Gamamila

2008/10/13

Anthroposophische Publizistik und freies Geistesleben

In der letzten Ausgabe von den infoseiten anthroposophie - Beilage für nahezu alle anthroposophischen Zeitschriften mit einer Auflage von 65 000 gedruckten Exemplare diskutieren die zwei Zeitschriftenmacher Ramon Brüll von Seiten der info3 und Sebastian Jüngel von der Wochenschrift Das Goetheanum in einer, was sie nennen, „Zukunftswerkstatt“ über die Aufgaben und Bedingungen der anthroposophischen Publizistik. Da dieses Thema mich seit den 1970er Jahren und noch heute zutiefst interessiert, habe ich ihr aus einer Korrespondenz entstandenes Gespräch mit ihren offen gelegten Widersprüchen mehrmals gelesen. Dann habe ich ihre Sichtweisen mit meinen Erfahrungen aus der anthroposophischen Bewegung verglichen. 

Des Öfteren kommen Brüll und Jüngel zu divergierenden Schlussfolgerungen über die Grundbedingungen der anthroposophischen Publizistik. Meine Feststellungen stimmen sowohl mit einigen Gesichtspunkten von Brüll als auch mit anderen Beschreibungen von Jüngel übereins. Darüber hinaus möchte ich die Frage untersuchen, ob sie beide in ihrer Werkstatt von der Vergangenheit oder von der Zukunft sich steuern lassen. Genauer gefragt: Arbeiten sie reell mit der Aufgabe, ein freies Geistesleben zu verwirklichen? [weiter]

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8 Kommentare:

  • Lieber Jostein Saether,
    Auch diesen Beitrag gefällt mich sehr, gerade weil mich dieselbe Fragen bewegen. Ich habe sieben Jahre gearbeitet im Rahmen des Monatsblattes der Anthroposophischen Gesellschaft in den Niederlanden (nacheinander als Korrektor, Redakteur und Schlussredakteur von Motief) und habe dieselbe Art von Erfahrungen gemacht. Ich bin kein Revolutionär, aber fühlte mich dennoch immer mehr eingeengt. Davor war ich tätig innerhalb der anthroposophischen Heilpädagogik, mehr als zehn Jahre, ebenfalls als Redakteur. Da war es ganz anders. Um zu schweigen von meine zehnjährige Tätigkeit für die Zeitschrift für anthroposophische Medizin, das war eine Eigeninitiative von andere Personen, wo ich mitmachte.
    Daneben (aber auch bei all diesen Zeitschriften) arbeite ich selbständig, und habe ich noch mehr Arbeiten, z.B. zum Korrigieren für Weleda Holland. Seit zwei Jahe bin ich auch Redakteur für die Rudolf Steiner Vertalingen in den Niederlanden.
    Aber das Blog das ich im Mai dieses Jahres kreiiert habe, ‘Antroposofie in de pers’ (das war ein vollkommen neuen Schritt für mich), gibt mir den meisten Spass und die meiste Befriedigung. Ich arbeite täglich mit grosser Freude daran. Hier bin ich völlig frei, aber ich bin natürlich nicht weniger Verantwortlich tätig. Und es wird wahrgenommen, gerade auch von nicht-Anthroposophen. Das habe ich auch gerne, weil ich nichts lieber möchte, als das die Anthroposophie ein zu respektierende Rolle im Gesamt-Gesellschaftlichen spielt. Meine Erfahrung ist, dass das auf andere Weisen, ich meine im publizistischem Felde, wenig bis gar nicht gelingt. Gerade nicht wenn es um Zentralanthroposophisches geht.
    Mit herzlichem Gruss,
    Michel Gastkemper, Rotterdam

    Von Blogger Michel Gastkemper, Am/um 14. Oktober 2008 10:41  

  • Lieber Michael,

    ich glaube, dass das Du hier angebracht ist. Herzlichen Dank für deinen persönlichen und bestätigenden Kommentar. Ich glaube, dass wir solche Erfahrungen – wenn eine Zeit verlaufen ist und es nicht möglich war, die Schwierigkeiten intern zu klären – jetzt öffentlich diskutieren können und müssen. Es wäre auch gut, wenn freie „Checkgremien“ auch in den anthroposophischen Reihen entstehen würden wie in der allgemeinen Gesellschaft, wo Menschen sich hinwenden könnten, um Streitfragen zu lösen und Allotria aufzuräumen. Hier habe ich ja nur einige meiner eigenen Schwierigkeiten beschrieben, aber in meiner Beratungstätigkeit habe ich zahlreiche Berichte gesammelt, die auf ähnliche Probleme in der anthroposophischen Szene hinweisen. Man kann Unrechte in der Länge nicht verstecken oder vertuschen. Irgendwann kommt die Wahrheit sowieso ins Licht, weil sie eben so beschaffen ist. Da es in den gegebenen Zeitschriftforen und anderen Medien nur bedingt möglich ist, diese Aufklärungsarbeit zu machen, sind die Blogs eine gute Alternative geworden. Die Verantwortung gegenüber Genauigkeit, Ehrlichkeit und Wahrhaftigkeit ist da nicht anders. Publizistik ist Publizistik - und sie hat ihre Gesetzte, die eben auch nach geistigen Gesetzen gemessen werden.

    Von Blogger Jostein, Am/um 14. Oktober 2008 11:24  

  • Sehr interessante Fragen, die mich auch schon lange bewegen. Leider ist die anthroposophische Presselandschaft seit langem mehr als bescheiden in ihrem Umfang- zumal manche Zeitschrift (wie etwa das Goetheanum) eher das Profil einer Vereins- oder Verbandpostille hat. Aber divergente Meinungen werden sowieso nicht sehr hoch gechätzt. Das ist in der Blogger- Landschaft doch etwas anders. Hier begegnet einem - wenn auch nicht stetig, immer wieder auch aufgegeben- eine bunte Welt bis hin zu den anarchistischen Uribiern. Das lehrt uns, dass Anthroposophie komisch sein kann. Im übrigen sind die Blogs sicherlich wichtig für die Außenwirkung in Bezug auf Journalisten, die immer wieder erstaunt bemerken, wie divergent und vielschichtig doch unter Anthroposophen diskutiert wird. Und es gibt ja auch viele Leser im Internet, die den Diskurs liebevoll und umfangreich pflegen. Die Frage ist also, ob es für traditionelle Zeitschriften überhaupt einen grösseren - angesichts der laufenden Kosten notwendig- Markt gibt. Oder ob eine gute und breit aufgestellte Redaktion mit einer Internet- Zeitschrift nicht besser aufgestellt wäre.
    Herzlich
    Michael

    Von Blogger mick321, Am/um 14. Oktober 2008 19:04  

  • Lieber Michael,

    da hast du Recht, diesen Handelsplatz für anthroposophische Druckmedien gibt es definitiv nicht mehr. Die "infoseiten" finde ich übrigens fast wie einen Witz, und ich kann schwierig, sie von dem ähnlichen Blatt des Urachhauses und des (Freien) Geisteslebens "a tempo" unterscheiden. Da müsste ein Wunder passieren, wenn die verschiedenen anthroposophischen Zeitschriften je dazu kommen würden, sich in jeder Beziehung zusammenzutun. In diese Richtung der Zukunft schaue ich nichts.

    Deinen Gedankenn einer "Internet-Zeitschrift" habe ich schon geträumt. Vor über zwanzig Jahren erwog ich die Idee, aus Schweden heraus eine nordisch-skandinavische Zeitschrift anzubacken, aber es gab dafür zuwenig Interesse. Jeder hockte vor seinem Kamin. Die Schweden wollten kein Norwegisch lesen, die Dänen fanden die Schweden doof und die Norweger wollten sich keinem Schweden unterwerfen; so ungefähr die Kurzfassung. Eine Internetzeitschrift wäre sofort global und sprachlich wäre es kein Thema, gleichzeitig und/oder umwechselnd Deutsch und Englisch zu haben. Jeder könnte sich die Texte zu anderen Sprachen übersetzen lassen, was man besonders in seinem Winkel für gut fände. Und das erste Kriterium für mich in einer solchen sehr Kopf- und Herzmannigfaltigen „Redaktion“ – es wäre fast nicht möglich, alle Redakteure auf einmal zu zählen, weil jeder Schreiber und Kommentator sofort ein Sonderberichterstatter wäre – wäre, dass jeder selbstverwaltend, frei und gesinnungstüchtig seine eigenen Texte, Bilder und Alster nach dem Taktmaß der individuellen und moralischen Fantasie zu instrumentalisieren hätte. Ein Kriterium für mich wäre vielleicht, mit den Kommentaren strikt zu sein, damit es nicht bei jedem Beitrag herausschweift in unendliches, törichtes und abwegiges Hecheln, so wie ich es bei den Egoisten oft beobachte. Da finde ich manchmal keinen Einstieg mehr, auch wenn ich zum betreffenden Text etwas zu sagen hätte. Diese Internetzeitung würde sich die Aufgabe stellen können, das Medium zu werden, von der Jüngel spricht: „…ein Referenzmedium, auf das man sich bei spirituellen Fragen bezieht, eines, das man zitiert.“

    Es gibt ja schon einige Blogs, die von mehreren Benutzern betrieben werden, aber da bemerke ich auch, dass nicht oft genug neue gute Beiträge kommen, und irgendwann kommt dann eine Lücke, sodass man nicht mehr reinschaut. Welches Programm wäre da geeignet, um eine solche Zeitschrift auszuprobieren?

    Von Blogger Jostein, Am/um 14. Oktober 2008 21:53  

  • Lieber Jostein
    Ich habe nicht so sehr viel Traffic aus englischsprachigen Ländern, obwohl bei mir eine Reihe englischer texte vorhanden sind. Sie sind z.T. auch dort in Listen besprochen worden. Die interessierte Gemeinschaft scheint aber nicht sehr gross zu sein. Vielleicht ist es bei Deinen Themen anders.
    Für eine Zeitung würde ich - ich habe auch die Wahl- lieber einen Mac nehmen, das ist grafisch viel schöner, leichter zu bedienen. Mir reicht schon das preiswerte "Pages". Da gibt es zahlreiche Zeitungsvorlagen- die Zeitschrift ist schon fertig, man muss nur die Artikel und Bilder einfügen. Dann als PDF speichern und ins Netz stellen. Fertig.
    Das mit den Kommentaren ist Geschmackssache. Ich schreite sehr selten ein. Das gibt dem Ganzen aber auch eine gewisse Offenheit. Ich denke, dass das notwendig ist, auch wenn es für mich manchmal unangenehm ist.
    Herzlich
    Michael

    Von Blogger mick321, Am/um 14. Oktober 2008 23:37  

  • Lieber Michael,
    Die Vernetzung durch Hinweise zu anderen Sites und Blogs ist schon eine gute Sache, die die notwendige Individualisierung in unserer Zeit unterstützt. Dann ist die Frage, ob nicht irgendwann aus der Vielfalt ein Zusammenfinden stattfinden könnte, sodass überlappende Initiative sich zusammentun könnten. Falls eine solche Zeitschrift gestartet werden würde, müsste man eine Zeit gucken, was möglich wäre, wie sie aufgenommen werden würde. In den 90er Jahren hatte ich die erste Mac Powerbook, aber ich habe es nur für das Schreiben benutzt und ohne Internetzugang. Mac wäre zu überlegen, wenn ich demnächst einen Laptop anschaffe. Das mit Windows kompatible Safari Browser habe ich gerade ausprobiert. Ist OK, aber die Schrift ist da immer irgendwie dicker und er bringt nicht mein Ogirema durch, sondern schafft einen anderen Schriftart. Als alter Layouter bin ich da sehr empfindlich. Wie alles aussehen würde auf einem Mac, weiß ich ja noch nicht. Sonst habe ich einige solche Internetzeitschriften angeschaut. Das PDF ist dabei manchmal zu einfach gemacht mit nur Text. Aber selbstverständlich ist ja viel Design da auch möglich. - Und das registrieren für das ISSN kommt noch dazu. Und wie würden „wir“ anfangen? Soll ich einen Appell auf meinem Blog komponieren? Mit meinen etwa 10 Besuchern pro Tag bringt das jedoch nichts!

    Von Blogger Jostein, Am/um 15. Oktober 2008 18:56  

  • Hier der Entwurf für eine kleine Zeitschrift: www.egoisten.de/pixx/antipodium.pdf
    Antipodium - Gegen die Kanzeln unserer Zeit
    oder: Nachrichten von den Antipoden.
    Du könntest ja erst einmal anfangen mit eigenen Beiträgen aus Deinem Blog, druckfertig für Interessenten. Dann könntest Du ganz entspannt erweitern.
    **
    Michael

    Von Blogger mick321, Am/um 15. Oktober 2008 22:51  

  • Lieber Michael, ich habe mir dein Entwuurf mit Interesse und Schmunzeln angeguckt. Der name "Antipodium" gefällt mir irgendwie, auch wenn ich lieber etwas mit "Für" als mit "Gegen" vertreten würde, aber wer weiß... Ich werde darüber nachdenken.

    Von Blogger Jostein, Am/um 16. Oktober 2008 18:59  

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