Gamamila

2009/06/08

Das Schimpfbedürfnis

Vor allem für eines werden das Internet und die unzähligen Kommentarforen benutzt, nämlich, um das eigene Schimpfbedürfnis zufrieden zu stellen. Es heißt, dass die Luft nach einem Gewitter gereinigt ist. Was wird aber und wird überhaupt etwas gesäubert, wenn die Menschen ihr Frust und ihren Rüffel meist in beschimpfenden Worten loswerden? Rudolf Steiner äußerte sich einmal zu diesem Thema folgendermaßen:

„Das Fühlen von Mensch zu Mensch hat nämlich eine paradoxe Eigentümlichkeit, dass es zunächst geneigt ist, uns eine gefälschte Empfindung von dem anderen Menschen zu geben. Die erste Neigung im Unterbewusstsein des Menschen im Verkehr von Mensch zu Mensch besteht immer darin, dass uns von dem anderen Menschen im Unterbewusstsein eine gefälschte Empfindung auftaucht, und wir müssen im Leben immer erst diese gefälschte Empfindung bekämpfen. Der Lebenskenner wird sehr leicht bemerken, dass Menschen, die nicht geneigt sind, interessevoll auf andere Menschen einzugehen, eigentlich fast über alle Menschen schimpfen, wenigstens nach einiger Zeit. Man liebt den einen oder den anderen Menschen eine Zeitlang; aber wenn diese Zeit vergangen ist, dann regt sich so etwas in der menschlichen Natur, und man fängt an, auf den anderen irgendwie zu schimpfen, irgendetwas gegen ihn zu haben. Man weiß oftmals selbst nicht, was man gegen ihn hat, denn diese Dinge spielen sich ja sehr im Unterbewusstsein ab. Das rührt einfach davon her, dass das Unterbewusstsein die Tendenz hat, das Bild, das wir uns von dem anderen Menschen machen, eigentlich zu verfälschen. Es gibt kein wahres, kein richtiges Urteil, wenn es nach Sympathien und Antipathien gefällt ist. Und deshalb, weil immer das Unterbewusste im Fühlen nach Sympathie und Antipathie geht, entwirft es immer ein gefälschtes Bild des Nebenmenschen. Man muß sich sagen, dass man namentlich mit Bezug auf den Gefühlsverkehr mit anderen Menschen ein erwartendes Leben führen muß. Man darf nicht auf das Bild gehen, das sich einem zunächst von dem Menschen aus dem Unterbewussten in das Bewusstsein hinaufdrängt. Dasjenige, was von Menschen durch Sympathien und Antipathien kommt, ist von vornherein so, dass es antisoziale Lebensströmungen in die menschliche Gemeinschaft hineinwirft. Man kann sagen, so paradox das klingt, eine soziale Gesellschaft wäre eigentlich nur möglich, wenn die Menschen nicht in Sympathien und Antipathien lebten.“

(Aus: Geschichtliche Symptomatologie, GA 186, Dornach 1982, Seite 96f.)

Bild: Fluchtafel auf Griechisch, Bleilamelle, 4. Jh. n. Chr., Fund aus dem Kolumbarium der
Villa Doria Pamphili in Rom. Quelle: Wikipedia

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2 Kommentare:

  • Lieber Jostein,

    vielen herzlichen Dank für diesen Artikel! Ich überlege mir schon soooo lang, wie ich etwas Ähnliches in Worte fassen könnte... dabei ist es längst gesagt. :-)
    Ich freue mich wirklich sehr, nun auch Ihre website entdeckt zu haben.
    Ganz lieben Gruß
    Ingrid

    Von Anonymous Ingrid, Am/um 13. Juni 2009 13:44  

  • Liebe Ingrid,

    herzlichen Dank für den Kommentar und willkommen hier zum Lesen und Kommentieren, und, um konstruktive Kritik zu machen.

    Von Blogger Jostein, Am/um 13. Juni 2009 20:21  

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