Gamamila

2008/12/08

Sich gedulden

„Was ist denn das individuelle Große in der einzelnen Seele anderes als das, was der Keim des Großen in aller Weltenentwickelung der Menschheit ist? Wodurch haben Homer, Shakespeare, Dante, Goethe auf die Menschheit gewirkt? Dadurch, dass sie Egoitäten waren, dass in ihrem Innern ganze Welten waren, Welten, die nur aus ihrem Innern, aus ihrer Egoität herausgekommen sind. Dadurch aber werden – auf dem Umwege durch die Egoitäten – die Impulse des geistigen Lebens hereingetragen, welche von Epoche zu Epoche gerade die größten, nämlich die geistigen Taten der Menschheit vermitteln. Da ist wieder Luzifer drinnen. Da ist er der Lichtträger, der Impuls und die Macht alles Großen, welches aus der großen punktuellen, aus der einzelnen Menschenseele sprudelnden Ewigkeitskraft in die Menschheitsevolution ausstrahlt. Luzifer übt einen guten Einfluss auf die Menschenseele aus, wenn er der Anreger wird zum Herausholen alles dessen aus der Menschenseele, was der Mensch als sein Individuelles hinopfern kann am Altare der Menschheitsevolution. Luzifer wird ein böses Wesen, das heißt was er tut, wird böse, wenn er solche Impulse der Menschenseele gibt, dass diese nur alles zur Selbstbefriedigung in sich hineinführen will. Wie die Taten der Wesen wirken in der Welt, das muß man verfolgen, wenn man auf diese Wesenheiten hingewiesen worden ist. Die Wirkungen der übersinnlichen Wesenheiten kann man bezeichnen als gute und böse; die Wesenheiten selber nimmermehr.“ (Rudolf Steiner, in: GA 138. Seite 110f.)

Wenn ich mich von allen Resten ungünstiger Egoismus - sei es in Verbindung mit sinnlichem Besitz oder seelischem Neid – befreit haben, wird sogar Luzifer ein guter Begleiter und Aufpasser sein können in den übersinnlichen Ebenen, die ich durch Mediation betreten kann. Wer hätte das gedacht? Aus diesem Grund - falls man es verstehen möchte – wird es nachvollziehbar, dass einmal ein luziferisch inspirierter Hellseher mich als „luziferischer Eingeweihter“ versucht hat, abzutun.

Also gilt es nicht nur, sich von den sogenannten Widersachern zu hüten und zu entfernen? Habe ich Luzifer im Sinnesfeld erkannt, werde ich ihm gleichzeitig sozusagen nicht leicht verfallen können, wenn ich für kurze Zeit meinem physischen Leib wegen Geistestaten verlasse. Aber würde ich ihm trotz aller Vorbereitung doch verfallen, finde ich einen Garant der Wahrheit im Zeitgeschehen selbst und im Sich gedulden, im Erklingen der inneren Erlebnisse mindestens über drei Nächte und Tage, gemäß dem Hinweis des Evangelisten:

„Und sie bewahrten Schweigen über das Geschaute und erzählten in jenen Tagen niemand etwas von dem, was sie gesehen hatten.“ (Lukas-Evangelium, 9,36)

Bild: Hans Sebald Beham, Pacientia. Quelle: Wikipedia 

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6 Kommentare:

  • In Bezug auf die "Befreiung" von Negatvem: Ich glaube daran nicht. Ich denke, es gibt immer eine tiefere Schicht, die auf bestimmte Konstellationen, die sich ergeben, mit bestimmten Reflexen reagiert. Man bemerkt das an sich selbst vielleicht nicht, weil sich eben noch nicht die Konstellation ergeben hat: Aber eine neue Beziehung, ein Konflikt, ein schwerer Vorfall, ein Verrat, ein glücklicher Erfolg oder Geld können ein Anstoss ein. Dann lernt man sich wieder neu kennen.

    Von Blogger mick321, Am/um 8. Dezember 2008 22:20  

  • Es handelt sich vielleicht um ein „vorübergehendes“ Befreien, ein Befreien der Verhaftung im Astralleib, sodass das Schwere - das nicht Gereinigte, was noch mit im künftigen Karma schließlich einfließen muss - nicht mit in die geistige Welt mitgenommen wird, wenn ich meditativ mich loslöse vom physischen Leib. Würde diese Loslösung, Befreiung, nicht möglich sein, wäre auch die ganze Anthroposophie von Steiner nur eine Scheingebilde, oder ein Gedankensystem, das nur mit seinen subjektiven Motiven ausstaffiert wäre. Würde ich an die Befreiung, auch wenn es nur um eine teilweise gehe, nicht glauben, müsste ich auch meine gesamten Geist-Erkenntnissen überbord werfen.

    Von Blogger Jostein, Am/um 9. Dezember 2008 09:01  

  • Wichtig ist wohl gar nicht das Glauben an eine Befreiung, sondern noch viel mehr die Erkenntnis derselben. Sie verflüchtigt sich nur allzuleicht, und muss immer wieder neu gefunden werden, genau wie durch Michaels beschriebene Ereignisse. Die Erkenntnis, nicht der Reflex irgendwie, sei es nur mit Gedanken,zu reagieren, ist schon die Befreiung. Und das Wort, das diese Erkenntnis benennt.

    Danke, ich lese hier immer wieder gerne und lerne einiges dazu gerade in der Auseinandersetzung mit scheinbaren Grenzgebieten. Bitte weiter so!

    Von Blogger Annette, Am/um 9. Dezember 2008 17:32  

  • Da liegt ein Missverständnis vor, Jostein. Ich meinte die vorgebliche Befreiung vom inneren Schatten. Ich denke, dass die quasi in Schichten vorliegen und sich erst in bestimmten Situationen enthüllen. Etwas anderes ist die Möglichkeit zur inneren Freiheit im Geiste. Diese Loslösung ist doch tägliche Praxis als Anthroposoph und eine Selbstverständlichkeit.

    Von Blogger mick321, Am/um 9. Dezember 2008 21:22  

  • Ja, es ist leicht, in einem sehr kurzen Kommentar etwas falsch zu interpretieren. Verzeihung! Wenn Erkenntnis, ist sie immer Befreiung, sonst ist es keine Erkenntnis, höchstens einen altbekannten Gedanken. Die Blogwelt gibt da gute Übungsmöglichkeiten mit dem Umgang mit der Sprache (und mit der Erkenntnis). Der Freiheitsprozess ist auch so eine herrliche Herausforderung. Ich kann nicht garantieren, dass ich es jeden Tag schaffe, im Werden zu leben; vgl. Rudolf Steiner: „Stehenbleiben [im Leben] ist ahrimanisch. Es sollte wenigstens gewissermaßen im Leben des Menschen kein Tag vor sich gehen, ohne dass er wenigstens einen Gedanken in sich aufnimmt, der ein wenig sein Wesen ändert; der ein wenig ihn in die Möglichkeit versetzt, ein werdendes Wesen, nicht bloß ein seiendes Wesen zu sein.“ (GA 187. Seite 45)

    Von Blogger Jostein, Am/um 11. Dezember 2008 16:28  

  • Das menschliche Dasein ist ein Gasthaus.
    Jeden Morgen ein neuer Gast.
    Freude, Depression und Niedertracht –
    auch ein kurzer Moment von Achtsamkeit
    kommt als unverhoffter Besucher.
    Begrüße und bewirte sie alle!
    Selbst wenn es eine Schar von Sorgen ist,
    die gewaltsam Dein Haus
    seiner Möbel entledigt,
    selbst dann behandle jeden Gast ehrenvoll.
    Vielleicht bereitet er Dich vor
    auf ganz neue Freuden.
    Dem dunklen Gedanken, der Scham, der Bosheit –
    begegne ihnen lachend an der Tür
    und lade sie zu Dir ein.
    Sei dankbar für jeden, der kommt,
    denn alle sind zu Deiner Führung geschickt
    aus einer anderen Welt.

    RUMI

    Von Anonymous Anonym, Am/um 14. Dezember 2008 19:59  

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