Gamamila

2008/10/30

Gedächtnisarbeit

Nachdem ich vor vielen Jahren reichlich mit Karma-Erinnerungen und Geist-Erkenntnissen begünstigt wurde, bemerkte ich, dass ich einen inneren Wandel meines seelischen Zustands durchmachte. Ich entschied mich daraufhin sogar zu der außergewöhnlichen Tat, öffentlich über meine früheren Inkarnationen zu sprechen und zu schreiben, weil ich an einem authentischen Beispiel zeigen wollte, dass man anhand von Steiners Karmaübungen auch wirklich Erfolge haben kann.

Eine Folge des Auftretens mit karmischen und geistigen Erfahrungen war, dass viele Menschen in meinem damaligen Lebensumkreis so reagierten, als ob ich mir einen höheren Wert beilege, als würde ich mir für die Gegenwart noch die Taten aus historisch bekannten vergangenen Leben jetzt noch zuschreiben. Ich bekam das Gefühl, als ob sie behaupteten, ich wolle, dass sie mich wegen vergangener Leistungen noch heute verehren sollten. Ich merkte, dass ich mit den meditativen Ergebnissen in der Öffentlichkeit auf einem haarscharfen Weg ging, wo diejenigen, die mich kritisch beobachteten, selbst keine geistigen Erfahrungen bewusst pflegten - auch wenn sie spirituell aufgeklärt waren - und deswegen anscheinend unfähig waren, meinen neuen, inneren Standort zu verstehen. 

Warum gilt es denn, sich nur auf die bestehende Inkarnation zu berufen und sich keine Werte aus früheren Leben beizulegen? Die okkulte Schulung bewirkt eine Erweiterung der Seele, die bedeutet, dass man innerhalb der Meditation den so genannten Astralleib hellwach als Erlebnisorgan benutzen kann. Die Ich-Leistungen aus früheren Leben tauchen zunächst in diesem Erlebnisraum auf, in der aufgewachten Seele, so dass die Gefahr besteht, dass das gegenwärtige Ich-Bewusstsein zu schwach ist, um Stand zu halten gegenüber den eigenen Ich-Wirkungen aus der Vergangenheit. Das gegenwärtige Ich, der Selbstbild davon, kann quasi von dem alten, eigenen Ich-Strom überwältigt werden, darin temporär untergehen oder sogar davor einschlafen. 

Im 8. Teil meines neuen Buches pointiere ich diese Gefahr der Karmaarbeit genauer. Nach den ersten karmischen Imaginationen und übersinnlichen Erlebnissen erkennen wir, dass es eine innere Notwendigkeit ist, das gegenwärtige Ich durch Gedächtnis- und Biografiearbeit zu stärken und sich mit Gegenwartsaufgaben zu befassen. Die Gedächtnisarbeit an erinnerbaren Tatsachen aus dem gegenwärtigen Leben schafft folglich eine Ermutigung des Ich-Bewusstseins, einen Zusammenhalt dessen, wer man gegenwärtig ist und künftig werden will.

Bild: Eine Muse mit Wiegenkithara sitzt auf einem Felsen, der als Helikon bezeichnet wird. Attisch weißgrundige Lekythos, eine spezielle griechische Vase zur Aufbewahrung von Olivenöl. 440-430 v. Chr. Die Musen sind in der griechischen Mythologie Schutzgöttinnen der Künste. Sie sind Töchter des Zeus und der Mnemosyne, der Göttin der Erinnerung. Quelle: Wikipedia

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2008/10/26

Riss in der Achse

Foto: ICE-T-Zug. Die Deutsche Bahn zog ab Samstag fast alle der rund 70 Schnellzüge mit Neigetechnik vorübergehend aus dem Verkehr. Quelle: spiegel.de

Anthroposophische Gesellschaft und Karmapraxis

Während des von der Bochumer Polizei erlaubten NPD-Aufmarsches am Samstag saß ich für einpaar Tage als NRWanthro im Kulturhaus Oskar gegenüber dem Bochumer Schauspielhaus mit weniger als zwei Handvoll Anthroposophen, die die Karmapraxis als soziale Herausforderung zusammen besprachen. Wir nahmen unmittelbar nicht teil an den von vielen hunderten Polizisten überwachten und von knapp 3000 Menschen durchführten Gegendemonstrationen draußen an mehreren Ställen in der NRW-Stadt. Ob diese Demos dunkle Kriege waren, überlasse ich anderen zu urteilen. Jedenfalls gab es keine größeren Zwischenfälle und beim Aufmarsch der rund 200 Rechtsextremisten gab es nur kleinere Rangeleien. Die Polizei sprach von einem eher ruhigen Verlauf der Veranstaltungen. 

Trotzt der durch die Fenster einbrechenden Lautsprecherstimmen, der laute Musik und der emotionalen Wallungen, hatte unsere Veranstaltung auch einen ruhigen Ablauf. Einige im Voraus geahnten kontroversen Sichtweisen und gewisse Nachklänge älterer Streite waren jedoch nicht machtvoll genug, um den Konsens zu verhindern, dass einstimmig beschlossen wurde, solche Kolloquien zum Thema Karmapraxis auch im nächsten Jahr fortzusetzen. Dass ich von der Repräsentanten der Anthroposophischen Gesellschaft in Deutschland e. V. – die diesen von mehreren Teilnehmern lange ersehnten Treffen arrangierte - ohne Mitgliedskarte als ein respektierter und geschätzter Mitredner eingeladen war, spricht von einem meines Erfahrens ungewöhnlichen Offenheit und Dialogbereitschaft.

Ist diese Attitüde ein Zeichen einer neuen Sozialkompetenz in der anthroposophischen Gesellschaft? Die Karmafrage war ja kaum mehr ein Gesprächsthema oder in einem Programm zu finden seit dem Kongress 2001 in Kassel, der Northart Rohlfs anordnete, als er dort im Anthroposophischen Zentrum noch Veranstaltungschef war. Sind hoffnungsvolle Veränderungen in der anthroposophischen Oberschicht in Sicht? Zeigt das derzeitige Aufwachen gegenüber Karmafragen, dass eingesehen wird, dass das althergebrachte Verstandesdenken synchron mit dem Tod der Kapitalismus auch zu Ende gekommen ist? Oder bestätigt diese unerwartete Gesprächsbereitschaft, dass die Anthroposophische Gesellschaft selber gestorben sei, sodass ihre Seele als eine Verstorbene betrachtet werden dürfte, die nur durch einem erhöhtem Bewusstsein - sprich: Karmabewusstsein - zu neuem Leben kommen könnte?

Der ICE, in dem ich von Mannheim nach Bochum am Freitag meinen vorbestellten Platz hatte, war halbiert, sodass ich gezwungen wurde, einen IC-Bummelzug vom gegenüberliegenden Gleis zu nehmen. In der Nacht zu Samstag wurden dann rund 70 ähnliche Züge zurückberufen, damit Probleme mit ihren Achsen untersucht werden können. Wenn mit zu hohem Fahrt gekurvt wird, entstehen möglichenfalls solche Materialschäden. Haben die immensen Probleme kompetenzorientierter und zwischenmenschlicher Art innerhalb der anthroposophischen Bewegung heute und eigentlich immer seit Rudolf Steiners Zeiten mit „Rissen in der Achse“ zu tun? 

„Das Karma ist das Gesetz der Ursache und Wirkung in der geistigen Welt; es ist die Spirale der Entwickelung. Die Christus-Kraft schaltet sich in die Entwickelung dieser karmischen Linie als richtunggebende Achse ein.“ Das waren Steiners Worte vor etwa hundert Jahren. Was geschieht denn in einem sozialen Kontext und in einer Gesellschaft, wenn diese Achse nicht oder zuwenig beachtet wird? Meine Antwort: Draußen werden die Demos nochmals stattfinden und eine friedliche Zivilisation wird lange auf sich warten müssen. Und drinnen werden die Gespräche das Karmathema zu etwas ausgeklügelt vermeinten Handfesterem wechseln, bis das nächste Entgleisen geschieht.

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2008/10/22

Katarina Frostenson

NAHE SUBOTICA

(für Danilo Kiš)

Wildhunde. Gleise. Die Maisfelder um Subotica herum

Weiße sonne

Spuren eines Zirkusbesuchs im Lehm, Pfähle in der Erde

Licht nach Wimpeln in der Luft


Eine Arche in der Landschaft gestrandet, ein Mann

Mit lammbraunem Haar schaut von ihr hinaus


Von deinem Dreitagekörper blickst du auf die Felder

sprichst zu dem, was du siehst: wem gehören die Felder


Felder, kommt zurück, wie ihr wart

vor der Schlacht, ihr habt nur den Drosseln gehört


die Stimme verstummt schroff im Nebel

eine blauschwarze Zunge, unser Fahrzeug

Aus: Katarina Frostenson, Korallen, Walström & Widstrand, Kristianstad 1999. Meine Übersetzung.

Unter den vielen schwedischen Dichtern und Schriftstellern, deren Werke mir durchs Leben begleiten, steht die Poetin und Dramatikerin Katarina Frostenson auf vorderste Stelle. Von ihr ist ein Gedichtband Die in den Landschaften verschwunden sind (Hanserverlag, 1999, ISBN 3-446-19685-4) ins Deutsche übersetzt und titel-magazin.de schreibt darüber. Zwei theaterstücke - Saal P und Traum - von ihr sind auch von Angelika Gundlach für das Rowohlt Theater Verlag übersetzt worden.

Beim internationalen Literaturfestival in Berlin 2005 war sie als Gast anwesend. Auf YouTube gibt es noch ein Interview mit ihr, aber halt auf Schwedisch. 2004 erhielt sie den Henrik-Steffens-Preis der Alfred Toepfer Stiftung F.V.S. Dieser deutsche Preis ist benannt nach dem in Stavanger/Norwegen geborenen Naturforscher, Naturphilosophen und Schriftsteller Henrik Steffens (1773-1845), der die Ideen der Romantik – u. a. war er mit Friedrich von Hardenberg, genannt Novalis, und mit dem Philosophen Friedrich Schelling persönlich befreundet - nach Skandinavien und während seines langen Wirkens an deutschen Universitäten ebenso fruchtbar nordische Geistesart nach Deutschland vermittelte. Seit 1992 gehört Katarina Frostenson der Schwedischen Akademie, Svenska Akademien, und zurzeit auch dessen Nobelkomitee, der die Literaturnobelpreisträger bestimmt.  

Im Bild: Katarina Frostenson. Foto: Mats Bäcker

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2008/10/20

Der Sinn des Bügelns

Um mit dem lebendigen Rudolf Steiner zu kommunizieren, muss ich nicht zum Regal gehen und ein Exemplar seiner GA - Gesamtausgabe - herausholen. Diesbezüglich bin ich von jeglichem sinnlichem Medium unabhängig. Wenn ich aber beim Bügeln bin, ist es leicht, an ihn zu denken. Dieser Affinität zu Steiner beim Glätten jeglicher Kleider und Stoffe liegt nicht an den Kleidern selbst oder an irgendeiner Kleidungsfarbe (Dr. Steiner trug wohl durchgehend Schwarz-Weiss), die wir in unserer Garderobe haben, sondern sie bezieht sich auf meinen häufig gestriegelten Ätherleib oder genauer gesagt, an die Gedächtnisfähigkeit, die dort daheim ist.

Karin Ruths-Hoffmann

Ich liebe Bügeleisen, weil ich beim Bügeln uneingeschränkt die Möglichkeit habe, verschiedene Erinnerungen an- und nachzugehen. Ende der 1970er Jahre bügelte und faltete ich nicht nur meine eigene Klamotten während meines Kunststudiums in Järna (SE), sondern ich ging auch etwa einmal in der Woche zur Wohnung von Karin Ruths-Hoffmann, von vielen „Mor Karin“ genannt, um für sie zu bügeln. Währenddessen ich fleißig ihre Seidenblusen und Baumwollröcke in Form brachte, bereitete sie das Kaffeetrinken mit den sieben Sorten süßen Kuchen vor, und währenddessen redete sie in einem fort und erzählte von ihren Begegnungen mit Rudolf Steiner, Friedrich Rittelmeyer, Emil Bock und mit anderen prominenten Anthroposophen, die sie persönlich begegnet war und gekannt hatte. 

Noch heute beim Bügeln kommen mir diese schönen Stunden bei Karin in den Sinn. Die in Oberschlesien aufgewachsene Karin bekam das Glück, das zwölfte Schuljahr zu beziehen in der ersten Waldorfschule an der Uhlandshöhe in Stuttgart, wo sie Steiner erlebte. Sie hatte auch ein persönliches Gespräch mit ihm wegen der Frage der Berufswahl. Er geriet ihr, eine pädagogische Laufbahn einzuschlagen. Das tat sie auch, und mit ihrem späteren Ehemann baute sie in Schweden unter anderem einen Kindergarten auf.

Tierkreisgerechte Bestattung

In der Zeit als ich mit der damals etwa 75-jährigen Umgang pflegte, war ich Mitte meiner 20er. Ich war schon ausgebildeter Waldorflehrer und hatte einpaar Jahre heilpädagogische Erfahrung. Obendrein vertiefte ich mich gerade unter der Obhut von Arne Klingborg im künstlerischen Feld, und ich hatte vor, besonders das Malerische zu entwickeln. Karin schien, diese meine Pläne nicht sehr Ernst zu nehmen. Sie schlug mehrfach vor, dass ich eine Bestattungsfirma gründen sollte, weil gerade auf diesem Gebiet keine anthroposophische Initiative vorlag, und weil sie meinte, dass ich dafür sehr geeignet wäre.

Ich habe aber Karins Rat nie konkret aufgegriffen. Zwar bekam ich viele Jahre später in der Meditation bestimmte Tipps, als ich ernsthaft mit Fragen der Astrologie und mit der anthroposophischen Astrosophie arbeitete, Hinweise, die in Verbindung gebracht werden sollte mit verschiedenen Hölzern für einen Sarg, die sich beziehen sollten auf den genauen Zeitpunkt vom Anpflanzen und dem Absägen der Bäume, die den Planeten beigeordnet werden, aber diese Gesichtspunkte für eine Planeten- und Tierkreisgerechte Bestattung habe ich nicht umsetzen können.

Beim Bügeln kann ich solchen Erinnerungen aufbügeln und erneut über die vielen interessanten Aspekte der Bekleidungskunst ermessen. Der sich durch Reinkarnation entwickelnde Menschengeist bekommt durch die Bekleidungskunst eine Möglichkeit auf der Erde, etwas Verwandtes zu erleben, was er in geistigen Regionen durchgemacht hat, als seine Geistgestalt sich karmischer Züge nach dem Tode ‚entkleidete’, nach ‚himmlischen’ Maßen Umgewandeltes ‚anzog’ und es vor einer neuen Geburt mit dem zu ihm mit seiner Vergangenheit zusammengehörigen Zeitstil ‚ausstaffierte’. 

Die Beschaffenheit der Fläche

Verschiedene Kleidungsteile wie Mützen, Hüte, Barette, Kragen, Krawatten, Schals, Schulterklappen, Schließhaken, Knöpfe, Ärmel, Manschetten, Stolen, Ponchos, Westen, Schürzen, Gürtel, Hosen, Röcke sind sowohl aus erdbedingten, funktionellen wie auch aus kulturellen Anlässen entstanden. Sie haben dennoch Eigenschaften, die auf eine Verbindung zu geistigen Gesetzmäßigkeiten hinweisen. Als ich übersinnliche Naturwesen, Verstorbene und Geistwesen in ihren hervortretenden Gestalten und Silhouetten mit dazu gehörenden Attributen imaginativ geschaut habe, stieß ich auf interessante Parallelen zur Bekleidungskunst.

Als Student wurde ich als Pedant beschrieben, weil mein Quartier immer aufgeräumt war, und ich oft selbstgenähte, saubere, bunte und geglättete Kleider trug. Diesen Stil habe ich durch mein Leben aber nicht aufrechthalten können. Die Liebe zum Gebügelten hat sich jedoch erhalten. Warum bügele ich so gern? Warum mag ich nicht, wenn ein Tischtuch, eine Gardine oder meine schwarzen Jeans Wäschefalten haben? Auch die Blütenblätter vieler Blumenarten scheinen neu gebügelt zu sein. Wer bügelt hier? Die Verstorbenen? Vielleicht hängen Bekleidungskunst und Bügeln mit der Sterbekultur irgendwie zusammen? Sicher ist, dass die verstorbene Karin auf geistigem Feld hier eine Mission anstimmt, die sich beim Bügeln immer wieder kundtut. Der Sinn des Bügelns schleißst sich für mich im Bedenken der Beschaffenheit der Fläche, wodurch sich individuelle – sowohl menschliche, naturbedingte als auch geistige - Wesen in der Stoffmaterie kundtun können. 

Foto: Bügeleisen- oder Schneiderofen. Es ist mit Holz oder Kohle zu beheizen. Die Eisen sind nummeriert, um immer das jeweils heißeste Eisen herauszufinden. Die Griffe der Bügeleisen sind abnehmbar. Alter unbekannt. Einige solche Bügeleisen gab es auch auf dem Speicher meines Großvaters. Quelle: Wikipedia

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2008/10/18

Aphorismen

Goetheanums Ganymedes und andere Gags mit geistigen und garmischen Geschicklichkeiten

1.
Jedes Alter hat Organe - reife genug, um Geistiges durchsickern zu lassen. Der gängige Umgangston, um Faulenzer ins Bockshorn zu jagen, ist jedoch jämmerlich. Der Dreijährige sagt, dass er einen Engel sehe. Er nennt ihn: „Oma.“ Sie hat er in lebendigen Leben nie gesehen, weil sie lange vor seiner Geburt starb. Wie weiß ich, ob mein Sohn wirklich einen Engel gesehen hat? Hat er vielleicht seine Oma mit Flügel geschaut, so wie sie ihm 17 Jahre nach ihrem Tod erschien? Kindliche Ehrlichkeit kontra Esoterikfaulheit. 

2.

Ich weiß zwar, dass meine Mutter mich nach ihrem Tod meditativ hütete. Lässt sich damit verständigen? In leibfreiem Bewusstsein war sie offensichtlicher anwesend als in meinen Erinnerungen.  

Gedenken gesteigert Gefühle. Eine geistige Erfahrung ist ein Gag, ein seelischer Überraschungseffekt - ja, etwas Sublimes, aber sogleich Frischfarbiges, das die Existenz des Wesenhaften keltert. Es ist in meiner Gegenwart als Katalysator, in meinem Meditationsdenken als Startmotor des Urteilsvermögens vorhanden. Es transportiert Erkenntnis, wenn ich bewirke, nichts zu wollen. Perpetuum mobile des Ich...[weiter]

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Bild. Peter Paul Rubens (1577-1640) Ganymed (1611/1612). Quelle: Wikipedia

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2008/10/17

Alf Larsen

Aus Zyklus Caprices auf dem großen Klavier
   

Dieses spielte ich zuweilen

für mich selbst in mondnächten,

allein mit dem großen frosch,

der großäugig saß und lauschte.

Nur er und ich im ganzen raum,

die ganze welt verstummt.

.

Hier lasse ich sie fallen,

die gipfel, alle, alle.

Oh, welcher qual zu sehen

ihr langsames absinken!

Ist es genug wasser für so hohe

gipfel in meiner auge,

genug dunkel für so viel schnee?

.

Halbtot hängt ein rabe

vom himmel herab,

ein flügel in der abendsonne,

ein in meinem brennenden haar.

Rabenaas, sag mir deinen namen

ehe die nacht entbrennt.

Ich will schreiben,

noch habe ich meine hände!

[…]

Ich wanderte auf wellengipfeln

wiegend schritt ich fort,

und die wogen entsprangen wie knospen,

in rosen trat ich nieder.

Das meer erhöht und entsagt

unter der frohen brust des himmels.

Die große jungfrau lag gefesselt

im schlaf an der küste der erde.

Und ich, ich wanderte hin

über ihrem schluchzenden atem

und träumte, ich war der ritter

von welchem sie eben träumte!

[…]

Dann hörte ich eine Stimme, die sagte:

Sitz still und lass dich nicht betrügen.

Dies ist dein eigenes Gesicht unter den Gotteshänden,

das große Bühnenwerk für einen Selbsterkenner.

.

Nun ist er tot der alte

mit seinem sack und seinem garstigen hund.

Wer soll nun hier gehen und sammeln

lumpen auf dem boden der zeit

und dem leben zur freude sein

ohne den wenigsten grund?

Einsam heult gegen den mond

ein alter garstiger hund.

.

Diese von mir übersetzte Teile einer Gedichtzyklus von Alf Larsen lassen leider seine norwegischen Endreime nicht durchkommen. Die Gedichte stammen aus der Sammlung Stemninger ved Okeanos bredder (1949) – „Stimmungen an den Ufern des Okeanos“. Zu diesem Gedichtausschnitt passt vielleicht das Aquarell von William Blake (1757-1827).  

Bild: William Blake, Der große Rote Drache und die Frau, mit der Sonne bekleidet (um 1805-10), Aquarell, National Gallery of Art, Washington (D.C.). Bildquelle: Zeno.org

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„Klage gegen Gott gescheitert“

„Ein Senator aus Nebraska hatte Strafanzeige gegen Gott wegen schwerer Terrordrohungen eingereicht, das Gericht wies die Klage zurück, weil der Angeklagte keine Adresse hat. Im September letzten Jahres hat Ernie Chambers, seit 38 Jahren Senator im US-Bundesstaat Nebraska, eine Klage gegen Gott vor dem Bezirksgericht eingereicht. Das Gericht sollte Gott durch eine einstweilige Verfügung untersagen, schädliche Handlungen zu begehen und Terrordrohungen zu äußern. Erst einmal hat Gott gewonnen und das Gericht die Klage zurückgewiesen, weil es für Gott nicht zuständig sei…“ [weiter]

Bild: Michelangelo Buonarroti (1475-1564), Scheidung von Licht und Finsternis, Schöpfungsgeschichte, Sixtinische Kapelle, Rom. Bildquelle: Zeno.org

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2008/10/16

Lebensgefährtin Zeitschrift

Zeitschriften liebe ich. Sie haben mich mein ganzes Leben begleitet. Ich war ihnen immer treu. Anders als Zeitungen, die jeden Tag auf mich mit ihren Nachrichten, Problemen, Ängsten, Gerüchten und unüberlegten Argumenten stürzen, und etliche Wochenzeitungen, die versuchen, jede Wahrheit der Woche zusammenzufassen, lassen Zeitschriften, die einmal im Monat oder bis auf nur vier mal im Jahr erscheinen, mir so viel in Ruhe, dass ich selber mitdenken kann. Eine Zeitschrift ist wie eine Freundin, die mich immer wieder aufsucht. Sie ist zuverlässig und lässt mich nie im Stich. Nur selten betrügt sie mich. Wenn das mal doch geschieht, kann ich damit leben, da ich ja auch andere Zeitschriften lese...[weiter]

Abgelegt in Literatur

Foto: NORSK UKEBLAD, "Norwegisches Wochenblatt" aus den Jahren 1958-60. Meine Mutter, die später auch meine norwegischen und schwedischen anthroposophischen Zeitschriften las, hielt diese Illustrierte, und hier las ich schon als Kind zum ersten Mal etwas über Reinkarnation. 

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2008/10/15

Das nackte Wort

„Jo mer nakent ordet er, dess større er det.”

„Je nackter das Wort ist, desto größer ist es.“

Alf Larsen


Alf Larsen (1885 – 1967) war ein norwegischer Dichter, Essayist, Verlagskonsulent und Redakteur der anthroposophisch orientierten skandinavischen Zeitschrift Janus (1933-42). Die Redakteure des Janus werden heute von norwegischen Literaturwissenschaftlern als „kulturkonservative Anarchisten“ bezeichnet. Ich werde später zu diesem Thema zurückkommen, zu einer Zeit, als einige Anthroposophen in Norwegen (und Skandinavien) sich z. B. gegen den Nationalsozialismus markant und öffentlich aufstellten.

Bild: Das Buchumschlag von: Terje G. Simonsen: Janus - et tidsskrift og en tid. Idéhistoriske perspektiver på tidsskriftet Janus og mellomkrigstidens idékamper. Solum forlag, Oslo 2001.

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2008/10/13

Anthroposophische Publizistik und freies Geistesleben

In der letzten Ausgabe von den infoseiten anthroposophie - Beilage für nahezu alle anthroposophischen Zeitschriften mit einer Auflage von 65 000 gedruckten Exemplare diskutieren die zwei Zeitschriftenmacher Ramon Brüll von Seiten der info3 und Sebastian Jüngel von der Wochenschrift Das Goetheanum in einer, was sie nennen, „Zukunftswerkstatt“ über die Aufgaben und Bedingungen der anthroposophischen Publizistik. Da dieses Thema mich seit den 1970er Jahren und noch heute zutiefst interessiert, habe ich ihr aus einer Korrespondenz entstandenes Gespräch mit ihren offen gelegten Widersprüchen mehrmals gelesen. Dann habe ich ihre Sichtweisen mit meinen Erfahrungen aus der anthroposophischen Bewegung verglichen. 

Des Öfteren kommen Brüll und Jüngel zu divergierenden Schlussfolgerungen über die Grundbedingungen der anthroposophischen Publizistik. Meine Feststellungen stimmen sowohl mit einigen Gesichtspunkten von Brüll als auch mit anderen Beschreibungen von Jüngel übereins. Darüber hinaus möchte ich die Frage untersuchen, ob sie beide in ihrer Werkstatt von der Vergangenheit oder von der Zukunft sich steuern lassen. Genauer gefragt: Arbeiten sie reell mit der Aufgabe, ein freies Geistesleben zu verwirklichen? [weiter]

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2008/10/11

Joseph Beuys und Dschingis Khan

In einem Kommentar am 29. August 2008 zu einem alten schwedischen Aufsatz, dass ich ins Deutsche brachte, deutete ich mein karmisches Erkenntnis an zwischen Joseph Beuys und Dschingis Kahn. In einem Kommentar zum diesbezüglichen Blog schrieb Michael Eggert: „Die karmischen Zuschreibungen z.B. von Beuys kann ich weder aus dem Text noch von meinem inneren Empfinden her nachvollziehen.“ Wer nur einen winzigen Teil des sehr umfassenden Lebenswerks von Beuys beziehungsweise seiner Skizzen und Aktionen kennt, wird wissen, dass er wiederholt sich dem Gestalt des Dschingis Kahn zuwandte.  

Es ist sicherlich fraglich, sich konkret über Reinkarnation und Karma und noch öffentlich auszutauschen, wie Wilfried Heidt es sieht. Deswegen, weil man so leicht missverstanden wird oder ein erkannter Zusammenhang von anderen als ein festes Glauben gesehen wird. Somit entstehen leicht Festlegungen, z. B. wie diejenige, die vermeintlich auf Rudolf Steiner zurückzuführen sei, wo man glaubt, dass Emil Molt einmal den Kaiser Karl den Großen gewesen sei. Bei näherem Nachforschen der Anekdote über die Steiner-Aussage, die hier benutzt wird, um einen karmischen Identität festzustellen, fand ich, dass sie zu wage ist, um eine solche definitive Folgerung zu geben.

Nichtsdestotrotz habe ich schon 1997 - einmal in der Zeitschrift „Die Drei“ - damit angefangen, öffentlich zur Verfügung zu stellen meinen Schlussfolgerungen, die aus der Kombination meditativ-übersinnlicher und sinnlich-konventioneller Forschung sich ergeben haben, und ich versuche, diesen freien Diskurs weiter im Auge zu behalten, und auch in Bezug auf Joseph Beuys ihn zu üben. Antje von Graevenitz, Autorin und Professorin für Kunsthistorik an der Universität zu Köln, hat in einem Text mit dem Titel „Dschingis Khan“ interessante Anhaltspunkte mit Hinweisen zusammengetragen. Von Graevenitz schreibt:  

„Die Liebe zum historisch-mythischen Mongolenführer Dschingis Khan geht auf Beuys' Kindheit zurück. Im "Lebenslauf/Werklauf" (1) von 1964 hielt der Künstler fest: "1926 Kleve Ausstellung des Hirschführers, 1929 Ausstellung an Dschingis Khans Grab." Im ersten Fall war der Junge fünf, im zweiten acht Jahre alt. Las man ihm Sagen vor? Zeichnete er den Mongolenkönig schon damals? Dessen Grab soll irgendwo in den Steppen Südrusslands liegen. Der Hunnenkönig Etzel aus der Nibelungensage wird wohl nahe seiner legendarischen Burg Susat begraben sein. ‚Gewaltig’ soll jeder Mongolenkönig gewesen sein. Ursprünglich soll Dschingis Khan ein einfacher Schmied gewesen sein. In Wahrheit war Dschingis Khan (eigentlich Temdschin) von rund 1196 an ein Fürstentitel für die Mongolenherrscher. 1206 zog ein Dschingis Khan mit seinem Reiterheer bis zur Wolga und eroberte 1215 sogar Nord-China. Von seiner Residenz Karakarum aus erliess er strenge Gesetze, um das Riesenreich beherrschen zu koennen. Hatte man dem kleinen Joseph von ihm oder von den Nibelungen erzählt? In seiner Jugend soll Beuys die Mythendichtungen von Rudolf Pannwitz gelesen haben. (2) 

Später verschlang er Literatur über sibirische Schamanen. Zu seinen Büchern, die er in einem speziellen Schrank verwahrte, zählte auch Michael de Ferdinandys Buch „Tschingis Khan. Der Einbruch des Steppenmenschen“. (3) Doch dieses Buch, so aufschlussreich es für die Ikonographie späterer Werke auch sein mag, erschien erst 1958, zu einem Zeitpunkt also, als Beuys sich bereits zahlreiche Male dem Thema Dschingis Khan zeichnend genähert hatte. Die früheste der bisher zum Thema ausgestellten Zeichnungen ist schon 1937 entstanden: „Architektur (Mongolenpalast)“. Sie zeigt ein spitztförmiges Gebäude mit einer offenen Halle in der Mitte. War die goldene Burg Dschung-du gemeint? Eine Beschreibung von G. Rank über eurasiatische Haustypen, deren Mitte die Rolle des „Zentrums der Welt“ zukäme, könnte ausgezeichnet dazu passen, würde sie nicht erst aus dem Jahr 1949 stammen. (4) 

Möglicherweise gab es eine gemeinsame Quelle für Rank und Beuys, denn in den zwanziger Jahren waren viele Lebensbeschreibungen über den grossen Dschingis Khan erschienen. Erst in den fünfziger Jahren sind Beuys' entscheidende Zeichnungen zum Thema entstanden: „Der mächtige Geist der Mongolen“ (1954), „Frieden im Zelt des Khan“ (1959), „Grab des Dschingis“ und „Grab des grossen Khan“ (1958), „Grabbeigaben“, „Dschingis Khans Wiege“ (1956 und 1960), „Nachrichten des Dschingis Khan II“ (1959) und „Dschingis Khans Post“ (1960). Niemals hatten diese Zeichnungen illustrativen Charakter. Wer daraus etwas Narratives zum Mythos des Dschingis herauslesen will, wird enttäuscht sein. Beuys näherte sich dem Thema immer intuitiv und auf ganz persönliche Weise. Er dachte auch hierbei, wie stets, mehr an den „Energiezusammenhang“ der Dinge, für den ihm der nomadische König auf seinem Reiterheer von Ost nach West einen mehr sinnbildlichen Anlass gab. Da die Kräfte des Dschingis nach seinem Tode immer auf den Nachfolger übergingen, war der Name der Begriff für einen Menschen, der in einem Ritual der Wiedergeburt (5) dazu aussersehen war, anderen den Weg zu weisen, grosse, kälteklirrende Räume zu durchqueren und etwas Kreatives zu unternehmen. Wie immer, war auch diese Vorstellung als ein geistiges Prinzip gemeint: Jeder konnte im Geiste ein Dschingis Khan werden, wenn er seinen Gedanken den richtigen Weg wies, und - im Sprachgebrauch von Beuys - Kälte in Wärme ummünzen konnte. Da es sich um einen Hunnenkönig aus dem Osten handelte, brachte er selbstverständlich als „Ostmensch“ die intuitive, imaginierende Art zu denken zum „Westmenschen“. Auch de Ferdinandy sprach über den "in seinem Rationalismus befangenen WesteuropSøer". (6) 

In dieser Kulturkritik lag für Beuys die Aktualität des Dschingis. Seine Fahne, der Beuys eine plastische Arbeit widmete („Dschingis Khans Flagge“, 1961-70) koennte als Wegweiser fuer die Reiterscharen eigener Gedanken dienen. Eine Fahne (von Beuys) erhielt auch Alan Koa (1956). Sie war die legendarische Urgrossmutter und Urkönigin. (7) „Alan die Schöne“ war bereits Witwe, als sie drei Söhne gebar. Es sollen die Söhne des Himmels gewesen sein. Auf diese Weise entstand ein Witwenkönigtum. Auch Beuys mass immer der Frau die gleiche kreative Bedeutung zu wie dem Mann. Hinweisenden Charakter auf den Dschingis Khan haben weitere Motive in Beuys' Werk: Für diesen Würdenträger wurden immer besonders grosse Filzdecken bereitgelegt. (8) Rollte sich nicht auch Beuys für die Aktion „DER CHEF THE CHIEF“ in eine grosse Filzdecke und hüllte er sich für die Aktion „I like America and America likes Me“ nicht ebenfalls in eine solche Decke, in die selbst sein Kopf verschwand? Als eine Art Steppenkönig näherte er sich so dem Coyoten, einem Gott der Indianer. Neben der Filzdecke war auch die Trommel ein besonderes Hoheitszeichen des Dschingis. Als ein kosmisches Zeichen symbolisierte sie in Sibirien und bei den Mongolen die Sonne, die die Geburt des Herrschers ermöglicht hatte. (9) 

Dieses Sonnen-Bild kehrt oft im Werk von Beuys wieder. In der Aktion: „Titus/Iphigenie“ (1969) war das Kreissymbol zweimal in den beiden Becken gegenwärtig, die Beuys zusammenschlug. In Zeichnungen wie „Elche mit Sonne“, 1957, „An Saturn“, 1963, oder in Objekten wie „Boullion-Scheibe“, 1974, oder „Sonnenschlitten“, 1984, kommt das Sonnenmotiv ebenfalls vor. Sogar die sinnbildlichen Materialien Kupfer und Eisen, die in Beuys' Werk einen bevorzugten Platz einnehmen, wurden dem Dschingis Khan zugeschrieben. Im „Rattenjahr“ 1206, als es zu einer Feldschlacht kam, wollte man dem Feind Furcht einflössen, indem man ihm über den Mongolenkaiser zuflüsterte: "Sein Körper ist in Kupfer geläutert. Er ist aus Eisen gehämmert.“ (10) - Sogar die vier Himmelsrichtungen stellten sich die Leute des Dschingis als „Ecken“ vor (vgl. „Eurasienstab“). Das gewaltige Reich des Dschingis bedeutete für Beuys eine reiche Inspirationsquelle für eigene Sinnbilder.

Antje von Graevenitz

1 Abdr. in Maschinenschrift in: Kat. Basel 1969, S. 4. 
2 Von der Grinten, F. J., in: Kat. Hannover 1990, S. 14. 
3 Ferdinandy, Michael de, Tschingis Khan. Der Einbruch des Steppenmenschen, Hamburg 1958. Erwähnt von Franz-Joachim Verspohl, in: Joseph Beuys-Tagung, Basel 1991, S. 229. 
4 Rank, G., Die heilige Hinterecke im Haushalt der Voelker Nordosteuropas und Nordasiens, Helsinki 1949, zit. in: Eliade, Mircea, Das Heilige und das Profane. Vom Wesen des Religioesen, Frankfurt a. M., 1984, Kap. IV, Fussn. 8 (urspr. Hamburg 1957). 
5 Vgl. de Ferdinandy a. a. O., S. 51/52. 
6 Ebd., S. 13. 
7 Ebd., S. 32 ff. 
8 Ebd., S. 71. 
9 Ebd., S. 59, 82. 
10 Ebd., S. 89
“ 

Bild: Joseph-Beuys-Briefmarke der Deutschen Post (1993): Lagerplatz (1962–1966), Städtisches Museum Abteiberg, Mönchengladbach.

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2008/10/08

Wilfried Heidt zur Reinkarnation

Nach dem Aufsatz „Sind Waldorfschulen ein Verstoß gegen das Grundgesetz?“ von Alexander Kissler (SZ, 5. Sept. 2008) beteiligte sich Wilfried Heidt – bekannter anthroposophisch orientierter Aktivist und Sozialwissenschaftler und tätig am Achberger Institut für Zeitgeschichte und 1971 Gründungsinitiator der Freien Waldorfschule im Internationalen Kulturzentrum Achberg – in der interessanten öffentlichen Diskussion in der Süddeutschen Zeitung

Heidt schrieb u. a.: „Rudolf Steiner ‚glaubte’ nicht ‚an die Reinkarnation’, sondern er hat zwischen 1886 und 1904 einen Durchbruch in der Erkenntniswissenschaft erreicht (und diesen in mehreren Schriften publiziert), durch den es für jeden Menschen mittels einer entsprechenden Schulung, deren Arbeitsweise er auch dargestellt hat, möglich wird, die Reinkarnation als Wirklichkeit, wie im Prinzip alle Wirklichkeit zu erkennen.“

Nach diesem allgemeinen Hinweis zu Steiners Position zur Reinkarnationsidee wurde er von einem anderen Kommentator – giini - zu seiner eigenen Position diesbezüglich gefragt. Heidt antwortete dort für viele Beteiligten unpassend langatmig, aber seine Ideenbeschenkung ist nun auf seiner Website new trinity & unity vielleicht passender nachzulesen. Wilfried Heidt vertritt verständlicherweise die Meinung, dass es problematisch ist, über konkrete Reinkarnationserkenntnisse öffentlich zu kommunizieren:

„Nach meinen Erfahrungen ist das wegen des ganz aufs Sensationelle ausgerichteten Charakters der heutigen Bewusstseinsverhältnisse - insbesondere in den elektronischen Massenmedien - und der bisher nur verschwindend wenigen bewusstseinspraktisch im hier besprochenen Sinn arbeitenden und nur dadurch fürs Erkennen des Übersinnlichen entsprechend vorbereiteten Menschen vorläufig verantwortlicherweise ausgeschlossen. Man könnte nur missverstanden werden. Um so wichtiger ist es, Anstöße zu geben, damit auch diese Arbeit von immer mehr Menschen in Angriff genommen wird. Diskurse wie die hier geführten können eine Anregung dafür sein.“

Ein ausführliches, sehr geschichtlich aufschlussreiches - was der Entwicklung neuer soziale Ideen und Projekte seit den 1960er Jahren betrifft - und vielleicht ein historisches Interview unter der Fragestellung Wo war die anthroposophische Bewegung 1968? mit dem 67-jährigen 68-er Wilfried Heidt ist in der Zeitschrift Lazarus21 zu lesen.

Bild: Wilfried Heidt [Hg.], Abschied vom Wachstumswahn. Ökologischer Humanismus als Alternative zur Plünderung des Planeten. Achberger Verlag 1980, Internetversion 2005 - Wilfried Heidt.

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2008/10/07

Die Seifenblase

„Wenn Chagall malt, weiß man nicht, ob er dabei schläft oder wach ist. Irgendwo in seinem Kopf muss er einen Engel haben.“

Pablo Picasso

Zum Zitat von Georg Kühlewind, das Michael Eggert auf Egoisten wiedergegeben hat, passt vielleicht ein von Rudolf Steiner dazu: 

„Als besonders vollkommenes Gebilde wird uns unser Ätherleib bei unserer Geburt übergeben. Bei unserer Geburt ist unser Ätherleib so, daß er innerlich erglitzert und erglänzt von lauter Imaginationen, die aus dem großen Weltenall zu ihm kommen. Er ist eine herrliche Abspiegelung des Weltenalls. Und dasjenige, was sich der Mensch erwerben kann während seines Lebens an Erziehung, an Wissen, an Willens- und Gemütskräften, indem er alt wird zwischen Geburt und Tod, das wird aus diesem Ätherleib herausgeholt.“ (Aus: Rudolf Steiner, Das Geheimnis des Todes, GA 159, Rudolf Steiner Verlag, Dornach 1980, Seite 286.) 

Diese Angabe Steiners zum spirituellen Hintergrund unseres Wissensaneignung hat der Maler Marc Chagall bestätigt, indem er in seiner Autobiographie Mein Leben von seinem Erlebnis schreibt, dass alle seine Bilder schon bei seinem Geburt in einer riesigen
Seifenblase quasi „fertig“ mitgeliefert wurde. Also, ab zur Suche nach der eigenen Seifenblase, um das nach dem individuelllen höheren Selbst geschnittene Wissen einzufangen!  

Weil keine Bilder von Marc Chagall zugänglich sind, suchte ich den Seifenbläser von Jean Siméon Chardin (1699-1779) aus. Quelle: Wikipedia

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2008/10/06

„Ambivalenz einer geistigen Größe“

Das vor kurzem erschienene Frankfurter Memorandum stellt zusammenfassend fest, dass es bei Rudolf Steiner „keinen Rassismus im Sinne der historischen Forschung, keine systematisch vertretene ‚Rassenlehre’ und keine Ideologie eines ‚Rassenkampfes’, insbesondere nicht als Theorie und Handlungsanweisung für die moderne bzw. gegenwärtige Menschheit“ gibt.

Dagegen zeigen die beiden Autoren Ramon Brüll und Dr. Jens Heisterkamp in dieser sehr lesbaren und aufklärenden Denkschrift, dass sich in Steiners Schriften und Vortragsnachschriften „vereinzelte diskriminierende und einige wenige rassistische Äußerungen“ zu finden sind, die sie als historisch überholt einordnen. „Sie sind historisch dadurch erklärbar, dass sich Steiner in einer Zeit von Kolonialismus und Eurozentrismus an einem teilweise rassistisch gefärbten Diskurs zu Fragen der Evolution des Menschen beteiligte“, schreiben sie. Die Nachrichtenagentur NNA kommentierte am 29. August diese neu aufgelistete Anzal von unzeitgemäßen Steiner-Zitaten: „Die ‚Ambivalenz einer geistigen Größe’, die ‚historischer Autor und aktuell wirksamer Impulsgeber’ sei, gelte es nüchtern festzustellen und das eine vom andern zu unterscheiden.“ 

Brüll und Heisterkamp stellen fest: “So bezeichnete Steiner in rund zwei Dutzend solcher Zitate etwa traditionelle Kulturen als ‚dekadent’ und äußerte sich in abschätziger Weise über Menschen mit schwarzer Hautfarbe.” In einem Kommentar zur Memorandum schreibt ein anonymer Leser auf der Info3 Blogland: „Man sollte mal gut nachschauen, was das Wort ‚dekadent’ Anfang des 20. Jahrhunderts bedeutete, und obendrein, in welchem Sinn Steiner selbst es benutzte. Steiner kann es nicht im selben Sinn gesprochen haben, als die damaligen oder heutigen Rassisten.“ Wer mag nun diese Distinktion heute untersuchen?

Ähnlich wie der niederländische Kommissionsbericht von 1998/2000 „Anthroposophie und die Frage der Rassen“ stellt das Frankfurter Memorandum fest, dass, „die ganzheitliche Entwicklung des individuellen Menschen sowie einer Gesellschaft, die von der Entwicklung der Einzelnen zur Freiheit profitieren soll“ das Zentrale von Steiners Anthroposophie ist – „trotz einzelner zeitgebundener rassistischer Äußerungen“. Brüll und Heisterkamp zitieren Gerard Kerkvliet, Pressesprecher für die Anthroposophische Gesellschaft der Niederlande im Jahr 2000: „Steiner hat den Versuch unternommen, die Verschiedenheit der Rassen und insbesondere der Völker mit dem Ziel zu beschreiben, ein besseres gegenseitiges Verständnis zu ermöglichen. In Bezug auf die Rassen war er der Meinung, daß eine Betonung ihrer Unterschiedlichkeit nicht mehr zeitgemäß sei.“

Während des Ersten Weltkriegs 1917 hatte Steiner für anthroposophische Zuhörer sogar die Betonung auf bluts- und traditionsgebundene Differenzen eindeutig kritisiert:„Ein Mensch, der heute von dem Ideal von Rassen und Nationen und Stammeszugehörigkeiten spricht, der spricht von Niedergangsimpulsen der Menschheit. Und wenn er in diesen sogenannten Idealen glaubt, fortschrittliche Ideale vor die Menschheit hinzustellen, so ist das die Unwahrheit, denn durch nichts wird sich die Menschheit mehr in den Niedergang hineinbringen, als wenn sich Rassen-, Volks- und Blutsideale fortpflanzen.“ (Aus: Rudolf Steiner, Die spirituellen Hintergründe der äußeren Welt. Der Sturz der Geister der Finsternis, GA 177, Rudolf Steiner Verlag, 5. Auflage, Dornach 1999, Seite 220.) 

Gegen diesem Hintergrund ist es unbegreiflich, wie er sechs Jahre später für die Arbeiter am Goetheanumbau gemäß dem Stenogramm sich folgendermaßen äußern konnte: „Die Negerrasse gehört nicht zu Europa und es ist natürlich nur ein Unfug, dass sie jetzt in Europa eine so große Rolle spielt.“ (Aus: Rudolf Steiner, Vom Leben des Menschen und der Erde. Über das Wesen des Christentum
s. Vorträge für Arbeiter am Goetheanumbau, Band III, GA 349, Rudolf Steiner Verlag, 3. Auflage, Dornach 2006, Vortrag vom 3. März 1923, Seite 53.) Laut dem Memorandum beinhaltet dieses Zitat für sich genommen eine Geringschätzung von Menschen mit schwarzer Hautfarbe. Hierzu bemerken die Autoren sehr treffend: „Bei den Zitaten dieser Kategorie handelt es sich auch nicht mehr um ein bloß sprachhistorisches Problem, dem mit einer ‚Übersetzung’ des Gemeinten in eine ‚zeitgemäße’ Sprache beizukommen wäre.“

Rudolf Steiner lud immer wieder seine Zuhörer und Leser ein, ihn in seinen Angaben mit gesunder Vernunft zu untersuchen und mit allen zugänglichen Mitteln ihn beim Wahrheitsgehalt zu prüfen.
83 Jahre nach seinem Tod hat das Frankfurter Memorandum dies profund gemacht, und ich finde, dass die Autoren in ihrem berechtigten Kritik an Rudolf Steiner als Geschichtspersonen sich an seinem Richtschnur gehalten haben, die er folgendermaßen formulierte: „Wenn man einer welthistorischen Persönlichkeit Vorwürfe macht, so ist das nicht so gemeint, wie wenn man damit zugleich erklären wollte, daß man, wenigstens in seinem Urteil gegenüber dieser Persönlichkeit, so eine Art Scharfrichter sein möchte, der ihr, geistig gemeint, den Kopf abschlägt, indem man ein Urteil ausspricht. Moderne Kritiker sind so; aber derjenige, welcher von geisteswissenschaftlicher Gesinnung durchdrungen ist, ist nicht so.“ (Aus: Rudolf Steiner, Kunst und Lebensfragen im Lichte der Geisteswissenschaft, GA 162, Dornach 1985, Seite 204.) Den Eingeweihten haben sie somit nicht gebrandmarkt. Dementsprechend fällt das in diesem Blog vor einpaar Tagen besprochene Urteil Mieke Mosmullers über das Memorandum und über ihre einheimische Kommission quasi an Steiners eigener Worte auseinander. 

Trotz einiger hier nicht genannter geringfügiger Einwände, möchte ich hiermit das Frankfurter Memorandum „unterzeichnet“ haben.

Bild: Rudolf Steiner auf einem Relief - der Künstler konnte nicht festgestellt werden - auf seinem Geburtshaus in Kraljevec auf der Mur-Insel, damals in Österreich-Ungarn, heute in Kroatien gelegen. Quelle: anthroposophie.net

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2008/10/02

Anwältin für Rudolf Steiner

Eine Buchbesprechung: Mieke Mosmuller, Der lebendige Rudolf Steiner. Eine Apologie

In diesem Jahr des Einstimmens habe ich wenige Bücher gelesen. Heutzutage schaffe ich ein Buch fertig zu lesen, vorwiegend, wenn ich auf längere Reisen ohne Auto bin. Während der letzten in Skandinavien und Italien hatte ich Der lebendige Rudolf Steiner. Eine Apologie von Mieke Mosmuller als Lektüre mit. Ihre früheren vielen Bücher – die gebürtige Niederländerin hat seit 1994 in deutscher Sprache sieben und insgesamt 19 Bücher veröffentlicht – habe ich nicht gelesen, weswegen meine Kommentare und meine Kritik jetzt mit gewissem Vorbehalt gegeben werden. Mosmuller scheint also unter anderen anthroposophischen Autoren wie Sergej O. Prokofieff und Peter Selg ganz vorne im esoterisch-exoterischen Turnier sich zu tummeln.

In der Autorenpräsentation ihres Verlags, das gegründet worden ist von ihrem Ehemann, Jos Mosmuller – der ebenfalls wie sie Mediziner ist –, und rein für ihre Schriftstellerei veranlasst zu sein scheint, wird sie wie folgt umschrieben: „Durch intensives meditatives Studium von u. a. Die Philosophie der Freiheit von Rudolf Steiner kam eine vollkommen selbstständige innerliche Entwicklung in Gang. Von 1984 bis 1998 waren beide Mitglied der Anthroposophischen Gesellschaft und zugleich der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft. Mit dem selbstständigen Erleben des Geistes, ausgehend vom reinen Denken, geriet Mieke Mosmuller in Opposition zur herrschenden anthroposophischen Lebens- und Meditationspraxis, zu deren Vertretern. Konflikte gab es zwar nicht, aber sie konnte ihre Arbeit nicht in die bestehenden Strukturen hineinführen. Äußerlich führte dies 1994 zur Niederschrift eines philosophisch-spirituellen Zeugnisses des realen Erlebens des Geistes: Suche das Licht, das im Abendland aufgeht, das durch Jos Mosmuller publiziert wurde (Occident Verlag). […] 2008 äußert Mieke Mosmuller ihre in vielen Jahren gewonnenen Einsichten in Bezug auf das wahre Wesen der Anthroposophie zum ersten Mal in aller Klarheit. Ihre Biografie mag deutlich machen, dass diese neuen Bücher einerseits die Bedeutung einer Rechtfertigung der wahren Anthroposophie und ihres Begründers, des Meisters des Abendlandes, haben, dass sie andererseits nichts anders sein können als eine Anklage gegen die heutige Form und die Vertreter der Anthroposophie.“

In diesem biographischen Umriss wird es klar, dass Mieke Mosmuller Rudolf Steiner als der Meister des Abendlandes ansieht. Für sie ist sein Wort von seinem Gedanken nicht getrennt, er war eins damit. Demgemäß lebte er sich in seinen Worten dar, und in sich lebte er die geistige Welt dar. In den Worten des Verlags erfolgt daraus, dass, wenn jemand eine Steiner-Zeile liest, „so hat man ihn selbst, zusammen mit dem gelesenen Inhalt, aufgenommen.“ [weiter]

Abgelegt in Chronik

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