Gamamila

2009/05/29

Erleuchtung und Selbstseinsglück

In den Diskussionen um aktuelle Geist-Erlebnisse und sogenannte Erleuchtungen bei Menschen, die sich an Rudolf Steiners Werk anlehnen, wird häufig postuliert, dass das erweiterte Bewusstsein keine andere Geistwesen vorfinde als diejenigen, die man selber schafft; dass heißt, man selbst sei mitbestimmend, für dasjenige, was im erleuchteten Bewusstsein erfahren wird, man würde nur sich selbst als Geistwesen finden respektive Gott als der Schöpfer des eigenen Selbst und der Du-Wesen der Mitmenschen.

Andrew Cohen (Jahrgang 1955) – einer der beliebtesten spirituellen Lehrer heute – schreibt in einem Text von der neuen evolutionären Erleuchtung, dass die Macht, die Energie und die Intelligenz, die dieses Universum erschaffen haben, nun von uns als die höchst entwickelte Lebensform abhängig wären, „um ihren evolutionären Imperativ zu unserem eigenen Daseinszweck werden zu lassen“. Und er fährt fort:

„Dann werden wir wortwörtlich zum Gott in menschlicher Gestalt. Als Mensch verkörpert zu sein, das heißt du selbst zu sein, hier und jetzt, wird auf wunderbare Weise in ein heiliges Ereignis verwandelt. Und an diesem Punkt finden wir eine neue Definition von Spiritualität, die ich Evolutionary Enlightenment (Evolutionäre Erleuchtung) nenne, die der Realität des menschlichen Dilemmas und Potenzials zu diesem Zeitpunkt gerecht wird. Aber wir müssen die damit verbundenen außergewöhnlichen Anforderungen auch erfüllen.“

In seinem in meinem Blog viel diskutierten Buch
Missionen fasst Sebastian Gronbach kurzerhand zusammen, dass alles Gerede von außer den Menschen existierenden geistigen Wesen zu verstehen sei als erschaffene Repräsentanten einer Idee:

„Wer über geistige Wesen spricht, spricht über sich, über sein Seelenleben, über seine verschiedenen Bewusstseinsstufen. Und natürlich ist alles in uns aktiv und dynamisch – weil ich es bin, weil ich aktiv und dynamisch bin. Natürlich sind die Erzengel und Widersachermächte echte, lebendige Wesen – weil ich ein echtes, lebendiges Wesen bin. […] Es gibt keine geistige Welt, wenn wir sie nicht erbilden. Der gesamte Inhalt der Anthroposophie existiert nicht für sich und unabhängig von einem schöpferischen Bewusstsein. Er verdankt sich dem ‚freien Erbilden der geistigen Welten’ – so Steiner.“

Der Satz
„Natürlich sind die Erzengel und Widersachermächte echte, lebendige Wesen – weil ich ein echtes, lebendiges Wesen bin.“ klingt wie eine Zauberformel, die ein Kind benutzt, um alle seine Spielzeuge innerhalb seines Wirkungskreises „lebendig“ zu machen. Die nachstehenden Worte des erwachsenen Steiners in seinem Hauptwerk Die Geheimwissenschaft im Umriss (GA 13, Taschenbuch 601, Dornach 1962, Seite 271f) klingen etwas anders zur Frage der Geistwesen:

„Nicht derjenige kommt in einer richtigen Weise in die geistige Welt hinein, welcher froh ist, wenn er irgendwo einen Vorgang erleben kann, der ‚von dem menschlichen Vorstellen nicht begriffen werden kann’. Die Vorliebe für das ‚Unerklärliche’ macht gewiss niemanden zum Geistesschüler. Ganz abgewöhnen muß sich dieser das Vorurteil, dass ein ‚Mystiker der sei, welcher in der Welt ein Unerklärliches, Unerforschliches’ überall da voraussetzt, wo es ihm angemessen erscheint. Das rechte Gefühl für den Geistesschüler ist, überall verborgene Kräfte und Wesenheiten anzuerkennen; aber auch vorauszusetzen, dass das Unerforschte erforscht werden kann, wenn die Kräfte dazu vorhanden sind.“

Wie habe ich selbst im November 1996 im höheren imaginativen, inspirativen und intuitiven Erleuchtungsbewusstsein außerkörperlich – oder nach dem Geist-Erleben demnächst – erkannt, dass
nicht ich sondern ein anderes Wesen – und sogar mehrere Wesen wie in einer Kreisbewegung der Zeitlosigkeit gleichsam sowohl synchron als auch nacheinander mich erleuchteten? Einerseits erlebte ich die andauernde Beweglichkeit im geistigen All; es war das Erleben in dem zyklischen, sich selber für immer garantierenden Werden unter geistigen Wesen. Andererseits erlebte ich die Sehnsucht nach der irdischen Zeit, also eine rein menschliche Erfahrung, die ein außersinnliches Wesen nur als Mensch gehabt haben kann – wie Luzifer und Christus, die tatsächlich inkarniert waren –, dass ich quasi einmal entschwinden möchte.

Meine Erleuchtung bedeutete ein Erkennen des eigenen Wesens, das durch erneute Erdenleben geht, ein Erkennen von aus sich wirkenden Natur- und Elementarwesen, ein Erkennen von Engelwesen verschiedener Stufenfolgen, ein Erkennen und ein Fehden mit Widersachern (u. a. mit solchen, die von Steiner als luziferisch und ahrimanisch bezeichnet sind) und nicht zuletzt ein Zusammenkommen mit dem Herrn des Karmas, das über die ganze Erde
Christus genannt wird. Da darf ich von Wesenheiten außer mir sprechen, nicht weil ich es will, sondern weil sie mir und meine Erkenntnis wollen – „außer“ mir, insofern ich im Erkenntnisakt mit ihnen eins bin, aber sie quasi mit mir nicht. Also ein Sowohl-als-nicht. Gronbachs Es ist Zeit, diese Beziehung zu beenden passte gar nicht in das Gefühl der Zeitlosigkeit, weil hier im Doppelstrom der Zeit zuallererst eine geistige Beziehung anfangen konnte. Und dieses Zusammensein in der Eintracht oder in der Zwietracht konnte nur insofern als ein Wesendes unter Wesen erkannt werden, weil ich im Nachhinein wie aus einer Gebärmutter kommend sowohl eine Geburt meines höheren Wesens erfuhr als auch ein Sterben des Egowesens (mein Mutterkuchen!), das vor der Meditation ohne Erwartung auf etwas Bestimmtes mich versorgt hatte.

„In den höheren Welten hat es auch keinen Sinn mehr, von solchen abstrakten Gegensätzen zu sprechen wie Ewigkeit und Zeitlichkeit; die hören auf einen Sinn zu haben. Da muß man von Wesenheiten sprechen. Deshalb spricht man von fortschreitenden göttlichen Wesenheiten und von luziferischen Wesenheiten. Weil die in den höheren Welten da sind, spiegelt sich ihr Verhältnis zueinander als der Gegensatz von Ewigkeit und Zeitlichkeit.“ (Rudolf Steiner im Vortrag vom 30. August 1912 in:
Von der Initiation. Von Ewigkeit und Augenblick. Von Geisteslicht und Lebensdunkel, Dornach 1986, GA 138, Seite 95ff)

Wenn die „erleuchteten“ Fährmänner der modernen Esoterikflutwelle von
primordial consciousness sprechen, worauf bezieht sich dieser Begriff? Besteht vielleicht hier ein Zusammenhang zwischen diesem sogenannten ursprünglichen Bewusstsein und demjenigen, welches sich in den folgenden Worten – die ein der Hauptpersonen, Johannes Thomasius, während seiner Meditation hört – der Bühnengestalt Luzifer in Steiners ersten Mysteriendrama sich ausdrückt?

„O Mensch, erkenne dich, / O Mensch, empfinde mich. / Du hast dich entrungen / Der Geistesführung / Und bist geflohn / In freie Erdenreiche. / Du suchtest eignes Wesen / In Erdenwirrnis; Dich selbst zu finden, / Es ward dir Lohn, / Es ward dein Los. / Du fandest mich. / Es wollten Geister / Dir Schleier vor die Sinne legen. / Ich riss entzwei die Schleier. / Es wollten Geister / In dir nur ihrem Willen folgen. / Ich gab dir Eigenwollen. / O Mensch, erkenne dich, / O Mensch, empfinde mich.

Nach der darauf folgenden Replik von Ahriman, den ich hier einfachhalber auslasse, spricht Luzifer weiter:

„Es gab nicht Zeiten, / Da du mich nicht erlebtest. / Ich folgte dir durch Lebensläufe. / Erfüllen durft’ ich dich / Mit starker Eigenheit, / Mit Selbstseinsglück.“

Die Erleuchtung eines Andrew Cohens und seine Interpretationen derselben scheint mir außerordentlich wichtig zu sein, weil sie uns auf die entscheidende Aufgabe Luzifers in der modernen Geistesschulung hinweist. Es geht um die Entdeckung, um das Bewusstwerden des
Selbstseinsglücks. Die Frage ist nur, ob der betroffene Geisteslehrer, seine Nachfolger und Zeitgenossen – wie Sebastian Gronbach und Christian Grauer – im Gewahrwerden der Idee halt machen bei ihrer Eigenheit oder ob sie zum Wesenhaften fortschreiten. Machen sie Halt vor Luzifer als Wesen – also wollen sie ihn nur als Mythos entlarven und nicht wesenhaft empfinden (Luzifer lädt ja dazu ein, weil er als ehemaliger unbefriedigter Erdenbürger die Hilfe der Menschen braucht, um einmal richtig zu „sterben“!) – können wir kaum von einem Mysteriendrama an einem bundesdeutschen Hauptbahnhof (vgl. Joseph Beuys) reden und auch nicht von einer griechischen Tragödie (vgl. Sophokles) irgendwo im Lande Schamballa.

Bild: Eine Statue von Dionysos in British Museum, London. Dionysos (lat. Dionysus) ist in der griechischen Götterwelt ein Gott des Weines, der Freude, der Trauben, der Fruchtbarkeit und der Ekstase. Er wurde von den Griechen und Römern wegen des Lärmes, den sein Gefolge veranstaltete, auch noch Bromios („Lärmer“) und Bacchus („Rufer“) genannt. Quelle: Wikipedia

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2009/05/23

Impressionen aus Russland III


Wie Wünsche, wachsen die Häuser,
Doch blicke nur plötzlich zurück:
Wo einstmals ein weißes Gebäude,
Ein schwarzer Gestank dich bedrückt.

Die Dinge wechseln die Plätze,
Verschwinden unmerklich hinauf.
Du, Orpheus, verlorst deine Liebste, –
Die dir geflüstert: »Schau auf! … «

Ich verhülle mein Haupt mit Weißem
Und spring' in den Strom mit Geschrei.
Über der schwankenden Leiche
Ein Blümchen, süß duftend, erscheint.

5. November 1902

Alexander Blok

Die Autoreise nach Waldai

Nach einpaar ruhigen Tagen stand die Reise für das zweite Seminar in Moissejevitchi bei Waldai bevor. Wir starteten früh morgens, um eventuell den täglichen Stau auf den Moskauer Autobahnen zu vermeiden, was leider nicht ganz möglich war, wie es sich bald zeigte. Um aus der Metropole auf die Hauptstraße (M10) Richtung Nordwesten zu kommen, mussten wir zuerst ein Stück auf dem Autobahnring um Moskau fahren. Die M10 (Magistrale Nr. 10) ist eine Fernstraße, die von Moskau in nordwestlicher Richtung über St. Petersburg zur finnischen Grenze führt. Zwischen Moskau und St. Petersburg ist sie Teil des Europastraßennetzes mit der Nr. 105; zwischen St. Petersburg und der finnischen Grenze gehört sie der E 18.

Im Moskauer Stadtteil Khimki konnten wir endlich die Staustrecke verlassen. Wir passierten dann durch viele Dörfer und Kleinstädte u. a. Skhodnya, Dyrykino, Solnetschnogorsk, Klin, Bezborodovo und Gorodnya bis wir die Landeshauptstadt Twer erreichten. Nach Bezborodovo passierten wir über eine lange Brücke dem sogenannten Moskauer Meer. Eigentlich heißt er der Iwankowoer Stausee und liegt am oberen Wolgalauf. Das hier befindliche Laufwasserkraftwerk mit Kaplan-Turbinen produziert jährlich 130 Mio. kWh elektrischer Strom. Eine der Städte am Stausee heißt Dubna. Hier befindet sich das weltweit bekannte Vereinigte Institut für Kernforschung, an dem mehrere radioaktive sogenannte Transurane erstmals synthetisiert wurden.

Später passierten wie die Orte Torschok, Vyshniy Volochek, Krasnomayskiy, Bakhmara, Kurskoye, Kolomno, Khotilovo, Kuhzenkino und Makarovo. Zwischen Vypolzovo und Edrovo fängt ein Nationalpark an, der das ganze Gebiet mit und um den Waldaihöhen umfasst. Es kamen weitere Dörfer: Nowaya Sitenka, Staraya Sitenka und Dobysalvo. Nach Zimogor’e biegten wir ab einpaar Kilometer auf eine Nebenstraße Richtung Osten, um in die Stadt Waldai zu fahren. Später bei Yashelbitsy verließen wir M10, Richtung Südwesten, um durch die Dörfer Varnitsy und Dorovichi zu fahren. Dann erreichten wir endlich Moisejewitschi nach insgesamt etwa 8 Stunden Autofahrt, nachdem wir nur eine längere Esspause bei Vyshniy Volochek eingepasst hatten… [weiter]

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Bild: Frederico Cervelli (1625-98), Orpheus und Eurydike. Quelle: commons.wikimedia.org

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2009/05/16

Impressionen aus Russland II

„’Veränderungen!’ ist die Forderung unserer Herzen. ‚Veränderungen!’ ist die Forderung unserer Augen. In unserem Lachen, in unseren Tränen und im Puls der Adern ‚Veränderungen! Wir wollen Veränderungen!’“

Wiktor Zoi

Die krause Stimme der 1990 durch einen Autounfall verstorbenen russischen Rockmusiker, Poet und Schauspieler Wiktor Zoi klingt aus der CD vertraut, anspornend und durchdringend, auch wenn ich zunächst keine seiner mit Glut und Gefühl gesungenen, russischen Worte begreife. In einer Ruhezeit nach dem ersten intensiven Karmaseminar in Moskau und vor meinem ersten öffentlichen Vortrag dort hatte Anna Gussinskaias Sohn, Arkadij, sechs Jahre alt - wie aus einem höheren Bewusstsein – seine Musik mit der sowjetischen Pioniergruppe des russischen Rocks, Kino, aufgelegt. Diese einfache und meisterhafte Musik kannte ich bereits flüchtig, aber jetzt drang sie mit voller Kraft in meine Seele ein und mischte sich mit meinen ersten Eindrücken auf russischem Boden, sodass ich einfach die inneren Ohren aufschlagen und mich aufrichten konnte gegenüber das russische Phänomen schlechthin… [weiter]

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Bild: Maximilian Woloschin, Aquarell. Quelle: watercolor.narod.ru

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2009/05/05

Impressionen aus Russland I

„Ihr Lichtes-Geister lasset vom Osten befeuern, was durch den Westen sich formet“

Dieser Sentenz im Titel, entnommen der Grundsteinmeditation von Rudolf Steiner, kommt mir in den Sinn, wenn ich versuche, die Eindrücke während meiner ersten Russlandreise zu formulieren. Vorher dachte ich, dass Russland ein Teil von Europa sei, was er teilweise wahrlich auch geographisch ist. Dennoch sprachen meine neuen russischen Freunde in Moskau andauernd von Europa als etwas auswärts und vom Westen, wenn ich von Begebenheiten in Skandinavien, Deutschland und Mitteleuropa referierte, und wenn es um ihre Perspektive ging. Wenn ich nun bauend nur auf meinen Sinnes- und Seelenseindrücken eine Charakteristik versuche, sind sie so eigen und anders gegenüber allem, was ich vorher kannte, dass ich zum Teil nur berichten kann wie von etwas „Fremdem“. Dieses Wort nehme ich sehr ungern in Gebrauch. Es war für mich quasi ein Fremdwort bis ich 1998 nach Deutschland auszog und dann in fast jedem Dorf Schilder mit dem Text „Fremdenzimmer“ sah.

Die Kenntnisse von Russland, von russischer Kultur und Geschichte, die ich bereits hatte, war nie gering. In den 1960er Jahren war ich einen leidenschaftlichen Ausübender und Kenner der Eisschnelllaufsport, und ich verpasste keine internationalen Meisterschaften durch Rundfunk und Fernseher, sondern schrieb während vieler Jahre alle Resultate in meinen Zeitlisten auf. Ich hatte große Sympathien z. B. für Ants Antson, den ehemaligen estnischen Eisschnellläufer, der bei den Olympischen Winterspielen 1964 in Innsbruck für die damalige Sowjetunion die Goldmedaille über 1.500 m gewann. In demselben Jahr wurde er auch Mehrkampf-Europameister…[Weiter]

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Bild: Maximilian Woloschin, Aquarell. Quelle: watercolor.narod.ru

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