Gamamila

2008/05/17

17. Mai – Norwegens Nationaltag

Heute feiert das ganze Land Norwegen seinen Nationaltag mit Fahnen, Umzügen, Frohsinn, Anreden, Kuchen usw. Das ist eine Tradition, die zurückgeht auf das Jahr 1814 als die Union mit Dänemark einem Ende bekam. Diese Zeit vom Mittelalter bis in die Neuzeit wird als die 4oo-jährige Nacht – „firehundreårsnatten“ – bezeichnet.

Ich telefonierte heute Mittag mit meinem 78-jährigen Vater. Er hat mit seiner Lebensgefährtin am Vormittag die Feiern an seinem Wohnort mitgemacht. Sie hörten die Rede des Tages zu und tranken Kaffee und aßen Torte im Rathaus. Sie saßen mit einem norwegisch-amerikanischen Paar zusammen und diskutierten selbstverständlich nicht nur die nationalen Fragen, sondern redeten auch über die amerikanische Präsidentwahl, ob Barack Obama einen realen Chancen haben wird oder nicht gegenüber der alten Tradition. Was mein Vater dazu denkt, möchte er nicht mehr auf das Papier bringen, geschweige den in einem Blog hinterlegen. Früher hat er viele Gedichte und Prologe in der Lokalpresse publiziert.

Mit der Frage über die norwegische Flagge von Rot, Weiß und Blau ist es schwieriger zu beurteilen, was richtig sein könnte in einer Zeit, wo die vielen Einwanderer und Integrierten aus zweiter und dritter Generation aus anderen Kulturen ihre nationalen Fahnen am 17. Mai auch zur Schau tragen wollen. Die Repräsentanten der älteren Generation sind meistens dagegen, da sie befürchten, dass alles durcheinander gebracht wird. An diesem Tag sollte man ein Labskaus vermeiden! Das wäre nicht das richtige Gericht auf dem Festtisch. Man könnte neue Rahmenbedingungen für diesen alten Traditionstag schaffen; z. B. Arrangements einbringen für Menschen aus allen anderen Nationen, die in Norwegen leben, oder an einem anderen Frühlingstag, der nicht belegt ist, einen Festtag der Internationalismus mit Bannern und Fahnen der ganzen Welt anordnen.

Ich bin kein Traditionalist. Heute habe ich jedoch mit Freude das alte Schulgesangsbuch aus dem Regal geholt und zwei norwegische Lieder meiner Frau und meinem Sohn vorgesungen: ein Nationallied über die Flagge, die ich tatsächlich in der rechten Hand hielt, - und noch ein Wanderlied, das auch der urtypisch norwegische Liedermacher Erik Bye auf einer CD singt: „Og jeg har ingen penger, men min fattigdom er god“ - Und ich hab’ keine Münze, doch mein’ Spärlichkeit ist gut. Nachher wedelte mein Sohn mit der Fahne umher und rief: Olé, olé! So spricht die Weisheit eines Kindes! Ich finde das nicht als eine respektlose Kulturmischung. Welche Kultur ist denn nicht schon seit lange eine Mischung aus vielen Elementen? Kultur ist nichts als ein souverän organisiertes Durcheinander.

Der norwegische Staat hat in den letzten Dezennien durch seine Öl- und Gaseinnahmen so viel Geld verdient, dass er keine Auslandsschulden mehr hat. Im letzten Jahr gab ich hier in Saarland einen Norwegischkurs für Leute, die dorthin auswandern wollen. Ein aus dem Kreis hat schon ein Job als Gärtner nahe der neuen Ölstadt Stavanger gekriegt. Er und seine Familie sind darüber sehr glücklich, da sie auch von der Kommune sehr willkommen geheißen werden. Nicht alle Ausländer sind in der Vergangenheit von allen Norwegern gut aufgenommen. Dort gibt es die gleichen (wenn nicht mehr) Einwanderungs- und sogenannten Integrationsprobleme wie hier. Trotzdem hat das ganze Land noch Platz für mindestens 300 Millionen Menschen einberechnet ihren jetzigen etwa 4 Millionen Einwohner. Ich meine es ernst! Die norwegische Kultur würde auch mit einer solchen Zunahme bestehen bleiben. Also begibt euch auf den Weg! Ich könnte euch die zwei offiziellen Sprachen – „Nynorsk“ und „Bokmål“ - lernen und dazu eine in meiner Seele noch lebendige Sunndal-Dialekt.

Wenn man geborener Europäer von europäischen Eltern ist, kann man heute sich schön zwischen den Ländern bewegen, ohne große Probleme zu bekommen, da wo man hinkommt. Aber trotzdem ist es nicht einfach sich in einer lokalen Kultur zu integrieren. Die äußeren staatspolitischen Grenzen existieren nicht mehr, aber ein Dialekt schafft schon ein zunächst unüberbrückbarer Abgrund zwischen einem selbst und der Einheimischen. Das habe ich sowohl in Schweden als auch hier im Saarland erlebt. Alles braucht Zeit, aber die Zeit überbrückt nicht alles, wenn der Raum nicht aufnahmefähig ist. So ist es schön zu wissen, dass wir zwischen den vielen Erdenleben in vielen Kulturen und in vielen Ländern zuhause sein können.

Die Schmerzen meiner heutigen Heimatlosigkeit kann ich ertragen, weil ich in meiner Seele noch die Erfahrungen aus meiner vielen anderen Heimaten mit deren Besonderheiten und Einseitigkeiten nahe gekommen bin. Diese Heimaten befanden sich in Ländern wie Indien, China, Ägypten und Griechenland; ich bin geboren in Orten wie Delphi, Rom, Dublin und Bucha, und hatte „Wurzeln“ geschlagen in Dendera, Neapel, Pisa, Mainz, Edinburgh und Boston. Ich bin auch vor mehreren tausend Jahren die Strecke zwischen dem heutigen Marokko und Afghanistan mehrmals hin und zurück gewandert lange vordem die Seidenstaraße entstanden war.

Du magst fragen: Was ist heute dabei so cool? Na ja, zu wissen, dass ich überall zu Hause bin, und dass jedes Leben und jeder Heimat nur „Haut“ und „Kleid“ sind, die abgelegt werden müssen. Die Realität von Reinkarnation und Karma schafft eine neue Sicht auf die Probleme der Nationalismus und der wegen religiösen rund kulturellen Fanatismus entstandenen abwegigen Gewaltspirale der Terrorismus.


Lass die Leute mit den Farben wedeln, die sie gerne wollen - auch am 17. Mai! Die spirituelle Sprache des Pfingsten redet halt mit vielen verschiedenen Zungen aus aller Welt. Das lokale und regionale Zeug muss deswegen nicht schweigen oder zugrunde gehen, wenn es auch vielleicht begrenzt, aber trotzdem noch lebenskräftig ist. Ist es lebensfähig, muss es sowieso häuten oder sein Winterfell ablegen, weil der Frühling endlich da ist.