Ich-Begegnung in der Musik
Gelegentlich konnte ich die neuen Musikinstrumente von Gunhild von Kries hören und sie selbst ausprobieren. Das sind Saiteninstrumente, die mit dem Begriff Tachtivirta (finnisch: Sternenstrom) benannt werden. Diese durch plastisches Schnitzen gefertigten Instrumente werden entweder aus einem Stück Holz, z. B. Birke, Eiche oder Linde, oder auch aus Hölzern von zwei oder auch drei verschiedenen Holzarten gebaut. Ihre künstlerische und geisteswissenschaftliche Ansatz hat Gunhild in einem Buch niedergelegt (Gunhild von Kries, Zeit heilt. Begegnungen mit dem Klang der Zeit, Oratio Verlag, Schaffhausen, 2003).Beim Spielen und Anhören dieser Saiteninstrumente, die mit Fiedelbogen gespielt werden, bekam ich einmal ein seltsames Ich-Erlebnis, was ich in dieser Art sonst nie erfahren habe. Ich erlebte mich selbst so, als ob ich getragen wurde und mich dabei ganz geborgen fühlen konnte, gleichzeitig aber auch in einer vertikalen Wachheit aufrecht gehalten wurde. Deswegen wollte ich meditativ nachforschen, ob ich einen karmischen Hintergrund entdecken würde, der mit diesen musikalischen Affinitäten zu tun haben könnte. In einer Meditation kam ich in das Leben des Griechen Agamon, des späteren Wagenlenkers, hinein, das heißt in eine meiner Inkarnationen, die ich in meiner karmischen Autobiografie beschrieben habe.
Ich erschaute eine Situation aus seiner Jugend, die ich vorher nicht gekannt hatte: Der Jüngling, Agamon, ist mit Verwandten und Ortsbewohnern aus Delphi in einem Schiff im Mittelmeer unterwegs nach Hause. Es ist ein flauer, heißer Nachmittag, fast Windstille, und die Ruderer halten eine Weile die Holzruder still, nachdem sie stundenlang gerudert haben. Beim Rudern wird im Rhythmus dazu gesungen. Jetzt merken die Bootsfahrer, dass der Wind zunimmt. Die Segel werden schnell gesetzt. Dabei stimmt Agamon einen Sologesang an, sich auf seiner Leier begleitend und mit Tönen den Wind nachahmend. Windböen blähen die Segel auf und das Schiff kommt kräftig in Fahrt, während die Seefahrer ihre Ruder einziehen. So kommen die müden Händler noch vor der Abenddämmerung im Hafen von Delphi an.
Damit war die Schau aber noch nicht zu Ende. Nach dem Ausladen der im Austausch gegen Wolle, Wein und Olivenöl erworbenen Getreidesäcke, Lederwaren und Silbermetall, die in Ochsenwagen zum Dorf hinauf gebracht wurden, wird ein Fest gefeiert. Ein Höhepunkt des Abends ist für Agamon das Leierspiel einer Gruppe von älteren Musikern, deren Solosänger dann einstimmt, als für die Zuhörer der Augenblick geschildert werden soll, wenn der Wind die Segel eines Schiffes auftreibt. Der Sänger stellt den Mast mit dem Segel dar. In der Imagination war es eindeutig, dass für die Griechen ein Segelschiff ein Sinnbild der Menschenseele ist und ein mit einem Segel gespannter Mast die Fähigkeit des Menschen widerspiegelt, dass sein Daimon, das Ich, den Stürmen des Lebens standhalten und von ihnen Gebrauch machen kann.
Mit diesem Beitrag sage ich Auf Wiedersehen für etwa eine Woche, da ich heute wieder nach Italien fahre, um ein Karmaseminar zu geben und im Projekt Casa per Michele weiter zu malen.
Bild: Griechische Augenschale, Schwarzfigurige Vasenmalerei. Signiert von Künstler Exekias, tätig um 550 bis 530 v. Chr. in Athen. Quelle: Wikipedia
Labels: Karma, Kunst, Meditation


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