Serenity — Unerschütterlichkeit
Ich kaufte vor kurzem einige Postkarten mit schönen Naturfotos. Eine trägt den Titel serenity. Es ist Englisch für Ruhe, Frieden oder Besänftigung. Aber auch Schweigen und Unerschütterlichkeit können dafür benutzt werden. Auf dem Foto ist zu sehen ein am unteren Ende quer abgeschnittenes, grünes Bambusrohr, das diagonal von Rechts hineinreicht. Die Schnittfläche und die Innenseite sind gelb-orange. Aus dem Rohr fließt klares Wasser. Es bildet ein kleines Wasserfall, das auf einen gerundeten, rosagrauen Stein fällt. Er, wahrscheinlich von Granit, liegt im Wasser. Um ihn herum bilden sich Wellen. Trotzdem spiegelt sich der Stein in der Wasseroberfläche. Auch der blaue Himmel spiegelt sich im Wasser. Der Bildhintergrund ist von weißem Licht ganz erhellt.Das Malerei zu diesem Blog ist aber von mir, und es wurde als Wandbild im Jahr 2000 in unserer Küche in der damaligen Wohnung in Bliesdalheim gemalt. Heute existiert das Original nicht mehr.
Serenity! Das oben beschriebene Foto erinnert mich an Komponenten eines japanischen Gartens. Mein weit bereiste Lehrer der bildenden Künste, Arne Klingborg, besuchte einmal auch Japan, und er ließ später im unübertrefflichen Park in Ytterjärna, Schweden, einen kleinen Moosgarten japanischen Stils einrichten mit einer solchen dünnen Wasserrohr und daneben einen Meditationsbank. Bei den Wanderungen im Park saß ich dort gerne, um auf die leise Wassermusik zu lauschen.
Ein norwegischer Freund von mir, Sigurd Nordås, der viele Jahre Waldorflehrer war und danach eine Weltreise mit Segelschiff mitmachte, machte mir einmal auf eine Selbstverständlichkeit der Natur aufmerksam. Er hatte in seinem Garten einen kleinen Bachlauf eingerichtet. Darin lagen verschiedene kleinere und größere Steine, die im Zusammenspiel mit den Wasserkaskaden eine Art Musik schaffte. Sigurd erzählte, dass er einige der Steine zwischendurch auf neue Stellen legte. Damit konnte er die Töne verändern. Er bat mich einpaar Steine hin und her zu bewegen, und höre da, ich staunte vor der unfraglichen Wahrheit, dass die Wassermusik sich leise verwandelte durch meine Mitwirkung.
Serenity! Ich schaffte aber heute Nachmittag nicht, im Chaos des Kinderzimmers die Ruhe zu bewahren. Mein Sohn hat Besuch von einem lieben Freund gehabt, und meistens wenn sie sich treffen, schaffen sie ein großartiges Durcheinander. Wir versuchen, sie dazu zu bewegen, einiges aufzuräumen, bevor die Abendglocken klingen. Heute ging das nicht, weil mein Sohn in einem Unfall auf die Spielburg seinen Arm leicht verletzte.
Also musste ich meinen Blogschreiben verlassen, um in die Erschüttertheit zu gehen, um dabei die Erfahrung zu machen, dass so wie die Menschen sind, so antwortet auch die Welt. Erschauern wir in Aggressivität und lassen wir unsere Emotionen aufgebracht und mit Empörung los, dann breiten wir eine Energie aus, die die Weltereignisse mit sich zieht. Karmisch gesehen, ist Vulkanausbrüche und Erdbeben nichts anderes als eine Antwort auf kulturelle und zivilisatorische Missverhältnisse. Nicht so zu verstehen, dass die Betroffenen und Not leidenden Opfer selbst die Katastrophe verursacht haben, sondern sie werden durch ihre Opfer ein Karma bekommen können, das ihnen in einem neuen Leben bestimmte Fähigkeiten entwickeln lassen, die notwendig zu haben sind, um die vorliegenden, Ursache schaffenden und unbefriedigenden Anwüchse der Zivilisation abzubauen.
Serenity! Die Gesetze des Karmas sind unerschütterlich. Auch wenn wir unser Karma nicht annehmen wollen, setzt es fort, uns bewegen zu wollen. Wie das Wasser auf den Stein, fällt mein Karma wie ein Zufall auf mich jeden Tag, in jedem Augenblick. Sowie ich in meinem Leben geformt bin — rund oder eckig — entstehen die Wellen um mich herum, und auch die Musik der Unerschütterlichkeit, die meine Mitmenschen hören können. Hörst du sie? Hörst du die Serenität um dich?


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