Gamamila

2008/09/22

Thrymskvida – ein aktuelles Lied

Seit vielen Jahren bin ich eingeladen, im Camphill-Dorf Jøssåsen bei Trondheim für alle interessierten Bewohner sowohl Vorträge als auch künstlerische Darbietungen zu geben. Wir haben früher mit unterschiedlichen Themen gearbeitet wie Naturwesen, griechischer Geschichte und Schicksalszusammenhängen zwischen mehreren Leben. Mit einer Kerntruppe der Mitarbeiter leitete ich in den vorangegangenen Jahren Gespräche und meditative Übungen, um aufzuarbeiten eine Reihe von Aspekten aus früheren Kulturen zu konkreten Lebensmotiven, die mit der Problematik der Gegenwart am Jøssåsen und an anderen Orten zusammenhängen.

Auch für die Betreuten wurden durch Gespräche und Improvisationstheater solche Fragen mit Begeisterung und viel Spaß dabei bewegt. Das Improvisieren hat sich als eine sehr folgerichtige Arbeitsart erwiesen, zumal mehrere der Dorfbewohner fast keine Sprache haben, sondern sich nur mit Gesten und des augenblicklichen Einordnens in einem Geschehen mitteilen können. Oft wurden wir mitten im Dramatisieren z. B. der Naturwesen von dem Unmittelbaren eines sprachlosen Auftritts dermaßen verblüfft, dass wir gleich staunten und lachen mussten.    

Im Zeitraum 17.-21. August hatte ich wieder die Möglichkeit dort Gast  zu sein. Von Montagabend bis Donnerstagmittag dieser Woche gab es wieder wie vor einpaar Jahren einen nationalen Dorfkonferenz - einen sogenannten „Landsbykonferanse“ - mit frohen Teilnehmern von anderen norwegischen Camphilldörfern wie Kristoffertunet, Vallersund, Hogganvik und Solborg. Außer dem Morgenkurs, dass ich gab, konnte man Modellieren, Filzen und Musik vor- und nachmittags üben. Jeden Morgen nahmen wir uns anderthalb Stunden Zeit für das „norrøne“ (altnordische) Dichtwerk Thrymskvida, das Thrymlied. Wir lasen und rezitierten die Strophen und die Repliken in diesem interessanten – und wie es sich bald herausstellte – sehr aktuellen Lied.  

Die Geschichte beginnt damit, dass der Gott Thor entdeckt hat, dass sein Hammer gestohlen worden ist. Er erzählt dies seinem Freund Loki, der zur Unterwelt - genannt „Jotunheimen“ wie das in Westnorwegen existente Hochplateau - fährt, um die Sache zu untersuchen. Dort wird es klar, dass der König der Riesen, der Thursenfürst, genannt Thrym, ihn gestohlen und versteckt hat. Wieder gut zu Hause angekommen, erzählt Loki einer aufgeregten Ratsversammlung der Götter in Asenheim – ihr Versammlungsort heißt in Norwegisch „Midgard“, der Mittelhof -, dass Thrym gerne den Hammer zurückgibt, falls er die schöne Göttin Freyja als Gemahlin bekomme. Dieweil Freyja dieses Angebot ablehnt, bekommt der weise Gott, Heimdall, die Idee, dass Thor sich in Frauenkleidern kostümieren und zu Thrym fahren könnte, um ihn zu überlisten. Mit Hilfe von den Gewändern Freyjas und ihrem Schmuck – unter Anderem mit dem sogenannten Halsband, genannt „Brisingamen“ – fahren nun Thor getarnt als Braut und Loki als Magd nach Riesenheim. Nach viel Umstand düpieren sie Thrym und seine eitle Schwester, und somit gewinnen sie den Hammer zurück. 

Wir arbeiteten mit diesem Inhalt, indem wir zuerst viele verschiedene Klöpfel, Schmiedehammer und Keilhammer, die eingesammelt und mitgenommen waren aus den Häusern und vom Bauernhof. Besonders ein kleiner Hammer für Metallschmiede erweckte die Bewunderung von allen. Den riesenschweren Vorschlaghammer probierten auch einige aufzuheben. In unserem improvisierten Drama wurde dann später einer dieser Handwerkzeuge als Thors Hammer ausgewählt. Wir nutzten auch schöne Trachte, Kleider und Perücke aus der Theatergarderobe, und mit schönen Ohrenhängen, Kolliers, Armbändern und Ringen – die die Teilnehmer aus ihrem privatem Besitz ausliehen – wurden diejenigen, die Thor und Loki spielen wollten, drapiert und übertüncht. Sogar Lippenstift kam zum Nutzen für die zwei Herren in Frauenkleider, die ihre Schüchternheit überwanden, ungeachtet des vielen Schmunzelns und des Lachens während unseren Gesprächen und Übungen.  

Wir debattierten viel während des Lesens und Übens der zweiunddreißig Verse. Wir sprachen lange und gut vom Wetter, vom Blitzt und Donner, von Naturkatastrophen, Erdbeben und von dem Fall, wenn ein Tsunami aufzieht, – und wir unterhielten uns durch Beispiele der Teilnehmer über Arbeitsverhältnisse, über das Thema des Sich-geschmackvoll-Machens, über das Kostümieren, über das Lügen und was es heißt, wahrhaftig zu sein und über das Stehlen und wie man sich fühlt, wenn etwas von einem weggeschnappt worden ist.

Viele interessante Erlebnisgeschichten kamen ins Licht, und Aspekte über wie schmerzlich und abstrus es sein kann, einen lieben Gegenstand verloren zu haben, ein Schmuckstück, ein Portmonee, ein Fahrrad usw. Wir redeten auch darüber, wie schwierig es sein könnte, solche Ereignisse aufzuklären, auch wenn die Polizei eingekoppelt worden sei. Sachen konnten für immer verloren sein, oder jemand hatte erlebt, dass selbst andere Erwachsene oder Mitarbeiter nicht bereit waren, herauszufinden, wer das Verbrechen begangen hatte. Das Schwierigste kann aber die Situation sein, wenn jemand beschuldigt wird, etwas gestohlen zu haben, und so ist es überhaupt nicht wahr gewesen, aber weil man z. B. kein Alibi hatte, ist es nicht leicht, seine Unschuld zu beweisen. Mit solchen Meinungsaustauschen über Phänomene, die alle erlebt hatten oder von denen man gehört hatte z. B. in den Nachrichten, erschlossen wir, dass das uralte Thrymlied solche Ereignisse, Gefühle und Tugenden berühren, die uns heute noch allen angehen.

Auf frischer Tat von der Wahrheit selbst wurden wir am dritten Tag ertappt, als es sich zeigte, dass die allermeisten Schmuckstücke – die während der ganzen Tage auf einem Tisch in der Ecke des Saals gelegen hatten – in der Nacht oder am letzten Abend gestohlen waren. Somit wurden wir mit unserer eigenen unmittelbaren Wirklichkeit konfrontiert und mit den Gefühlen, Schmerzen und Formulierungen, die sich direkt der Tatsache anschlossen, dass „unsere“ Kleinodien verschwunden waren. Sofort verordneten wir eine Kommission mit Wortführer, einigen Nichtbetroffenen und Repräsentanten einiger der direkt Berührten. Weil wir doch versuchen wollten, unser Morgenkurs über Thor, Loki, Freyja und die andere nordisch-germanische Götter in annähernd einer Harmonie abzuschließen, mussten wir unser Verlass daran setzen, dass die Kommission ihre Arbeit später aufnehmen würde. Meine Hoffnung ist es ebenso, dass ich irgendwann Genaueres von diesen Ermittlungen hören darf, damit ich von einer Aufklärung der Dieberei auf meinem Blog berichten kann.

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