Impressionen aus Russland III
Gamamila
23. Mai 2009
Chronikarchiv

16. Mai 2009
Impressionen aus Russland II

5. Mai 2009
Impressionen aus Russland I

8. April 2008
Der Willensweg zu Christus

19. Maerz 2009
Zurückwandlung in frühere Zeiten

8. Maerz 2009
Gibt es im Gehirn ein Organ für karmische Erinnerung?

16. Februar 2009
Stigmatisation

26. Januar 2009
Holger Niederhausen II

20. Januar 2009
Holger Niederhausen I

15. Januar 2009
Die Anthroposophie in Norwegen

5. Januar 2009
Das Traumlied vom Olav Åsteson

12. Dezember 2008
Über die Enthüllung der Mysterien

1. November 2008
Dafür ist Güte nötig

2. Oktober 2008
Anwältin für Rudolf Steiner

23. September 2008
Ist Sebastian Gronbach eine Gefahr?

3. September 2008
Der Almandin

29. August 2008
Ich-Kunst und Karmaforschung

28. Juni 2008
Erleuchtung im Sinne Rudolf Steiners - seine Lichtübung frei interpretiert

24. Juni 2008
Baummeditation

26. Mai 2008
Italien und die Zukunft des Südens

Nach einpaar ruhigen Tagen stand die Reise für das zweite Seminar in Moissejevitchi bei Waldai bevor. Wir starteten früh morgens, um eventuell den täglichen Stau auf den Moskauer Autobahnen zu vermeiden, was leider nicht ganz möglich war, wie es sich bald zeigte. Um aus der Metropole auf die Hauptstraße (M10) Richtung Nordwesten zu kommen, mussten wir zuerst ein Stück auf dem Autobahnring um Moskau fahren. Die M10 (Magistrale Nr. 10) ist eine Fernstraße, die von Moskau in nordwestlicher Richtung über St. Petersburg zur finnischen Grenze führt. Zwischen Moskau und St. Petersburg ist sie Teil des Europastraßennetzes mit der Nr. 105; zwischen St. Petersburg und der finnischen Grenze gehört sie der E 18.

Die Autoreise nach Waldai
Im Moskauer Stadtteil Khimki konnten wir endlich die Staustrecke verlassen. Wir passierten dann durch viele Dörfer und Kleinstädte u. a. Skhodnya, Dyrykino, Solnetschnogorsk, Klin, Bezborodovo und Gorodnya bis wir die Landeshauptstadt Twer erreichten. Nach Bezborodovo passierten wir über eine lange Brücke dem sogenannten Moskauer Meer. Eigentlich heißt er der Iwankowoer Stausee und liegt am oberen Wolgalauf. Das hier befindliche Laufwasserkraftwerk mit Kaplan-Turbinen produziert jährlich 130 Mio. kWh elektrischer Strom. Eine der Städte am Stausee heißt Dubna. Hier befindet sich das weltweit bekannte Vereinigte Institut für Kernforschung, an dem mehrere radioaktive sogenannte Transurane erstmals synthetisiert wurden.

Später passierten wie die Orte Torschok, Vyshniy Volochek, Krasnomayskiy, Bakhmara, Kurskoye, Kolomno, Khotilovo, Kuhzenkino und Makarovo. Zwischen Vypolzovo und Edrovo fängt ein Nationalpark an, der das ganze Gebiet mit und um den Waldaihöhen umfasst. Es kamen weitere Dörfer: Nowaya Sitenka, Staraya Sitenka und Dobysalvo. Nach Zimogor’e biegten wir ab einpaar Kilometer auf eine Nebenstraße Richtung Osten, um in die Stadt Waldai zu fahren. Später bei Yashelbitsy verließen wir M10, Richtung Südwesten, um durch die Dörfer Varnitsy und Dorovichi zu fahren. Dann erreichten wir endlich Moissejevitchi nach insgesamt etwa 8 Stunden Autofahrt, nachdem wir nur eine längere Esspause bei Vyshniy Volochek eingepasst hatten.

Solnetschnogorsk und Alexander Blok

Solnetschnogorsk ist eine Stadt mit rund 57.200 Einwohnern (offizieller Stand 2007). Sie liegt in der Oblast Moskau rund 65 km nordwestlich von Moskau entfernt. Solnetschnogorsk ging aus dem Dorf namens Solnetschnaja Gora - zu Deutsch Sonnenberg - hervor, das an der Stelle der heutigen Stadt seit dem frühen 18. Jahrhundert bestanden hatte. Die landschaftlich attraktiven Lage der Stadt wegen der 7 km² große Senesch-See macht die Umgebung von Solnetschnogorsk als beliebtes Naherholungsgebiet im Moskauer Großraum. Die Stadt hat u. a. eine Metallverarbeitungsfabrik und einige Nahrungsmittelbetriebe.

Nahe Solnetschnogorsk liegt das Anwesen Shakhmatovo, das der Familie des Dichters Alexander Blok (1880-1921) gehörte. Das dort zu seinem Andenken errichteten Museum möchte ich bei einer späteren Russlandreise besuchen. Nach der Trennung seiner Eltern lebte Blok mit seinen aristokratischen Verwandten an diesem Landsitz, wo er u. a. die Philosophie von Vladimir Solowjow entdeckte. Hier verliebte der junge Dichter sich in
Lyuba Dmitrievna Mendeleeva (Tochter des berühmten Chemikers Dmitri Mendelejew) und heiratete sie 1903. Später zog sie ihn mit ein in ein schwieriges Liebes-Hass-Verhältnis mit seinem Mitsymbolisten und Freund Andrej Belyj. Zu Lyuba weihte Blok einen Poesie-Zyklus, der ihm Ruhm brachte: Stikhi O prekrasnoi (Verse über die schöne Dame, 1904). In diesem Gedicht wandelte er seine bescheidene Frau um zu einem zeitlosen Anblick der weiblichen Seele und des ewig Weiblichen im Sinne der Sophia in Solowjows Unterweisungen.

Klin und Peter Tschaikowski
Klin ist eine Stadt in der Oblast Moskau und liegt rund 90 Kilometer nordwestlich von Moskau und an der Bahnstrecke Sankt Petersburg-Moskau. Klin ist Verwaltungszentrum des gleichnamigen Rajons (russisch: Verwaltungseinheit) und hat rund 81.900 Einwohner (offizieller Stand: 2007). Klin geht auf das Jahr 1317 zurück. Die Fürstentümer Moskau und Twer stritten im Spätmittelalter um die Rechte zu dieser Festungsstadt. Klin erhielt erst 1781 die Stadtrechte, und mit der Errichtung der Eisenbahnverbindung nach Sankt Petersburg Mitte des 19. Jahrhunderts blühte die Stadt neu auf. In der kommunistischen Ära wurde Klin eines der ersten Zentren der Chemieindustrie.

Der Komponist Peter Tschaikowski (1840-1893), lebte in Klin bis kurz vor seinem Tod. Sein Wohnhaus ist heute als Museum eingerichtet. Tschaikowskis bekannteste Oper (selbst nannte er  sie „Lyrische Szenen“), Eugen Onegin, die auf dem gleichnamigen Versroman von Alexander Puschkin basiert, wurde 1879 im Moskauer Maly-Theater uraufgeführt.

Twer und Michail Bakunin
Twer liegt rund 170 km nordwestlich von Moskau an der Mündung des Flüsschens Twerza in die Wolga. Sie ist die Hauptstadt des Oblast Twer und hat ca. 405.500 Einwohner (offizieller Stand: 2007). Von 1931 bis 1990 hieß die Stadt Kalinin nach dem sowjetischen Politiker Michail Kalinin. Die heutige Universitätsstadt ist eine der ältesten russischen Städte und entstand im 12. Jahrhundert als Handels- und Handwerkersiedlung. Erstmals schriftlich erwähnt wurde Twer 1127, womit die Stadt mindestens 20 Jahre älter ist als Moskau. Bereits 1164 erhielt sie die Stadtrechte. Da Twer 1763 einer Feuersbrunst zum Opfer fiel, wurde sie von Katharina der Großen wieder aufgebaut. 1940 wurden in der Stadt mehr als 6200 polnische Polizisten und Kriegsgefangene ermordet, was als Teil des Massakers von Katyn bekannt ist.

Seit 1991 haben Twer und Osnabrück eine Städtepartnerschaft. Außerdem pflegt Twer solche Beziehungen zu vier weiteren europäischen Städten und zur Stadt Buffalo in den USA.
Twer ist überdies Mitglied des Städtebundes der Neuen Hanse, das 1980 als die „Städtebund DIE HANSE“ als Lebens- und Kulturgemeinschaft der Städte über die Grenzen hinweg gegründet wurde. Ihr Ziel ist der Förderung des Handels und des Tourismus und sie steht in der Tradition der alten Hanse des Mittelalters. Zu den einigen weiteren russischen und den vielen deutschen Mitgliedsstädte gehören Städte aus Weißrussland, Polen, den baltischen und den skandinavischen Staaten inklusive Island, Finnland, Schottland, England, den Niederlanden, Belgien und Frankreich dazu.

Der in Bern gestorbene Anarchist und Sozialrevolutionär Michail Bakunin (1814-1876) war in Prjamuchino bei Twer geboren. Er war einer der einflussreichsten Denker der anarchistischen Bewegung und gilt als deren erster Organisator.
International wurde Bakunin als leitender Gestalt unter den sogenannten Antiautoritären gesehen, und deshalb kam er in Konflikt mit Karl Marx, was zur Teilung der Internationalen Arbeiterassoziation führte und gleichzeitig zur Trennung der anarchistischen von der kommunistischen Bewegung und der Sozialdemokratie.

Torschok und Alexej von Jawlensky
Torschok ist unter den Orten der Oblast Twer einer der ältesten. Es wurde 1139 erstmalig schriftlich erwähnt und ist somit mindestens acht Jahre älter als Moskau. Der Name der Stadt könnte aus ihrer frühen Bedeutung für den Handel (russisch und altslawisch torg) hervorgegangen sein. In Norwegisch und Schwedisch steht der Begriff torg auch für Marktplatz.
Torschok ist heute ein hervorragendes Denkmal der russischen Stadtbaukunst. Die Vielfalt an historischen Bauwerken reicht von altrussischen Kirchen und Klöstern bis zu klassizistischen Wohn- und Herrenhäusern.

Hier wurde der Maler Alexej von Jawlensky (1864-1941) geboren. Wie sein Vater wurde er zunächst Offizier, aber als solcher konnte er an Abenden die Kunstakademie in Moskau besuchen. Mit einer ehemaligen Privatschülerin Ilja Repins, der vermögenden Baronin Marianne von Werefkin, kam er 1896 nach Deutschland. In München kam er dann später mit u. a. Wassily Kandinsky, Gabriele Münter und Franz Marc in der Künstlergruppe um den Almanach Der Blauen Reiter zusammen.

Das Herz Russlands
Die Waldaihöhen etwa 300 km nordwestlich von Moskau sind ein innerhalb der großen Osteuropäischen Ebene bis zu 347 m hohes Plateau. Die Waldaihöhen sind die höchste Erhebung im westlichen Innern von Russland. Sie ziehen sich in einer Länge von 370 km und einer Breite von 89 km auf der Grenze der Oblasten Twer, Region Zentralrussland und Nowgorod hin und bestehen aus flachen, meist bewaldeten Hügelreihen. Höchster Berg ist der Popowa Gora mit 351 m. Die mittlere Kammhöhe beträgt jedoch nur 90 m. Der Höhenzug ist reich an Sandstein, Kalk, schwarzem und rotem Ton. An den Böden liegen Granitblöcke zerstreut. In den Waldaihöhen liegen zahlreiche Seen, der größte ist der Seligersee.

Aus dem Hügelland entspringen drei große Flüsse: Dnepr, Düna und Wolga. Der Hauptstrom des Dnepr, als der drittlängste Fluss in Europa, mündet in der Ukraine ins Schwarze Meer. Der Fluss Düna mündet in Riga, Hauptstadt Lettlands, in die Ostsee.
Die Wolga ist mit 3.534 km Länge der längste und wasserreichste Fluss des Kontinents Europa und gehört zu den längsten Flüssen der Erde. Sie mündet ins Kaspische Meer bei 28 m unter dem Meeresspiegel und hat somit ein Gefälle von 256 m. Die Waldaihöhen bilden die Wasserscheide zwischen der Wolga und den Zuflüssen des Ilmensees, und sie werden als Herz Russlands bezeichnet.

„Geschenk vom Waldai“
Die früher im ganzen Russland bekannte Glockenstadt Waldai mit heute rund 17.500 Einwohnern (offizieller Stand 2007) wurde erstmalig im Jahre 1495 urkundlich erwähnt. 1654 ging Waldai in den Besitz des Iwerski-Klosters. Das berühmte Kloster förderte die weitere Entwicklung des Ortes im 17. Jahrhundert mit der Ansiedlung von Handwerkern und Händlern. 1694 wurde die Dreifaltigkeitskirche als das erste Backsteingebäude in Waldai errichtet. Eine entlang des Seeufers verlegte Straße ermöglichte den Handel mit den Großstädten Nowgorod, Twer und Sankt Petersburg.

1770 wurde Waldai durch den Gebietsreform Katharina II. zur Kreisstadt und erhielt sein eigenes Stadtwappen.
Ab Ende des 18. Jahrhunderts entwickelte sich zunehmend das Handwerk des Glockengießens. Schon im 19. Jahrhundert waren die als „Geschenk vom Waldai“ bezeichneten Glocken sowie kleine Glöckchen für Pferdegespanne in ganz Russland ein Begriff. Trotz des wirtschaftlichen Rückgangs, der daraus resultiert war, dass Waldai an die zwischen Moskau und Petersburg errichtete Stammbahn nicht angeschlossen wurde, wurden in Waldai noch bis in die 1920er-Jahre hinein Glocken gegossen. An die Blütezeit des Handwerks im 19. Jahrhundert erinnert eine Vielzahl von historisch wertvollen Kaufmannshäusern in der Altstadt.

Bei unserem Aufenthalt in Waldai besuchten wir das schöne Glockenmuseum, das in einer ehemaligen Kirche beheimatet ist. Ich kaufte mir ein Glöckchen, das nun klingen darf bei uns vor den Mahlzeiten. Am wunderschönen Waldaier See, das noch ganz mit eis belegt war, hat der ehemalige Staatspräsident,
seit Mai 2008 Ministerpräsident Russlands, Vladimir Putin, seine Datscha, sein Wochenendhaus.

Russische Kulturruinen und Landbrachen
Der Kolchos (russisch: Kollektivwirtschaft), im Deutschen auch die Kolchose, war ein landwirtschaftlicher Großbetrieb in der Sowjetunion, der genossenschaftlich organisiert war und dessen Bewirtschaftung durch das „sozialistische Kollektiv“ der Mitglieder erfolgte.
Die ersten Kolchosen entstanden auf freiwilliger Basis kurz nach der Oktoberrevolution 1917. Etwa 12 Jahre später wurden sie zu Zwangskollektiven der bäuerlichen Einzelwirtschaften. Juristisch standen sie aber unter kollektiver Selbstverwaltung. Die Kolchosmitglieder waren formal Besitzer der Produktionsmittel, nicht aber des Bodens, der dem Staat gehörte. Es gab eine starke staatliche Einflussnahme auf die Kolchosen durch die von der kommunistischen Partei eingesetzte Kolchosleitung. Den Kolchosen wurde ein Produktionssoll auferlegt, das sie zu staatlich festgesetzten Preisen abzuliefern hatten. Der Gegenpart zum kollektiven war der staatliche Landwirtschaftsbetrieb (Sowchos).

Seit Mitte der 1950er Jahre nahm die Zahl der Beschäftigten in den Sowchos erheblich zu. In den siebziger Jahren produzierten sie knapp fünfzig Prozent der agrarischen Gesamtproduktion der UdSSR. In den Jahren nach 1991 brachen viele Sowchosen und die damals noch übrig gebliebenen Kolchosen zusammen, weil sie wirtschaftlich unrentabel waren und weil die junge Bevölkerung in die Städte floh, oder sie wurden aufgelöst. Zurück blieben Kulturruinen und Landbrachen von großem Ausmaß.

Bei meiner Reise durch die ehemaligen Kulturlandschaften innerhalb der großen Osteuropäischen Ebene Russlands nordwestlich von Moskau konnte ich diese kulturellen Trümmer und brachliegende Kulturlandschaften mit eigenen Augen sehen. Ich konnte zuerst nicht glauben, was ich sah! Ich staunte! Ich war schockiert! Ich redete mit Anna und Lena, und sie erzählten, warum so viele tausende und abertausend, ehemalig wunderschöne Holzhäuser in den vielen Dörfern entlang der Chaussee Richtung St. Petersburg heute als verlasse Überreste da stehen. Und sie erzählten, dass es nicht nur hier so aussieht, sondern überall in Russland. Mal wohnt jemand, meist alte Leute, in noch bewohnbaren Häusern oder sie sind notdürftig oder durch Neureiche als Wochenendhäuser akzeptabel renoviert, aber die Zahl der verlassenen Holzruinen war kaum zu rechnen. Die vielen wunderbaren Farben von früher - Hellblau, Blau, Türkisblau und viele grüne Nuancen - ließen sich noch ahnen.         

Die ehemaligen bewirtschafteten Felder sind mit Gebüsch und Kleinwald zugewachsen. Anna erzählte, dass fast kein Anbau mehr betrieben wird in diesen Regionen nördlich von Moskau. Die meiste Landwirtschaft Russlands wird heute in den bodenreicheren südlichen Landschaften angestellt. Überall begegneten wir den fast ganz verlassenen Dörfern, wo am Straßenrand arme Leute, meist Frauen, versuchten, etwas zu verkaufen. Sie saßen an Stühlen da oder hatten Kiosks aufgestellt, um Souvenirs, Gemüse und andere Waren anzubieten. Nicht nur die Dörfer waren vom Zahn der Zeit und dem Dekadenz gezeichnet, auch die Städte, die ich erwähnt habe, waren überall durch Rost und Schrott gezeichnet, sodass ich mich an die gefährliche sogenannte „Zone“ im kongenialen Film Stalker von Andrei Tarkowski erinnerte.

Der weltweit erscheinende Tendenz und das Thema shrinking cities - Schrumpfende Städte - wird heute auch wissenschaftlich behandelt. Unter der Leitung vom Berliner Architekten Philipp Oswalt in Kooperation mit der Galerie für Zeitgenössische Kunst Leipzig, der Stiftung Bauhaus Dessau und der Zeitschrift Archplus hat die Kulturstiftung des Bundes ein Initiativprojekt hierzu initiiert. Die Stadt Iwanowo - rund 300 km nordöstlich von Moskau - ist Teil einer solchen akademischen Untersuchung. „Das Projekt will die Kultur des Schrumpfens erfassen. Es wirft Schlaglichter auf die wachsenden Nischen in schrumpfenden Städten, wo das Alte geht und die Krise Neues gebiert, wo viele Annahmen, die wir heute noch von städtischer Kultur haben, in Frage gestellt werden: Spot on auf die Stadt in der Krise. Hierin liegt wohl der größte Reiz des Projekts“, berichtet Oswalt in einem Interview.

Auch der Dorf Moissejevitchi war einst eine große Kolchose mit mehreren Hundert Einwohnern. Wenn nichts geschieht, werden bald die vielen Felder um den Dorf zuwachsen. Heute leben hier noch höchstens drei-vier Haushalte ganzjährlich. Die vielen Ruinen - entlang der sandigen, und zu dieser Jahreszeit des Schneeschmelzens fast unfahrbaren, von feinem Sand belegten Dorfstraße - mitsamt der vollständig niedergefallenen Holzkirche - auf einem der höchsten Hügel der ganzen Region - machten auf mich zunächst einen traurigen, ja katastrophalen Eindruck. Zuerst an einigen Spaziergängen in der Frühlingssonne während der Tage und beim Rennen mit dem Holzschlitten frühmorgens mit Arkadij, wurden in mir langsam Gedanken und Impulse wach, wie die russische Kulturtragik des 20. Jahrhunderts zu bewältigen wäre, um für die Zukunft darauf etwas Neues entstehen zu lassen. Und mit dieser Frage der Kulturerneuerung befasst sich auch Mischa - Michail Taracha - der Pionier der anthroposophisch inspirierten Entwicklungsarbeit in Moissejevitchi.

Ein Keim der Zukunft
Auf der Website von der Initiative in Moissejevitchi kann man viel vom anthroposophischen Pioniergeist und der Aufbauarbeit lesen. In den Beiträgen von Mischa und anderen findet sich auch Hinweise zur Zusammenarbeit mit Waldorfschulen, Netzwerken und Geldgebern wie der Waldorfschule Überlingen, IDEM und Freunde der Erziehungskunst Rudolf Steiners e. V. Da die soziale Arbeit in Moissejevitchi zurzeit sich in einem Umbruch befindet, und die praktische Frühlingsarbeit noch nicht richtig angefangen hatte, war der Zeitpunkt für eine innere, meditative Arbeit, für biographische und karmische Rückblicke und Gespräche über die Zukunft sehr günstig.

Zu Leben in Moissejevitchi bedeutet eine Umstellung auf allen Gebieten. Entweder wohnt man im alten Bauernhaus oder im neuen Holzblockhaus. Es wird mit Holz geheizt, mit Gas gekocht und das Waschwasser muss handgreiflich aus dem Brunnen hochgebracht und das Trinkwasser von der sprudelnden Quelle am Rande des Dorfes mit Kanistern auf der Schubkarre abgeholt werden. Die naturgemäße Sauna bringt Freude, Heilung und Sauberkeit nicht nur für müde Körper nach einer harten Woche. Ohne zu diskutieren, wie die Arbeit aufgeteilt werden musste, entstand irgendwie vom selber eine gerechte Arbeitsteilung, ob Wasser geholt, Essen vorbereitet, Tische gedeckt oder Geschirr gespült werden mussten.

Vormittags und nachmittags arbeiteten wir seminaristisch zusammen, in den freien Zeiten wurde es trotzdem von Morgen bis Mitternacht gesprochen, Erlebnisse ausgetaucht, mit Handys telefoniert, geraucht oder was man sonst für sich von Grundlegendem, Bedeutsamem oder Menschlichem zu tun hatte. Gut angekommen sah ich sofort, dass die Gehwege und Pfade zwischen den Häusern und Hütten, die im schmelzenden Schnee nicht immer zu identifizieren waren, hier und dort wegen den Pützen mit Holzbrettern zu bedecken waren. Da nicht alle Stadtbewohner, die zum Seminar gekommen waren, Stiefel besaßen, wurde meine - wie es hieß - „europäische Tatkraft“ sofort gelobt.

Im Seminar und in den Gesprächen wurden viele biographische und persönliche Motive, Fragen und Probleme besprochen und durch innere Übungen und Meditationen behandelt. Es kamen sehr viele seelische und übersinnliche Erlebnisse während der von mir geleiteten Meditationen als Antworten auf die aus Charakterisierung heraus und mit Sorgfalt aufgestellten Fragen und Hinwendungen. Aus individuellen Bespielen sprachen wir über allgemeine karmische Gesetze, geistige Phänomene und Wesen, wie sie von Rudolf Steiner beschrieben sind. Wir berührten aber auch Motive in Zusammenhang mit dem Bösen, die Steiner noch nicht behandelt hat, weil sie zuerst nach seinem Tod in dieser Erscheinungsform entstanden sind. So wurde meine Ansicht beigestimmt, dass viele soziale und zivilisatorische Probleme unserer Zeit und solche der Zukunft nicht zu bewältigen sind, ohne dass wir eine konkrete Karmaforschung entwickeln, die eine Zusammenarbeit einleitet mit Naturwesen, mit Verstorbenen, anderen Menschenindividualitäten und Geistwesen der höheren Hierarchien.

Russlands seelische Wärme
Es würde die Rahmen dieses Berichts sprängen und wäre aus persönlichen Gründen ungünstig, näher zu beschreiben solche konkrete Geist-Erlebnisse, die in Moisejewitschi in diesen österlichen Zeit gemacht wurden. Nur eines möchte ich am Schluss andeuten. Ich arbeitete in beiden Seminaren z. B. mit der Aufgabe, sich als karmisches Wesen, als Mensch zwischen Tier und Engel durch seelische Beobachtung zu erkennen. Das beinhaltet, in beiden Richtungen als Ich-Wesen sich neu zu orientieren.

In Richtung zu den Tieren bedeutet es nicht nur zu beachten, welche Tiere unserem Weg buchstäblich kreuzen und uns im Sinnesfeld auftauchen, sondern auch in der Meditation schauen, welche Tiergestalten sich kundtun. Es besteht da die Möglichkeit, mit den sogenannten Gruppenseelen einer Tiergattung in seelisch-geistigem Gespräch zu kommen. Man kann dabei in Kontakt mit sowohl lebenden als auch mit ausgestorbenen Tieren kommen. (Mehr zu diesem Thema hier:) Wir sprachen u. a. über den Braunbär, der buchstäblich im vorigen Jahr in Moisejewitschi „zu Besuch“ war und einige der Bienenhäuser von Mischa beschädigte.

Russland wird manchmal mit einem Bär verglichen. Das kann insofern Sinn haben, wenn ich über die Qualität der Wärme nachdenke. Esoterisch gesehen, steht der Bär mit den Bienen in spirituellem Kontakt. Von mehreren Menschen, die mit meiner Methode arbeiten, die auch den Braunbär als Seelentier haben, wurde darauf hingedeutet, dass der wichtigste Grund, warum er heute vom Aussterben bedroht ist, darin liegen könnte, dass seine Bedeutung für die Bienen von den Menschen, die mit ihnen zu tun haben, nicht berücksichtigt wird.

Im Winter, wenn er normalerweise im Winterschlaf ist, führt der Bär eine notwendige geistig-seelische Wärmearbeit für die Bienen aus. Um einen Urwaldbaum, in welchem ein Bienenvolk seine Wohnung hat, oder um ein Bienenvolk, das in menschlicher Zucht wohnt, kann er seinen Astralleib wie einen Mantel ausbreiten, wenn er sich physisch in regionaler Reichweite befindet. Dadurch entsteht übersinnlich eine für das Bienenvolk erforderliche energetische Auswirkung. Der Bär erzeugt einen Wärmezufluss, welchen die Bienen durch ihre Empathie aufsaugen. Diese Seelenwärme des Bären auf dem Umweg durch die Biene verbindet sich dann mit dem Bienenwachs und mit dem Honig. Wenn zu wenig Bären oder, wie es heute der Fall ist, gar keine mehr in einer Region leben, bekommen die Bienen zu wenig von dieser dynamischen Energie und es entstehen Bienenkrankheiten, die man bis jetzt nicht hat eindämmen können. So würde eine Zusammenarbeit zwischen Bienenzüchtern und zoologischen Gärten, welche Bären halten, eine Grundlage für eine segensreiche Arbeit für beide Tierarten schaffen, die eine weitere Geistesforschung in dieser Richtung noch einbeziehen müsste.    

„Ihr Lichtes-Geister lasset vom Osten befeuern, was durch den Westen sich formet“, heißt es in Rudolf Steiners Grundsteinsspruch. Meine Eindrücke während meiner ersten Russlandreise trotz der äußeren spätwinterlichen Stimmung wurden durch eine Wärmequalität begleitet, die wohl mit dieser globalen Aufgabe zu tun hat. Trotz der desolaten Zustände und der Niedergangstimmung nach zivilisatorischer Ausbeutung im 20. Jahrhundert auf den russischen Landstrichen, in vielen Dörfern und Städten habe ich den Eindruck, dass das russische Volk nicht „unterkühlt“ ist, sondern von einem inneren Feuer soweit Begeistert ist, dass neue Schritte Hand in Hand mit progressiver Spiritualität getan werden. Die Begegnung mit Anna Gussinskaia und ihre Familie, mit Michail Taracha und seiner Frau und mit ihren Mitarbeitern und Freunden waren für mich in positivem Sinne schicksalhaft. Somit würden meine russischen Impressionen einen Ende bekommen; das russische Phänomen wird uns aber in weiteren Aufsätzen auf sagenhafter und historischer Ebene begleiten.



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Jostein Sæther |
„Wie Wünsche,
wachsen die Häuser…“


Wie Wünsche, wachsen die Häuser,
Doch blicke nur plötzlich zurück:
Wo einstmals ein weißes Gebäude,
Ein schwarzer Gestank dich bedrückt.

Die Dinge wechseln die Plätze,
Verschwinden unmerklich hinauf.
Du, Orpheus, verlorst deine Liebste, -
Die dir geflüstert: »Schau auf! … «

Ich verhülle mein Haupt mit Weißem
Und spring' in den Strom mit Geschrei.
Über der schwankenden Leiche
Ein Blümchen, süß duftend, erscheint.

5. November 1902

Alexander Blok
Moiseejevichi im Sicht.
____________________
Wolgapromenade im winterlichen Twer. Quelle: Wikipedia
Selbstportrait Michail Bakunins aus dem Jahr 1838. Quelle: Wikipedia
Innenstadt von  Solnetschnogorsk.
Quelle: Wikipedia
Einige temporäre Bewohner von Moiseejevichi. Neben mir, meine exzellente Übersetzerin, Anna Gussinskaia.
Titelseite von Bloks Buch Theater (1909).
Quelle: Wikipedia
Blick über Klin.
Quelle: Wikipedia
Alexej von Jawlensky,
Mit roter Schwalbentapete, 1915.
Das Glockenmuseum in Waldai.
Typische russische Holzhäuser im Zentrum von Waldai. Die unteren Stockwerke sind mit dicken Stöcken gebaut, dann oft eingekleidet; der Dachspeicher hat nur eine dünne Bretterwand. Deswegen entsteht die für diesen Baustil charakteristische schmale Brustwehr (Regendach) an der Fassade.
Das Iwerski-Kloster befindet sich auf einer im Waldaisee gelegenen Insel.
Arkadij und ich Hand in Hand vor der Sauna. Mischa trägt Wasser vom Brunnen für den wöchentlichen Höhepunkt des Zusammen-kommens aller Elemente.
Ein schön restauriertes Holzhaus in einem Nachbardorf von Moiseejevichi.
Eurasischer Braunbär. Quelle: Wikipedia

„Der russische Bär ist zurück aus den Wäldern. Aber tatsächlich war er nie verschwunden. Im Westen hatte man lange Zeit gehofft, mit einem geschwächten Moskau gemeinsam eine neue Ära der Kooperation ausrufen zu können.“ Cathrin Kahlweit am 11.08.2008 in der Sueddeutschen Zeitung.
Kinder vor dem bunt bemalten „Berliner Bären“ auf der Furschtatskaja Uliza vor dem deutschen Generalkonsulat in St. Petersburg (2006). Foto: Deeg/.rufo
Quelle:
petersburg.
aktuell.ru
Frederico Cervelli (1625-98), Orpheus und Eurydike. Quelle: commons.
wikimedia.org
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