Gamamila

2009/06/09

Freies Denken – das schlicht Künstlerische

„Der Weg zur Überzeugung wird nicht von allen beschritten, er hat keine Kennzeichen oder Anweisungen, die sich mitteilen, erlernen oder befolgen ließen. Dennoch hat jeder in sich selbst das Bedürfnis, ihn zu finden, und den eigenen Schmerz als Wegweiser; jeder muss sich den Weg ganz von selbst neu erschließen, denn jeder ist allein und kann nur von sich selbst Hilfe erhoffen: Der Weg zur Überzeugung kennt nur eine einzige Anweisung: Füge dich nicht in die Genügsamkeit mit dem, was dir gegeben ist.“

Carlo Michelstaedter

Durch künstlerische Tätigkeit und Pflege von Seelenübungen, wie solche, die sonst wo auf meiner Website beschriebenen sind, werden wir feststellen, dass gewöhnliches Denken, eingebürgertes Fühlen und gewohntes Wollen mit verschiedenen Dingen belastet sein können, die vor dem meditativen Leben sortiert, klassifiziert und vielleicht ausgeräumt werden müssen, wenn sie uns später nicht im Wege stehen sollen. An unserem Ausgangspunkt sind wir alle durch diesen seelischen Ballast aus Erziehung, Kultur und Gewohnheit geprägt. Das Missverständnis – laut eines Blogkommentars von Michael Eggert –, in welchem ich wahrscheinlich beim Lesen Christian Grauers „Spirituellen Aufklärung“ gefallen bin, bezieht sich letztmöglich auf diesen seelischen Sperrmüll.

Wer würde behaupten wollen, dass das Beste, was er aus früheren Inkarnationen mitgebracht hat, nicht in irgendeiner Weise durch schwierige Kindheits-, Jugend- und Erwachsenerlebnisse – die vielleicht nicht karmisch bedingt sind, aber dennoch aus anderen Gründen aufgetreten sind – gewissermaßen beschädigt worden ist oder sogar fast wie verloren ging? Selbst der in früheren Zeiten höchste Eingeweihte muss in einer heutigen Inkarnation damit rechnen, durch belastende Erfahrungen gehen zu müssen, die ihm klar legen, dass er seine Seele neu zu gestalten hat, wenn er erneut zu Geisterkenntnis kommen will. Die Übungen, die ich in meinem zweiten Buch beschrieben habe, sind solcherart, dass die Seele dabei eine Reinigung, Aufklärung und Läuterung erfährt. Diese Prozesse finden aber nicht ganz automatisch statt, sondern man muss sich dabei beobachten und sehen, wie sich die Wirkung der inneren Arbeit auf das fortdauernde Bewusstsein und das tägliche Leben entfaltet. Der Seelenfaktor, der diese Aufsichtsarbeit mit einem selbst macht, der diese Kontrollfunktion übernehmen muss, ist unbestritten das Denken. Nur jeder selbst kannst wissen, wie weit man sein Denken geschult hast, damit man durch Selbsterkenntnis so weit gelangt, dass bei der weiteren Geistschulung die Seele einen nicht belasten, betrügen oder in die Irre führen wird…[weiter]

Abgelegt in Chronik

Bild. Carlo Raimondo Michelstaedter (1887-1910), Selbstportrait. Er war ein italienischer Schriftsteller, Philosoph und Maler, der sich das Leben im Alter von 23 Jahren nahm. Quelle: Wikipedia

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2 Kommentare:

  • Lieber Jostein,
    danke für den interessanten und ausführlichen Artikel. Allerdings muss ich sagen, dass ich mich total entmutigt fühle. Ich komme mir gerade vor als würde ich das niemals auch nur ansatzweise schaffen, "Das Denken" zur Aufsichtsperson zu machen. Wie soll das vonstatten gehen?

    :-(

    Von Blogger Maurulam, Am/um 14. Juni 2009 15:37  

  • Liebe Maurulam,

    „Wie soll das vonstatten gehen?“

    In einem guten Stuhl im Wohnzimmer oder auf einem Bank im Garten ruhig sitzen, ohne etwas anderes zu tun. Vielleicht die Augen schließen und schönes Musik oder den Vogelgesang zuhören. Eine innere Ruhe schaffen. Etwas Schönes vom Tag erinnern. Das Erinnerte wie ein Verklingen erleben. Verweilen in der Empfindung der Ruhe. Kommen lassen aus sich selbst, der Gedanke, dass man denken kann, ohne denken zu müssen. Das als künstlerische Tat empfinden und etwas kreieren: ein Gedanke, ein Wort, eine Affirmation, ein Gedicht, ein Bild, eine andere Erinnerung, usw. Mit der Zeit schält das gewöhnliche Denken seine alten Schalen ab, es häutet und gebärt irgendwann das reine Denken, in welcher die Imagination das erste „Kind“ des Denkens ist.

    Steiner beschreibt dieses Vorhaben in einem schönen sogenannten Spruch:

    Ruhiges Verweilen an den
    Schönheiten des Lebens
    Gibt der Seele Kraft des
    Fühlens.
    Klares Denken an die
    Wahrheiten des Daseins
    Bringt dem Geiste Licht des
    Wollens.

    Von Blogger Jostein, Am/um 14. Juni 2009 21:43  

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