Sich überschätzen
Jostein Sæther | Das Capesius-Syndrom
Gestern Abend traf ich mich mit einigen Freunden, die spirituelle Arbeit und geistiges Heilen betreiben. Ich leitete eine gemeinsame Meditation, in der jeder sich die Aufgabe stellte, ein Geist-Erleben in Verbindung mit der atlantischen Kultur zu suchen. Es entstanden viele innere Eindrücke und schöne Bilder, die gelegentlich einen gemeinsamen Bezug hatten. Darüber hinaus tauschten wir uns aus über das Thema Meister und geistige Hüter in der esoterischen Arbeit. Wir sprachen auch über persönliche Erfahrungen des Egos und über Ahnungen, Illusionen und Enttäuschungen auf dem spirituellen Pfad. Zu diesem internen Gespräch fügen sich die folgenden allgemeinen Gedanken.
Das „Auserwähltheitssyndrom“
„Die Meister und die Wesen der Hierarchie erwarten keine Verehrungsenergie von uns, sondern sie erwarten unsere Mithilfe im globalen Veränderungsgeschehen.“*
Diese Worte der Hellseherin Manuela Oetinger deuten einen ernsten Punkt der geistigen Schulung an, den ich durchblicken lassen möchte. Wenn man selbst seine Erwartungen an die geistige Welt nicht bremsen kann oder sie einfach als zu groß einstuft, können riskante Scheinwahrheiten aufgetürmt werden, die nur zu Enttäuschungen und überflüssigen Prüfungen führen oder einen sogar in eine sogenannte okkulte Gefangenschaft versetzen können.** Eine der größten Gefahren der geistigen Schulung ist, dass solche selbst geschaffenen Täuschungen nicht genügend durchschaut werden.
Besonders wenn man viele geistige Erfahrungen schon hat und dergestalt ein Fortgeschrittener ist, könnte es leider noch passieren, dass man seine Schauungen überschätzt oder sie einfach falsch deutet. Selbstverständlich habe ich selber mit dieser Gefährdung wiederholt gekämpft.
Dazu habe ich riskante Tendenzen bei einigen Menschen erlebt, mit denen ich auf die Dauer gearbeitet habe. Wenn das Inspirationsbewusstsein erlangt ist und man erlebt, dass Kontakt zu Geistwesen - z.B. Meisterseelen - möglich ist, könnte es sein, dass man zu wenig darauf achtet, die imaginative Ebene dabei mit selbstloser Ich-Kraft zu durchleuchten. Der Buchautor Peter Michel deutet diese Gefahr auf seine Weise an:
„Wir waren uns einig, dass Gnade wichtig ist, um mit den Meistern in Berührung zu kommen. Dies bedeutet, sich ihnen mit einer bestimmten Qualität des Herzens zu nähern, um unser eigenes inneres Wesen zu entfalten, so dass wir am Ende Gotteskinder werden können. Ich habe aber auch Leute getroffen, die über innere Meister sprachen, und ich habe immer eine enorme Arroganz gefühlt in den Worten: ‚Mein Meister sagt . . .’ oder ‚Mein höheres Selbst spricht . . .’ Bei näheren Betrachten war vieles Unsinn, einfach nur das ‚Auserwähltheitssyndrom’ und eine Überschätzung der eigenen Wichtigkeit.“***
Es ist verständlich, dass jemand sich auserwählt fühlt, wenn er mit geistigen Erfahrungen und karmischen Erkenntnissen begnadet wird. Wie ich immer wieder betone, geht es dennoch darum, diese Erlebnisse mit dem gewöhnlichen Leben, mit den lieben Mitmenschen einzuordnen. Wenn es nicht passt, sie unmittelbar mit jemandem zu besprechen, sollte man unbedingt darüber schweigen. Sonst läuft man Gefahr, Andere mitzureißen, die selber nicht fähig sind, dasselbe zu schauen oder es richtig einzuordnen. Man könnte dadurch „Anhänger“ unfreiwillig kriegen, die einem in ihrer selbstsüchtigen Lage kaum helfen können. Besonders solche Menschen, die einem noch etwas aus Karma „schuldig“ sind, werden leicht hereinfallen und eine solche Lage ausnutzen, sodass sie einen als „Meister“ zu betrachten beginnen und einen insofern „nach Oben“ schieben wollen.
Das Capesius-Syndrom
Wir können diese Gefahr und die Probleme auf dem Schulungsweg, die damit verbunden sind, auch als das Capesius-Syndrom bezeichnen. Professor Capesius ist eine Figur, die in den Rudolf Steiner Mysteriendramen vorkommt.**** Dieser humanistisch Gebildete schafft es auf
einer bestimmten Stufe der Initiation nicht, das Luzifer-Wesen zu durchschauen. Deshalb gerät er temporär in seine Zwangsjacke hinein. Nur die liebevolle Kameradschaft einiger anderer Geistesfreunde schafft ihm die richtige physische Umgebung und die seelisch-geistige Unterstützung, so dass er seinen bedauerlichen Zustand erkennt und mit seinen Freunden und Kollegen wieder in eine fruchtbare Entwicklung kommen kann.
Mit solchen psychischen Sackgassen und vorübergehenden Abwegen musst du allerdings auch rechnen. Sie sollen uns aber nicht von vornherein abschrecken, so dass wir uns von weiteren Schritten fern halten. Genau das möchten die Widersacher mit Vergnügen erreichen. Ein aus Angst oder Faulheit abgebrochener geistiger Pfad bedeutet für sie einen Sieg, der sie mit dauerhafter Energie des schwankenden Geistesschülers auflädt. Auch die Kritiker der Esoterik kriegen mehr Wind in ihre Gerüchtemühlen, wenn sie sehen, dass die esoterische Schulung zu geistigen „Früh“- und „Fehlgeburten“ führen kann.
Anders herum: Wenn du von einer Stufe nicht weitergehst, was die Freiheit dir ja immer einräumt, das Erreichte aber innerlich „siegelst“ und für die Zukunft aufsparst, besteht keine Gefahr, dass du auf Irrwege abgleitest. Derartige Probleme sollten uns im Grunde nur stärken, so dass wir noch mehr einander helfen und zu offener, spiritueller Gemeinschaftsarbeit fortdauernd beitragen.
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*Manuela Oetinger, Mike Booth, Peter Michel, Die Meister der Weisheit, Seite 150.
**Vgl. Rudolf Steiner, Die geistigen Hintergründe des Ersten Weltkrieges, GA 174b, Dornach 1974, Seite 153.
***Manuela Oetinger, Mike Booth, Peter Michel, Die Meister der Weisheit, Seite 150.
****Rudolf Steiner, Vier Mysteriendramen, GA 14, Dornach 1981.
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