Holger Niederhausen I
Gamamila
20. Januar 2009
Chronikarchiv

15. Januar 2009
Die Anthroposophie in Norwegen

5. Januar 2009
Das Traumlied vom Olav Åsteson

12. Dezember 2008
Über die Enthüllung der Mysterien

1. November 2008
Dafür ist Güte nötig

2. Oktober 2008
Anwältin für Rudolf Steiner

23. September 2008
Ist Sebastian Gronbach eine Gefahr?

3. September 2008
Der Almandin

29. August 2008
Ich-Kunst und Karmaforschung

28. Juni 2008
Erleuchtung im Sinne Rudolf Steiners - seine Lichtübung frei interpretiert

24. Juni 2008
Baummeditation

26. Mai 2008
Italien und die Zukunft des Südens

22. April 2008
Künstlerische Natur-Beobachtung

17. April 2008
Bjørn Moen: Karl Ludvig Reichelt - der Apostel des Johanneischen Christentums

11. April 2008
Frieden durch gegenseitiges Lernen -
Kari Bu im Gespräch mit Christian Egge

2. April 2008
Sebastian Gronbach und sein integraler Gasballon - eine Rezension

21. März 2008
Meister und Hüter der Meditation...

16. März 2008
Das Motiv auf einer Pastellskizze von Steiner enthält ein großes, ernstes Antlitz in rosa-violettem Farbton...

10. März 2008
Statt diesmal einen weiteren Aufsatz zu bringen, möchte ich mein Blog präsentieren...
» mehr

2. März 2008
Der Umgang mit Kunst baut eine seelische Brücke, die zu geistigem Erleben führt...


24. Februar 2008
Im höheren Bewusstsein betritt man geistige Orte, wo man sich normalerweise nicht auskennt...

17. Februar 2008
In vielen Ereignissen ist man allein gewesen...
» mehr


10. Februar 2008
Biografisches zu denken, zu bewegen und zu vertiefen, ist eine Voraussetzung für karmische Erkenntnisse...          


3. Februar 2008
Fragen über und an die Anthroposophie führen durch... 
           
„Auf Mieke Mosmullers kritisches Buch zu Judith von Halle habe ich allerdings schon hingewiesen. In dasselbe Horn bläst Holger Niederhausen auf seiner Website - nicht nur in diesem Aufsatz. Er beschäftigt sich auch mit der ‚Christusleere’ Sebastian Gronbachs, macht aber in einem Aufwasch auch die gesamte gegenwärtige Anthroposophie herunter: ‚Die Anthroposophie ist tot. Sie starb, weil niemand das reine Denken entwickelte, zu dessen Entwicklung Rudolf Steiner im Grunde immer wieder aufgerufen hatte. Wenn aber die Anthroposophie tot ist, kann sie auch die menschliche Kultur nicht mehr befruchten.’ Niederhausen lässt in seinem pessimistischen, engen Blick offenbar nur die Bücher Mieke Mosmullers gelten: ‚Man muss es so drastisch beschreiben, wie Mieke Mosmuller es in Ihrem erschütternden Buch Der lebendige Rudolf Steiner tut. Die Anthroposophie liegt als Leichnam am Boden. Sie starb mit Rudolf Steiner - und wurde wie eine Mumie so gepflegt, dass nachfolgende Generationen von ‚Anthroposophen’ sie mit ihrem eigentlichen Wesen verwechselten - so wie man ihr Wesen schon zu Steiners Zeiten nicht erkannt hatte, sondern immer wieder ein zu äußerliches Verständnis hatte: von der Philosophie der Freiheit, von der sozialen Dreigliederung, von allem...’

Diese Beispiele ließen sich nahezu endlos fortsetzen. Auf staatlicher Ebene würde man von ‚separatistischen Bewegungen’ mit einem Alleinvertretungsanspruch sprechen, der mehr oder weniger drastisch vorgebracht wird. Fast alle Separatisten beklagen das Ende der Anthroposophischen Bewegung - ob die von Halle-Ecke, ob Niederhausen oder Gronbach - und präsentieren ihre jeweiligen allein selig machenden Lösungen. Man hat den Eindruck, dass die Fragmentarisierung der Bewegung voran schreitet, mit zunehmend schrilleren Tönen.“

Holger Niederhausen
Dieses charakteristische Zitat aus dem Text genannt Fragmentarisierung habe ich von dessen Autor Michael Eggert ausgeschnitten, um auf den Autor Holger Niederhausen zu kommen. Durch seine Beiträge in der Wochenschrift Das Goetheanum kenne ich seinen Namen. Seine Internetpräsenz habe ich mich nun näher angeschaut, und zu einigen seiner Standpunkte und Informationen möchte ich einige Kommentare geben und Nachfragen aufstellen.

Der in Berlin wohnhafte Holger Niederhausen (geb. 1969) ist laut eigener Beschreibung Diplombiologe. Er begegnete der Anthroposophie 1996 und machte eine Fortbildung als Waldorflehrer. Nach kurzer pädagogischer Tätigkeit an der Waldorfschule Berlin-Kreuzberg ist er ab 2001 beim Verein Freunden der Erziehungskunst Rudolf Steiners hauptberuflich Mitarbeiter gewesen. Seit dieser Zeit ist er auch schriftstellerisch tätig und hat viele Beiträge u. a. für die Dornacher Wochenschrift geschrieben. Außerdem hat er mehrere redaktionelle Aufträge belegt, und er ist Elternvertreter in der Pädagogischen Konferenz der Waldorfschule Berlin-Mitte, die sein ältestes Kind besucht.

Auf seiner Webseite hat er nun außer die eigenen vielen, oft sehr aufschlussreichen Aufsätzen zu Themen wie Waldorfpädagogik, Anthroposophie, soziale Fragen und das Weltgeschehen auch Hinweise zu interessanten Büchern und Geschichten zu Jahresfesten, die für Eltern eine Fundgrube ist, veröffentlicht. In Zusammenhang mit seinen Aufätzen, die wohl des Öfteren in dynamischer Austausch oder sogar in Konfrontation mit der Redaktion der Wochenschrift in Dornach oder mit der des Info-3 entstanden sind, hat Holger Niederhausen nun ebenfalls aus dem mit deren Redakteuren stattgefundenen Email-Austausch Ausschnitte publiziert, die durch seine Kommentierung wie durch eine Zeitlupe Kunde gibt in interessante und manchmal brisante Geschehnisse auf der anthroposophischen Szene bis in deren Kulissen.

Auseinandersetzung
Niederhausen ist nicht gnadevoll in seiner Kritik gegenüber diesen beiden Redaktionen. Nicht nur habe er oft erlebt, dass seine Beiträge durch die „Zensur“ nicht durchkamen, sondern Im Falle Das Goetheanum hätten sie seiner Kritik gelegentlich entgegengehalten, zu scharf, zu vorwurfsvoll zu sein:

„Deine derzeitigen Texte sind für das ‚Goetheanum’ zu scharf, ganz einfach. Sie lesen sich wie Kampfschriften, unversöhnlich, hart und - eben - scharf. Dogmatisch kommt mir noch. [...] Das ist nicht unser Stil, das passt nicht ins ‚Goetheanum’. [...] Was nicht heißt, dass wir die Fragen, die Dich bewegen, nicht ernst nehmen. Aber wie Du sie aufwirfst, wie Du sie anderen Leserinnen und Lesern hinwerfen willst - das ist für uns der Punkt, der ‚Vorwurf’.“
 
Niederhausen sieht es anders:

„Was sich hier ereignet, ist die Bekämpfung der Anthroposophie, und man kann dies nur entsetzt miterleben. Die Verantwortlichen merken es nicht einmal, aber im Ergebnis ihres Tuns geschieht es: Das Wesen der Anthroposophie wird bekämpft, vernichtet, zugemauert, begraben und paralysiert. Woche für Woche.“

Diese von Niederhausen im Rückblick geschriebenen Sätze sind gegebenenfalls in der Tonlage schärfer als der Beitrag, auf welchem der betreffende Redakteur, dessen Name Niederhausen in einem anderen Aufsatz kundgibt, sich in seinem Item stützt.        

In seinem Bemühen um eine Verständigung mit dem Redakteur schrieb Holger Niederhausen am 28. Oktober 2008:

„Ja, auch mir ist bei einem Austausch natürlich ein Ziel wichtig. Konkret geht es mir um die Frage: Was ist Anthroposophie? Was verstehst Du darunter? Verstehst Du, was ich darunter verstehe? Und in zweiter Linie dann auch: Wie stellt man sich zueinander? Überzeugen kann man den anderen ohnehin nur, wenn er ‚mitmacht’, das gilt in beide Richtungen. Aber es gibt trotzdem die Wahrheitsfrage, die Erkenntnisfrage - die Frage: Was vertritt da jeder einzelne eigentlich wirklich, aus der Überschau gesehen (die vielleicht die wenigsten haben, die geistige Welt aber in jedem Falle sehr wohl).“

Niederhausen kommt in seiner Kritik der offiziellen Vertreter der Anthroposophie zur Schlussfolgerung, dass fast überhaupt niemand die Anthroposophie „tue“ oder aus ihr „spreche“:

„Denn dies würde bedeuten, den inneren Übungsweg wirklich täglich zu gehen und das Denken zu einem reinen Denken zu machen und dieses wiederum zu einem Organ für die geistige Welt. Es ist soviel einfacher, über Anthroposophie zu reden (wodurch es im selben Augenblick keine Anthroposophie mehr ist), als Anthroposophie innerlich zu verwirklichen.“

Die Wahrheit wollen
Da ich selber einige Erfahrungen - sowohl mit der Redaktion des Goetheanum als auch mit anderen Redaktionen anthroposophischer Publikationen in Mitteleuropa, in Großbritannien und in Skandinavien - hatte, die ebenfalls in die verwandte Richtung gingen, kann ich den Frust von Niederhausen nachvollziehen. Wegen vielen solchen Rückschlägen lernte ich, wie ich mich anders oder neu formulieren konnte, um eventuell angenommen zu werden, ohne deswegen das Gefühl zu haben, dass ich mich eines mir fremden Willens unterwerfe oder sogar die Wahrheit vertusche, um nur publiziert zu werden. Manchmal war ja die Kritik eines Redakteurs sehr berechtigt, und ich war sehr froh, seine Kommentare und Änderungsvorschläge zu bekommen.

Diese dynamische und in positivem Sinne kämpferische Auseinandersetzung zwischen Autor und Redaktion respektive Verleger ist in anthroposophischen Zusammenhängen kaum geschildert und erforscht. Da gibt es sicher viele Briefwechsel, die der anthroposophischen Geschichte mehr Farbe geben könnte, falls sie gesammelt und herausgegeben würden, etwa so wie Peter Selg im Ita Wegman Institut aus oft unbekannten Selbstzeugnissen neue Aspekte zu den Pionieren der Anthroposophie aufarbeitet. Eine qualifizierte historische Aufarbeitung der Wochenschrift Das Goetheanum würde sicherlich viele neue Aspekte zu der Geschichte der anthroposophischen Bewegung geben.

Holger Niederhausen möchte nun nicht auf die Historiker der Zukunft warten, um seine Stellung zur Anthroposophie der Welt mitzuteilen. Er bietet gleich selbst seine Standpunkte an, weil es ihm um die Wahrheit geht, und für sie müsste man sich eben ganz hingeben, und dafür zieht er nun „Rudolf Steiner“ mit ins Kampffeld:

„Rudolf Steiner hätte doch keine Minute gezögert, um die heutigen Redakteure aus ihren Stellungen hinwegzufegen! Das Heute ist doch schlimmer, als jede ‚innere Opposition’, die er damals schon mehrfach scharf verurteilen musste. Man denke einmal, Rudolf Steiner würde heute eine scharfe Kritik schreiben! Kann man sich seinen Stil nicht ganz genau vorstellen? Wäre er heute im ‚Goetheanum’ gedruckt worden? Niemals! Er hätte keine ‚Gesichter gewahrt’! Und so wäre er bei den ‚verantwortungsvollen’ Redakteuren mit ihren ganzen ‚Qualitätsstandards’ kalt abgeblitzt!“

Mieke Mosmuller - die Erlöserin der Anthroposophie?
Im Aufsatz Die tote Anthroposophie und das reine Denken vom 31. Dezember 2008 tritt nun Holger Niederhausen quasi auf in solitärem Solo exklusiv jeder lebenden und verstorbenen Anthroposophen und sich absondernd von jeder anthroposophischen Bemühung, die seit Rudolf Steiners Tod 1925 existiert haben mögen:

„Die Anthroposophie ist tot. Sie starb, weil niemand das reine Denken entwickelte, zu dessen Entwicklung Rudolf Steiner im Grunde immer wieder aufgerufen hatte. Wenn aber die Anthroposophie tot ist, kann sie auch die menschliche Kultur nicht mehr befruchten.“

In diesen mutmaßenden Sätzen widerspricht er zum Glück sich selbst, indem es immerhin eine einzige Anthroposophin gefunden hat, die das reine Denken hat: Mieke Mosmuller, - oder wahrer gesagt: eine, die er behauptet, dass sie es besitze.

Auf anderem Ort rezensierte ich das abweichende Steinerbuch von Mosmuller. Ich fand, dass sie vertrete eine Auffassung, die viele Anthroposophen vor ihr taten, dass die Weihnachtstagung nach Steiners Tod missglückt sei: „Sie setzt sich - wie Niederhausen schreibt - ‚mit der bis heute verbreiteten Auffassung auseinander, Rudolf Steiner habe sich in der Weihnachtstagung karmisch mit der ‚Gesellschaft’ verbunden und bleibe es ‚auf ewig’.’ Die Autorin versucht, ihre Bezieher wachzurufen, damit, ‚dass der Geist der Anthroposophie nicht in der Gesellschaft ist, nicht da sein kann, weil er nicht leben kann, weil es dafür keine Bedingungen gibt’.“

Ich wollte in Bezug auf Mosmuller gern ganz konkret wissen, welche Imaginationen oder welche Erkenntnisse aus höherem Bewusstsein sie hatte anhand der eigenen Arbeit an den Mantren der ersten Klasse, die sie zu diesem radikalen Urteil (oder Rechthaberei) geführt hatte. In einem schriftlichen Kontakt mit ihr im Herbst, entgegnete sie mir damit, dass sie gern wissen wollte, welche geistigen Erfahrungen ich haben würde, bevor sie auf meine Fragen eingehe. Ich wies sie auf meine Bücher hin, die sie nun hoffentlich durcharbeite.

Obendrein ist Holger Niederhausen sich scharfsicher, dass die Anthroposophie nicht auferstehen könne, ohne dass die Menschen sich das
reine Denken“ erringen.

„Ohne dieses kann nichts auferstehen. Auch jeder wahre Impuls für eine Wiederbelebung des toten Geisteslebens, für eine Gemeinschaftsbildung, für eine Erneuerung der Waldorfpädagogik oder jeder andere Impuls kann nicht wirksam werden, wenn ihm nicht das reine Denken der anderen Menschen entgegenkommt. Und es kommt nicht... Es kann nicht entgegenkommen, weil es nicht da ist. Deswegen kann es nur einen Ansatz geben, der fruchtbare Entwicklungen initiieren kann: Der immer wiederkehrende Hinweis auf die Notwendigkeit der Entwicklung des reinen Denkens.“

Woher will Niederhausen wissen, dass es nicht kommt oder überhaupt nicht da ist? Kennt er denn die Lage der Anthroposophie in allen Anthroposophenseelen und in allen Ländern der Welt? Würde er das wissen, wäre er ein fortgeschrittener Eingeweihter in genau diesen Fragen. Als desgleichen kommt er mir mit seinem kategorischen Stil aber nicht vor.
Niederhausen behauptet jedoch nicht, dass er es selber geschafft (Gott sei Dank!), aber Mosmuller (Rudolf Steiner sei dank!) habe es geschafft, das „reine Denken“ zu erwerben, und nun tritt er für diese Epoche machende „Erlöserin der Anthroposophie“ ein:

„Mieke Mosmullers Bücher sind reine Anthroposophie. Nie schreibt sie abstrakt über Anthroposophie, in ihren Worten lebt ihr reales Mysterium.“   

„Niedergangssymptome“
In einer Entgegnung an Michael Eggert, weist Niederhausen erneut auf „Niedergangssymptome“ in der anthroposophischen Bewegung, zum Beispiel sowie, dass man äußere Formen, statt die innere geistige Entwicklung pflege, dass man völlig unversöhnlich sei in der tief wesentlichen Konstitutionsdebatte, dass seiner Meinung nach die im Verlag am Goetheanum völlig deplacierten Bücher Judith von Halles dort veröffentlicht werden, dass Das Goetheanum immer abstrakter, oberflächlicher und „journalistischer“ werde usw. Und er möchte Herrn Eggert widerlegen, darin dass Mosmuller eine Exklusivität beanspruchen würde, sie tue es eben nicht:

„Aber wenn es um Wahrheitsfragen geht, ist die Frage eben, wer eine Wahrheit anerkennt und wer nicht. Wenn niemand die Wahrheit anerkennt, befindet man sich eben in einer einsamen Exklusivität. Das hat aber nichts damit zu tun, dass man sich selbst da hinein manövriert, sondern dass es anderen offenbar außerhalb von der Wahrheit ‚gut geht’ und sie lieber in ihrer eigenen Vorstellung von der Wahrheit verharren.“

Steiners vielfältige Denken
Was Holger Niederhausen bei Mieke Mosmuller gefunden habe, sei also das reine Denken, auf das Rudolf Steiner ständig Aufmerksam machte:

„Das reine Denken ist etwas, was viel zu sehr missverstanden wird. Jeder hat eine Vorstellung vom reinen Denken... Was Rudolf Steiner mit reinem Denken meinte, ist mit Sicherheit der völlige Gegensatz zu dem, was Zen-Buddhisten praktizieren. Hier wird das Denken völlig losgelassen, dort muss zunächst das Denken und dann das immer reinere Denken überhaupt erst einmal entwickelt, gestärkt, vertieft, gereinigt werden... Eine Erfahrung kann es nur werden, wenn es geübt und getan wird, in der allergrößten denkbaren Aktivität. Wenn man dieses übt, dann geht von dieser ‚Heiligung’ des Denkens eine Kraft aus, mit der man immer wieder das richtige Gleichgewicht finden wird, in allem.“

Steiner beschrieb den ersten Schritt zur höheren Erkenntnis als eine Aktivierung des eigenen Denkens, sodass es zu einem seelischen Tastorgan wird, damit „man sich darinnen fühlt, wie wenn man so dächte - wie wenn man sonst schreitet, wie wenn man sonst greift, tastet…“. Man soll wissen:

„Man lebt in einem Wesen, nicht bloß in dem gewöhnlichen Denken, das ja nur abbildet, sondern man lebt in einer Realität, in einem seelischen Tastorgan, zu dem man selber als Mensch ganz geworden ist. Das, was durch Aktivität des Denkens entwickelt wird, ist das erste übersinnliche Glied des Menschen. Diesem übersinnlichen Tasten wird der Ätherleib des Menschen erfaßbar, erschaubar im höheren Sinne.“ (Vortrag vom 19. August 1923 in: Initiations-Erkenntnis, GA 227, Dornach 1982, Seite 35f)

In anderen Zusammenhängen schrieb und sprach Steiner nicht nur vom reinen Denken, sondern von vielen weiteren Aspekten des durch seelische Betätigung aktivierten Denkens. Um diese Seiten von einander zu halten, benutzte er zum Beispiel die folgenden Begriffe: freies Denken, hellsichtiges Denken, lebendiges Denken, gestaltendes Denken, intuitives Denken, universelles Denkens und kosmisches Denken. Aber er behandelte außerdem das richtige Denken, logisches Denken, mechanisches Denken, praktisches Denken, populäres Denken, technisches Denken und auch das synthetische und das analytische Denken. Demgegenüber sprach er von einem sich selbst erzeugendes Denken und von einem sonnenhaften und einem mondenhaften Denken.

Wenn vom reinen Denken die Rede ist, und man sich mit Rudolf Steiner im Einklang stellten möchte, sollte man meines Erachtens mindestens auf eine Stelle bei Steiner hinweisen, wo er das reine Denken behandelte, z. B. auf die folgende Stelle:

„Man lebt mit dem reinen Denken im Übersinnlichen; aber man erlebt nur dieses auf eine übersinnliche Art; man erlebt noch nichts anderes Übersinnliches. Und das übersinnliche Erleben muß sein eine Fortsetzung desjenigen Seelen-Erlebens, das schon im Vereinigen mit dem reinen Denken erreicht werden kann.“ (Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten? GA 10, Dornach 1961, Seite 220)

Die beiden folgenden Vortragsstellen könnten ebenso angeführt werden:

„Nicht dialektisch, aber anschaulich ist das reine Denken zu erreichen. Man kommt zu diesem Punkt philosophischer Entwickelung an dem Freiheitsproblem. Wirkliche Freiheit ist gar nicht möglich ohne die Erreichung dieses reinen Denkens, das bloßes Bild ist.“ (Vortrag vom 28. Juli 1921 in: Die befruchtende Wirkung der Anthroposophie auf die Fachwissenschaften, GA 76, Dornach 1977, Seite 41f)

„In dem Augenblicke, wo man das Denken noch hat, trotzdem man keine sinnliche Anschauung hat, in dem Augenblick hat man das Denken zugleich als Wille. Es ist kein Unterschied mehr zwischen Wollen und Denken. Wenn das Denken ganz sinnlichkeitsfrei geworden ist, dann hat man das Weltgeschehen an einem Zipfel.“ (Vortrag vom 9. Juli 1921 in: Menschenwerden, Weltenseele und Weltengeist, GA 205, Dornach 1967, Seite 151)

Wie man in den Wald hineinruft…
Es ist Holger Niederhausen zu begrüßen, dass er durch das Hinweisen auf die Wahrheitsfrage sich bemüht, in der anthroposophischen Bewegung ernstlich aufräumen zu wollen. Dabei unterstützt er freilich diejenigen, die dasselbe innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft tun, und diejenigen, die es als außenstehende Kritiker derselben tun.
Es ist in Ordnung, dass er versucht, eine Outsiderautorin wie Mieke Mosmuller zu berücksichtigen, aber wenn er es macht, indem er andere Autoren einseitig oder ungenügend behandelt oder sogar Anthroposophen außer Acht lässt, die vielleicht mit dem reinen Denken etwas erreicht haben, als würden sie nicht existieren, ist es nicht nur traurig, sondern peinlich. Das heißt, deutsch ist nicht die einzige Sprache, in der die Anthropsophie auftritt oder auftreten kann.

So kann Niederhausen nicht damit rechnen, Ernst genommen zu werden, zumal auch viele seiner Thesen anstoßen und neuen Ärger hervorbringen. Der folgende Satz (publiziert am 1. Weihnachtstag 2008): „Viele ‚Anthroposophen’ sind so leblose, unindividuelle Menschen geworden, dass sie nicht den geringsten Zugang zu sich selbst mehr haben.“ ist nicht nur verallgemeinernd, sondern sehr übertrieben, und er weist auf ein Absolutismus hin, der meines Erachtens mit der Anthroposophie nicht zusammenpasst. Niederhausen fühlt sich mit Rudolf Steiner in Union, weil dieser ähnlich sich geäußert haben soll. Da sollten wir aber genau prüfen, wie dessen Worte gewählt worden war, als er sich distanzierend gegenüber das Benehmen der „Anthroposophen“ seiner Zeit äußerte. Falls Niederhausen meint, selber übend im Umgang mit dem reinen Denken zu schreiben, warum stützt er sich derart auf die „einmalige“ Mosmuller, ohne einen einzigen eigenen Zipfel des Weltgeschehens aus seinem individuellen übersinnlichen Position zu beschreiben, zu charakterisieren oder ins Bild zu bringen? Oder habe ich während der zwölf heiligen Nächte etwas Entscheidendes diesbezüglich auf seiner Website verschlafen?

„Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es heraus“, heißt ein deutsches Sprichwort. Kommend aus der Frustration der eigenen Schicksalsschläge und sich beeinträchtigend in eigenem Solo im „Frauendienst“ an einer anderen anthroposophischen Solistin wird Holger Niederhausen schnell seine Zuhörer loswerden, falls er nicht schafft, seinen Lautsprecher herunterzudrehen, - falls er nicht schafft, den „anthroposophischen Wald“ mit ihren Vielfalt der Bäume und Blumen neu zu definieren, weil er scheinbar in einem Kulissezierbaum hochgeklettert ist - sitzend mit der Säge auf einem dünnen, ausgetrockneten, blattlosen, „reinen“ Ast. Aber vielleicht hat er Flügel und kann zipfeln wie andere Outsider im anthroposophischen Operettenhaus? Sofern bin ich sehr gespannt auf seinen spitzkleinen, reinen spirituellen Zipfel. Auf einen anthroposophischen „Spitzel“, der das wahrhafte Schweigen nicht eingegliedert hat oder wegen Hoffart nicht lernen will, kann ich verzichten.


Für Leserkommentar gehe zu meinem Blog
 
Echo und Narcissus (gemalt von
John William Waterhouse).
Ech ist in der griechischen Mythologie eine Tochter der Gaia, eine Oreade, und die Nymphe des Berges Helikon. Quelle: Wikipedia
____________________
Nach oben
Copyright © 2009
by Jostein Sæther
   
All Rights reserved 
  
eMail:
Enthülle nie auf unedle Art
die Schwächen Deiner Nebenmenschen, um Dich zu erheben! Ziehe nicht
ihre Fehler und Verirrungen
an das Tageslicht, um auf ihre Unkosten zu schimmern!

Adolph Freiherr Knigge
(1752-1796)
Jostein Sæther | Wie man in den Wald hineinruft…

Zum Internetauftritt von Holger Niederhausen
Veritasstatue (außerhalb des Supreme Court of Canada in Ottawa). Veritas (lat. für „Wahrheit“) ist in der Römischen Mythologie die Göttin der Wahrheit und entspricht der griechischen Aletheia. Sie gilt als Mutter der Tugend und der Gerechtigkeit und wurde oft in weißer Kleidung abgebildet. Quelle: Wikipedia
Umschlagsseite von Mieke Mosmuller, Der lebendige Rudolf Steiner. Eine Apologie
Startseite von Holger Niederhausens Website
Steiners Grabmal im Park des Goetheanums in Dornach. Quelle: Wikipedia
Umschlagsseite von Judith von Halle, "Und wäre er nicht auferstanden". Quelle: rp-online.de
Der als Truchseß, Landmarschall und Landrichter hohe Ämter bekleidende Ulrich von Lichtenstein ist um 1200 geboren und war in Judenburg nahe Graz (Steiermark) beheimatet. Der Minnesänger, der auch den autobiographischen Versroman „Frauendienst“ schrieb, starb 1275. Quelle: uni-heidelberg.de
Umschlagsseite von Rudolf Steiner
Anthroposophie und Buddhismus
Quelle: steinerverlag.com
Sandstein-Skulptur eines historischen Jägers mit Parforcehorn (Jagdhorn) und Hund am Aufgang zum Barockschloss Moritzburg.
Quelle: pixelio.de