anthroposophie und der von Außen kommenden Angriffen in unserer Zeit.    

Der Meister des Abendlandes
Das Lesen von Steiner ist für Mosmuller ein Atmen. Sie vergleicht es auch mit dem Aufnehmen und dem Umgang mit körperlicher Nahrung. Das Gelesene wird verwandelt und in der Seele neu hervorgebracht. Sie untersucht dann die üblichen Formen wie man zu Steiner steht und kommt zur Schlussfolgerung, dass ein öffentlicher Diskurs über ihn und seine Anthroposophie überhaupt nicht möglich sei. „Wenn man das Steinersche Denken der öffentlichen Kritik übergeben will, sollte man wenigstens selbst die intellektuelle Dummheit überwunden haben.“ Über viele Kapitel beschreibt sie nun, wie wir uns den Denker und Eingeweihten Rudolf Steiner anders als üblich annähern sollten, und sie kommt zu dem Fazit:

„Jeder Mensch, der sich im Sinne des Meisters des Abendlandes zum Bewusstsein der reinen Form erhebt, findet unmittelbar die Individualität dieses Meisters als Freund neben sich. Er fühlt das verbindende Karma. Die Form muss jedoch Kraft sein, sonst leitet sie den Geist nicht. Überall, wo ein Bewusstsein der Form der Anthroposophie - ein Gewahrwerden der reinen Form des Denkens - da ist, ist der Meister des Abendlandes da. Die Allgemeine Anthroposophische Gesellschaft entspricht jedoch in keinerlei Weise dieser Anforderung, denn mit dieser Anforderung hängt das volle Verständnis für die Individualität dieses Meisters, dieses Gottesfreundes zusammen. Hätte man in den achtziger Jahren vielleicht noch an einer Verbindung zwischen Meister und Gesellschaft ‚nur’ zweifeln können, nach 1998 gibt es sie absolut nicht mehr.“

In jenem Jahr hatte die öffentliche Zugabe des niederländischen Vorstandes der anthroposophischen Landesgesellschaft in der sogenannten Rassismusdebatte viele weitere Reaktionen ausgelöst, darüber, dass im Werk Steiners „rassistische“ und „diskriminierende“ Aussagen gefunden werden könnten. Schon anfangs im Vorwort teilt sie mit, dass ihre unmittelbare Anregung zum Schreiben des Buches, damit zusammenhängt, dass Ramon Brüll und Jens Heisterkamp im Frühjahr 2008 zum öffentlichen Dialog ein Diskussionspapier über die Rassismusvorwürfe gegen Rudolf Steiner vorlegten, das eine Reihe von prominenten Anthroposophen unterzeichneten. Wie es sich später herausstellte, war das Letztere wohl eine voreilige Tat. Jetzt liegt das Schlussdokument der beiden Redakteure vor, so auch die Apologie Mosmullers. Also kann das Schlussplädoyer anfangen! Wer möchte mit mir unter den Geschworenen sein? Auf welchem Band der GA sollen wir unsere Treue bezeugen? Und wo sitzt indessen der Schiedsrichter? Ich sehe keine Perücke!            

Mosmuller vertritt die Auffassung, wie viele Anthroposophen vor ihr, dass die Weihnachtstagung nach Steiners Tod missglückt sei. Sie setzt sich - wie Niederhausen schreibt - „mit der bis heute verbreiteten Auffassung auseinander, Rudolf Steiner habe sich in der Weihnachtstagung karmisch mit der ‚Gesellschaft’ verbunden und bleibe es ‚auf ewig’.“ Die Autorin versucht, ihre Bezieher wachzurufen, damit, „dass der Geist der Anthroposophie nicht in der Gesellschaft ist, nicht da sein kann, weil er nicht leben kann, weil es dafür keine Bedingungen gibt.“ Da in der AAG nichts geduldet wird, muss man die reine Form der Anthroposophie in sich selbst finden und erleben. Diese Sachlage hat dazu geführt, mutmaßt Mosmuller, dass der Grundsteinsspruch der Weihnachtstagung von 1924 und die Klassenstunden nicht mehr als Meditationsinhalt verwendet werden können.

Die Anti-Anthroposophie
Im großen Ganzen sehe ich aber keinen bedeutenden Unterschied zwischen ihrem Plädoyer des Lebens Steiners, den Zitatenbeweisen, die sie anführt und ähnlichen Ballasten von Anthroposophen, die in der AAG geblieben sind, wie z. B. Jørgen Smit (1916-91) und Prokofieff. Selbstverständlich steht ihre Aussage über die Wirkung des Meditierens der Klassenstunden in krasser widerstand zur üblichen Handhaben des mantrischen Inhalts der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft (FHG): „Man wird sich dann selbst bewusst werden können, wie man in Prozesse der Anti-Anthroposophie hineinkommt, wie es unmöglich ist, die reine Form zwischen allen dämonischen Wirkungen zu finden, wie diese wie Gift wirken“. Es ist mir allerdings beim Ein- und Ausatmen von Der lebendige Rudolf Steiner aus den Augen verloren, warum genau das meist Esoterische der Anthroposophie durch die Spaltung des Urvorstandes und durch die tragische Gesellschaftsgeschichte verteufelt worden ist, und warum nicht zugleich auch das ganze Werk inklusive Die Philosophie der Freiheit unbrauchbar geworden ist. Ist es nur so, weil für sie die GA 4 zum Schlüssel des Geist-Erlebens wurde? Ich würde gern ganz konkret wissen, welche Imaginationen oder welche andere Erfahrungen aus höherem Bewusstsein sie anhand der eigenen Arbeit an den Mantren der ersten Klasse hatte, die sie zu diesem radikalen Urteil führte. 

Selbstverständlich kommt es auf die Verbindung mit der Anthroposophie an, wie sie schreibt, und nicht darauf an, ob man Mitglied einer Gesellschaft ist oder nicht. Diese Beziehung „verbindet das Karma dieses Menschen mit dem des Meisters des Abendlandes. Und wir alle sollten uns tief in die Seele schreiben, dass unsere Erkenntnisse, unser Erleben, unser Handeln, unsere Liebe auf das Karma des Meisters zurückwirken“. Ich habe sehr viele Anthroposophen gekannt - ich könnte eine lange Liste von Namen aufstellen -, die bis zu ihrem Tod Mitglieder gewesen sind, und ich kenne einige, die es immer noch sind, und ich behaupte, dass sie genau dieses getan haben: tief in ihren Seelen eingetragen haben, „dass unsere Erkenntnisse, unser Erleben, unser Handeln, unsere Liebe auf das Karma des Meisters zurückwirken“.

Das ist ja gerade das Krux, dass trotz so viel Liebe, Ehrlichkeit und positivem Bemühen von Zehntausenden Anthroposophen, gleichlaufend so viele soziale und menschliche Tragödien entstanden sind, die sich dermaßen mit der Geschichte der Anthroposophie zusammen gewunden haben. Ich selbst bin ja fast zugrunde gegangen gerade in solchen Gesellschaftsstrudeln, und ich behaupte deswegen, die Zustände nicht nur aus dem Alltag in vielen Institutionen und in zahlreichen Personenkonstellationen sondern auch bis in die karmischen Hintergründe dieser Menschen mich bestens auszukennen. Infolgedessen würde ich - wenn überhaupt - viel behutsamer über die anthroposophische Geschichte urteilen, zudem Mosmuller ja selbst schreibt: „Eine fortwährende Arbeit an der eigenen Fähigkeit zum Mitleid und zur Liebe liegt vor dem Geistesschüler, neben einer stetigen Entwicklung der Erkenntnisfähigkeit selbst…“  

Der lebendige Rudolf Steiner
Mieke Mosmuller stellt dann die Frage: Wie findet man eine Beziehung zum lebendigen Rudolf Steiner? Sie leitet ab, dass diese Frage dem Faden sucht, der sich durch alle Inkarnationen dieser Individualität hindurch zieht und nie abreißt. Und nun stellt sie Zitate über das Denken von Aristoteles, von Thomas von Aquin und von Rudolf Steiner zusammen, ohne vorausgehend zu begründen, warum sie sie nebeneinander stellt, und woher sie diese denkbare karmische Identifikation genommen hat.

„Für das spüren dieser Entwicklung muss man ein Organ haben, der Verstand reicht nicht aus, weil dieser eben auch nur alle Tatsachen als Totes nebeneinandersetzen kann. Ein Erleben des Denkens muss geübt werden, um dieses Leben der Einsichten empfinden zu können. […] Der Philosoph hat als Erster das Denken selbst Gegenstand der Wissenschaft gemacht. Daraus ist dann die Logik hervorgegangen, die heute noch immer dieselbe Gültigkeit hat wie damals. […] Dann finden wir in der Scholastik diese Art des Denkens wieder. Der Heilige Philosoph, der ‚doctor angelicus’ ringt mit diesem Begriff des Denkens… […] aber er darf [das Denken, JS] nicht in Entwicklung bringen. Trotzdem atmet seine ganze theologische Philosophie […] die übermenschliche Macht und Kraft der Intelligenz. […] Dann erscheint diese Essenz am Ende des neunzehnten Jahrhunderts wieder. […] Deutlich mag sein, dass diese Individualität eine ‚Entelecheia’ hat, die der Intelligenz selbst sehr nahe steht. […] An dieser Stelle sollte die Verwandtschaft dieser Essenz, dieser Entelechie, mit der Macht, die Michael heißt, klar hervortreten.“                                          

„In der Erkenntnistheorie, wie Rudolf Steiner sie gebracht hat, finden wir Apollo, Michael und die Pietà wieder, so wie sie einst in dem Philosophen und in der Gralsgeschichte lebten. In der Eurythmie, der Sprachgestaltung, der Bühnenkunst, finden wir die Einweihung der Mysterien von Ephesos wieder. In der christlichen vorträgen steht der Heilige Philosoph vor uns. In der Geheimwissenschaft finden wir die Mysterien-Erkenntnisse im christlichen Auferstehungsgewand. Das Wesen des lebendigen Rudolf Steiner ist die auferstandene, sich selbst verwaltende Intelligenz.“

Diese schönen Worte und Resümees mögen manche Leser zum ersten Mal aufnehmen. Ich finde sie auch sehr schön, und Wiederholungen oder dasselbe Inhalt in neuen Formulierungen sind immer gut. Der Kern ihrer Darstellung ist dem ungeachtet nicht neu. Schon in den 1970er Jahren und später durch die Arbeit von z. B.  Peter van Manen traten solche karmische Hinweise in die Öffentlichkeit ein. Allerdings in der Spezifizierung, dass die betreffende Individualität nicht mehr sich erleben lassen nur durch den Namen „Rudolf Steiner“, tritt die Emanzipation Mieke Mosmullers klar hervor. „Wenn ein solches Bild, ein solcher Begriff, wie ich sie jetzt geformt habe, innerhalb der Herzen und Häupter der Anthroposophen strahlend gehegt worden wäre, dann wäre das Goetheanum ein Sonnentempel, ein Mysterien-Mittelpunkt der Erde - und es könnte der Meister des Abendlandes dort seine Führung wieder auf sich nehmen, jetzt oder innerhalb einiger Jahrzehnte, wenn er wieder auf der Erde wäre.“

Der „Prozess“ tagt weiter 
Ein schöner Gedanke! Aber ist er wahrhaft gedacht? Wenn es auch eventuell so schlimm in der AAG aussieht, wie Mieke Mosmuller es darlegt, zweifle ich an, dass der wiederkommende oder -gekommene „Steiner“ je die Führung einer in der Öffentlichkeit wirkende esoterische Gesellschaft oder eine Hochschule wie das Goetheanum nochmals übernehmen würde. Warum sollte er oder sie dies tun, dieweil die Individualität allemal für den ehrlich strebenden Geistesschüler zugänglich und geistig anwesend ist, wie Mosmuller es so definitiv erklärt? „Den lebendigen Rudolf Steiner findet man nicht in Zitaten oder Anekdoten. Er lebt in der Begabung, die Welt als von Sinn durchdrungen zu erkennen, sich selbst als Sinn-erkennend zu erkennen; das Durchforschen und Erleben dessen lässt uns den Geist in uns selbst spüren, immer stärker und stärker, bis er sich zur geistigen Welt differenziert und verdichtet.“

Falls die vielen geistigen Erfahrungen der individuellen Differenzierung und der Verdichtung, die ebenfalls unter Anthroposophen der Gegenwart schon existieren, ernsthaft begrüßt werden sollten, würde diese Individualität sich möglicherweise „offenbaren“ können. Ein solches Hervortreten, wenn und falls es kommt, müsste überhaupt nicht sozial „umwerfend“ sein, da es ja nur unter „alten“ Freunden stattfinden würde. Da wäre viel für Anthroposophia gewonnen, aber auch der Meister des Abendlandes möchte sehr gern unter Freunden einen seiner neuen Witze vortragen und nicht nur neue Weisheiten verteilen.      

Die zuletzt zitierten Worte kann ich jedoch voll unterschreiben, weil ich selber dementsprechend schon vor Jahren den lebendigen Rudolf Steiner im Geiste in gemeinsamer Liebe fand. Daraus habe ich Wege gesucht trotz meinen offiziellen Austritten aus der AAG und aus der FHG, sodass ich mich nicht loslöse von der wahren esoterischen Quelle in jedem Menschen, der ich als mit der Anthroposophie weiterhin verbunden sehe, sondern in Liebe mit ihnen durchdrungen bleibe. So glaube ich heute im Rückspiegel mit milderem Blick, als Mieke Mosmuller und einige andere scharfen Kritiker es tun, zu beobachten das tragische und oft als verwirrend erscheinende anthroposophische Hervortreten der letzten 100 Jahre - in Skandinavien wird gerade das Jahrhundertjubiläum des ersten Besuchs von Rudolf Steiner gefeiert. Sie benennt außerdem meines Wissens mit keinem Wort die sogenannte Kulmination der Anthroposophie am Ende des 20. Jahrhundert, das für Rudolf  Steiner vorausschauend am Finale seines Lebens äußerst entscheidend vorkam,  und für mich rückwärts blickend - als Begriff einer geschichtlichen Symptomatologie der Anthroposophie - genauso entscheidend bleibt.

Für mich sind die letzten Worte über das Geheimnis Rudolf Steiner also lange noch nicht formuliert, und der „Prozess“ - trotz des Frankfurter Memorandums eingerechnet - wird folglich weiter tagen müssen. Der übersinnliche Zugang zu „Steiner“ und zu anderen Individualitäten der Kategorie der Meister wird sich mit dem „Motiv“ der Kulmination befassen müssen, und mit der Frage: Wie hat man selbst und wie haben die Freunde der eigenen karmischen Strömung darin gestanden und während diese Jahre des Millenniumswechsels damit gelebt? Bis ich erkannt habe, wie Mieke Mosmuller mit dieser Frage lebt, sehe ich es als zu viel, die letzten brisanten Kapitel ihrer Freisprechung hier auszupacken. 
     

Mieke Mosmuller, Der lebendige Rudolf Steiner. Eine Apologie.
Occident Verlag, Baarle Nassau 2008.
ISBN 978-3-00-024743-9
www.occidentverlag.de

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Rudolf Steiner im Jahre 1900
Quelle:
anthroposophie.net
Der 21-jährige Student Rudolf Steiner, um 1882
Abbildung übernommen aus Wikipedia
Rudolf Steiner
um 1905.
Abbildung übernommen aus Wikipedia
Rudolf Steiner
um 1891/9. Radierung von Otto Fröhlich.
Abbildung übernommen aus: Walter Kugler, Rudolf Steiner und die Anthroposophie, 1978, S. 89.
Rudolf Steiner (Mitte) auf dem Weg zur Uhlandhöhe in Stuttgart. Die Aufnahme wurde 1922 von einer 12-jährigen Waldorfschülerin gemacht.
Quelle: anthroposophie-muenchen.de
Rudolf Steiner
(Zweite von links). Gruppenfoto mit Familie Specht.
Quelle: anthroposophie-muenchen.de
Rudolf Steiner und Marie von Sievers vor dem Haus eines Theosophen
Quelle: anthroposophie-muenchen.de