Gamamila

2008/11/03

Offener Brief an Sebastian Jüngel

Zur Buchbesprechung „Dafür ist Güte nötig“ von Sebastian Jüngel im Goetheanum Nr. 43/2008

Lieber Sebastian, du hast mein zweites Buch kommentiert und erlebst dabei „Gegensätzliches“. Warum nennst du keine Beispiele? Du erklärst, dass „eine konzeptuelle Straffung […] zu größerer Klarheit verholfen“ hätte. Gewiss ist es sehr umfangreich, und ich hätte zwei Bücher tun können. Ein Interessierter, der die Anregungen und Übungen ausprobiert, wird aber das Ganze wertvoll finden.   

Du schreibst: „Bei all diesen Beispielen wird mir nicht deutlich, ab wann der willentliche Umgang mit dem Bildhaften (als Übung) zur Verwandlung in Erwartung oder ‚Empfängnis’ kommt, […] ab wann also an die Stelle der Visualisierung das außer mir liegende geistig-seelische Erleben tritt.“ Du bewegst diese Fragestellung sachlich und versucht, dich in meine Haltung einzufühlen, um eine wohlwollende Antwort zu finden. Trotzdem ist dir wohl aus den Augen gefallen, dass ich mehrmals der Unterschied zwischen subjektiven und objektiven Vorgängen beschreibe.

Das Exempel ‚Thomas’ im Kapitel über Imagination, Inspiration und Intuition (Seite 70-74) zeigt einen bewusstseinsstufenweisen Vorgang. Und auf Seite 87 wird der Schritt in das Übersinnliche noch mal pointiert: „Du kannst von den Farben im Bild ausgehen, aber du musst nicht bei ihnen ‚hängen bleiben’, sondern du kannst aus dem inneren Gefühl heraus andere Klänge entstehen lassen, die dir auch relevant vorkommen. […] Du wirst allmählich oder sogar unerwartet spontan entdecken, dass du dich nicht mehr nur innerhalb der eigenen Phantasiegebilde befindest, sondern du wirst merken, dass in deiner Seele eine Atmosphäre – sozusagen als etwas Spürbares, das um dich lebt – entsteht, wo echtes Übersinnliches als etwas Befindliches empfunden werden kann.“

Für dich ähnelt meine Methode „erlebnispädagogische Settings, jedoch solche in der Vorstellung, nicht im Tun“. In der Erlebnispädagogik geht es ja gerade darum, etwas zu erleben durchs Tun. Wenn du zum übenden oder meditativen Tun nicht übergehst, kommst du nicht ins Geist-Erleben hinein.

Hast du beim Rezensieren vergessen, dass du einmal mit mir und Steffen Hartmann ein Interview führtest, wo es um Geist-Erleben mittels eines Engels ging? Viele meiner Aufätze, die du für Das Goetheanum lektoriertest, behandelten ebenfalls dieses Thema. Gegen diesen Hintergrund kommt es mir folgewidrig vor, wenn du notierst: „…was die Vorbereitung auf Meditation betrifft, ist aber zuweilen in Inhalt und Begriff recht voraussetzungshaft.“ Das Buch ist geradeso gegliedert, dass keine Spezialkenntnisse vorausgesetzt sind, sondern Übungen sind so geschildert, dass jeder zu Übersinnlichem kommen kann, falls er sie übt.

In einer Internetrezension schrieb Michael Eggert: „Dabei handelt es sich in erster Linie um […] Anregungen, die ganz locker und freilassend dargelegt werden. Da ist etwas dabei für Einsteiger und für Fortgeschrittene. Und offensichtlich ist es aus einer intensiven inneren Forschungsarbeit heraus geschrieben, leichthändig, gut lesbar, inspirierend.“

Warum erlebst du, der mich noch persönlich kennt – wir duzen uns noch –, das Leichthändige und die gute Lesbarkeit nicht? Nennst du in deiner reservierten Palaver die von mir angeführten negativen Erfahrungen im „anthroposophischen Milieu“ und die Selbstverteidigung gegenüber Vorwürfen, weil du dich für meine Arbeit eintreten und zu einer Aufklärung beitragen willst? Das schreibst du aber nicht. Stattdessen notierst du, dass ich klinge „an manchen Stellen selbstbezogen, zuweilen nonchalant“, und du führst August Strindberg an, ohne ihn relevant einzuordnen, etwas, was sich aus meinen beiden Büchern ergibt. Dass ich einige Male Hinweise zu meinem ersten Buch gebe, „penetrant“ zu bewerten, finde ich impertinent.

Im allerletzten Abschnitt bringst du den etwas rätselhaften Hinweis, dass mein Buch „Güte“ brauche. Du stellst das Fantasievolle und Anregende positiv in den Vordergrund, aber was meinst du mit der „Güte“? Wenn wir den Mut haben, uns selbst zu beurteilen und zu richten, und darum zu ringen, wahrhaft friedfertig werden zu wollen, kommen wir in der Gütigkeit voran. Stetige Gütigkeit bringt Missverständnisse, Misstrauen und Feindseligkeit zum Schwinden. Du hast recht, falls du an vorurteilsfreiunfähige und mit Tratsch und Klatsch beladenen Anthroposophen denkst, die mehr Güte entwickeln könnten, aber warum zeigst du sie selbst nicht unmissverständlicher? Gibt es auf diese Frage gegebenenfalls eine karmische Antwort, die sogar in meinem ersten Buch erklingt, und die mit den im Zweiten vorhandenen meditativen Werkzeugen ergründet werden könnte? Deine Rezension erscheint mir meisterhaft vorsichtig und zurückhaltend. Du drückst kein lautes Schrillen aus. Ich höre auch keine Begeisterung. Warum nicht?

Bild: Kuss des Judas Ischariot; 12. Jahrhundert, unbekannter Künstler; heutiger Standort: Uffizien, Florenz. Quelle: Wikipedia

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