Gamamila

2008/11/04

Ist Karma etwas, vor dem wir uns fürchten sollen?


Es gibt keine Anthroposophie ohne die Idee von Reinkarnation uns Karma. Im Rudolf Steiners Werk, in seinen Büchern und Vortragsnachschriften, gibt es genug Belege dafür, dass Karma und Reinkarnation zur zentralsten Begriffen der Anthroposophie gehören. Wenn ich nur einige solche Textstellen aus dem geschriebenen und gesprochenen Kontext herausnehme, und sie mit meinen eigenen Lebenserfahrungen verbinde, stehe ich vor Tatsachen, die manch ein Rätsel beleuchten, und mir gegebenenfalls Hilfeleistungen gebe, wenn ich schaffe, die darin beschriebenen Wahrheit mit meiner Individuellen Situation zu integrieren. Ich werde unten und in kommenden Beträgen einpaar solche Stellen zitieren und dazu ein Kommentar geben. Die in Klammern stehenden Ziffern beziehen sich auf die Publikations- und Seitennummer in der Gesamtausgabe (GA) des Werks von Rudolf Steiner herausgegeben vom mit seinem Namen identischen Verlag in Dornach, Schweiz.

„In jedem Moment des Lebens stellt das Karma etwas dar, wie die Bilanz eines Geschäftsmannes. Mit jeder Handlung, sie sei gut oder schlecht, vermehrt der Mensch sein Soll oder sein Haben. Wer (bei einer möglichen Handlung) einen Akt der Freiheit nicht zugeben möchte, würde einem Kaufmann gleichen, der nicht das Risiko einer neuen Geschäftsunternehmung eingehen möchte und sich immer auf dem gleichen Stande der Geschäftsbilanz halten würde.“ (94.117)

Karma ist immer vorhanden. Es steht nicht still, sondern verändert sich mit meinem Mitgehen oder Nichtmitgehen in der Schicksalsbewegung. Ich kann nur bedingt wissen, was aus meinem Tun entsteht, da die Folgen meiner Handlungen sich gemäß den Veränderungen in meinem Umfeld sich auch verändern. So gesehen, stehe ich mit meinem Karma im Spannungsfeld zwischen dem Vergangenheitsstrom aller gemeinsamen Tradition und der individuellen Entscheidung für eine offene Zukunft.  

„Eine Wesenheit, die einmal tätig war, steht in der Folge eben nicht mehr isoliert da; sie hat ihr Selbst in ihre Taten gelegt. Und alles, was sie wird, ist fortan verknüpft mit dem, was aus den Taten wird. Diese Verknüpfung einer Wesenheit mit den Ergebnissen ihrer Taten ist das die ganze Welt beherrschende Gesetz von Karma. Die Schicksal gewordene Tätigkeit ist Karma.“ (34.93)

Karma ist auch nicht denkbar, wenn ich es nicht mit einem Eigenwesen in Zusammenhang bringe. Nur ein Selbstseinswesen, eine Individualität, die einen Teil oder ein Glied ihrer Existenz auch außerhalb des Sinnesseins verlagert, kann Karma kreieren. Alle anderen Lebewesen und Welterscheinungen, die durch ihr Sein Folgen für andere Erscheinungen haben, sind in Prozessen verhaftet, die meist unmittelbar eine oder mehrere Wirkungen hervorrufen. Eine karmische Wirkung lässt sich demgegenüber als ein zusammengehaltenes Element über Jahrhunderte und Jahrtausende in wechselnden Umständen durch ein ihr verwandtes Bewusstsein verfolgen.  

„Wenn die Möglichkeit nicht gegeben wäre, sich über den Irrtum zu erheben, so müsste der Mensch zuletzt in Irrtum versinken. So aber ist die Wohltat des Karmas eingetreten. Ist Karma irgendetwas, vor dem der Mensch sich fürchten soll? Nein! Karma ist eine Macht, für die der Mensch eigentlich den Weltenplänen dankbar sein sollte. Ohne Karma wäre unser Fortschreiten in der menschlichen Laufbahn unmöglich. Karma erweist uns die Wohltat, dass wir jeden Irrtum wieder gutmachen müssen, dass wir alles, was wir rückwärts getan haben, wieder vernichten müssen.“ (107.246)

Karma als Wohltat „Gottes“ zu denken, schafft mir neue Stützen in der Selbsterkenntnis. Karma als Wohltat zu fühlen, zu erleben, schafft mir die Fülle für monumentale Projekte in der Welterkenntnis. Karma als Wohltat mit dem eigenen Tun zu verbinden, gibt mir die Begrifflichkeit, zu betätigen das Karmabewusstsein als individuelles Instrument im Sozialen. Meine eigenen Irrtümer vor kurzem und diejenigen der Anderen, die im 20. Jahrhundert und die in der Geschichte, können nur „vergessen“ werden, wenn ich sie eingieße im „Kompost“ des Karmas, in einer bewussten Umschmelzung der irrtümlichen Handlungen, wobei ich erneut absolut alles – unter Umständen nur in einem Konzentrat – anschaue, anpacke und auspacke. Karma unter einem Teppich eines vorübergehenden Vergessens zu kehren, schafft nur neue Irrtümer, schafft Monolithe entgleister Kultur.

Bild: Aristotile (Bastiano) da Sangallo (1481–1551): Grisaille nach Michelangelos Schlacht von Cascina (bei Pisa). Quelle: Wikipedia

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