Dankbarkeit und Tugend
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Begriffsgeschichte

Jostein Sæther | Dankbarkeit und Tugend

Im höheren Bewusstsein betritt man geistige Orte, wo man sich normalerweise nicht auskennt. Daher benötigt geistige Forschung ein anderes als das alltägliche „Höflichsein“ - doch welcher Habitus ist dort angemessen? Jostein Sæther ermittelt geistige und sprachliche Hintergründe der Begriffe „Dankbarkeit“ und „Tugend“ und kommt zum Schluss: Jeder Erkenntnisprozess ist eigentlich ein Liebeprozess.

In der Meditation kann ich allerhand erleben. Etwa dass ich innere Bilder wie aus dem Ärmel schütteln kann. Dafür darf ich dankbar sein. Undank und Stolz dagegen bewirken, dass sich Wesen in mein Bewusstsein mischen, die in der geistigen Ordnung „abgefallen“ sind. Respekt für das Kleine, das Unbedeutende, das Leicht-zu-Übersehende, kurz: Anerkennung des Göttlichen in allem, was in der Sinneswelt - aus welchen Gründen auch immer - Abweisung erfährt, schafft auf der geistigen Ebene Schutz vor Versuchern. Devotion und Dankbarkeit sind immer und überall und auch in der Meditation eine passende Seelenhaltung.

Wir benötigen eine innere Waage, um die Geistesgegenwart des Ich gegen über seiner Umgebung zu messen. Wenn das Ich eine qualitative Bilanz des Erlebten zu ziehen vermag, wird es dialogisch und erfüllt damit eine geistige Gesetzmäßigkeit. Sich unbesonnen in verwegene Geistzustände zu stürzen, wäre leichtsinnig und ungehörig. Wenn ich ein Gefühl wie Scham in der Meditation erlebe, liege ich richtig. Dieses fei ne Ich-Gefühl ist der „rote Teppich“, aus Ergebenheit und Gefühlen des Dankes gewoben.

Göttlichkeit - Dankbarkeit
Von einer Lehrerin aus Ghana erfuhr ich Neues zum Wesen der Dankbarkeit. In ihrer Sprache heißt „Dankeschön“ in etwa „medauase“. Das Wort wird mit lieblichen, fast schüchternen Gesten der Hände und einer Neigung des Oberkörpers gesprochen. Die drei Silben werden je betont, und im „daua“ wird das erste A betont. Ich konnte daraus entnehmen, dass diese Silbe mit dem uralten Begriff der Göttlichkeit - „Tauwa“ - zu tun hat. Auch im chinesischen „Tao“ und im griechischen „theos“ erscheint es; ebenso bergen das deutsche „Danke“, das englische „thanks“ und das norwegische „takk“ Silben für das Göttliche in sich. Dankbarkeit auszudrücken, besagt demgemäß: einer Gottheit, einem Gott Zuneigung, Anerkennung und Lob schenken.

Während einer Schwedenreise beschäftigte ich mich mit dem Wort für Tugend, „dygd“. Es wurde mir dabei klar, dass es mit unseren Händen zu tun hat. Ich erinnerte mich an die atlantische Kultur, wo Handarbeit und Handwerk Gaben der geistbegnadeten Urlehrer waren und damit magische Kräfte innehatten. Das atlantische Wort dafür - „Thagawan“ - ist sogleich ein Gebet und besagt: „Begabe unsere Hände mit formender Kraft!“ In Norwegisch heißt Geschenk „gave“. Tugendhaft zu sein, bedeutet folglich: sich verschenken!

Gebärde der Hierarchien
Die Kunstgeschichte weist Rätsel auf, wie bestimmte Kunstwerke entstanden sind, etwa in der sogenannten Eiszeitkunst. Ich sehe da einen Zusammenhang zwischen Ich-Gefühl und Handgebärden, wenn ein Einklang besteht zwischen dem, was als Gedanke im Ich lebt, und dem, was die Hände ausdrücken. In der keltischen Mythologie heißt der Handgott „Dagda“. Auch hier sehen wir den Anklang zu „Tugend“, „Thagawan“ und „dygd“. Der etruskische Gott, der die Menschen die Kunst der Zeichendeutung lehrte, hieß „Tages“. Ist das ein Zufall? Und ist jeder neue Tag (Norwegisch: „dag“) ein Ort, wo wir die Handgebärde der Hierarchien finden können?

Das lebendige Band zwischen Menschen und geistiger Welt, die in uralten Zeiten zu sprachlichen Ausdrucksformen und zu ehrenwerten Kulturen führten, existiert heute (so) nicht mehr. Trotzdem können uns die Erkenntnisse solcher Begriffsverknüpfungen motivieren, die in unserer Seele schlummernden, fast handgreiflichen Geistanlagen zu pflegen und auszubilden.

Rudolf Steiner äußerte einmal, dass es nichts Schöneres in der geistigen Forschung gebe, als wenn man etwas in Dankbarkeit gegenüber dem Leben erforsche. Dankbarkeit ist ein Weg ins Übersinnliche und führt letztlich zu Verehrung und Liebe des lebensspendenden Geistes des Menschen. Jeder echte Erkenntnisprozess ist ein Liebeprozess.

(Aus dem Goetheanum, Nr. 7, 15. Februar 2008)
 
Berit Frøseth hat eine solide künstlerische ausbildung in malerei, radierung, lithographie und graphische gestaltung von SHKS (Staatliche kunsthochschule) in Oslo, von Emerson College, Forest Row (GB) und von Rudolf Steinerseminar, Järna (SE). Zusätzlich hat sie noch deutsch studiert. Wir lernten uns im künstlermilieu in Järna kennen, wo künstler, junge und alte, mit verschiedener herkunft sich austauschten und neue wege für die eigene künstlerische arbeit suchten.  Berit schreibt über kunst und engagiert sich für die situation der künstler in Skandinavien, die von der anthroposophie inspiriert sind. In ihren bildern sehe ich eine starke sensibilität für natur- und lichtzusammenhänge, die schöne stimmungen schaffen und neue objekte auf der fläche offenbaren.         
  
Künstlerporträt: Berit Frøseth
Ich suche wohl den expressiv-persönlichen Ausdruck anstelle des Forscherischen, Experimentellen. Die Inspirationsquelle ist oft die Wechsel der Jahreszeiten, die Verwandtschaft des Menschen mit der Natur und religiöse Motive, als Ausdruck allgemeinmenschliche Ereignisse.  

Berit Frøseth
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Berit Frøseth, 
Motiv von Ekhagen
Berit Frøseth,  Morgen
Berit Frøseth, Horisont 2
Berit Frøseth,
Nacht in Ekhagen
Gamamila
24. Februar 2008
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