Der Balken in meinem Auge
„Aber was siehst du den Splitter im Auge deines Bruders, doch den Balken in deinem Auge nimmst du nicht wahr? Oder wie wirst du zu deinem Bruder sagen: "Lass mich den Splitter aus deinem Auge hinauswerfen" und siehe, der Balken ist in deinem Auge? Heuchler, zieh zuerst den Balken aus deinem Auge, und dann wirst du klar sehen, um den Splitter aus dem Auge deines Bruders herauszuziehen.“Matthäus Evangelium 7,3-5
Rückschau auf mein letztes Lebensjahr
Kürzlich feierte ich meinen 55. Geburtstag. Darüber ist wenig zu erzählen, da ich keine Wichtigkeit daraus machte, sondern im kleinen familiären Rahmen nur ein festliches Essen in der Pizzeria eines Freundes verabreichte. Meine aus Schweden angereiste, älteste Tochter sang mir einpaar Lieder vor, und am Abend lauschten wir Klezmer-Musik in einem Saarbrückener Minitheater. In Anbetracht des Gaza-Krieges schafften diese Melodien eines abgelaufenen Jahrhunderts einen raufenden Klangboden in meiner ohnehin erschütterten Seele.
Eventuell wäre mehr zu sagen über die einfache Tatsache, dass meine Website trotz flüchtigen Unterbrechungen 1 Jahr lang bestanden hat. Wer dieses Unterfangen begleitet, wird schon wissen, was damit versucht wird. In den Texten, die ich auf der Site und im damit seit dem letzten Frühjahr angedockten Blog veröffentlicht habe, ist ebenfalls soviel gezeigt worden, was mein Anliegen ist, dass es darüber auch wenig Neues zuzufügen gäbe. Wenn ich dessen ungeachtet aus meiner Rückschau des letzten Lebensjahres eine Handvoll Motive herausnehme und sie quasi „um die Finger wickele“, ginge es um die folgenden Angelegenheiten: das Esoterische in der Sprache, die Öffentlichkeit, Dialoge, die Karmagesinnung und der karmische Zentralkonflikt.
Zu versuchen, ein Geist-Erleben, das im reinen Denken, im dynamischen Fühlen und im schöpferischen Wollen erfasst wurde, in kommunizierbaren Formen der Sprache zu übersetzen, gleicht einer Daumenarbeit. Wenn der Daume nicht geschickt anpackt und das Werkzeug mit Fug und Recht manövriert, wird der im Holz angeschlagene Nagel krumm, oder der Faden findet nicht sofort den Weg durch das Nadelöhr. Bin ich ganz alleine mit meinen geistigen Erfahrungen, kann ich gut schweigen. Möchte ich sie aber kommunizieren, brauche ich das Fingerspitzengefühl - und noch mehr, wenn ich im öffentlichen Raum eine esoterische Verständigung übe. Der Intuition des Zeigefingers kann spüren, wo es vielleicht augenblicklich nur angebracht ist, etwas anzudeuten, weil es später besser sein könnte, etwas mehr darüber zu entschleiern.
Bei jeder Begegnung brauche ich das innere Gleichgewicht, und ich muss die Kunst der Mäßigung lernen. Besonders wenn es sich herausstellt, dass ich bei jemand eine andere und vielleicht ungewohnte oder kontroverse Auffassung finde, die ich begreifen und respektieren muss, um ins Gespräch zu kommen, falls der andere das möchte, kann die Diskussion für Dritte nur fruchtbar werden, fall ich meine Worte aus Besinnung wähle. Der Langfinger kann dafür ein Gespür haben. Der Ringfinger nun darf der Karmagesinnung entsprechen, weil ich mich in Freiheit und Liebe mit dem geistigen Wesen des Gesprächspartners, des Seminarteilnehmers und des Kontrahenten verbinden möchte „bis der Tod uns scheidet“, auch im Falle er mir seinen Rücken zuwendet.
Zusätzlich zu den Aufgaben, um mehrere karmischen Beziehungen wieder aufzunehmen plus z. B. ein besonderes Berufskarma anzugehen, betrat jeder Mensch seiner jetzigen Inkarnation mit dem Vorsatz, einen karmischen Zentralkonflikt anzupacken. Es liegt dieser Konflikt quasi dem Kleinfinger unter dem Nagel, aber jene ist meistens so groß und unbewusst, dass er ein ganzes Leben fast nicht bemerkt wird. Nur wenn man den kleinen Nagel sozusagen bricht, oder, wenn er durch großen Schmerz herausgerissen wird, offenbart sich dieses Karma wie riesige Niagarafälle.
Anfang Februar 2008 wurde ich per Website online sichtbar und Mitte April erschien mein zweites Buch beim Verlag Ch. Möllmann. Vor diesen Veröffentlichungen lagen Jahre der minutiösen Vorbereitung von Texten, Bildern und von Designvorschlägen. Wie das alles ständig inmitten des inneren „Dialogs“ mit der geistigen Welt stand und steht, gehört zu meiner individuellen Esoterik. Durch diese publizistischen Schritte stärkte sich aber mein Mut, sodass ich meine Hand neu hinein in viele lebendigen, erstarrten oder brennenden Herden in der anthroposophischen Szene steckte. Die manchmal polemischen Auseinandersetzungen mit Sebastian Gronbach, Mieke Mosmuller, Sebastian Jüngel und Holger Niederhausen zeigen eine, die Übersetzungen aus dem Skandinavischen eine andere Seite der Bemühung um Dialogbereitschaft und des Versuchs, Hinweise auf bedeutsame Aspekte des anthroposophischen Denkens und Kulturlebens zu geben.
Sowohl während einiger Reisen nach Portugal, Norwegen und Italien als auch durch neue E-Mailkontakte lernte ich viel Neues kennen über spirituell suchenden Menschen, über ihre oft verzwickten Familienzusammenhänge, schwere Krankheiten, komplizierte Lebensverhältnisse und etwas über ihre karmischen Vorleben. Die Würde des Einzelnen lernte ich dadurch immer mehr zu achten, um daraus die Karmagesinnung so zu „steigern“, dass Erkenntnisse daraus geboren werden konnten, die für jeden fruchtbar sein können. Bei allen diesen Begegnungen und Aufgaben zuhause und unterwegs, ohne viel Geld zu verdienen, lebte ich stets mit den Fragen: Wie verhalte ich mich am besten? Wie kann ich helfen? Wen kann ich nach seiner Art am besten unterstützen? Was wird noch kommen? Was kann sich daraus weiter entwickeln, sodass die soziale Frage immer mehr Fundament bekommt für neue Perspektiven des Zusammenlebens und der Zusammenarbeit? Die vier Reisen nach Italien öffneten ebenfalls durch die großartige künstlerische Herausforderung etwas Vielversprechendes für die Zukunft. Überraschend leuchtete gleichzeitig der Schicksalsstern wieder und diesmal stärker als je hinunter auf mein Leben: Durch die persönliche Unsicherheit und das „Versagen“ eines einzigen Menschen schien diese Möglichkeit einer künftigen Teamarbeit sich wieder total durch die Finger zu schlüpfen.
Das Glück in diesem Unglück ist nun, dass ich auf meinen individuellen zentralen karmischen Konflikt aufmerksam geworden bin. Durch den „Splitter“ im Auge meines italienischen Auftraggebers wurde der „Balken“ in mir selbst spürbar. Seit Mitte Dezember leide ich außerdem buchstäblich von einer schwerwiegenden Augenentzündung. Unterstützt durch die Therapie der psychosomatischen Energetik versuche ich diese Krankheit als Symptom zu lesen für die Tendenz bei mir, „ die Realität (der sinnlichen Welt) nicht sehen zu wollen. Damit werde ich sicher die nächsten 55 Jahre inklusive des kommenden Lebensjahrs beschäftigt sein. Für heilende Zuwendung daraufhin bin ich jederzeit offen!
Die karmischen Hintergründe zu diesem Inkarnationskonflikt kenne ich schon seit Jahren, aber mir war noch ganz wenig bewusst, dass ich wegen solchen früheren „Kollisionen“ mit der Welt dermaßen mich vor der zivilisatorischen Normalitäten der gegenwärtigen Welt schütze, dass daraus erfolgen kann, dass nur ganz wenige Menschen, etwas mit mir anfangen können oder wollen. Wir könnten dieses karmische Dilemma, das auch Rudolf Steiner in Zusammenhang mit den Inkarnationsschwierigkeiten der Platoniker beschrieb, als das „Anti-Karrierist-Syndrom“ bezeichnen. Es ist eine Art Blindheit vor den wirtschaftlichen Gefügen, die unserer Kulturepoche eigen sind. Heute, wenn die vielen alten Gesellschaftsstrukturen, die eigentlich der letzten Epoche vor der Renaissance gehörten, zerfallen und Platz für Neues freimachen, könnte es langsam möglich werden, sich mit einer Gesellschaft zu verbinden, die dem eigenen Wesen verwand sind. Wie und wo entsteht diese für alle Menschen und für mich weltoffene Friedensgesellschaft?
Bild: Karel van Mander (1548-1606), Die Mäßigung Scipios (1600). Er war ein Dichter, Schriftsteller, Maler und Zeichner aus Westflandern. Im Jahr 1604 verfasste Karel van Mander sein bekanntestes Werk, das Schilder-Boeck („Maler-Buch”), die erste nördlich der Alpen erschienene kunsttheoretische Schrift. Publius Cornelius Scipio Africanus (236-183 v. Chr.), der Überwinder Hannibals im zweiten Punischen Krieg, verband mit den profilierten Talenten eines Feldherrn einen durch Wissenschaften gebildeten Geist. Wenn er sich durch Tapferkeit und List seinen Feinden furchtbar machte, so wusste er sich auf der andern Seite durch seine Mäßigung die Liebe der Überwundenen zu erwerben. Er verstand die große Kunst, sich durch Milde und weise Strenge des Gehorsams seiner Untergebenen zu versichern, und die unterschiedlichsten Menschen und Völker für seine Zwecke zu gebrauchen. Quelle: Wikipedia
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4 Kommentare:
Lieber Jostein,
Wo kann ich das ‘Anti-Karrierist-Syndrom’ finden, das Rudolf Steiner in Zusammenhang mit den Inkarnationsschwierigkeiten der Platoniker beschrieb?
Herzlichen Glückwunsch zum einjährigen Existenz Deiner Website und Blog!
Michel Gastkemper
(Wortbestätigung: smersu)
Von
Michel Gastkemper, Am/um
11. Februar 2009 10:24
Der Anti-Karrierist ist vor allem unfähig, so genannte "Seilschaften" zu bilden. Solche Gleichgesinnten-, Jugend- oder Zweckgemeinschaften haben ihre spezifischen, unausgesprochenen Forderungen an den Einzelnen (nach gruppeninternem Wohlverhalten, z.B.) und eine spezifische emotionale Aura. wer einen solchen "Speckgürtel" von Gleichgesinnten nicht um sich scharen oder zumindest benutzen kann, wird es nie weit bringen. Menschen, die sich selbst gegenüber halbwegs ehrlich sind, haben es damit ohnehin schwer. Also, singen wir ein Loblied für die Trampeltiere, die Kostverächter, die schrägen Individualisten! Natürlich scheitern sie, das ist klar. Aber eine "Friedensgesellschaft" wird es wohl- außer in schönen Träumen- nie mehr geben. Das ist nur ein idealisierter Speckgürtel. Was es gibt, ist Diskurs und der gemeinsame Versuch, dialogisch Gemeinsamkeiten zu entdecken. Grundlagen, die tragen, die aber auch ihre Grenze haben. Die vielleicht temporär gelingen und eben unter Respektierung der gegenseitigen Grenzen. Individualismus und "Friedensgesellschaft"- das geht nicht zusammen.
Herzlich
Michael
Von
mick321, Am/um
11. Februar 2009 21:59
lieber jostein,
ich wünsche dir nachträglich noch alles gute zu dieser besonders "menschlichen" erdenzahl.
herzlich aus saarbrücken
volker
Von
volker, Am/um
12. Februar 2009 10:34
Lieber Michel,
danke für deinen Glückwunsch! Die eine Art der Inkarnationsantipathie heute bespricht Steiner hier:
„Viele Seelen, die jetzt gewissermaßen aus geistigen Welten herunter sollen in physische Leiber, betrachten dieses Einkörpern in die physischen Leiber mit einer Art von Abneigung, mit einer Art von Antipathie. Das ist vielen Menschen heute unbewusst.“ (Vortrag vom 9. Januar 1921 in: Die Verantwortung des Menschen für die Weltentwickelung durch seinen geistigen Zusammenhang mit dem Erdplaneten und der Sternenwelt, GA 203, Dornach 1978, Seite 48)
Die andere Art, die ich eher meinte, wird in den Karmavorträgen behandelt. Die genaue Stelle muss ich noch suchen. Etwas Charakteristisches davon scheint aber auch die Seele von Plato in der Inkarnation als Karl Julius Schröer erlebt zu haben:
„Und so entsteht neu in dem 19. Jahrhundert auf Erden diese Individualität, die hineinwächst in die Intellektualität des 19. Jahrhunderts, aber diese Intellektualität eigentlich nur immer von außen etwas an sich herankommen lässt, innerlich aber ein gewisses Zurückzucken davor hat; dafür aber in einer nicht intellektualistischen Weise den Platonismus vorschiebt im Bewusstsein und überall, wo sie nur kann, davon redet, dass Ideen in allem leben.“ (Vortrag vom 23 September 1924, in: Esoterische Betrachtungen karmischer Zusammenhänge, Band IV, Das geistige Leben der Gegenwart in Zusammenhang mit der anthroposophischen Bewegung, GA 238, Dornach 1982, Seite 157ff)
Lieber Michael,
es ist mir nicht fremd, was du da beschreibst. In meinen schwedischen Jahren lebte und wirkte ich stark innerhalb solchen „Speckgürteln von Gleichgesinnten“. Das war alles karmisch bedingt, - deswegen der zum „Fleisch“ sich neigenden Tendenz, sich zu mengen, auch Cliquen zu bilden, die mir aber zunehmend antipatisch wurden. Da die karmische Zusammenhänge, mindestens in meinem Fall, sehr komplex sind, kann sich solche Zugehörigkeiten während des Lebens verändern, verschieben oder total verschwinden. Ein positives Gestellt-Sein auf das eigene Ich, auf die individuellen Möglichkeiten, ohne etwas extra zu fordern, also im Sinne der ethischen Individualismus zu arbeiten, schwebt mir vor, als einen guten Weg auch innerhalb des existierenden „herzkalten“ Gesellschaft. „Was es gibt, ist Diskurs und der gemeinsame Versuch, dialogisch Gemeinsamkeiten zu entdecken.“ Immer mehr versuche ich das auch. Nicht viel, aber genug davon erlebte ich im vergangenen Jahr, sodass es sich lohnt, weiterzumachen.
Lieber Volker,
danke für den Hinweis auf das „menschliche Erdenzahl“. Das würde doch michaelisch heißen?
Von
Jostein, Am/um
13. Februar 2009 12:05
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