Riss in der Achse
Foto: ICE-T-Zug. Die Deutsche Bahn zog ab Samstag fast alle der rund 70 Schnellzüge mit Neigetechnik vorübergehend aus dem Verkehr. Quelle: spiegel.de
Anthroposophische Gesellschaft und Karmapraxis
Während des von der Bochumer Polizei erlaubten NPD-Aufmarsches am Samstag saß ich für einpaar Tage als NRWanthro im Kulturhaus Oskar gegenüber dem Bochumer Schauspielhaus mit weniger als zwei Handvoll Anthroposophen, die die Karmapraxis als soziale Herausforderung zusammen besprachen. Wir nahmen unmittelbar nicht teil an den von vielen hunderten Polizisten überwachten und von knapp 3000 Menschen durchführten Gegendemonstrationen draußen an mehreren Ställen in der NRW-Stadt. Ob diese Demos dunkle Kriege waren, überlasse ich anderen zu urteilen. Jedenfalls gab es keine größeren Zwischenfälle und beim Aufmarsch der rund 200 Rechtsextremisten gab es nur kleinere Rangeleien. Die Polizei sprach von einem eher ruhigen Verlauf der Veranstaltungen.
Ist diese Attitüde ein Zeichen einer neuen Sozialkompetenz in der anthroposophischen Gesellschaft? Die Karmafrage war ja kaum mehr ein Gesprächsthema oder in einem Programm zu finden seit dem Kongress 2001 in Kassel, der Northart Rohlfs anordnete, als er dort im Anthroposophischen Zentrum noch Veranstaltungschef war. Sind hoffnungsvolle Veränderungen in der anthroposophischen Oberschicht in Sicht? Zeigt das derzeitige Aufwachen gegenüber Karmafragen, dass eingesehen wird, dass das althergebrachte Verstandesdenken synchron mit dem Tod der Kapitalismus auch zu Ende gekommen ist? Oder bestätigt diese unerwartete Gesprächsbereitschaft, dass die Anthroposophische Gesellschaft selber gestorben sei, sodass ihre Seele als eine Verstorbene betrachtet werden dürfte, die nur durch einem erhöhtem Bewusstsein - sprich: Karmabewusstsein - zu neuem Leben kommen könnte?
Der ICE, in dem ich von Mannheim nach Bochum am Freitag meinen vorbestellten Platz hatte, war halbiert, sodass ich gezwungen wurde, einen IC-Bummelzug vom gegenüberliegenden Gleis zu nehmen. In der Nacht zu Samstag wurden dann rund 70 ähnliche Züge zurückberufen, damit Probleme mit ihren Achsen untersucht werden können. Wenn mit zu hohem Fahrt gekurvt wird, entstehen möglichenfalls solche Materialschäden. Haben die immensen Probleme kompetenzorientierter und zwischenmenschlicher Art innerhalb der anthroposophischen Bewegung heute und eigentlich immer seit Rudolf Steiners Zeiten mit „Rissen in der Achse“ zu tun?
„Das Karma ist das Gesetz der Ursache und Wirkung in der geistigen Welt; es ist die Spirale der Entwickelung. Die Christus-Kraft schaltet sich in die Entwickelung dieser karmischen Linie als richtunggebende Achse ein.“ Das waren Steiners Worte vor etwa hundert Jahren. Was geschieht denn in einem sozialen Kontext und in einer Gesellschaft, wenn diese Achse nicht oder zuwenig beachtet wird? Meine Antwort: Draußen werden die Demos nochmals stattfinden und eine friedliche Zivilisation wird lange auf sich warten müssen. Und drinnen werden die Gespräche das Karmathema zu etwas ausgeklügelt vermeinten Handfesterem wechseln, bis das nächste Entgleisen geschieht.
Labels: Anthroposophie, Karma, Soziales



7 Kommentare:
Lieber Jostein Saether,
vielen Dank auch für diesen Beitrag.
Ich würde mich freuen, wenn Sie mir bei der Beantwortung meiner entstandenen Frage weiterhelfen könnten.
Woraus ergibt sich für Sie diese Aussage: '...Einige im Voraus geahnten kontroversen Sichtweisen und gewisse Nachklänge älterer Streite...'
Auch in der Äusserung '...dass die Anthroposophische Gesellschaft selber gestorben ist...' erwünsche ich mir eine Erläuterung.
Entgleisung geschieht dort, wo der Führer sich nicht im eigenen Selbst befindet.
Herzlichst
Nadine
Von
monalisa, Am/um
26. Oktober 2008 21:47
Liebe Nadine,
danke für dein Auftauchen hier und für die Fragen. Ich will versuchen, eine Hilfe zu geben. Erstens: Die „im Voraus geahnten kontroversen Sichtweisen“ hatten sich für mich dadurch gegeben, dass aus der schriftlichen Einladung einige der vorangekündigten Teilnehmer mit Namen erwähnt waren. So wusste ich aus früheren Kontroversen z. B. um mein erstes Buch, dass unsere Gespräche heute auch mit gewissen konträren Gesichtspunkten befassen oder an bis heute nicht aufgeklärten Differenzen und Missverständnissen sich gegebenenfalls steuern würden.
Zweitens: „Gewisse Nachklänge älterer Streite“ beziehen sich auf andere Hintergründe, z. B Verleumdungen zu meiner Person und Unwahrheiten über meine Arbeit und Forschung, die in der Anthroposophischen Gesellschaft in mehreren Ländern im Umlauf waren und noch sind. Über diese zweiten Umstände öffentlich zu schreiben, bringt wahrscheinlich nichts, da ich keine Namen nennen kann oder möchte, und einige dieser Personen scheinbar nicht bereit sind, zu einer Aufklärung beizutragen. Deine nächste, zitierte Äußerung habe ich im Blog gerade zum folgenden Satz grammatisch umgeändert, damit einige Missverständnisse verhindert werden kann. (Mein norwegischer Hintergrund war Schuld zu dieser Unklarheit:):
„Oder bestätigt diese unerwartete Gesprächsbereitschaft, dass die Anthroposophische Gesellschaft selber gestorben sei, sodass ihre Seele als eine Verstorbene betrachtet werden dürfte, die nur durch einem erhöhtem Bewusstsein - sprich: Karmabewusstsein - zu neuem Leben kommen könnte?“
Vielleicht erledigt sich dadurch, deine Frage. Ich kann jedoch etwas erläutern: Ich habe demnächst vor, weitere Beiträge zu geben über meine Sicht von der sogenannten Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft, und darüber zu schreiben, wie ich beurteile und verstehe verschiedene Fragen und Tatsachen, die ich in Zusammenhang mit der Geschichte und mit den Problemen innerhalb der anthroposophischen Bewegung sehe. Hier kann ich sagen, dass ohne der Impuls des Karmaverstehens, der Karmaforschung und der Karmapraxis, die Rudolf Steiner auf der Weihnachtstagung (WT) 1923-24 neu inauguriert hat - und in der Folgezeit 1924 versuchte, auszuarbeiten - würde keine anthroposophische Gesellschaft in seinem Sinne und ohne konventionelle Vereinsmerkmale existieren können. Insofern wäre die Allgemeine Anthroposophische Gesellschaft im Sinne der WT vielleicht noch nicht geboren. Also könnte sie auch nicht gestorben sein.
Da aber die meisten Anthroposophen sich mit der sogenannten WT-Gesellschaft verbunden gefühlt haben (falls sie Verstorben sind) und fühlen, aber doch maßgebend gelebt haben oder leben, ohne eine Karmapraxis zu realisieren, ist ein Zustand entstanden, der darin besteht, dass die Anthroposophie als ihre Mutter in den Tochterbewegungen selbst unzureichend gewürdigt wird. Das bezeugen viele Tendenzen und manche Geschehen in vielen Schulen und Institutionen. Anthroposophen, die zu mir für Karmaberatung kommen, erzählen manchmal darüber "Horrorgeschichten". Das heißt z. B., dass Konflikte überhaupt nicht gelöst werden können, weil ein Part mit viel Einfluss keine Bereitschaft hat, eine fundamentale Lösung zu suchen. Und Kündigungen und Entlassungen, falls sie als einzige Auswege entstehen, sind meistens keine Lösungen. Und die Kollegen auf dem Kolloquium erkannten auch ähnliche Missstände, sodass sie eine Zukunft für die Anthroposophische Gesellschaft nur darin sehen, falls sie die immer mehr entstehende anthroposophisch orientierte Karmapraxis „außerhalb“ dieser Gesellschaft in ihre Arbeit und Angebote integriert.
„Entgleisung geschieht dort, wo der Führer sich nicht im eigenen Selbst befindet.“ Sehe ich auch so. Über Entgleisungen können wir später diskutieren. Da sehe ich einige in der anthroposophischen Geschichte, die noch ihre professionellen „Untersuchungskommissionen“ bräuchten.
Von
Jostein, Am/um
27. Oktober 2008 16:31
Lieber Jostein,
ersteinmal vielen vielen Dank für Deine ausführliche Stellungnahme.
***
Die weiteren Beiträge hinsichtlich der AAG würden mich brennend interessieren.
Ich denke gerade für uns junge Menschen sind kritische Betrachtungen in diesem anthroposophischen Felde und die Impulse für neue Wege immens wichtig. Die ersten polemischen Aufsätze gegen Kritiker der Anthroposophie schriebst Du ja bereits als 18-jähriger in einer Ortszeitung in Deiner Heimat. Da bin ich grundsätzlich etwas vorsichtiger.
***
Mich interessiert ebenso Dein Hinweis auf die Wichtigkeit der Menschen um Rudolf Steiner. Eine Zukunftsaufgabe, wie es Peter Selg in dem soeben erschienen Buch 'Christian Morgenstern - Sein Weg mit Rudolf Steiner' bereits ausführt. Kannst Du mir hier noch weitere Empfehlungen geben?
Die Karmefrage ist für mich ein ebenso zentrales Thema wie jenes des 'Ungeborenseins'. Manchmal empfinde ich diese Neigung bedingt aus meiner Biografie streng 'vergangenheitslastig'. Dank Deiner offenen Art habe ich aber für mich herausfinden können, dass das Fundament, das in der Vergangenheit liegt, die Vorraussetzung ist, um an mein 'Ich' herankommen zu können - Karmaforschung als Gerüst, ohne das alles weitere zerfallen würde.
Ich freue mich über eine gemeinsame Reise in die Geschichte und die Probleme der AAG. Vielleicht gelingt es uns, zumindest die Zeugung zu bekräftigen.
Herzlichst
Nadine
Von
monalisa, Am/um
27. Oktober 2008 19:35
Liebe Nadine,
sobald mir einige andere Arbeiten entlassen haben, werde ich mich weiteren Beiträgen hinsichtlich der AAG widmen. Ich lese gerade z. B. das Buch „Die allgemeine Anthroposophische Gesellschaft von Weihnachten 1923 und ihr Schicksal“ (Lochmann-Verlag, Basel 2006) von Rudolf Menzer und finde dort wichtige Korrekturen bezüglich der Konstitutionsdebatte.
Es ist schön zu wissen, dass es junge Menschen gibt, die für alternative Gesichtspunkte interessiert sind. Die Wichtigkeit der Menschen um Rudolf Steiner könnte mehr entdeckt werden. Peter Selg – und das ist ja gut - nimmt sich zunächst den Personen an, die im deutschsprachigen Raum tätig waren. Aber es gaben viele andere auch. Da ist z. B. Andrej Belyj. Lies einmal sein Buch „Geheime Offenbarungen. Erinnerungen an das Leben im Umkreis Rudolf Steiners“ (Rudolf Geering Verlag, Dornach 1992) und du wirst sehen, dass Steiner mit geistigen Erkenntnissen nicht alleine stand.
Die komplexe Ich-Frage lässt sich ohne den Karmagedanken nicht entziffern. Danke, dass du meine Perspektive aufnimmst. Das Sich-Begegnen in einer Erkenntnis bringt die geistige Substanz der Liebe in die Iche hinein. Darin können höhere Wesen leben. Hier berühren wir auch noch das Thema der sogenannten umgekehrten Kultus.
Von
Jostein, Am/um
27. Oktober 2008 23:04
Lieber Jostein,
...und nicht zu vergessen von Belyi 'Verwandeln des Lebens' Zbinden Verlag, verhalf mir insbesondere zu heiteren Blicken auf den Menschen Rudolf Steiner.
Wie er insbesondere mit den frischen Ideen der Jugend Sympathie schloss. Aber natürlich auch diesen Kräfte-Zwiespalt in geistiger Erkenntnis und handwerklicher Tätigkeit von Belyi. Wichtig sind diese Werke zudem der Blickrichtung wegen: während ich bei der GA das Wesen Steiners in mir sitzen habe, eröffnen mir Belyi, Morgenstern ...eine Distanzierung und mit ihr eine Betrachtung von aussen. Das ist wohltuend und zuweilen auch kräftigend.
Umgekehrter Kultus meint die christdurchdrungene Freiheit des Menschen im Evolutionsfortschritt, die in der Begleitung seines Engels sich vollzieht, um zur Karma-Ausführung zu gelangen. Wie kann sich eine Widersachermacht in dem Ätherleib betätigen? Welche Dispositionen des Mensch öffnen Ihm die Pforte? Wie kann der Engel den Weg über den Ätherleib zum Geistesselbst gehen und welchen Gefahren ist er hierbei ausgeliefert? Kann er überhaupt Ahriman besiegen? ...durch die Substanz der Liebe in den Ichen?
***
Herzlichst
Nadine
Von
monalisa, Am/um
28. Oktober 2008 00:06
Liebe Nadine,
Ja, „Verwandeln des Lebens“ las ich vor 20 Jahren oder so und einiges mehr von ihm, z. B. das Buch über Alexander Blok, der damals aus verschiedenen Gründen nicht direkt Anthroposoph wurde, aber wahrscheinlich es heute ist, falls er wiedergeboren ist. Da du den Blog der radikalen Intimität gerade ließt: Aber „Belyj“ – die weiße Seele - ist wieder da! Damals als ich als kleines krankes Mädchen, mit meiner damaligen Mutter und meinem damaligen Onkel, der Musiker, der ein Automobil hatte, nach Dornach kam, wohnten wir in einem Haus mit vielen Russen. Andrej Belyj war wunderbar! Er liebte Kinder, spielte mit mir und setzte mich in einem Baum unterhalb vom ersten Goetheanumbau hoch, da ich wegen Poliomyelitis selbst nicht gehen oder klettern konnte. Ja, das war damals in einer völlig anderen Inkarnation.
Von
Jostein, Am/um
28. Oktober 2008 09:43
...völlig anders aber doch dazugehörig. Vielen dank für diese Art der Radikalität. Viele Fragen, die ich an Deine Inkarnationen habe werde ich wohl im Kommenden herausbringen. Es freut mich zu erahnen, dass sich die Menschen wieder begegnen, die sich in einer vorrigen Inkarnation begegnet sind. Und wenn Andrej Dich in einen Baum emporhob, um Dir dieses Gefühl des Schwebens und puren Einssein mit dem Baum zu schenken,
dann bin ich gespannt, wie Eure hiesige Begegnung sich anschickt.
Wir sind nun auf dem Weg der Entgleisung und der AAG bei Belyj gelandtet. Ich werde wachsam sein, wie sich weiteres gestalten wird.
Herzlichst mit Dank Nadine
***
Von
monalisa, Am/um
28. Oktober 2008 19:28
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