Farben für Blinde
Am Samstag habe ich den schönsten Beruf der Welt wieder ausgeübt! Denn ich war mit meinem blinden Freund Paul und seiner Ehefrau in Frankfurt am Main, um einpaar Zimmer in seiner neuen Wohnung zu lasieren. Paul möchte unbedingt die „Ruhejahre“ seines Lebens beenden und in die Großstadt zurückzukehren. Er möchte nicht mehr den Dorfgeruch im Bliesgau wittern, nicht mehr die Motorsägen am Samstag hören und nicht mehr auf den Hohlwegen in der Umgegend stolpern. Also kehrt er zurück in dieselbe Straße, wo er vor 40 Jahren wohnte. Inzwischen war er berufstätig in vielen Städten Deutschlands. Nach seiner Pensionierung möchte er nun nahe an die wirkliche Kultur sein und die Gelegenheit haben, so oft wie möglich in die Oper ohne Begleitung zu gehen.Paul kennt Frankfurt wie seine eigene Westentasche. „Ja, damals hatte er sein Ätherleib hier verlassen“, sagt seine Frau, die sich mit diesem Thema sehr gut auskennt, da sie sowohl Heil- als auch Kunsteurythmistin ist. Aber warum begnügt sich denn Paul nicht damit, einfach weiße Wände zu haben? Er sieht ja keine Farben? Und seine berufstätige Frau wird ihn ja nur in Wochenenden besuchen! Ich sage: „Das stimmt, aber seine Seele ‚sieht’ die Farben und empfindet die harmonische und erfrischende Energie der Farbschichten.“
Farben leben zwischen der Sinneswelt und des Übersinnlichen. Sie sind eine Brücke zwischen den Dimensionen. Sie existieren in der Schönheit sowohl mit physischer Einschränkung als auch in geistiger Tätigkeit, wo sie auf unseren Seelen eine unmittelbare Wirkung ausüben, auch wenn wir Blinde sind. Im TV-Programm Wetten-Das trat einmal eine blinde Frau auf, die noch mit verbundenen Augen die Farben auf eintönig bunte Textilien herausfand. Das war ein Beweis dafür, dass auch Blinde mit anderen Sinnen exakt wahrnehmen können!
Gegenüber der geistigen Welt sind wir sowieso meistens blind, und Farben und die Kunst kann sie uns näher bringen. Kunst ist Mittel zum Zweck, wenn wir das Geistige suchen. Und Paul sucht das Geistige, besonders durch die Musik. Und jetzt klingen die Farben Neapelgelb, Goldocker, Terra de Siena, Ultramarinviolett und Ultramarinblau in seiner neuen Wohnung zusammen wie Intervalle aus dem Nocturne et Scherzo von Claude Debussy.
Labels: Kunst, Spirituelles


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