Gamamila

2008/11/18

Die Anthroposophische Gesellschaft als „Hemmschuh“ der Anthroposophie

„…als ein lebendiger Anachronismus, als das Bild, wie gesagt, einer barbarischen, in Gefahr schwebenden Gesellschaft, als ein posthumes Werk der Vergangenheit, welches für die Räder der Gegenwart nur den Wert eines Hemmschuhs haben kann.“

Friedrich Nietzsche

in:
Menschliches, Allzumenschliches II.
Ein Buch für freie Geister
(1879)


Bild: Lou von Salomé, Paul Rée und Freiedrich Nietzsche. Von Nietzsche selbst 1882 arrangierte Fotografie. Quelle: Wikipedia

Ramon Brüll
befürwortet in Info3
die Auflösung der Anthroposophischen Gesellschaft (AAG), weil er findet, dass ihre Existenz heute die weitere Entwicklung der Anthroposophie verhindere:

„In großen Zügen könnte man die Entwicklung der Anthroposophie charakterisieren von einer Geheimgesellschaft (ab ca. 1913), über eine ‚durchaus öffentliche’, aber organisatorisch begrenzte Interessensgemeinschaft (ab 1923) bis hin zu einer Bewegung, die durch die Gründung vieler lebenspraktischer Einrichtungen (Höhepunkt in der Post-68er-Phase) öffentliche Anerkennung findet. Der nächste Schritt muss konsequenterweise sein, Anthroposophie als öffentliches Gedankengut, also als Teil des allgemeinen Kulturlebens und nicht länger als Alternative zu ihm zu verstehen. Um das zu erreichen, darf Anthroposophie gar nicht mehr organisatorisch vereinnahmt werden und folglich müsste die Anthroposophische Gesellschaft aufgelöst werden.“

Andreas Neider, verantwortlicher Redakteur des Mitteilungsblattes der Anthroposophischen Gesellschaft in Deutschland, stellt die Thesen in der Info3 in Frage und fordert zur Diskussion auf. Bei dieser Forderung der Auflösung bzw. „Hineinopferung“ zugunsten eines „aktuellen Zeitgeistes“ vermisst Neider das, „was Rudolf Steiner von jedem seiner Schüler erwartete, nämlich die eigenständige esoterische Erarbeitung und Weiterentwicklung eben dieser Anthroposophie“. Einer der Vorbilder dieser Fortschritt seit Rudolf Steiner sieht Neider in Herbert Witzenmann. Welche sind die anderen, und warum sind diese Anthroposophen-Ideale nicht so augenfällig gewesen, dass sie auch in der allgemeinen Gesellschaft geschweige denn innerhalb den eigenen Reihen selbst eine Geltung hatten und haben?

Was Michael Eggert als „bemerkenswert dünner Substanz“ in der Argumentation Neiders nennt, bezieht sich auf ein esoterisches Thema der Anthroposophie: der Umgang mit den Verstorbenen. Neider schreibt: „Die Antwort nach der Zukunft der Anthroposophischen Gesellschaft findet sich meiner Meinung nach einzig und allein dadurch, dass man konkret auf die eigene spirituelle Verantwortung für das, was Rudolf Steiner den Mitgliedern dieser Gesellschaft als Aufgabe übertragen hat, hinblickt.“

Neider schreibt, dass es Rudolf Steiner eines der wichtigsten Anliegen sei, „seine Schüler davon zu überzeugen, dass die Verstorbenen in einer lebendigen, spirituell gegenwärtigen Welt leben, zu der wir Lebenden einen real wirksamen Bezug herstellen können.“ Andreas Neider fühlt sich erfreulicherweise diesem Anliegen gegenüber zum realen, geistigen Dialog verpflichtet. Ähnlich wie Mieke Mosmuller plädiert er für einen direkten Kontakt mit Rudolf Steiner als der Bezugspunkt der weiteren Entwicklung der Anthroposophie inklusive seiner Schüler, die auch verstorbenen, aber im Geistigen weiterhin wirksam sind. Solche allgemeine Anspielungen sind im privaten Bereich schon in Ordnung, aber heute taugen sie zu nichts mehr, falls man mit der Anthroposophie etwas öffentlich erreichen möchte. Hier muss man konkret und ichbezogen sein! Das ist ein Problem der anthroposophischen Gesellschaft mit deren Hochschule, dass sie nur ein – gestorbener - Geistesforscher „hat“. Welche neue Ergebnisse und Schöpfungen kann sie aus aktueller übersinnlicher und spiritueller Forschung vorzeigen? Wie der Kontakt zu dem verstorbenen Rudolf Steiner und zu anderen Vorgänger erstellt werden könnte, beschreibt Neider jedoch und leider nicht. Für ihn ist die Welt der Verstorbenen keine Welt der Vergangenheit, sondern sie bringt ihn in Beziehung mit der eigentlichen, höheren Realität seines Daseins. Leider bringt er dabei auch keinen konkreten Beispielen, wie diese höhere Realität sein Leben verändert hat gegebenenfalls im Jetzt beeinflusst.

In einer Hochschulkonferenz in Schweden 1997 versuchte ich gerade dieses von Andreas Neider angedeutete Vorhaben „der eigenständigen esoterischen Erarbeitung und Weiterentwicklung“ der Anthroposophie durch authentische individuelle Beispiele in einem Plenumsgespräch auszuüben. Ich sprach von einem individuellen Geist-Erleben mit dem verstorbenen Dornacher Vorstand und Sektionsleiter Jørgen Smit und zwei anderen in Skandinavien bekannten verstorbenen Anthroposophen. Das ging damals überhaupt nicht. Mein Versuch des neuen Konzepts wurde sofort als etwas nicht Vereinbares mit der Repräsentanz der Hochschule von einigen prominenten Anthroposophen und vom damaligen Generalsekretär der schwedischen Landesgesellschaft, Anders Kumlander, aburteilt. Er replizierte, dass es nur innerhalb einer Klassenstunde angebracht sei, mit Verstorbenen in Kontakt zu treten! Dieses Intermezzo ist mir in der Erinnerung so deutlich geblieben, dass daraus eine anschauliche Szene in einem 5. Mysteriendrama dramatisiert werden könnte.

Eine Patientin einer anthroposophischen Klinik erzählte mir einmal folgende Anekdote: Sie kannte eine andere Patientin, die berichtete, dass sie eine Christus-Erlebnis gehabt hätte. Sie erzählte es einmal während einer Patientenrunde. Darauf soll ein ärztlicher Verantwortlicher, der auch Lektor der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft (FHG) war und noch heute ist, zu der Letzteren gesagt haben, dass dies unmöglich sei, weil sie kein Mitglied der Hochschule sei! Als ob also nur innerhalb den traditionellen anthroposophischen Institutionen und Gremien echte geistige Erfahrungen erfolgen könnten. So ein Unsinn! Seitdem habe ich viele weitere ähnliche irrationelle und immerhin sozial verständliche aber nicht akzeptable Reaktionen und Tendenzen in der FHG und in der AAG erlebt, wenn es um geistige Erfahrungen gingen, dass es für mich kein Sinn mehr machte, darin Mitglied zu bleiben.

Im Verhältnis zu der Anthroposophie, die in meiner Seele lebt, brauche ich folglich nicht mehr die althergebrachte AAG und sie braucht auch nicht mich für ihre Anthroposophie, sonst hätte Andreas Neider sich längstens gemeldet. Und Ramon Brüll braucht meine Unterstützung mit seiner Auflösungskampagne sicherlich auch nicht. Eine solche Kampagne wird sowieso wenig bewegen können, da die Bejahung für die AAG so stark ist, dass sie lange noch bestehen wird. Davon bin ich überzeugt. Ich bezweifele auch nicht, dass Anthroposophie ihr Weg neben der AAG in die Welt findet und finden wird. Sie entsteht und lebt bei einzelnen Menschen und in Menschenbeziehungen, wo man einen direkten Kontakt schafft zu der Individualität, die den Namen Rudolf Steiner im letzten Leben trug, und zu anderen Individualitäten, z. B. Jörgen Smit und viele andere, die Anthroposophie lieben, weil sie eine Herzensangelegenheit der Ohnmacht ist, und deswegen keine Institution mit Alleinvertretungsanspruch als Leib, aber selbstverständlich ein freies Kulturleben braucht, vorausgesetzt, dass darin „ein gemeinschaftsbildender Raum“ geschaffen wird. In einem Vereinsdokument kann dies aber nicht proklamiert werden.

Rudolf Steiner hat an der Weihnachtstagung 1923 keinen traditionellen Verein, sondern eine Herzensgemeinschaft gegründet, der es die Aufgabe zukam, Ordnung im Karma zu schaffen. Und solange nicht genug Mitglieder und Vertreter der AAG und der FHG die Interesse haben, dafür aus Steiners Anweisungen und aus der Anthroposophie entstandenen anderen konkreten Wegen der Karmapraxis und der Karmaforschung anzutreten, bleibt die Anthroposophische Gesellschaft für die Anthroposophie selbst ein hinderlicher „Hemmschuh“. Hemmschuh könnte sicherlich auch als ein bejahendes Bild verstanden werden, allenfalls man meint, dass die AAG eine notwenige Fahrtbremse für irgendwelche zu schnell laufenden anthroposophischen Entwicklungen sei. Die Bremsefunktion wurde jedoch in der Vergangenheit vielmehr irrtümlich angetreten, sodass „Entgleisungen“ wie diejenige im Jahre 1935 aufzogen. Ich gebe Ramon Brüll in seiner Standortbeschreibung grundsätzlich Recht, und ich begrüße und bedanke ihn, dass er den Mut hat, zu notwendigen Veränderungen aufzurufen.

Labels: , , ,

2 Kommentare:

  • Lieber Jostein! Prima, dass Du die Diskussion fortführst!
    Herzlich
    Michael

    Von Blogger mick321, Am/um 18. November 2008 20:18  

  • Lieber Michael,
    mit meinem Perpetuum Mobile kann ich vielerorts gleichzeitig mitdiskutieren. Wenn mittendrin auch einpaar gute Gespräche geführt wird, lebt die Anthroposophie mit.

    Von Blogger Jostein, Am/um 19. November 2008 12:44  

Kommentar veröffentlichen



<< Startseite