„Ambivalenz einer geistigen Größe“
Das vor kurzem erschienene Frankfurter Memorandum stellt zusammenfassend fest, dass es bei Rudolf Steiner „keinen Rassismus im Sinne der historischen Forschung, keine systematisch vertretene ‚Rassenlehre’ und keine Ideologie eines ‚Rassenkampfes’, insbesondere nicht als Theorie und Handlungsanweisung für die moderne bzw. gegenwärtige Menschheit“ gibt.Dagegen zeigen die beiden Autoren Ramon Brüll und Dr. Jens Heisterkamp in dieser sehr lesbaren und aufklärenden Denkschrift, dass sich in Steiners Schriften und Vortragsnachschriften „vereinzelte diskriminierende und einige wenige rassistische Äußerungen“ zu finden sind, die sie als historisch überholt einordnen. „Sie sind historisch dadurch erklärbar, dass sich Steiner in einer Zeit von Kolonialismus und Eurozentrismus an einem teilweise rassistisch gefärbten Diskurs zu Fragen der Evolution des Menschen beteiligte“, schreiben sie. Die Nachrichtenagentur NNA kommentierte am 29. August diese neu aufgelistete Anzal von unzeitgemäßen Steiner-Zitaten: „Die ‚Ambivalenz einer geistigen Größe’, die ‚historischer Autor und aktuell wirksamer Impulsgeber’ sei, gelte es nüchtern festzustellen und das eine vom andern zu unterscheiden.“
Brüll und Heisterkamp stellen fest: “So bezeichnete Steiner in rund zwei Dutzend solcher Zitate etwa traditionelle Kulturen als ‚dekadent’ und äußerte sich in abschätziger Weise über Menschen mit schwarzer Hautfarbe.” In einem Kommentar zur Memorandum schreibt ein anonymer Leser auf der Info3 Blogland: „Man sollte mal gut nachschauen, was das Wort ‚dekadent’ Anfang des 20. Jahrhunderts bedeutete, und obendrein, in welchem Sinn Steiner selbst es benutzte. Steiner kann es nicht im selben Sinn gesprochen haben, als die damaligen oder heutigen Rassisten.“ Wer mag nun diese Distinktion heute untersuchen?
Ähnlich wie der niederländische Kommissionsbericht von 1998/2000 „Anthroposophie und die Frage der Rassen“ stellt das Frankfurter Memorandum fest, dass, „die ganzheitliche Entwicklung des individuellen Menschen sowie einer Gesellschaft, die von der Entwicklung der Einzelnen zur Freiheit profitieren soll“ das Zentrale von Steiners Anthroposophie ist – „trotz einzelner zeitgebundener rassistischer Äußerungen“. Brüll und Heisterkamp zitieren Gerard Kerkvliet, Pressesprecher für die Anthroposophische Gesellschaft der Niederlande im Jahr 2000: „Steiner hat den Versuch unternommen, die Verschiedenheit der Rassen und insbesondere der Völker mit dem Ziel zu beschreiben, ein besseres gegenseitiges Verständnis zu ermöglichen. In Bezug auf die Rassen war er der Meinung, daß eine Betonung ihrer Unterschiedlichkeit nicht mehr zeitgemäß sei.“
Während des Ersten Weltkriegs 1917 hatte Steiner für anthroposophische Zuhörer sogar die Betonung auf bluts- und traditionsgebundene Differenzen eindeutig kritisiert:„Ein Mensch, der heute von dem Ideal von Rassen und Nationen und Stammeszugehörigkeiten spricht, der spricht von Niedergangsimpulsen der Menschheit. Und wenn er in diesen sogenannten Idealen glaubt, fortschrittliche Ideale vor die Menschheit hinzustellen, so ist das die Unwahrheit, denn durch nichts wird sich die Menschheit mehr in den Niedergang hineinbringen, als wenn sich Rassen-, Volks- und Blutsideale fortpflanzen.“ (Aus: Rudolf Steiner, Die spirituellen Hintergründe der äußeren Welt. Der Sturz der Geister der Finsternis, GA 177, Rudolf Steiner Verlag, 5. Auflage, Dornach 1999, Seite 220.)
Gegen diesem Hintergrund ist es unbegreiflich, wie er sechs Jahre später für die Arbeiter am Goetheanumbau gemäß dem Stenogramm sich folgendermaßen äußern konnte: „Die Negerrasse gehört nicht zu Europa und es ist natürlich nur ein Unfug, dass sie jetzt in Europa eine so große Rolle spielt.“ (Aus: Rudolf Steiner, Vom Leben des Menschen und der Erde. Über das Wesen des Christentums. Vorträge für Arbeiter am Goetheanumbau, Band III, GA 349, Rudolf Steiner Verlag, 3. Auflage, Dornach 2006, Vortrag vom 3. März 1923, Seite 53.) Laut dem Memorandum beinhaltet dieses Zitat für sich genommen eine Geringschätzung von Menschen mit schwarzer Hautfarbe. Hierzu bemerken die Autoren sehr treffend: „Bei den Zitaten dieser Kategorie handelt es sich auch nicht mehr um ein bloß sprachhistorisches Problem, dem mit einer ‚Übersetzung’ des Gemeinten in eine ‚zeitgemäße’ Sprache beizukommen wäre.“
Rudolf Steiner lud immer wieder seine Zuhörer und Leser ein, ihn in seinen Angaben mit gesunder Vernunft zu untersuchen und mit allen zugänglichen Mitteln ihn beim Wahrheitsgehalt zu prüfen. 83 Jahre nach seinem Tod hat das Frankfurter Memorandum dies profund gemacht, und ich finde, dass die Autoren in ihrem berechtigten Kritik an Rudolf Steiner als Geschichtspersonen sich an seinem Richtschnur gehalten haben, die er folgendermaßen formulierte: „Wenn man einer welthistorischen Persönlichkeit Vorwürfe macht, so ist das nicht so gemeint, wie wenn man damit zugleich erklären wollte, daß man, wenigstens in seinem Urteil gegenüber dieser Persönlichkeit, so eine Art Scharfrichter sein möchte, der ihr, geistig gemeint, den Kopf abschlägt, indem man ein Urteil ausspricht. Moderne Kritiker sind so; aber derjenige, welcher von geisteswissenschaftlicher Gesinnung durchdrungen ist, ist nicht so.“ (Aus: Rudolf Steiner, Kunst und Lebensfragen im Lichte der Geisteswissenschaft, GA 162, Dornach 1985, Seite 204.) Den Eingeweihten haben sie somit nicht gebrandmarkt. Dementsprechend fällt das in diesem Blog vor einpaar Tagen besprochene Urteil Mieke Mosmullers über das Memorandum und über ihre einheimische Kommission quasi an Steiners eigener Worte auseinander.
Trotz einiger hier nicht genannter geringfügiger Einwände, möchte ich hiermit das Frankfurter Memorandum „unterzeichnet“ haben.
Bild: Rudolf Steiner auf einem Relief - der Künstler konnte nicht festgestellt werden - auf seinem Geburtshaus in Kraljevec auf der Mur-Insel, damals in Österreich-Ungarn, heute in Kroatien gelegen. Quelle: anthroposophie.net
Labels: Anthroposophie, Rassismusvorwurf, Rudolf Steiner


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