Arne Garborg: Vindtrolli
Meine eurythmisch tätige Ehefrau braucht immer Gedichte für ihre Arbeit. Sie bat mich vor einigen Tagen, ein norwegischer Vers über Trolle zu finden und zu übersetzen. So nahm ich mir vor Vindtrolli (Die Windtrolle) von Arne Garborg. Das Ergebnis wurde so erfrischend und adrett, das ich es gerne weiterleite, auch wenn die deutsche Fassung lange nicht der alerten Bündigkeit des Originals einlöst. In meiner Jugend lernte ich das Gedicht zu singen nach der Melodie eines mir unbekannten Tonkünstlers, aber ob ich es im Wolfersheimer Männerchor vorsingen werde, überlege ich mich noch. Zu meinem heutigen 55 Geburtstag und zu der 1. Geburtstag meiner Website, denke ich, passt das Gedicht der Windtrolle, zudem das vergangene Jahr auch sehr wehend war. Lass uns auf stillere und friedfertigere Tage erhoffen!Arne Garborg(1851-1924) war ein norwegischer Autor, der das vom Dichter Ivar Aasen - Sprachforscher, Dichter und engagierter Botaniker - synthetisierte Landsmål (heute Nynorsk, eine der drei Landessprachen Norwegens außer Bokmål und Samisch) frei anwendete. Einige seiner Romane, die zu Lebzeiten des Autors auch in Deutschland viel gelesen wurden, zählen zu den Hauptwerken des norwegischen Naturalismus: Bondestudentar (Bauernstudenten), Mannfolk (Aus der Männerwelt), Hjå ho mor (Bei Mama) und Trætte Mænd (Müde Seelen).
Garborg war mit dem in Norwegen lebenden indischen Philosophieprofessor, Yogi, Guru und Poet Swami Sri Ananda Acharya, genannt Baral,(1881-1841) befreundet. Der Gedankenaustausch mit diesem Ideengeber einer künftigen Friedensuniversität fand Niederschlag in seinem Tagebuch. Um das Landsmål weiter zu entwickeln, bekam Garborg gegen das Ende seines Lebens eine staatliche Dichtergage. Er nahm sich dann viel Zeit, um internationale Literaturklassiker zu übersetzen.
Die Windtrolle
Tschüh! Büh! sagt Norden-Weißbart,
er kullert die dunklen Flügel.
Er jault und saust über nackte Heid;
er wütet um Wiesen und Hügel.
- Tschü ...
Tsjüh-hü-hüh! sagt Nordwest-Eistroll,
er kentert Steven und Barken.
In der Tiefe betäubt er das Meer;
aus fünfzehn Faden holt er den Harken.
- Tschü ...
Tsjüi-lü! sagt Westen-Seemann,
er kommt so weit aus dem Meer.
Leicht spielt der Bub um braune Hügel,
verlässlich ist er freilich nicht so sehr
- Tschü ...
Tsjüi-lü! sagt Westen-Seemann,
anwesend ist er salz und nass.
Er lockt mit Sonne, mit hellem Horizont,
aber meistens weint er voll das Fass.
- Tsjchü ...
Tsjü-sü! sagt Öster-Bergmann,
er ist so scharf und klar.
Er kommt aus all den lichten Gipfeln
mit Schneehut um das geschneite Haar.
- Tschü ...
Sülilü! sagt Süden-Lichtelfe,
im Laub er saust, das Kraut er gelingt.
Blumen hat er in beflügeltem Haar
und bläst auf Flöte und singt.
- Tschü ...
Sülilü! sagt Süden-Lichtelfe,
als Schäfer will er nimmermehr weinen;
dann hopsen seine Lämmer froh umher
und fußen auf sonnenwarmen Steinen
- Tschü ...
Sülilü! Ah, du selige Sommer
mit Sonne am Berg, mit mir als Schwimmer.
Dann ruh’ ich im Gras den besten Labsal
und erwachet ohne Gewimmer.
- Tschü ...
Bild: Olav Rusti (1850-1920), Portrait von Arne Garborg, 1912-14, im Besitz des Verlages Aschehoug. Quelle: wikimedia.org
Labels: Poesie, Übersetzung


3 Kommentare:
lieber Jostein,
möge Dich Sülilü im nächsten Jahr sanft umspielen!
Herzlichen Geburtstagsgruß!
Von
Foersterliesel, Am/um
3. Februar 2009 17:02
Ich bin ein Tag zu spät, aber immerhin möchte ich Ihnen gratulieren!
Herzlich,
Michel Gastkemper
(Wortbestätiging: Thimerac)
Von
Michel Gastkemper, Am/um
4. Februar 2009 21:27
Liebe Foersterliesel,
Lieber Michel Gastkemper,
danke schön für die Geburtstagsgrüße! Mögen wir hoffen, dass der Süden-Lichtelfe nicht nur hier im Bliesgau singen wird, sondern sich eine Runde macht über die ganze Welt. Sie braucht unbedingt hellere Töne und harmonischere Klangfarben als...
Von
Jostein, Am/um
5. Februar 2009 16:06
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