Gamamila

2008/05/19

Trauer und Tränen

Nach dem Frühstücksmüsli liege ich eine Weile auf unserem weißen IKEA-Sofa, um hinter meiner Grippe zu lauschen. Ich ahne, dass dort karmische Erkenntnisse reifen, die Bezüge zu meiner letzten Inkarnation und zu der damaligen Krankheit der Kinderlähmung aufweisen. Darüber muss ich noch schweigen. Auch Berichte über meine weiteren Taten und Empfindungen in Bezug zu der gestrigen Begegnung werden warten müssen.

Um von meinen körperlichen Qualen einbisschen abzurücken, schalte ich ungewöhnlicherweise das TV an. Üblicherweise kriegt es erst abends Fieber. Ich schaue eine Dokumentation über die sowjetische Umweltkatastrophe im zweiten Teil des 20 Jahrhunderts, wo der Aralsee einen zögernden Mord in Kauf nahm. Das Süßwasser der in den See fließenden Flüsse wurde auf die Steppen des Kasachstans und des Usbekistans umgeleitet, um z. B. Baumwollplantaschen auf einer Flächengröße wie Italien anzulegen.

Eine ganze Region blühte auf Kosten des Sterbens eines Anderen auf. Heute ist der Aralsee in zwei kleinen Sees gespalten mit einem Staudamm dazwischen, damit der Wasserspiegel des nördlichen Sees wieder langsam steigen kann. Im Süden wird der See nach den Prognosen in wenigen Jahren ganz verschwunden sein. Die immer zunehmende Salz- und Staubwüste schafft riesige Probleme für Pflanzen, Tiere und Menschen, die in den ehemaligen Fischerdörfern und Hafenstädten, die heute weit drinnen in der Wüste sind, noch leben können, müssen oder wollen. Verschiedene Atemwegsbeschwerde und Krankheiten wie Typhus, Hepatitis und Tuberkulose breiten sich wieder frappant aus. Der gesundheitsgefährdende Faktor dabei stammt größtenteils aus den jahrzehntelangen hohen Einträgen an künstlichen Düngemittel, Herbiziden und Pestiziden, die mit dem Wüstenwind herausgeholt werden. Ich weine mit den Leidenden, die im Dokumentarfilm mit Tränen und Wut gegenüber den Behörden und den Wissenschaftlern ihre Beschwerden artikulieren.

Ich trauere auch mit dem chinesischen Volk wegen der letzten Erdbebenkatastrophe, das mehr als 40 000 Opfer das Leben genommen hat. Die Leiden der Überlebenden ist kaum auszuhalten, wenn ich mich in ihre Situation hineinfühle. Mein persönliches Leid ist im Vergleich aber eine anachronistische Bagatelle. Trotzdem versuche ich, mein Bewusstsein dabei zu stärken und nach eventuellen Zusammenhängen des scheinbar Zufälligen in den vielen globalen Notlagen zu fragen.

Artensterben in der Tierwelt, Umweltschmutz und negative Folgen der Klimawandel zeigen doch, dass der Mensch selbst mit seinen technischen, industriellen und Ausbeutungsmaßnahmen einen gefährlichen Feind der Natur und der Erde geworden ist. Die Erde wird übermäßig ausgebeutet, vergiftet und mit den Stoffen, die aus ihr geholt wurden, gegen sie gerichtet, um noch mehr abzukriegen. Muss sie sich nicht dagegen wehren, wenn sie ein Lebewesen ist? Muss sie nicht reagieren und versuchen, das Böse wieder abzuschütteln? Oder wie viel kann sie ertragen? Erleiden? Muss sie nicht weinen, trauern, schreien und wütig werden? Darf sie nicht zeigen, wo es eigentlich entlang geht?

Meiner Trauer, wenn sie echter Mitgefühlsschmerz ist, und meinen Tränen nimmt die Erde liebevoll entgegen, und der Wasserspiegel des kosmischen Trauermeers steigt wieder. Meine Tränen werden zu lindernden Tropfen für Verstorbenen, für unsichtbare Naturwesen und für Engel; aber nur – wenn ich sie mit Bewusstsein, Licht und Liebe verschenken mag.