Gamamila

2008/11/23

Ich-Begegnung in der Musik

Gelegentlich konnte ich die neuen Musikinstrumente von Gunhild von Kries hören und sie selbst ausprobieren. Das sind Saiteninstrumente, die mit dem Begriff Tachtivirta (finnisch: Sternenstrom) benannt werden. Diese durch plastisches Schnitzen gefertigten Instrumente werden entweder aus einem Stück Holz, z. B. Birke, Eiche oder Linde, oder auch aus Hölzern von zwei oder auch drei verschiedenen Holzarten gebaut. Ihre künstlerische und geisteswissenschaftliche Ansatz hat Gunhild in einem Buch niedergelegt (Gunhild von Kries, Zeit heilt. Begegnungen mit dem Klang der Zeit, Oratio Verlag, Schaffhausen, 2003).

Beim Spielen und Anhören dieser Saiteninstrumente, die mit Fiedelbogen gespielt werden, bekam ich einmal ein seltsames Ich-Erlebnis, was ich in dieser Art sonst nie erfahren habe. Ich erlebte mich selbst so, als ob ich getragen wurde und mich dabei ganz geborgen fühlen konnte, gleichzeitig aber auch in einer vertikalen Wachheit aufrecht gehalten wurde. Deswegen wollte ich meditativ nachforschen, ob ich einen karmischen Hintergrund entdecken würde, der mit diesen musikalischen Affinitäten zu tun haben könnte. In einer Meditation kam ich in das Leben des Griechen Agamon, des späteren Wagenlenkers, hinein, das heißt in eine meiner Inkarnationen, die ich in meiner karmischen Autobiografie beschrieben habe.

Ich erschaute eine Situation aus seiner Jugend, die ich vorher nicht gekannt hatte: Der Jüngling, Agamon, ist mit Verwandten und Ortsbewohnern aus Delphi in einem Schiff im Mittelmeer unterwegs nach Hause. Es ist ein flauer, heißer Nachmittag, fast Windstille, und die Ruderer halten eine Weile die Holzruder still, nachdem sie stundenlang gerudert haben. Beim Rudern wird im Rhythmus dazu gesungen. Jetzt merken die Bootsfahrer, dass der Wind zunimmt. Die Segel werden schnell gesetzt. Dabei stimmt Agamon einen Sologesang an, sich auf seiner Leier begleitend und mit Tönen den Wind nachahmend. Windböen blähen die Segel auf und das Schiff kommt kräftig in Fahrt, während die Seefahrer ihre Ruder einziehen. So kommen die müden Händler noch vor der Abenddämmerung im Hafen von Delphi an.

Damit war die Schau aber noch nicht zu Ende. Nach dem Ausladen der im Austausch gegen Wolle, Wein und Olivenöl erworbenen Getreidesäcke, Lederwaren und Silbermetall, die in Ochsenwagen zum Dorf hinauf gebracht wurden, wird ein Fest gefeiert. Ein Höhepunkt des Abends ist für Agamon das Leierspiel einer Gruppe von älteren Musikern, deren Solosänger dann einstimmt, als für die Zuhörer der Augenblick geschildert werden soll, wenn der Wind die Segel eines Schiffes auftreibt. Der Sänger stellt den Mast mit dem Segel dar. In der Imagination war es eindeutig, dass für die Griechen ein Segelschiff ein Sinnbild der Menschenseele ist und ein mit einem Segel gespannter Mast die Fähigkeit des Menschen widerspiegelt, dass sein Daimon, das Ich, den Stürmen des Lebens standhalten und von ihnen Gebrauch machen kann.

Mit diesem Beitrag sage ich Auf Wiedersehen für etwa eine Woche, da ich heute wieder nach Italien fahre, um ein Karmaseminar zu geben und im Projekt Casa per Michele weiter zu malen.

Bild: Griechische Augenschale, Schwarzfigurige Vasenmalerei. Signiert von Künstler Exekias, tätig um 550 bis 530 v. Chr. in Athen. Quelle: Wikipedia

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2008/11/19

In den Fußstapfen Steiners mit eigenen Fußnoten

Die 2. Auflage meines zweiten Buches ist erschienen! Der Umschlag scheint ein bisschen blasser zu sein, aber sonst ist es gedeihlich, und alles Inhaltliches ist dabei. Vorher machte ich kleine sprachliche Verbesserungen, um eventuelle Unklarheiten zu vermeiden, und Druckfehler wurden korrigiert. Beim Durchblättern fiel es mir nun auf, nachzuzählen, wie viele Fußnoten ich zu meinem ersten Buch gemacht habe, zumal Sebastian Jüngel in seinem Rezension schreibt von einem penetranten Zusammenkoppeln mit diesem 9-Jährling, der ihm vielleicht nicht mehr zur Hand lag.

Der Begriff penetrant sein hat viele Bedeutungen: aufdringlich, unangenehm, übertölpelt, benachteiligt. Was genau Jüngel gemeint hat, bleibt dem Leser jedoch offen, wenn er schreibt: „Überhaupt bezieht sich Sæther wiederholt auf seine karmische Biografie ‚Wandeln unter unsichtbaren Menschen’, was verständlich ist, aber zuweilen penetrant wirkt.“ Um etwas Negatives geht es hier jedenfalls.

Beim schnellen Zählen, wo nicht auszuschließen ist, dass ich mich verzählt haben mag, zeigt sich, dass unter ins Gesamt 198 Fußnoten ich in Alles 11 Mal zu meinem „Wandeln“ hingewiesen habe. Das ergibt etwa 5 % des Ganzen. Rudolf Steiner hat so viele wie 95 Fußnoten bekommen, und das bedeutet 48 %. Alle anderen Autoren, jegliche Themenhinweise und andere Anmerkungen zählen zusammen 92 Stück. Das ergibt 47%. Falls es hier um eine Präsidentenwahl ginge, wäre der verstorbene Rudolf Steiner also als der große Sieger ausgegangen. Da hatte ich keine Chance! Und dass ist gut so, weil ich mich in keinem Fall als Bewerber dieses Präsidentenamtes des Fußnotenapparats vorgestellt habe, und ich möchte in keinen falschen Hoffnungen verwickelt werden. Höchstens hätte ich überlegen können, die Stelle eines auswärtigen Amtes zu betreten, falls das überhaupt in Frage käme. Aber es reicht mir gut aus, ohne ein besonderes Amt in den Fußstapfen Steiners zu gehen.

Bei diesen Denkübungen überlege ich nun aber, warum Sebastian mich trotz der kleinen 5 Prozent so penetrant, so aufdringlich erlebt, ja, warum mein erstes Buch ihm so unangenehm vorkommt. Fühlt er sich dadurch hinterlegt, oder, dass er den Kürzeren zieht? Hat es vielleicht mit der Anthroposophischen Gesellschaft zu tun? Ah, ah, geh! Da ich als Mitglied gegangen bin, kann ich bei der nächsten Generalversammlung leider kein eigenes Anliegen in Sachen Fußnoten und Fußgarde vorstellen. Hoffentlich meldet er sich noch in diesem Blog wenigstens für eine Klärung der Fußnotenvariante.

Bild: Trippen (Detail eines Gemäldes von Jan van Eyck aus dem Jahr 1434). Quelle: Wikipedia

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Die anthroposophische Stimme von Michael Kiske

„Würde Rudolf Steiner wieder unter uns Mitteleuropäern auftreten, die offiziellen Vertreter der Anthroposophie würden ihn wohl am allerhärtesten bekämpfen, weil sie das neue lebendige Licht mit ihren erstarrten Formen nicht mehr zusammenbringen könnten. Das wieder ganz verjüngte menschliche Lächeln Zarathustras würde ihnen große Angst einjagen. (Heute muss man längst Rudolf Steiner selber vor den offiziellen Anthroposophen retten!) Vor allem aber kollidiert der Heilige Geist – wo und wie er auch auftritt – immer mit dem Allgemeinen, mit der Masse und den Gewohnheiten und Vorurteilen eines Zeitalters.“

Michael Kiske
in: Über Freunde und Feinde der Anthroposophie

Auf seiner privaten Website tritt der viel begabte und geliebte Musiker Michael Kiske als ein Liebhaber Rudolf Steiners auf. In mehreren Aufsätzen schildert er sehr unmittelbar und freimütig sein Umgang mit der Anthroposophie Steiners und die Beschäftigung mit vielen anderen kulturellen, religiösen und künstlerischen Fragen. Er begegnet den traditionellen auf Materialismus und Intellektualismus gegründeten Kritikern der Anthroposophie mit schonungslosem Idealismus und gedankenklarem Pragmatismus.

Kiske behauptet, dass „die offizielle Anthroposophenschaft es heute nur noch hinbekommt, Rudolf Steiner und sein Seelen-retten-könnendes Werk in den Augen der Menschen vollkommen unmöglich zu machen.“ Er meint, dass die Anthroposophie nicht allgemein referierend, sondern viel direkter aus persönlicher Authentizität hervortreten solle, weil so viele Menschen da sind, die sie „dringend brauchen, um überhaupt ihrem Karma gemäß leben zu können“.

Tritt mit Michael Kiske ein Vorbild einer neuen Generation Anthroposophen vor uns, jemand, der schon lange in der Musikszene sich einen Platz durch Kreativität und Eigenständigkeit geschafft und dadurch Gemeinschaft gebildet hat?

Bild: Michael Kiske, Past in Different Ways (Akustikaufnahmen alter Helloween-Songs) 2008
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2008/11/18

Die Anthroposophische Gesellschaft als „Hemmschuh“ der Anthroposophie

„…als ein lebendiger Anachronismus, als das Bild, wie gesagt, einer barbarischen, in Gefahr schwebenden Gesellschaft, als ein posthumes Werk der Vergangenheit, welches für die Räder der Gegenwart nur den Wert eines Hemmschuhs haben kann.“

Friedrich Nietzsche

in:
Menschliches, Allzumenschliches II.
Ein Buch für freie Geister
(1879)


Bild: Lou von Salomé, Paul Rée und Freiedrich Nietzsche. Von Nietzsche selbst 1882 arrangierte Fotografie. Quelle: Wikipedia

Ramon Brüll
befürwortet in Info3
die Auflösung der Anthroposophischen Gesellschaft (AAG), weil er findet, dass ihre Existenz heute die weitere Entwicklung der Anthroposophie verhindere:

„In großen Zügen könnte man die Entwicklung der Anthroposophie charakterisieren von einer Geheimgesellschaft (ab ca. 1913), über eine ‚durchaus öffentliche’, aber organisatorisch begrenzte Interessensgemeinschaft (ab 1923) bis hin zu einer Bewegung, die durch die Gründung vieler lebenspraktischer Einrichtungen (Höhepunkt in der Post-68er-Phase) öffentliche Anerkennung findet. Der nächste Schritt muss konsequenterweise sein, Anthroposophie als öffentliches Gedankengut, also als Teil des allgemeinen Kulturlebens und nicht länger als Alternative zu ihm zu verstehen. Um das zu erreichen, darf Anthroposophie gar nicht mehr organisatorisch vereinnahmt werden und folglich müsste die Anthroposophische Gesellschaft aufgelöst werden.“

Andreas Neider, verantwortlicher Redakteur des Mitteilungsblattes der Anthroposophischen Gesellschaft in Deutschland, stellt die Thesen in der Info3 in Frage und fordert zur Diskussion auf. Bei dieser Forderung der Auflösung bzw. „Hineinopferung“ zugunsten eines „aktuellen Zeitgeistes“ vermisst Neider das, „was Rudolf Steiner von jedem seiner Schüler erwartete, nämlich die eigenständige esoterische Erarbeitung und Weiterentwicklung eben dieser Anthroposophie“. Einer der Vorbilder dieser Fortschritt seit Rudolf Steiner sieht Neider in Herbert Witzenmann. Welche sind die anderen, und warum sind diese Anthroposophen-Ideale nicht so augenfällig gewesen, dass sie auch in der allgemeinen Gesellschaft geschweige denn innerhalb den eigenen Reihen selbst eine Geltung hatten und haben?

Was Michael Eggert als „bemerkenswert dünner Substanz“ in der Argumentation Neiders nennt, bezieht sich auf ein esoterisches Thema der Anthroposophie: der Umgang mit den Verstorbenen. Neider schreibt: „Die Antwort nach der Zukunft der Anthroposophischen Gesellschaft findet sich meiner Meinung nach einzig und allein dadurch, dass man konkret auf die eigene spirituelle Verantwortung für das, was Rudolf Steiner den Mitgliedern dieser Gesellschaft als Aufgabe übertragen hat, hinblickt.“

Neider schreibt, dass es Rudolf Steiner eines der wichtigsten Anliegen sei, „seine Schüler davon zu überzeugen, dass die Verstorbenen in einer lebendigen, spirituell gegenwärtigen Welt leben, zu der wir Lebenden einen real wirksamen Bezug herstellen können.“ Andreas Neider fühlt sich erfreulicherweise diesem Anliegen gegenüber zum realen, geistigen Dialog verpflichtet. Ähnlich wie Mieke Mosmuller plädiert er für einen direkten Kontakt mit Rudolf Steiner als der Bezugspunkt der weiteren Entwicklung der Anthroposophie inklusive seiner Schüler, die auch verstorbenen, aber im Geistigen weiterhin wirksam sind. Solche allgemeine Anspielungen sind im privaten Bereich schon in Ordnung, aber heute taugen sie zu nichts mehr, falls man mit der Anthroposophie etwas öffentlich erreichen möchte. Hier muss man konkret und ichbezogen sein! Das ist ein Problem der anthroposophischen Gesellschaft mit deren Hochschule, dass sie nur ein – gestorbener - Geistesforscher „hat“. Welche neue Ergebnisse und Schöpfungen kann sie aus aktueller übersinnlicher und spiritueller Forschung vorzeigen? Wie der Kontakt zu dem verstorbenen Rudolf Steiner und zu anderen Vorgänger erstellt werden könnte, beschreibt Neider jedoch und leider nicht. Für ihn ist die Welt der Verstorbenen keine Welt der Vergangenheit, sondern sie bringt ihn in Beziehung mit der eigentlichen, höheren Realität seines Daseins. Leider bringt er dabei auch keinen konkreten Beispielen, wie diese höhere Realität sein Leben verändert hat gegebenenfalls im Jetzt beeinflusst.

In einer Hochschulkonferenz in Schweden 1997 versuchte ich gerade dieses von Andreas Neider angedeutete Vorhaben „der eigenständigen esoterischen Erarbeitung und Weiterentwicklung“ der Anthroposophie durch authentische individuelle Beispiele in einem Plenumsgespräch auszuüben. Ich sprach von einem individuellen Geist-Erleben mit dem verstorbenen Dornacher Vorstand und Sektionsleiter Jørgen Smit und zwei anderen in Skandinavien bekannten verstorbenen Anthroposophen. Das ging damals überhaupt nicht. Mein Versuch des neuen Konzepts wurde sofort als etwas nicht Vereinbares mit der Repräsentanz der Hochschule von einigen prominenten Anthroposophen und vom damaligen Generalsekretär der schwedischen Landesgesellschaft, Anders Kumlander, aburteilt. Er replizierte, dass es nur innerhalb einer Klassenstunde angebracht sei, mit Verstorbenen in Kontakt zu treten! Dieses Intermezzo ist mir in der Erinnerung so deutlich geblieben, dass daraus eine anschauliche Szene in einem 5. Mysteriendrama dramatisiert werden könnte.

Eine Patientin einer anthroposophischen Klinik erzählte mir einmal folgende Anekdote: Sie kannte eine andere Patientin, die berichtete, dass sie eine Christus-Erlebnis gehabt hätte. Sie erzählte es einmal während einer Patientenrunde. Darauf soll ein ärztlicher Verantwortlicher, der auch Lektor der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft (FHG) war und noch heute ist, zu der Letzteren gesagt haben, dass dies unmöglich sei, weil sie kein Mitglied der Hochschule sei! Als ob also nur innerhalb den traditionellen anthroposophischen Institutionen und Gremien echte geistige Erfahrungen erfolgen könnten. So ein Unsinn! Seitdem habe ich viele weitere ähnliche irrationelle und immerhin sozial verständliche aber nicht akzeptable Reaktionen und Tendenzen in der FHG und in der AAG erlebt, wenn es um geistige Erfahrungen gingen, dass es für mich kein Sinn mehr machte, darin Mitglied zu bleiben.

Im Verhältnis zu der Anthroposophie, die in meiner Seele lebt, brauche ich folglich nicht mehr die althergebrachte AAG und sie braucht auch nicht mich für ihre Anthroposophie, sonst hätte Andreas Neider sich längstens gemeldet. Und Ramon Brüll braucht meine Unterstützung mit seiner Auflösungskampagne sicherlich auch nicht. Eine solche Kampagne wird sowieso wenig bewegen können, da die Bejahung für die AAG so stark ist, dass sie lange noch bestehen wird. Davon bin ich überzeugt. Ich bezweifele auch nicht, dass Anthroposophie ihr Weg neben der AAG in die Welt findet und finden wird. Sie entsteht und lebt bei einzelnen Menschen und in Menschenbeziehungen, wo man einen direkten Kontakt schafft zu der Individualität, die den Namen Rudolf Steiner im letzten Leben trug, und zu anderen Individualitäten, z. B. Jörgen Smit und viele andere, die Anthroposophie lieben, weil sie eine Herzensangelegenheit der Ohnmacht ist, und deswegen keine Institution mit Alleinvertretungsanspruch als Leib, aber selbstverständlich ein freies Kulturleben braucht, vorausgesetzt, dass darin „ein gemeinschaftsbildender Raum“ geschaffen wird. In einem Vereinsdokument kann dies aber nicht proklamiert werden.

Rudolf Steiner hat an der Weihnachtstagung 1923 keinen traditionellen Verein, sondern eine Herzensgemeinschaft gegründet, der es die Aufgabe zukam, Ordnung im Karma zu schaffen. Und solange nicht genug Mitglieder und Vertreter der AAG und der FHG die Interesse haben, dafür aus Steiners Anweisungen und aus der Anthroposophie entstandenen anderen konkreten Wegen der Karmapraxis und der Karmaforschung anzutreten, bleibt die Anthroposophische Gesellschaft für die Anthroposophie selbst ein hinderlicher „Hemmschuh“. Hemmschuh könnte sicherlich auch als ein bejahendes Bild verstanden werden, allenfalls man meint, dass die AAG eine notwenige Fahrtbremse für irgendwelche zu schnell laufenden anthroposophischen Entwicklungen sei. Die Bremsefunktion wurde jedoch in der Vergangenheit vielmehr irrtümlich angetreten, sodass „Entgleisungen“ wie diejenige im Jahre 1935 aufzogen. Ich gebe Ramon Brüll in seiner Standortbeschreibung grundsätzlich Recht, und ich begrüße und bedanke ihn, dass er den Mut hat, zu notwendigen Veränderungen aufzurufen.

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2008/11/17

Wie ist die Defensivformation der anthroposophischen Wagenburg oder wie anders leben?

„Als Wagenburg werden zu einer Defensivformation aufgefahrene Wagen bezeichnet, die dabei die gleiche Funktion wahrnehmen wie Wälle oder Mauern bei Festungen oder Burgen. Als Form kommen bei Wagenburgen in erster Linie Kreis oder Viereck, je nach Gelände aber auch andere geometrische Figuren in Frage. Sie sind seit ältester Zeit als zweckmäßiges Schutz- und Verteidigungsmittel bekannt und wurden von Nomaden, wandernden Völkern und ziehenden Armeen verwendet. Bekannteste Beispiele sind die Wagenburgen der germanischen Völker und der Hussiten.“ (Zitat aus Wikipedia)

Eine „anthroposophische Wagenburg soll neulich aufgespäht worden sein, nachdem wohl stattgefunden hat ein heftiger Frontalangriff gegen einem gewissen Hügel und gegen einigen Burgen, die im Interngermanischen „Zweige“ genannt werden. Zweig soll zudem ein esoterischer Begriff für „das astralische Fliegen“ sein. In den Zweigen wird gemäß Insidermeldungen ohne Vorführung gelernt, wie man ein Ast des Egoismus absägt, ohne dadurch in den Abgrund des Ich zu fallen. Welche geometrische Figur hier in Frage kommt, wird jedoch leider nicht berichtet. Es wird aber von Bremsspuren referiert, ohne etwas näher über deren Muster und die Substanz der Wegdecke zu verraten. Ich fragte einen Beobachter, ob er mindestens einige Mitgliederwagenmodelle oder Automarken der Wagenburg auf Ort und Stelle ausfindig machen konnte. Seitdem ich selbst nicht mehr Volvo sondern Skoda fahre, habe ich nicht die Bewilligung, einen Stellplatz an der Wagenburg zu beziehen, und seit der Finanzkrise lohnt es sich sowieso nicht mehr, mit eigenem Wagen zum Hügel hochzufahren.

Mein anonymer Beobachter mailt, dass unter den Wägen im Wagenburg u. a. die Marken Audi, BMW, Citroën, Fiat, Ford, Honda, Mercedes-Benz, Mitsubishi, Peugeot, Suzuki, Volkswagen, Volvo gewacht wird. Immerhin sehr global! Zu einem der Verteidiger mit M-B gibt er den folgenden Hinweis ab: „In einem nur 2-jährigen Bericht des Osloer Tageszeitung Aftenposten über das alternative Järna wird - der heute ehemalige Generalsekretär der AG in Schweden - Anders Kumlander zur Frage der Zukunftsfähigkeit der Anthroposophie interviewt. Kumlander sieht diese Gesellschaft, die er mit aufgebaut hat, ‚als eine Probegesellschaft, die den Menschen außerhalb zeigen kann, wie das Leben anders gelebt werden kann’.“

Die Geschichte der Bewegung und der Gesellschaft ist seit Dr. Rudis Tod sehr vielschichtig, verschlungen, diskrepant bis auf sich selbst widerstrebend. Nichtsdestotrotz sind die Anthroposophie und ihre Ernte, wie ich etwa in Schweden kosten durfte, auch in vieler Hinsicht zu einem Kulturfaktor geworden, der vom Markt nicht mehr wegzudenken ist. Nicht aber die Anthroposophische Gesellschaft brachte diese Anschwellung, sondern die darin tätigen Anthroposophen, insofern sie schafften, tatkräftige Initiative umzusetzen. Das Trio-Exempel Arne Klingborg/Åke Kumlander/Erik Asmussen zeigt allerdings eher auf ein günstiges Karma als auf ihre Verbindung mit der AG.

In einem nagelneuen Reportage in seiner neuen Wohnung mit Noblesse in Ytterjärna erzählt Kumlander nun: „Wir haben Spaß daran, mit diesem, was Interieur heißt, ein Milieu zu schaffen, wo wir uns zuhause fühlen, dann kann man nicht nur irgendetwas aufpflücken.“ Auf den Kumlander Junior hinweisend - er liebte viele Jahre sein Mercedes-Benz, und er mag als „Ambassadeur der Anthroposophie“ etwas geleistet haben - meines Erachtens unterscheidet sich einige Aspekte seiner Drangabe jedoch wenig von gewissen Fallfrüchten in der oft tragischen anthroposophischen Geschichte, wo die Erzeuger den Unterschied zwischen irgendwelchen bürgerlichen Idealen und den revolutionären Ideen der Anthroposophie nicht verstanden hatten. Was gäbe es da in der Wagenburg eigentlich zu verteidigen, wenn es sich als nichts anderes als egozentrischer Bourgeoisie enthüllt, wo man fortfährt, auf dem abgesägten Ast zu sitzen? Die Anthroposophie lässt sich kaum verteidigen. Entweder bestäubt sie menschliches Denken, Fühlen und Tun oder sie wartet auf andere Möglichkeiten, sich einen Leib und eine Identität zu verschaffen, da wo Tugend realiter lebt.

Seitdem der Steinersche Lebensbaum der menschlichen Weisheit mit 100 Jahresringen scheinbar rundweg abgepflückt und einige seiner dürr gewordenen Zweige abgesägt ist und die herangezogenen Impfer Ken Wilber, Andrew Cohen und N. D. Walsh & Co als unverträglich gefunden sind, könnte man unruhig werden, ob der Baum nun innerhalb der Wagengedränge überhaupt genug Licht bekommt, um weiter gedeihen zu können. Glücklicherweise wird der Fallfrüchtelager noch eine Zeitlang ausreichen, und es ist schön, dass keine Schlange sich davor bildet. Hüte sich, wer sich hüten kann vor Würmern in den Äpfeln und Birnen der Demeter! Ich als Wagenlenker bin mit meinen Transmissionen übrigens woanders hingezogen. Sie, die Sorte der Apologie, schmeckte mich nicht mehr und mein Flitzbogen habe ich zerbrochen.

Bild: Zeitgenössische Darstellung einer Wagenburg aus dem 15. Jahrhundert. Bildquelle: Wikipedia

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2008/11/14

Obama und die muslimische Welt

„Was tun?“ fragt Michael Lüders angesichts des „Kriegs gegen den Terror“ in Afghanistan, das sich verselbständigt hat und einen Eigendynamik folgt, die politisch kaum noch zu steuern ist. „Und das Schlimmste steht wohl erst noch bevor“, fährt der deutsche Publizist, Politik- und Islamwissenschaftler fort. Der Nahostexperte erforscht die Ursachen islamistischer Gewalt und er berät deutsche Firmen und Behörden wie das Auswärtige Amt.

In seinem Leitartikel „Der falsche Krieg“ im Frankfurter Rundschau vom 11.09.2008 schreibt er, dass dieser Krieg, der nun schon länger als der Zweite Weltkrieg dauert, „falsch“ und in Anbetracht der vielen getöteten Zivilisten auch „verbrecherisch“ sei. Lüders analysiert viele Aussagen und Tendenzen in der islamischen Welt und kommt zu der Schlussfolgerung, dass „der Westen den Kampf um die Köpfe und Herzen der Muslime längst verloren hat“. Er meint, dass die Welt friedlicher gewesen wäre, falls die USA, die EU und ihre Alliierten nur zehn Prozent ihrer Milliardenausgaben in diesem Krieg für langfristige Entwicklungsprojekte ausgegeben hätten. „Gerade weil der islamistische Terror auch weiterhin eine ernste Bedrohung darstellt, muss die Politik den Mut haben, neue, ungewohnte Ideen zu erproben.“

Hat nun der antretende Präsident Barack Hussein Obama diesen Mut zu neuen, ungewohnten Ideen? Torin Finser, US Generalsekretär der Anthroposophischen Gesellschaft, formulierte in einer Stellungnahme unmittelbar nach dem Wahlsieg Obamas: „Der gewählte Präsident Obama hat versprochen, sich für erneuerbare Energien und das Gesundheitswesen einzusetzen, das Schulwesen zu verbessern und die Wirtschaft zu erneuern. Dies alles sind Bereiche, die auch für uns Anthroposophen wesentlich sind.“ Finsers Aussage scheint eine positive Antwort auf diese Frage zu sein. Michael Mentzel kommt zu Wort auf derselben Seite von Antromedia: „Für die meisten Menschen, die ich kenne, ist die Wahl Obamas zum 44. Präsidenten der USA fast wie ein Aufbruch in ein neues Zeitalter. Geben wir es ruhig zu. Wir freuen uns über die jugendliche Ausstrahlung und die Frische dieses Menschen, seine sympatische Art, vom Wir zu sprechen und seine offensichtliche Fähigkeit, Menschen zu begeistern. Dank der hochprofessionellen medialen Inszenierung schwappt der Enthusiasmus über in unsere Fernsehstuben und reißt uns mit in diesen Strudel der Emotionen. Und warum auch nicht?“

Aber Menzel lässt sich für einen kurzen Moment doch auch wie viele andere US- und Obama-Kritiker zum „Bedenkenträger“ werden, ohne aber näher auf die Quellen der Kritik einzugehen, die z. B. von Schmiergeldern berichten. Eine der scharfen Kritiker heißt Daniel Pipes, der amerikanischer Autor, Historiker und Islamwissenschaftler ist und „Special Task Force on Terrorism and Technology“ des US-Verteidigungsministeriums angehört. Sein Blog ist einer der meistbesuchten, der über Islam und den Nahen Osten berichtet. Pipes hat die Frage untersucht, ob Barak Obama von Geburt an als Muslim bezeichnet werden müsse. Es wird erzählt, dass Obama, der als Kind in Indonesien mit seiner Mutter und seinem Stiefvater einige Jahre lebte, dort in der Schule als Muslim eingeschrieben sei, und das Schreiben wird als Faksimile gezeigt. Obama selbst scheint die Wahrheit in dieser Sache wie der ehemalige Außenminister Colin Powell, der ihn kurzerhand unterstützt, verbergen zu wollen. Dem ungeachtet stellt Pipes fest, dass: „Bedeutender wäre, wie die Mainstream-Muslime auf ihn reagieren – würden sie wütend auf das sein, was sie als seinen Abfall vom Glauben betrachteten? Diese Reaktion ist eine reale Möglichkeit, eine, die seine Initiativen hin zur muslimischen Welt untergraben könnte.“

Für die US-Amerikaner könnte aber eine andere Tatsache die Glaubwürdigkeit Obamas aushöhlen. In einem Artikel behauptet Pipes, dass Barack Obama Kontakte und sogar Freundschaft pflegt mit Menschen, die zu einem islamistischen Netzwerk gerechnet werden können. Der eine dieser Personen ist der irakisch-britische Geschäftsmann Nadhmi Auchi. Ein Anderer ist der US-Fundraiser Tony Rezko. Pipes stellt fest, dass Auchi in der Elf Aquitaine-Affäre verwickelt war und dort Schmiergelder angenommen habe, und dass sein Reichtum zu einem großen Teil aus dessen Verbindung zur ehemaligen irakischen Regierung und aus gegen das internationale Recht stoßenden Waffen-Geschäften mit Saddam Hussein erwüchse. Mit Rezko, der von Auchi 3,5 Millionen Dollar erhielt, um u. a. Spielschulden zurückzubezahlen, schließ Obama 2005 einen Grundstücksdeal ab. Hier erwarb er seine Familienvilla für weit unter dem offiziellen Verkaufspreis. Daniel Pipes fasst zusammen: „Barack Obamas Hauskauf war abhängig von Rezkos Begünstigungen, aufgefrischt mit einem „Kredit" von Auchi, dessen Reichtum zum Teil den Gefälligkeiten Saddam Husseins entstammten.“

Gegen diesen Hintergrund gesehen, wenn die Mutmaßungen bewahrheitet würden, ist es zu vernehmen, dass die Hoffnungen um Barack Obama leicht und bald in Enttäuschungen umschwenken könnten. In seiner Analyse der US-Intervention in Irak stellt Michael Lüders fest, dass „die einstige Regionalmacht Irak in einen Trümmerhaufen“ verwandelt sei, „dessen Instabilität auch die Nachbarländer jederzeit in den Abgrund ziehen kann. Politiker und Kommentatoren mit Einfluss in Washington und Jerusalem streben schon den nächsten Feldzug in der Region an, anstatt selbstkritisch eine Bilanz zu ziehen. Wird Obama für die Amerikaner und mit seinem Stab selbstkritische Bilanz ziehen? Wird es Obama Jr. gelingen, was George W. Busch Jr. während sieben Jahre nicht gelungen ist, nämlich, die folgende dringende und einfache Botschaft zu vermitteln? „Wir verteidigen uns gegen den Terror, aber wir führen keinen Kreuzzug gegen den Islam.“ Lüders ist Anbetracht vieler bedrückenden Tendenzen da nicht so sicher:

„Die in Washington geplante ‚Sicherheitsallianz’ der USA mit dem Irak löst im Nahen und Mittleren Osten jetzt schon vehemente Reaktionen aus. De facto würde dieser Pakt den Irak zu einem Satellitenstaat Washingtons machen. Bis zu 50 Militärbasen sind geplant. Das US-Militär würde ebenso wie US-Staatsbürger juristische Immunität genießen - ein Modell, das schon die Kolonialherren in der Region angewendet haben, wie die ägyptische Zeitung Al-Ahram kommentiert…“ [weiter zur Analyse von Michael Lüders]

Bild: Richard Löwenherz im Zweikampf mit Saladin. Englische Phantasiedarstellung, um 1340. Richard I. (1157-1199) aus dem Haus Plantagenet war König von England von 1189 bis 1199. Saladin, eigentlich Salah ad-Din Yusuf bin Ayyub, mit dem Titel al-Malik an-Nasir, „der siegreiche Herrscher“ (1137/38-1193) gründete die kurdisch-stämmige Dynastie der Ayyubiden von Ägypten und Syrien. Als Sultan Saladin wurde er zu einem Mythos, zum größten aller Helden der muslimischen Welt und vorbildhaften islamischen Herrscher. 1192 entstand ein diplomatisches Abkommen zwischen Richard und Saladin. Die Eroberungen Richards an der Küste Palästinas wurden bestätigt, mit Ausnahme der Stadt Askalon, die Saladin übergeben wurde. Christlichen Pilgern wurde der freie Zugang nach Jerusalem ermöglicht. Die beiden Herrscher einigten sich auf einen dreijährigen Waffenstillstand. Richard verließ am 9. Oktober des Jahres Palästina, womit der Dritte Kreuzzug beendet war. Die Konflikte zwischen verschiedenen Völkern, religiösen Gruppen und politischen Lagern in Palästina fahren jedoch bis heute fort. Quelle: Wikipedia

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2008/11/11

Wie viel Macht wird Barack Obama als amerikanischer Präsident haben?

Diese Frage hat mich in den letzten Monaten beschäftigt, und bei der Suche nach Antworten stieß ich auf den folgenden sehr informativen Essay von PD Dr. Christoph Strünck, der im Institut für Politikwissenschaft an der Uni Duisburg-Essen als Gesellschaftswissen-schaftler tätig ist. Er war auch Gastwissenschaftler an der University of California, Berkeley, und er scheint die politischen Strukturen in den USA profund zu kennen.

Strünck untersucht in seinem 17-seitigen Beitrag, in dem er einige geschichtlichen Entwicklungen im 20. Jahrhundert des amerikanischen präsidentenzentrierten Systems skizziert, besonders die interne Beratung des Präsidenten, weil, wie er schreibt, „von hier aus ebenfalls Licht auf die anderen Elemente des Regierungssystems fällt.“ Er verfolgt die These, dass die Bedeutung der personengebundenen Beratung des Präsidenten sich ergibt durch die Ansprüche an seiner Leitungsfunktion. „Die Wahl zum Präsidenten fundiert nicht seine Macht, sondern erteilt lediglich das Recht zu Regieren, das aber jeden Tag gefestigt werden muss.“

Der absteigende Präsident George W. Bush - wie auch manche Präsidenten vor ihm - mag als ein souveräner Herrscher erschienen zu haben. Dies liegt weder an der Person noch am Amt, sondern in diesem Fall eher an der internationalen Bedrohung durch den Terrorismus, stellt Strünck fest. Die reale Macht des jetzt zur Ernennung vorgeschlagen Präsidenten Barack Obama wird sich erstens an der wirtschaftlichen Krise und an den befindlichen politischen Strukturen in den USA, zweitens an die Strategen und Berater, die er ernennen wird, und drittens an die globalen Umstände der nächsten Jahre relativieren müssen. Vielleicht kommt Obama zur rechten Zeit, um fällig notwenige Veränderungen im eigenen Land anzuleiten, aber kommt er gegebenenfalls zu spät, um die Position der USA als günstiges Beispiel in der Welt vorzustehen, weil sein Vorgänger diese Möglichkeit auskatapultiert hat?

Christoph Strüncks Studie ist 5 Jahre alt. Die darin geschilderten Tatsachen und Tendenzen, die jedoch fortwährend existieren, wird auch für Obama Gültigkeit haben. Sie trägt den Titel: All the president’s men? Macht und Mythos amerikanischer Regierungsberater. (In: Karl-Rudolf Korte/Gerhard Hirscher (Hrsg.): Politikberatung von innen. Das Informationsmanagement des politischen Spitzenpersonals. Opladen: Westdeutscher Verlag (i.E.) 2003). Christoph Strünck schreibt zu Beginn:

„Ist der amerikanische Präsident wirklich der mächtigste Mann der Welt? Es gibt viele politikwissenschaftlich fundierte Einwände gegen diese gern geglaubte These: seine eher passive Rolle im Gesetzgebungsprozess, die starke Stellung des amerikanischen Kongresses, oder die fragmentierte Struktur der Exekutive. Manche gehen sogar soweit, den Charakter der USA als präsidentielles oder besser: präsidentenzentriertes System insgesamt in Frage zu stellen... [weiter zum ganzen Essay]

Bild: Vier bedeutende und symbolträchtige US-Präsidenten (von links nach rechts: George Washington, Thomas Jefferson, Theodore Roosevelt, Abraham Lincoln), jedes Porträt 60 Fuß (18,3 m) hoch, 14 Sommer lang zwischen 1927 und 1941 in den Granit des Mount Ruhsmore gesprengt, gehauen und gemeißelt durch John Gutzon de la Mothe Borglum (1867-1941) mit fast 400 Arbeitern und Helfern, assistiert und - 7 Monate nach dem Tod des Meisters - vollendet durch seinem Sohn Lincoln. Quelle: Wikipedia

Dieser Post wurde vom Internetportal Anthroposophie Anthromedia übernommen.

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2008/11/10

Qualitäten der Tiere

In der Kunst- und Kulturgeschichte gibt es mannigfaltige Beispiele von Geschöpfen, die sowohl menschliche wie tierische Gestalt haben. Stammeszeichen, Totems, Fetische, Talismane, Amulette und allerlei Gottesdarstellungen zeigen die vielfältigsten Kombinationen von Menschen und Tierformen. Der griechische Satyr ist nur die Erscheinung eines solchen Mischlings. Den Schreibern der vier Evangelien, den Evangelisten, sind in der Christenheit je ein Symbol zugeteilt, einmal ein Mensch oder richtiger ein Engel und dreimal ein Tier. Die Tiere sind Stier, Löwe und Adler. Das Menschliche ist damit gleichsam in einer Vierheit auseinandergereiht, so dass die drei Tiere und der Engel den vollen Menschen darstellen.

Auch in Bildern und Plastiken von Sphinxen taucht eine ähnliche Vierheit auf. So kann man sich doch fragen, ob die alte Weisheit damit eine geistige Tatsache ausdrücken wollte. In der Anreihung der Tiere wird meistens der Adler als das Obere, der Löwe als das Mittlere und der Stier als das Untere des Menschen gekennzeichnet. Wenn man dies mit den Seelenkräften Denken, Fühlen und Wollen vergleicht, kann man eine erste entsprechende Einteilung mit ihnen machen. Eine andere Korrespondenz zum viergliedrigen Menschenwesen wäre diese, dass dem physischen, ätherischen und astralischen Leib je ein Seelentier zugeordnet wird, dem Ich aber der Engel…[weiter]

Abgelegt in Forschung

Bild: Mosaik aus der Villa Hadriana bei Tivoli (118 - 138 n. Christus): Kentaurenpaar im Kampf gegen Raubkatzen (Ausschnitt), Altes Museum.
Quelle: Wikipedia

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2008/11/07

Kraft- und Seelentiere


Tiere aller Kategorien haben wie Menschen eine Seele. Sie haben auch ein Ich-Wesen, d. h. eine Individualität. Sie ist aber nicht inkarniert, weder in den übersinnlichen Leibern noch im sinnlichen Erscheinungsbild eines einzelnen Repräsentanten seiner Gattung, sondern sie existiert unkörperlich als ein Zusammenhalter, Träger oder Fürsorger einer Art von vielen einzelnen Tieren. Eine Menschenindividualität schafft an ihrem eigenen Wesen in der Zeit nacheinander durch die vielen Erdenleben. Die Manifestation einer Tierindividualität tritt als ein Phänomen auf, das sich in gleicher Weise in der Zeit und im Raum ausbreitet, indem sie sich mannigfaltig nacheinander in den Generationen entfaltet, sich aber auch gleichzeitig in ihren vielen Kreaturen innerhalb der Biosphäre zeigt.

Weil die einzelnen Tierseelen keine Reinkarnation wie die Menschen durchmachen, haben sie auch kein Karma wie die Menschen, wohl aber eine Entfaltungskontinuität und ein Erinnerungsvermögen, die aus dem Gesamtschatz der Tierindividualität schöpfen. Die Evolutions- und Leidenswege der Tiere sind aber innig mit der karmischen Entwicklung der Menschheit verbunden. Auch die einzelne Menschenindividualität hat seit Uranfang eine seelisch-geistige Beziehung zu bestimmen Tierarten, so dass es angebracht ist, sie meditativ kennen zu lernen. [weiter
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Abgelegt in
Forschung

Bild: Shiva und Parvati baden ihren Sohn Ganesha. Miniatur aus dem 18.Jahrhundert. Ganesha - der Elefantengott, bedeutet „Herr des Heeres Shivas" - ist eine der beliebtesten Formen des Göttlichen im Hinduismus. Er wird angebetet, wenn man Glück für den Weg oder eine Unternehmung braucht. Ganesha steht für Beginn und Veränderung, verbunden mit Schutz und Gelassenheit und verkörpert Weisheit und Intelligenz. Quelle: Wikipedia

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2008/11/06

Melancholie


Mein Temperament ist zusammengesetzt von mehreren Komponenten und eine Dominante zeigt sich je nach Lebensphase anders und je nachdem, wie die verschiedenen inneren und äußeren Umstände usw. sind. Zurzeit dominiert ein melancholischer Zug. Der Melancholiker trägt viel Vergangenes mit. Der Ätherleib des Melancholikers lässt noch immer in sich nachschwingen, was er in vergangenen Zeiten miterlebt hat, bemerkt Rudolf Steiner (GA 145.73).

„Fügt ein Mensch seinen Mitmenschen viel Schmerzen zu, so beruht dies zunächst auf Merkmalen des Astralleibes; aber auch da wirkt die Wiederholung so, dass dem Ätherleib etwas mitgeteilt wird, was sich im nächsten Leben als melancholische Anlage zeigt, die ja auch auf Eigenschaften des Ätherleibes beruht.“ (34.405) Ich erkenne, dass bei mir nicht nur noch aus dem letzten Leben sondern aus mehreren früheren Leben dieses Mitschwingen der Zufügung von Schmerzen an Andere diese depressive Anlage geprägt hat. Und an diesen Menschen in ihren jetzigen Inkarnation aufzuwachen, falls ich sie karmisch erkennen mag, sehe ich als eine besondere Aufgabe, weil ich da vielleicht etwas geben kann, was ihnen hilft, mit ihrem Karma zurechtzukommen.

Mein meisterliches Vorbild in der Heilpädagogik und in der Sozialtherapie, Åslaug Nysæther (1919-80), sagte einmal, dass der Monat November besonders kräftig den Menschen in Depressionen mitreißen könnte. Gegen diese Tendenz im Jahreslauf, als das Verwelkten in der Natur übernimmt, setzte sie den inneren schöpferischen Tatwillen. Sie benutzte selbst diese Zeit immer wieder dazu, sich dem Aquarellmalen zu widmen, um über die Melancholie Herr zu werden.

Bild: Lucas Cranach d. Ä. (1472-1553),
Melancholie (1532). Quelle: Wikipedia

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Der schöpferische Verzicht

„Im allgemeinen wird der Mensch zu der Annahme geneigt sein, daß von der Stärke des Willensimpulses die Größe der Tat abhängt. Das ist aber nur bis zu einem gewissen Grade richtig. Aber in der geistigen Welt ist das gar nicht so, sondern da tritt das Gegenteil von dem ein. Da ist es so, daß zu den größten Taten, zu den größten Wirkungen, können wir besser noch sagen, nicht eine Verstärkung des positiven Willensimpulses notwendig ist, sondern vielmehr eine gewisse Resignation, ein Verzicht. Wir können da schon von den kleinsten, rein geistigen Tatsachen ausgehen. Wir erreichen eine gewisse geistige Wirkung nicht dadurch, daß wir möglichst unsere Begehrlichkeit in Szene setzen, oder möglichst Geschäftig sind, sondern in der geistigen Welt erreichen wir gewisse Wirkungen dadurch, daß wir unsere Wünsche und Begierden bezähmen und auf deren Befriedigung verzichten.

Nehmen wir einmal an, ein Mensch habe es darauf abgesehen, durch innere geistige Wirkungen etwas in der Welt zu erreichen. Dann muß er sich dazu vorbereiten, daß er vor allen Dingen seine Wünsche, seine Begierden unterdrücken lernt. Und zu den größten geistigen Wirkungen, sagen wir zu magischen Wirkungen, gehört immer eine solche Vorbereitung, die zusammenhängt mit Verzicht auf Wünsche, Begierden, Willensimpulse, die in uns auftreten. Je weniger wir ‚wollen’, je mehr wir uns sagen: Wir lassen das Leben an uns vorüberströmen und begehren nicht dies und begehren nicht jenes, sondern nehmen die Dinge, wie sie uns Karma zuwirft –, je mehr wir so Karma und seine Wirkungen hinnehmen und ruhig uns verhalten in einem Verzicht in bezug auf alles, was wir sonst im Leben erreichen wollen für dieses Leben, desto kräftiger werden wir zum Beispiel in bezug auf Gedankenwirkungen. Bei einem Menschen, der ein sehr begierdenvoller Mensch ist, der es vor allen Dingen liebt, recht gut zu essen und zu trinken und auch sonst begierdenvoll ist, bei dem wird sich herausstellen, wenn er zum Beispiel Lehrer oder Erzieher ist, daß seine Worte, die er an seine Zöglinge richtet, nicht viel erreichen; das geht bei den Zöglingen zum einen Vervollkommnung für den Okkultisten Ohr hinein, zum anderen heraus. Er wird dann der Meinung sein, daß dies die Schuld der Zöglinge wäre. Das ist aber nicht immer der Fall. Der Mensch, der eine höhere Lebensauffassung hat, der mäßig lebt, der nur so viel ißt, als nötig ist, um das Leben zu unterhalten, der vorzugsweise darauf bedacht ist, die Dinge, die das Schicksal gibt, hinzunehmen, der wird allmählich merken, daß seine Worte eine größere Kraft haben: ja, sein Blick kann dann schon eine große Kraft haben, und es braucht nicht einmal zum Blick zu kommen, er braucht nur neben dem Zögling zu sein, braucht nur einen aufmunternden Gedanken zu haben, den er gar nicht äußert: das wird auf den Zögling übergehen. Das alles hängt ab, von dem Grade des Verzichtes, der Resignation gegenüber dem, was der Mensch sonst verlangt.

Nun ist für geistige Betätigungen, um geistige Wirkungen in den höheren Welten zu erzielen, der richtige Weg der, welcher durch den Verzicht geht. In dieser Beziehung bestehen viele Täuschungen; und Täuschungen führen nicht – deshalb, weil sie auch im Äußeren so ähnlich aussehen – zu den richtigen Wirkungen. Sie alle kennen das, was man im gewöhnlichen Leben die Askese, die Selbstpeinigung nennt. Die Selbstpeinigung kann in vielen Fällen geradezu eine Wollust sein, die der Betreffende aus der Begierde heraus wählt, zum Beispiel, um viel zu erreichen, oder sei es auch aus einem anderen Begierdequell. Dann wirkt die Askese nichts; denn sie hat nur dann eine Bedeutung, wenn sie als Begleiterscheinung des schon im Geistigen wurzelnden Verzichts auftritt – der schöpferische Verzicht.“ (Rudolf Steiner in: GA 132.43f)

Bild: Edvard Munch, Selbstporträt in der Hölle, 1903. Öl auf Leinwand, 82 x 66 cm. Munchmuseet, Oslo. © The Munch Museum/The Munch-Ellingsen Group/2007, ProLitteris, Zürich. Quelle: beyeler.com

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2008/11/05

Trichotomie

„Dreierlei bedingt den Lebenslauf eines Menschen innerhalb von Geburt und Tod. Und dreifach ist er dadurch abhängig von Faktoren, die jenseits von Geburt und Tod liegen. Der Leib unterliegt dem Gesetz der Vererbung; die Seele unterliegt dem selbstgeschaffenen Schicksal, dem Karma. Und der Geist steht unter dem Gesetze der Wiederverkörperung der wiederholten Erdenleben.“ (Rudolf Steiner in: GA 9.88)

In der christlichen Anthropologie bezeichnet Trichotomie die Auffassung, dass der Mensch konstituiert ist durch drei Glieder, die meist bezeichnet werden als Geist, Seele und Leib. In der römisch-katholischen Kirche gilt diese Lehre seit dem 4. Konzil von Konstantinopel von 869-870 als Ketzerei, insoweit man den Geist zu einer selbständigen Substanz neben der Seele macht.

Also ist es verständlich, dass die katholische und andere später entstandene Kirchen plus philosophische Systeme und psychologische Schulen, die den Geist verleugnen, keine menschliche Reinkarnation durch mehrere Erdenleben akzeptieren können. Dieses 4. Konzil von Konstantinopel anerkennt die katholische Kirche und rechnet es als das achte ökumenische Konzil. Von der orthodoxen Kirche wird es aber abgelehnt. Wer Reinkarnation und Karma heute vertritt, lehnt sich also gegen einen jahrtausendealte Tradition auf, und er muss davon ausgehen, dass es als Häretiker betrachtet wird. Konkret über frühere Leben und von karmischen Zusammenhängen zu berichten, ist folglich ein Wagnis.

Mit meiner karmischen Autobiographie von 1999 riskierte ich, mich selbst als aufklärendes Beispiel zu enthüllen, um zu zeigen, dass es im Jetzt durch dauerhaftes, meditatives Üben durchaus möglich ist, karmische Erkenntnis in großem Umfang zu erringen. In diesem Buch beschrieb ich, wie ich mich als ein meditativ Übender und Forschender im rein geistig-seelischen Erfahren begriff. Die karmischen Imaginationen boten Stützen für erhebliche Erkenntnisse über die Schicksalsgefüge. Ich präsentierte zwölf miteinander innig verknüpfte frühere Erdenleben inklusive einiger Einblicke bezüglich anderer Individualitäten, die mir immer nahe gestanden haben.

Ich wollte anschaulich machen, dass das übersinnliche Schauen, das Geist-Erleben und die Karmaerkenntnis anhand früherer Leben in ihrem Bezug zu heute für das Alltagsleben positive Folgen haben. Ich hätte gewiss solche besonderen Intimitäten verschweigen oder begrenzt mitteilen oder, wie ein Freund es mir empfahl, alles in Romanform berichten können. Nachdem bestimmte geistige Mächte mir überraschend mitteilten, dass ich versuchen könnte, meine übersinnlichen Erfahrungen bekannt zu geben, entschied ich mich, entgegen der Meinung Vieler, rätselhaftes Karma zu publizieren. Somit machte ich eine Zäsur mit, die andere Autoren begonnen hatten. Ich wollte herausfinden, ob Karmaverständnis sozial wirksam sein kann und ob esoterische Erkenntnis, wenn sie als aktuelle geistige Forschung präsentiert wird, öffentlicher Kritik parieren kann.

Da ich meinte, die Signatur der Gegenwart erfasst zu haben, versuchte ich, den Weg eines Outsiders durchzuhalten und mich bewusst der aufziehenden negativen Kritik auszusetzen, während viele z. B. behaupteten, dass ich gegen normale Diskretion verstoße. Es war für mich keine Tat des Übermuts, was zwar einige anthroposophische Kritiker erklärten, sondern ich ging einen schmalen Pfad der modernen Mysterien, so wie es mir mein Karma erlaubte. Dass auf diese Weise vieles anders geschah, als ich es mir erhoffte, und ich deswegen vielen Angriffen bis auf Rufmord Stand halten musste, ändert nichts an der Tatsache, dass ich es heute noch einmal tun würde.

Die Trichotomie heute zu vertreten, führt mich nicht zum Schafott oder zum Galgen, aber meine Wahl, mich für den reinkarnierenden Geist und für die schicksalsträchtige Seele einzusetzen, lässt mir erahnen, was eine globale Einsamkeit vermag, dass sie so umfassend sein kann, dass alle anderen menschlichen Individualitäten darin erinnert werden können.

Bild: Fra Angelico: Enthauptung der Heiligen Cosmas und Damian, 1348. Quelle: Wikipedia

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2008/11/04

Ist Karma etwas, vor dem wir uns fürchten sollen?


Es gibt keine Anthroposophie ohne die Idee von Reinkarnation uns Karma. Im Rudolf Steiners Werk, in seinen Büchern und Vortragsnachschriften, gibt es genug Belege dafür, dass Karma und Reinkarnation zur zentralsten Begriffen der Anthroposophie gehören. Wenn ich nur einige solche Textstellen aus dem geschriebenen und gesprochenen Kontext herausnehme, und sie mit meinen eigenen Lebenserfahrungen verbinde, stehe ich vor Tatsachen, die manch ein Rätsel beleuchten, und mir gegebenenfalls Hilfeleistungen gebe, wenn ich schaffe, die darin beschriebenen Wahrheit mit meiner Individuellen Situation zu integrieren. Ich werde unten und in kommenden Beträgen einpaar solche Stellen zitieren und dazu ein Kommentar geben. Die in Klammern stehenden Ziffern beziehen sich auf die Publikations- und Seitennummer in der Gesamtausgabe (GA) des Werks von Rudolf Steiner herausgegeben vom mit seinem Namen identischen Verlag in Dornach, Schweiz.

„In jedem Moment des Lebens stellt das Karma etwas dar, wie die Bilanz eines Geschäftsmannes. Mit jeder Handlung, sie sei gut oder schlecht, vermehrt der Mensch sein Soll oder sein Haben. Wer (bei einer möglichen Handlung) einen Akt der Freiheit nicht zugeben möchte, würde einem Kaufmann gleichen, der nicht das Risiko einer neuen Geschäftsunternehmung eingehen möchte und sich immer auf dem gleichen Stande der Geschäftsbilanz halten würde.“ (94.117)

Karma ist immer vorhanden. Es steht nicht still, sondern verändert sich mit meinem Mitgehen oder Nichtmitgehen in der Schicksalsbewegung. Ich kann nur bedingt wissen, was aus meinem Tun entsteht, da die Folgen meiner Handlungen sich gemäß den Veränderungen in meinem Umfeld sich auch verändern. So gesehen, stehe ich mit meinem Karma im Spannungsfeld zwischen dem Vergangenheitsstrom aller gemeinsamen Tradition und der individuellen Entscheidung für eine offene Zukunft.  

„Eine Wesenheit, die einmal tätig war, steht in der Folge eben nicht mehr isoliert da; sie hat ihr Selbst in ihre Taten gelegt. Und alles, was sie wird, ist fortan verknüpft mit dem, was aus den Taten wird. Diese Verknüpfung einer Wesenheit mit den Ergebnissen ihrer Taten ist das die ganze Welt beherrschende Gesetz von Karma. Die Schicksal gewordene Tätigkeit ist Karma.“ (34.93)

Karma ist auch nicht denkbar, wenn ich es nicht mit einem Eigenwesen in Zusammenhang bringe. Nur ein Selbstseinswesen, eine Individualität, die einen Teil oder ein Glied ihrer Existenz auch außerhalb des Sinnesseins verlagert, kann Karma kreieren. Alle anderen Lebewesen und Welterscheinungen, die durch ihr Sein Folgen für andere Erscheinungen haben, sind in Prozessen verhaftet, die meist unmittelbar eine oder mehrere Wirkungen hervorrufen. Eine karmische Wirkung lässt sich demgegenüber als ein zusammengehaltenes Element über Jahrhunderte und Jahrtausende in wechselnden Umständen durch ein ihr verwandtes Bewusstsein verfolgen.  

„Wenn die Möglichkeit nicht gegeben wäre, sich über den Irrtum zu erheben, so müsste der Mensch zuletzt in Irrtum versinken. So aber ist die Wohltat des Karmas eingetreten. Ist Karma irgendetwas, vor dem der Mensch sich fürchten soll? Nein! Karma ist eine Macht, für die der Mensch eigentlich den Weltenplänen dankbar sein sollte. Ohne Karma wäre unser Fortschreiten in der menschlichen Laufbahn unmöglich. Karma erweist uns die Wohltat, dass wir jeden Irrtum wieder gutmachen müssen, dass wir alles, was wir rückwärts getan haben, wieder vernichten müssen.“ (107.246)

Karma als Wohltat „Gottes“ zu denken, schafft mir neue Stützen in der Selbsterkenntnis. Karma als Wohltat zu fühlen, zu erleben, schafft mir die Fülle für monumentale Projekte in der Welterkenntnis. Karma als Wohltat mit dem eigenen Tun zu verbinden, gibt mir die Begrifflichkeit, zu betätigen das Karmabewusstsein als individuelles Instrument im Sozialen. Meine eigenen Irrtümer vor kurzem und diejenigen der Anderen, die im 20. Jahrhundert und die in der Geschichte, können nur „vergessen“ werden, wenn ich sie eingieße im „Kompost“ des Karmas, in einer bewussten Umschmelzung der irrtümlichen Handlungen, wobei ich erneut absolut alles – unter Umständen nur in einem Konzentrat – anschaue, anpacke und auspacke. Karma unter einem Teppich eines vorübergehenden Vergessens zu kehren, schafft nur neue Irrtümer, schafft Monolithe entgleister Kultur.

Bild: Aristotile (Bastiano) da Sangallo (1481–1551): Grisaille nach Michelangelos Schlacht von Cascina (bei Pisa). Quelle: Wikipedia

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2008/11/03

„Was ist ein Dichter?“

Søren Kierkegaard (1813-1855):

Was ist ein Dichter? Ein unglücklicher Mensch, der heiße Schmerzen in seinem Herzen trägt, dessen Lippen aber so geartet sind, daß, während Seufzer und Geschrei ihnen entströmen, diese dem fremden Ohr wie schöne Musik ertönen. Es geht ihm, wie einst jenen Unglücklichen, die in Phalaris’ Stier durch ein sacht brennendes Feuer langsam gemartert wurden, deren Geschrei nicht bis zu den Ohren des Tyrannen dringen konnte, ihn zu erschrecken: ihm klangen sie wie heitere Musik. Und die Leute umschwirren den Dichter und sprechen zu ihm: „Sing uns bald wieder ein Lied;“ das heißt: mögen neue Leiden deine Seele martern, und mögen deine Lippen bleiben, wie sie bisher gewesen; dein Schreien würde uns nur ängsten, aber die Musik, ja, die ist lieblich. Und die Rezensenten treten herzu und sprechen: So ist es richtig; so soll es gehen nach den Regeln der Ästhetik. Nun, das versteht sich, ein Rezensent gleicht einem Dichter auf ein Haar, nur dass er nicht die Pein im Herzen, nicht die Musik auf den Lippen hat. Siehe, darum will ich lieber Schweinehirte sein auf Amagerbro und von den Schweinen verstanden werden, als Dichter sein und von den Menschen mißverstanden werden.

Aus: Sören Kierkegaard, Entweder-Oder. Ein Lebensfragment, herausgegeben von Victor Eremita (1843). Übersetzung: Michelsen/Gleiß, 1885. Quelle: textlog.de

Bild: Phalaris lässt den Künstler Perilles in den Bronzestier einschließen. Kupferstich von Pierre Woeiriot, 16. Jahrhundert. Phalaris, Tyrann von Akragas, herrschte etwa 570–555 v. Chr. in Akragas (heute Agrigent) in Sizilien.

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Offener Brief an Sebastian Jüngel

Zur Buchbesprechung „Dafür ist Güte nötig“ von Sebastian Jüngel im Goetheanum Nr. 43/2008

Lieber Sebastian, du hast mein zweites Buch kommentiert und erlebst dabei „Gegensätzliches“. Warum nennst du keine Beispiele? Du erklärst, dass „eine konzeptuelle Straffung […] zu größerer Klarheit verholfen“ hätte. Gewiss ist es sehr umfangreich, und ich hätte zwei Bücher tun können. Ein Interessierter, der die Anregungen und Übungen ausprobiert, wird aber das Ganze wertvoll finden.   

Du schreibst: „Bei all diesen Beispielen wird mir nicht deutlich, ab wann der willentliche Umgang mit dem Bildhaften (als Übung) zur Verwandlung in Erwartung oder ‚Empfängnis’ kommt, […] ab wann also an die Stelle der Visualisierung das außer mir liegende geistig-seelische Erleben tritt.“ Du bewegst diese Fragestellung sachlich und versucht, dich in meine Haltung einzufühlen, um eine wohlwollende Antwort zu finden. Trotzdem ist dir wohl aus den Augen gefallen, dass ich mehrmals der Unterschied zwischen subjektiven und objektiven Vorgängen beschreibe.

Das Exempel ‚Thomas’ im Kapitel über Imagination, Inspiration und Intuition (Seite 70-74) zeigt einen bewusstseinsstufenweisen Vorgang. Und auf Seite 87 wird der Schritt in das Übersinnliche noch mal pointiert: „Du kannst von den Farben im Bild ausgehen, aber du musst nicht bei ihnen ‚hängen bleiben’, sondern du kannst aus dem inneren Gefühl heraus andere Klänge entstehen lassen, die dir auch relevant vorkommen. […] Du wirst allmählich oder sogar unerwartet spontan entdecken, dass du dich nicht mehr nur innerhalb der eigenen Phantasiegebilde befindest, sondern du wirst merken, dass in deiner Seele eine Atmosphäre – sozusagen als etwas Spürbares, das um dich lebt – entsteht, wo echtes Übersinnliches als etwas Befindliches empfunden werden kann.“

Für dich ähnelt meine Methode „erlebnispädagogische Settings, jedoch solche in der Vorstellung, nicht im Tun“. In der Erlebnispädagogik geht es ja gerade darum, etwas zu erleben durchs Tun. Wenn du zum übenden oder meditativen Tun nicht übergehst, kommst du nicht ins Geist-Erleben hinein.

Hast du beim Rezensieren vergessen, dass du einmal mit mir und Steffen Hartmann ein Interview führtest, wo es um Geist-Erleben mittels eines Engels ging? Viele meiner Aufätze, die du für Das Goetheanum lektoriertest, behandelten ebenfalls dieses Thema. Gegen diesen Hintergrund kommt es mir folgewidrig vor, wenn du notierst: „…was die Vorbereitung auf Meditation betrifft, ist aber zuweilen in Inhalt und Begriff recht voraussetzungshaft.“ Das Buch ist geradeso gegliedert, dass keine Spezialkenntnisse vorausgesetzt sind, sondern Übungen sind so geschildert, dass jeder zu Übersinnlichem kommen kann, falls er sie übt.

In einer Internetrezension schrieb Michael Eggert: „Dabei handelt es sich in erster Linie um […] Anregungen, die ganz locker und freilassend dargelegt werden. Da ist etwas dabei für Einsteiger und für Fortgeschrittene. Und offensichtlich ist es aus einer intensiven inneren Forschungsarbeit heraus geschrieben, leichthändig, gut lesbar, inspirierend.“

Warum erlebst du, der mich noch persönlich kennt – wir duzen uns noch –, das Leichthändige und die gute Lesbarkeit nicht? Nennst du in deiner reservierten Palaver die von mir angeführten negativen Erfahrungen im „anthroposophischen Milieu“ und die Selbstverteidigung gegenüber Vorwürfen, weil du dich für meine Arbeit eintreten und zu einer Aufklärung beitragen willst? Das schreibst du aber nicht. Stattdessen notierst du, dass ich klinge „an manchen Stellen selbstbezogen, zuweilen nonchalant“, und du führst August Strindberg an, ohne ihn relevant einzuordnen, etwas, was sich aus meinen beiden Büchern ergibt. Dass ich einige Male Hinweise zu meinem ersten Buch gebe, „penetrant“ zu bewerten, finde ich impertinent.

Im allerletzten Abschnitt bringst du den etwas rätselhaften Hinweis, dass mein Buch „Güte“ brauche. Du stellst das Fantasievolle und Anregende positiv in den Vordergrund, aber was meinst du mit der „Güte“? Wenn wir den Mut haben, uns selbst zu beurteilen und zu richten, und darum zu ringen, wahrhaft friedfertig werden zu wollen, kommen wir in der Gütigkeit voran. Stetige Gütigkeit bringt Missverständnisse, Misstrauen und Feindseligkeit zum Schwinden. Du hast recht, falls du an vorurteilsfreiunfähige und mit Tratsch und Klatsch beladenen Anthroposophen denkst, die mehr Güte entwickeln könnten, aber warum zeigst du sie selbst nicht unmissverständlicher? Gibt es auf diese Frage gegebenenfalls eine karmische Antwort, die sogar in meinem ersten Buch erklingt, und die mit den im Zweiten vorhandenen meditativen Werkzeugen ergründet werden könnte? Deine Rezension erscheint mir meisterhaft vorsichtig und zurückhaltend. Du drückst kein lautes Schrillen aus. Ich höre auch keine Begeisterung. Warum nicht?

Bild: Kuss des Judas Ischariot; 12. Jahrhundert, unbekannter Künstler; heutiger Standort: Uffizien, Florenz. Quelle: Wikipedia

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2008/11/01

Sebastian Jüngel rezensiert

Sebastian Jüngel, Redakteur im anthroposophischen Hausorgan Das Goetheanum, kritisiert nun selbst mein neues Buch. Aus diesem Faktum können einige Fragen gestellt und vielleicht einige Schlüsse inventiert werden, zu denen ich aber später zurückkommen werde. Mit der Erlaubnis des Autors, habe ich seine Rezension auf meiner Website eingefügt, sodass jeder sie lesen und gegebenenfalls kommentieren kann… [weiter]

Abgelegt im Chronik

Foto: Sebastian Jüngel. Quelle: dasgoetheanum.ch

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