Holger Niederhausen II
Gamamila
20. Januar 2009
Chronikarchiv

20. Januar 2009
Holger Niederhausen I

15. Januar 2009
Die Anthroposophie in Norwegen

5. Januar 2009
Das Traumlied vom Olav Åsteson

12. Dezember 2008
Über die Enthüllung der Mysterien

1. November 2008
Dafür ist Güte nötig

2. Oktober 2008
Anwältin für Rudolf Steiner

23. September 2008
Ist Sebastian Gronbach eine Gefahr?

3. September 2008
Der Almandin

29. August 2008
Ich-Kunst und Karmaforschung

28. Juni 2008
Erleuchtung im Sinne Rudolf Steiners - seine Lichtübung frei interpretiert

24. Juni 2008
Baummeditation

26. Mai 2008
Italien und die Zukunft des Südens

22. April 2008
Künstlerische Natur-Beobachtung

17. April 2008
Bjørn Moen: Karl Ludvig Reichelt - der Apostel des Johanneischen Christentums

11. April 2008
Frieden durch gegenseitiges Lernen -
Kari Bu im Gespräch mit Christian Egge

2. April 2008
Sebastian Gronbach und sein integraler Gasballon - eine Rezension

21. März 2008
Meister und Hüter der Meditation...

16. März 2008
Das Motiv auf einer Pastellskizze von Steiner enthält ein großes, ernstes Antlitz in rosa-violettem Farbton...

10. März 2008
Statt diesmal einen weiteren Aufsatz zu bringen, möchte ich mein Blog präsentieren...
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2. März 2008
Der Umgang mit Kunst baut eine seelische Brücke, die zu geistigem Erleben führt...


24. Februar 2008
Im höheren Bewusstsein betritt man geistige Orte, wo man sich normalerweise nicht auskennt...

17. Februar 2008
In vielen Ereignissen ist man allein gewesen...
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10. Februar 2008
Biografisches zu denken, zu bewegen und zu vertiefen, ist eine Voraussetzung für karmische Erkenntnisse...          


3. Februar 2008
Fragen über und an die Anthroposophie führen durch... 
           
Jesaiah Ben-Aharon
Die Frage des reinen Denkens in der Anthroposophie steht selbstverständlich, wie Holger Niederhausen es richtig erörtert, innerhalb eines Ringens um die Wahrheit, das aber nicht weniger und nichts mehr ist als ein umfassendes Erkenntnisdrama, in der nicht nur das Denken beteiligt ist und verwandelt werden muss, sondern auch das Wollen und das Fühlen. Der israelische Anthroposoph, Sozialaktivist und Autor Jesaiah Ben-Aharon hat in seinem Buch Die neue Erfahrung des Übersinnlichen (Verlag am Goetheanum) dieses Erkenntnisdrama schon 1997 beschrieben. Seine Schilderungen folgten als eine erkenntnistheoretische Aufarbeitung einer zuvor veröffentlichten Darstellung seiner individuell erarbeiteten höheren Geist-Erkenntnisse des übersinnlichen Geschehens der Wiederkunft Christi im 20. Jahrhundert. Dass er selbst diese Vorgänge geistig erlebt und erkannt hat, ist und bleibt für mich eine Wahrheit. Das folgende Zitat deckt diese Ansicht auf:

„Der Mensch kann lernen, an der Grenze des Denkens, über dem Bewußtseinsabgrund und in dem Vorgang der Geburt, des Todes und der Wiedergeburt des Selbstbewußtseins zu leben, zu walten und zu sein. Das bedeutet, dass Wollen, Fühlen und Denken in dem Reich zwischen den Polen des teilenden, vernichtenden und sich selbst individualisierenden höheren Menschenwesens eine Heimat finden. Sich an diesem Punkt äußerster Unsicherheit fest niederzulassen, bedeutet, das Selbstbewußtsein in seinen Singularitätszustand zu halten, von dem aus allein eine echte Vergeistigung des Denkens möglich ist.“ (Die neue Erfahrung des Übersinnlichen, Seite 101f)      

Jesaiah Ben-Aharons Schilderungen sind so präzise und so exemplarisch, dass ich vor Jahren, als ich seine Texte studierte, keine Mühe hatte, mein eigenes meditatives Üben und meine geistigen Erfahrungen mit der Niederlassung (gemäß Rudolf Steiners Begriff „Hüttebauen“ in Wie erlangst man Erkenntnisse höherer Welten) im vergeistigtem Denken wieder zu finden. Ben-Aharon organisiert aus seinem individuellen Üben und Standort des Übersinnlichen eine allgemeine Darstellung und bringt sie im Einklang mit den Schilderungen von Steiner. Er macht in dieser in gewisser Hinsicht pionierhaften Arbeit das Gegenteil von dem, was Niederhausen „den Anthroposophen“ vorwirft, während dieser erkennen will, „wie es um das reine Denken steht“ bei ihnen, dieweil dieser „viele Vorurteile, Antipathien, Unwahrhaftigkeiten, […] Hochmut, Machttrieb, Abstraktion und anderes“ gerade unter „führenden Anthroposophen“ findet.

Ist Ben-Aharon ein führender Anthroposoph? Ich würde sagen - ja, selbstverständlich, indem er wie ein Vorgänger anderen Geistessschülern den inneren Pfad in Freiheit aufzeigt, und indem er zeigt und es selbst initiiert, wie daraus soziale Bewegung entstehen kann. Auf die Qualität der Früchte soll man die Fruchtbarkeit des Baumes erkennen! Es scheint mir aber, als ob Niederhausen Jesaiah Ben-Aharon nicht kennt, trotzdem hat er sich bei ihm für seinen Vorwurf unbekannterweise und vorsichtshalber entschuldigt: „Die wenigen, denen ich hiermit ganz und gar Unrecht tue, werden es mir verzeihen, denn sie werden selbst wissen, wovon ich spreche [Kursiv von mir].“ Es muss nicht lobenswert sein, dass Niederhausen schließlich einsieht, dass er in Unrecht gestanden hat. Wäre er weniger inbrünstig in seiner ausschließenden Mantik, hätte er es früher einsehen können.

Wann lebt die Anthroposophie?
Zumal Ben-Aharons Veröffentlichung schon etwa seit 12 Jahren vorliegt und dessen englische Originalausgabe vor Niederhausens Begegnung mit der Anthroposophie (1996) existierte, könnte es verständlich sein, dass er sie nicht kennt. Jedoch zu behaupten, dass alles was man selber nicht kennt, nicht existiert, ist aber arrogant, und zeigt ein Sich-Verschließen gegenüber dem Unbekannten. Unabhängig von der individuellen Situation kann also Anthroposophie existieren genau wie alle anderen Gegebenheiten in der Welt, die man noch nicht kennen gelernt hat. Aber auch die äußerliche Begegnung mit der Anthroposophie durch Menschen oder durch Bücher ist noch kein Kennzeichen dafür, dass sie lebt. Es könnte ja sein, dass sie bei Mieke Mosmuller zum Leben gebracht worden ist, wie Niederhausen es haben will. Zuerst bei ihr hätte er also dann eine lebendige Anthroposophie begegnet. Das heißt aber lange noch nicht, dass sie bei ihm selber aufgelebt ist. Aber sie muss zuerst zum Leben kommen, bevor sie sterben kann. Steiner hat auch schon diesen einfachen Gedanken präzise gefasst:   

„Solange es bloß Menschen gibt, welche mit genialer Gescheitheit - ich will diese den Anthroposophen nicht absprechen - die Anthroposophie einsehen, sich zu ihr bekennen als zu Gedanken, so lange lebt Anthroposophie noch nicht. In dem Momente, wo bei besonders wichtigen Erkenntnissen die Seelen vor Entzücken zerspringen möchten und freudig erregt werden von dieser oder jener Einsicht, dann erst, wenn solche Menschen sich als Anthroposophen fühlen, dann ist die anthroposophische Bewegung entstanden. Sie entsteht eigentlich im ganzen Menschen.“ (Vortrag vom 2. Mai 1923 in: Die menschliche Seele in ihrem Zusammenhang mit göttlich geistigen Individualitäten, GA 224, Dornach 1966, Seite 70)        

Ist das Problem von Holger Niederhausen und von vielen anderen enttäuschten Suchern der Anthroposophie, dass sie es selber nicht geschafft haben, die Anthroposophie zu beleben? Sollen wir überhaupt die Anthroposophie als lebendig vorfinden oder müssen wir sie sogar als „tot“ vorfinden, um sie zum Leben zu bringen? Also kann ich Niederhausen teilweise recht geben: die Anthroposophie ist dort scheintot, wo sie noch nicht zum Leben erweckt worden ist, aber daraus zu schließen, dass sie ganz tot ist, und, dass alle anthroposophische „Früchte“, die auffindbar sind, keine samenartige Zeugungskraft hätten, ist wiederum ein totschlagender Erklärungsversuch.

Ich kannte bereits einige verstorbenen Anthroposophen, die aus dem reinen Denken in Momenten, - die probehalber, ausnahmsweise und für sie entscheidend wurden -, begeisterungsfähig tätig wurden in der für sie - geistig gesehen - dadurch entstandenen anthroposophischen Bewegung. Aus den Früchten solcher Momente setzten sie ihr Wirken für die Anthroposophie durch künstlerische, wissenschaftliche und soziales Tun ein. Andere Anthroposophen dieser Art, die ich mehrfach persönlich kenne, sind noch lebendig in ihrer jetzigen Inkarnation da. Falls ich sie nicht persönlich kenne - wie bei Jesaiah Ben-Aharon - erkenne ich in ihrem Streben und Wirken und in ihren Werken Ergebnisse einer lebendigen Anthroposophie, die sie während denkerischen, künstlerischen oder meditativen Tätigkeit erfahren haben müssen.

Jørgen Smit
Einer dieser Persönlichkeiten war Jørgen Smit, dessen Individualität mir in mehreren seiner Inkarnationen karmisch schlüssig geworden ist, eine Tatsache, die ich vor über 10 Jahren angefangen habe, bekannt zu geben. Er hatte ein scharfes Intellekt, das ihn nicht hinderte, sein dynamisches Denken vielfach einzusetzen, um Rudolf Steiner neu zu formulieren. Das tat er so brillant und unbemerkt, dass viele Zuhörer es als sein „reines Denken“ verstand. Er selbst unterschied aber sein
logisches und analytisches Denken vom reinen, intuitiven Denken, nicht indem er darüber soviel sprach, sondern darin, dass er manchmal und in richtigen Augenblicken daraus sprach. Das war für ihn ein typisches Merkmal, das für karmische Forschung einen unerlässlichen Anhaltspunkt sein kann. Rembert Biemond, der ihm als Mitarbeiter und Freund in seinen letzten Jahren nahe stand, formuliert diesen Charakterzug in seinem Totengedenken folgendermaßen:

„Obwohl er wirklich ein großer Redner war und ein großer Pädagoge, so konnte er doch auch außerordentlich gut schweigen, vor allem, wenn dasjenige, worüber gesprochen wurde, ihm nicht der Mühe wert schien. Seine Kollegen im Vorstand können sich an diese Qualität, wie sie mir erklärten, nur allzugut erinnern.“

Aus seinen Erkenntnissen des „fatalen Zustands“ innerhalb der anthroposophischen Leitungskreise fasste Jørgen Smit meines Erachtens sein Entschluss, den Weg der Erneuerung zu gehen, indem er innerhalb der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft sich für die Arbeitsweise der freien Klassenstunden einsetzte. Und in den Klassenstunden, die er hielt, wehte im Raum die lebendige Anthroposophie für diejenigen, die es erleben konnten und aufnehmen wollten. Ich habe es erlebt, und wurde solch vorbereitet, selber den Weg der Wahrheitsfindung zu gehen. Die eine Tatsache seiner freien Taten weist auf die Wahrheitssubstanz hin, in der Jörgen Smit lebte und starb. Die andere Tatsache, dass es mir möglich wurde, mit ihm als Verstorbener (vgl. Wandeln unter unsichtbaren Menschen) in imaginativem, inspirativem und intuitivem Bewusstsein zu begegnen, spricht für sich.             

Im Wirken für die lebendige Anthroposophie
Ich würde eine Reihe von weiteren verstorbenen Anthroposophen anführen können, um andere Aspekte ihres seelischen Befindens bezüglich der Wahrheit im Umgang mit der Anthroposophie zu charakterisieren. Sie sind aber in Mitteleuropa maßgebend unbekannt geblieben, nichtsdestotrotz kann man ihr Wirken für die lebendige Anthroposophie nicht bestreiten. Auf sie hier näher einzugehen sprengt den Rahmen dieses Beitrags, aber einige von ihnen mögen trotzdem mit Namen genannt werden: Willy Buzzi (Filmforscher und Autor), Hans Glaser (Landwirt und Heilpädagoge, dessen Tagebücher im Verlag am Goetheanum herausgegeben wurden), Christian Høgsberg (Eurythmist und Dichter), Arne Klingborg (Künstler, Volkspädagoge und Autor), Wive Larsson (Plastiker und Priester), Walter Liebendörfer (Naturwissenschaftler und Lehrer), Bjørn Moen (Lehrer, Historiker und Wirtschaftler), Rut Nilsson (Lehrerin und Historikerin), Sonja Robbert (Künstlerin und Kunstpädagogin).

Um nur ein Beispiel zu nennen, wie ich das innere Verhältnis dieser Menschen zur Anthroposophie als ein verinnerlichter, vergeistigter Gesinnungsfrage verstehe: Arne Klingborg erzählte mir in einer unseren letzten Gesprächen, wie er als ganz junger Mensch in der Begegnungszeit mit der Anthroposophie und mit dem Goetheanismus durch den jungen Anthroposophen Helmut Giese (1908-1953) zu einem entscheidenden Erlebnis kam beim Lesen von Goethes Bildungsromanen von Wilhelm Meister. In „Wilhelm Meisters Wanderjahre“, schildert der Hauptperson eine sogenannte Pädagogische Provinz. Goethe schreibt: „So stelle ich mir die ideale Bildungsarbeit vor.“ Und das ist keine Schule, keine Schulräumen, wo die Menschen lernen, wo sich etwas ereignet, sondern eine ganze Provinz wird geschildert mit Dörfern, mit allen möglichen Werkstätten und Ateliers und einem sozialen Leben in einem weiten Umkreis.

„Es ist nicht genug, zu wissen, man muß auch anwenden; es ist nicht genug, zu wollen, man muß auch tun.“ Dieses Konzept von Goethe ist in Arne Klingborg hineingeschlagen mit einer Akkuratesse, die die Anthroposophie in Schweden und im ganzen Skandinavien seitdem prägen sollte. Angefangen als ein Jugenderlebnis lebte dieser Idee bei ihm weiter bis in die künstlerische und praktische Durchführung auf vielen Lebensgebieten im anthroposophischen Zentrum in Järna. Würde Arne Klingborg dieser Idee verbunden mit dem Studium des Werks Rudolf Steiners nicht spirituell befruchtet haben, wäre er nicht zu seinem eigenen umfassenden Lebenswerk kommen. Diese Verbindung zu einem der zentralsten Gedanken bei Goethe kann auch als karmische Anhaltspunkt für die Suche nach der Individualität Klingborgs dienen.     

Die Liste könnte viel länger werden, falls ich mit einbeziehen würde weitere Menschen, die ich sowohl kannte als auch nicht kannte, und die in Skandinavien, in Mittel- und Westeuropa lebten. Verstorbene Autoren und Lehrer wie Athys Floride, den ich noch in Paris kurz vor seinem Tod persönlich kennen lernte, und Georg Kühlewind, um nur zwei zu nennen, bezeugen ebenso in ihren Büchern von einem Denken, das die Anthroposophie beleben kann.

Diese Arbeit ist für alle Menschen geeignet
Beim Nennen weiterer lebender Anthroposophen besteht das Problem, dass darüber sehr leicht gestritten werden könnte. Falls Holger Niederhausen erkennen würde, dass etwas in meinen Angaben wahr sein könnte, gäbe es diesbezüglich kein Problem. Ob die betreffenden Persönlichkeiten es selber begrüßen und bestätigen würden, ist nicht sicher, da wir in keiner Kultur leben, die solche Selbstzeugnisse für zeitgemäß halten. Würden sie es zurückweisen, hätte ich mich vermutlich geirrt, obwohl ihr Tun und ihre Werke mir Zeugnis davon ablegen. Würden sie darüber lieber schweigen, bestände auch kein Problem.

Zuerst führe ich einige anthroposophischen Freunde an, die ich persönlich kenne, oder denen ich begegnet bin. Einige von ihnen habe ich schon früher in entsprechender Würdigung genannt. Sie können auch erwähnt werden, weil sie sich durch Publikationen oder durch Tätigkeit in die Öffentlichkeit gestellt haben: Christiane Feuerstack (Autorin, Karmaberaterin); Wilhelm Floride (freier Künstler, Philosoph); Christian Hitsch (Künstler, Architekt und ehemaliger Leiter der Sektion für bildende Künste am Goetheanum); Ernst-Martin Krauss (Jurist, Autor); Gunhild von Kries (Musikerin und Instrumentenbauerin); Dirk Kruse (Dozent, Seminarleiter), der in der Dornacher Wochenschrift Aufsätze über die ätherische Naturerkenntnis veröffentlicht hat (nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Journalisten und Schriftsteller oder mit dem Gymnasiallehrer für Technik und Informatik); Heide Oehms (Autorin, Karmaberaterin); Nothart Rohlfs (Dozent, Organisator); Dorian Schmidt (Qualitätsforscher); Herbert Vetter
(Goldschmiedemeister und Berater für anthroposophische Heilverfahren).

Das Entscheidende bei ihnen ist, dass sie die Anthroposophie nicht nur als Überlieferung repräsentieren, sondern sie haben sie zu einem gewissen Grad individualisiert, dass heißt, sie haben eigene geistige oder karmische Erkenntnisse entwickelt, die auch für andere Menschen fruchtbar geworden sind. Ihnen charakterisiert also dasjenige, was Jørgen Smit nennt die „Durchhaltekraft des Keimes in der Winterlandschaft“. 

Da manche von diesen aufgelisteten Personen angesehen werden können als nicht repräsentativ für das führende Schicht der anthroposophischen Bewegung, sondern mancherorts eher als Außenseiter oder sogar als Antagonisten betrachtet werden, könnte Niederhausen sich bestätigt fühlen, darin, dass er doch recht hätte, betreffend der Aussage, dass die Anthroposophie maßgebend tot sei. Aber gerade die Tatsache, dass es solche Anthroposophen geben, lässt immer die Möglichkeit für die Anthroposophie offen, lebendig zu werden im sozialen Leben. Ob und wann dies dann tatsächlich geschieht, hängt auch von einer karmischen Bedingung ab, sofern die Freiheit nicht genügend ausgebildet ist.    

Zur Frage, was die Imaginations- und Karmaarbeit bedeutet, die sie gewissermaßen als Fortsetzung eines Vorlebens bereits als Anthroposophin in der Zeit von Rudolf Steiner - wie sie in einem Interview in der Zeitschrift Lazarus mitgeteilt hat - heute bewusst betreibt, schreibt
Christiane Feuerstack: 

„Diese Arbeit ist für alle Menschen geeignet, die den aufrichtigen Wunsch haben, sich ihrer inneren Führung zu öffnen und Verantwortung für ihre eigene spirituelle Entwicklung zu übernehmen. Das bedeutet auch, jegliche Schuldzuweisungen an irgendeine Instanz außerhalb unserer selbst fallen zu lassen und jede Situation, in die wir geraten, als Spiegel unserer unbewussten Anteile bzw. als gewollte Entwicklungsmöglichkeit unseres höheren Selbst betrachten zu lernen. […] Erst wenn wir bereit sind, jeden Menschen, dem wir begegnen, als Spiegel zu betrachten, können wir unsere Kritik und sonstige Schutzmechanismen fallen lassen und in unserem Inneren entdecken, wer wir in Wirklichkeit sind.“

Noch weitere Anthroposophen, die ich kenne, sowohl in Skandinavien als auch in anderen europäischen Ländern könnten hier erwähnt werden. Einige von ihnen sind noch sehr jung, und es würden für sie unnötige Schwierigkeiten im Weg gestellt werden, falls sie in Streitgespräche hineingezogen würden. Andere wirken eher im Stillen oder halt innerhalb interner anthroposophischer Zusammenhänge und geben dort ihre Erkenntnisse weiter. Daher ist es nicht angebracht, ihre Namen im Internet zur Schau zu stellen. Je nach karmischer Möglichkeit, wird man zur richtigen Zeitpunkt zu solchen Menschen geleitet gemäß dem geistigen Gesetz menschlicher Begegnungen, das von Rudolf Steiner oft beschrieben wurde. 

Jede Erkenntnis enthält bereits ein übersinnliches Element
Eine  Handvoll weitere Anthroposophen oder der Anthroposophie nahe stehenden Menschen möchte ich anfühen, denen ich nicht begegnet bin, deren Erkenntnisse mir aber durch ihre Texte und Schriften begeistert haben: Michael Muschalle (Philosoph und Autor); Robert A. Powell (Heileurythmist, Mathematiker und Autor); Marko Pogacnik (Bildhauer, Land-Art-Künstler, Geomant und Autor); Harrie Salman (Autor, Kulturphilosoph); Verena Staël von Holstein (Hydrographin, Programmiererin, Vermittlerin zu Naturwesen).

Im Aufsatz Über den Zusammenhang von Freiheitsfrage und Erkenntnisfrage - Ein Beitrag zum Verständnis des intuitiven Denkens in Steiners Philosophie der Freiheit setzt sich Michael Muschalle mit einigen Meinungsverschiedenheiten bei Anthroposophen bezüglich der verschiedenen Formen des steinerschen Denkens aus:

„Was sich nicht zuletzt doch auch mit der Tatsache der Wesensgleichheit von beobachtendem und beobachtetem Denken deckt, wie sie im [dritten] Kapitel der Philosophie der Freiheit betont wird. Insofern ist auch die […] Unterscheidung diskursiv-intuitiv nicht eben hilfreich im fraglichen Zusammenhang, sondern führt auf Abwege. Denn es geht ums Erkennen. Und jede Erkenntnis, ob sinnlich oder übersinnlich, ob im naiven oder kritischen Bewußtsein, operiert nach Steiner mit Intuitionen, also intuitiv, sonst wäre es keine Erkenntnis. Die Unterscheidung diskursiv-intuitiv, wie sie für Immanuel Kants Erkenntnisbegriff charakteristisch ist, dahingehend, daß dem Menschen ohnehin nur ein sinnlichkeitsgebundenes diskursives und kein intuitives […] Erkenntnisvermögen zugestanden wird, […] kommt bei Steiner schlichtweg nicht vor. Für Steiner, und da liegt eine der basalen Differenzen zu Kant überhaupt, ist die intuitive, übersinnliche oder sinnlichkeitsfreie Wahrnehmung konstitutiv für den Erkenntnisbegriff. Das heißt: in jeder Erkenntnis ist bereits dieses intuitive, übersinnliche respektive sinnlichkeitsfreie Element enthalten.“

Gerade so begründe ich auch in meinem Buch Einstimmen aufs Karma das sogenannte reine Denken, das ich auch k
ünstlerisches Denken nenne. Muschalle - entgegen Niederhausens Vermutungen - stellt also fest, dass das reine Denken keine exklusive Sache sei, die nur fortgeschrittene „Anthroposophen“ besitzen würden:

„Auch das reine oder sinnlichkeitsfreie Denken im engeren Sinne und für sich genommen birgt keinen Anlaß für Mystifikationen. Die Befähigung dazu, der ausschließliche intuitive Umgang mit reinen Begriffen und Ideen ist unter den gegenwärtigen kulturellen Bedingungen ein durchaus normales menschliches Vermögen, wenn auch nicht überall gleich ausgeprägt.“

Anthroposophen im Kampfeld der Wahrheitsfindung
Diese oben gegebene Aufstellung von menschlichen Inspirationsquellen des reinen, sinnlichkeitsfreien, intuitiven Denkens könnte weitergeführt werden. Bereits habe ich also 12 verstorbene und 17 lebende anthroposophisch inspirierte Denker, Künstler und Wissenschaftler aufgelistet, die die Kriterien Steiners und Niederhausens gerecht sein würden. Nach meinem Ermessen waren und sind sie Vertreter einer zum Leben gewordenen Anthroposophie. Als Menschen standen und stehen sie trotzdem im Kampfeld der Wahrheitsfindung und der Wahrheitsvertretung, und es ist nicht auszuschließen, dass sie infolgedessen auch bisweilen zu falschen Urteilen und Deutungen haben kommen können und noch kommen würden. 

Auch wenn jemand zu wahren geistigen und karmischen Erkenntnissen kommt, müssen sie nicht sofort in seinem sozialen Umfeld aufgenommen oder umgesetzt werden. Es könnte sogar sein, dass eine neue Wahrheit zunächst noch mehr Umwälzung bringt als alte Wahrheiten, sodass man glauben könnte, dass das Neue überhaupt keine befruchtende Wirkung hat, sondern sie als gefährlich, falsch und unwahr bekämpft. Zuerst Jahre oder Jahrhunderte später wird eine solche vorher bestrittene Wahrheit erkannt. Die ganze Geschichte zeugt von diesem Umkehrungsaspekt in der Evolution der Wahrheit, und auch die anthroposophische Geschichte kennt das gleiche Phänomen. Nichtsdestotrotz oder sogar deshalb können die genannten Anthroposophen als Zeugen einer wesenhaften Anthroposophie betrachtet werden, auch wenn sie gleichzeitig nicht alle ihren Seelenebenen umwandelt haben.

„Wo also ist dieses reine Denken verwirklicht?“ fragt Holger Niederhausen und fährt fort: „Wenn es einzelne Menschen geben sollte, die zumindest diese Stufe der geistigen Entwicklung verwirklichen, so ist die Anthroposophie in diesen einzelnen Menschen lebendig. Und an ihren Früchten wird man sie erkennen...“ Darum geht es ja, und benötigen wir das reine Denken, um das Erkennen der Früchte zu entwickeln? Scheinbar erkennt Niederhausen in diesem seinem letzten Aufsatz, dass er früher zu weit geurteilt habe: „Ist dies irgendwo realisiert? Ich meine nicht, dass jeder Anthroposoph dies realisiert haben muss - ich habe es auch noch nicht.“ Also nicht! Wer denn? Warum schaut er nicht wohin die Wegweiser aus totem Holz zeigen vorbei an die tote „Anthroposophie“, die er in Vorträgen, Mysteriendramen, Eurythmieaufführungen usw. vorfindet? Niederhausen lässt noch eine Hoffnung für sich (mich?) übrig: 

„Wem es um die Anthroposophie geht, der müsste vor allem in diesem Punkt ganz und gar wahrhaftig sein. Er müsste sagen: Ja, ich weiß ein wenig vom Wesen der Anthroposophie, aber ich kann Dir nur den Weg zeigen. Und wenn er die Anthroposophie liebt, dann wird es sicher wahr sein, wenn er sagt: Ich bin auch auf dem Weg, ganz am Anfang...“

Hängt der eventuelle Tod der Anthroposophie von einem von vielen Kritikern postulierten Scheitern der Weihnachtstagung ab? Infolge des Hinweises von Muschalle oben, müssen wir dazu nein antworten. Das eventuelle Scheitern der Weihnachtstagung hätten noch andere Gründe, die meines Erachtens aus Karmaerkenntnis begriffen werden könnten. Ich habe aber bis jetzt keinen solchen Exkurs öffentlich erörtert, weswegen ich mir das Recht behalte, darüber noch zu schweigen, da dafür eine gesonderte Darstellung nötig wäre, eine Darstellung, die sich auch mit der Frage der sogenannten Kulmination der Anthroposophie am Ende des 20. Jahrhunderts befassen würde. Wer sich auf einen Austausch oder eine Auseinandersetzung diesbezüglich vorbereiten möchte, empfehle ich die exemplarische Historiographie von Rudolf Menzer.

Neues Leben bringen
Was habe ich denn nun für Holger Niederhausen übrig? Finde ich zu ihm einen Bezug? Er zu mir jedoch nicht: 

„Sæther mag noch so sehr ein psychologisches Motiv suchen - die Schicksalsschläge (die vielleicht noch kommen) und die ‚Frustration’ sind eine reine, unwahre Unterstellung. Die ‚Lautsprecher’ und überhaupt der ganze Satz zeigen eher Sæthers eigene Frustration über meine Aufsätze. Ob ich ‚Zuhörer loswerde’ oder nicht, darum geht es mir gar nicht (Sæther dagegen scheint dieses Loswerden mit seinem ‚Fazit’ fast schon herbeireden zu wollen). Mir geht es um die Wahrheit, und jeder ist in jedem Moment frei, sich zu dem, was ich schreibe, zu stellen, wie er mag - oder wie sein eigenes Wahrheitsempfinden es ihm sagt.“

Worum es Holger Niederhausen geht, „ist einzig und allein, auf das hinzuweisen, was tatsächlich neues Leben bringen kann“. Finde ich in seiner Wortwahl „neues Leben“? Zwischen den Zeilen ist schon menschliches Leben zu spüren, ein Leben, das sich in meine Gegenwart sich so hineinstellt, dass ich zunächst nur Staunen kann, sodass ich zunächst einen Umweg gehen muss, um mich eventuell nochmals anzunähern diesem ausgebreiteten menschlichen Phänomen der Impertinenz, die mir oft begegnetet ist. Niederhausen möchte, dass die Fehler und Verirrungen nicht als „lebendige oder gar vielfältige Anthroposophie hingestellt“ wird. Wäre ich mit ihm darin einig, dass der „anthroposophische Wald“ - wie auch immer wir die Früchte der anthroposophischen Kultur bildlich nennen - „in welcher Vielfalt auch immer tot“ sei, dann „wären die Schwächen und Verirrungen kein Problem, denn man würde sich im Streben immer wieder finden“.

Rudolf Steiner hat eindeutig ausgedrückt, dass die Anthroposophie ein lebendiges Wesen ist, das unsichtbar unter uns herumwandelt, und nur wenn wir uns demgegenüber verantwortlich fühlen, als sei es ein Mensch, den wir unter uns haben, könnte sie in der Welt zu einem größeren Kulturfaktor werden. Auch ich unterzeichne, dass die anthroposophische Bewegung von zu vielen Cliquen mit Sonderinteressen besteht und bestanden hat; das sind karmische und andere Gruppierungen, deren Mankos oft viel Unfug gemacht und viel verhindert hat, aber es gaben immer Individuen und Gruppen, die darin die Anthroposophie wie eine Kerze im Sturm gehandhabt haben, sodass immerhin etwas Samenartiges übrig blieb, das neues Leben erzog. Die ausgesuchten (da ich nur ein Einzelner bin, könnte noch andere Hunderte, vielleicht global gesehen Tausende hinzugefügt werden) Vertreter der Anthroposophie, die ich oben nannte, bezeugen es.

Übrigens wird es immer viele Anthroposophen geben, die aus tiefster Ehrlichkeit und Wahrhaftigkeit vielleicht sehr vorsichtig und wenig mitteilsam sind, die womöglich nie ein Buch schreiben und einen Blog haben werden, aber nichtsdestotrotz konsequent die Anthroposophie weiterentwickeln, um sie als ein offener Kanal, eine Öffnung für die geistige Welt und für verstorbene Anthroposophen und andere Seelen zu halten.      

Niederhausen deutet mit Recht auf ausgiebige Mängel in der anthroposophischen Bewegung. Ich bestreite nicht, dass sie existieren. Nur lehne ich sein Wunschbild ab, das besagt, dass sie durch die Ausbildung des reinen Denkens bei immer mehr Anthroposophen sofort erledigt wären. Damit könnte eine erste Grundlage wohl geschaffen werden, um auf die Hintergründe vieler Nöte und Konflikte zu kommen, die meines Erachtens jedoch in einem fehlenden Karmaverständnis wurzeln. Gewiss braucht die Karmaerkenntnis eine Umkehrung nicht nur des Denkens sondern aller Seelenkräfte, aber mehr noch müssen weitere geistige Fähigkeiten entwickelt werden, von denen ich in Einstimmen aufs Karma eingegangen bin.

Ein wesentliches Kriterium eines Anthroposophen ist für mich, dass er sich mit dem Karmaverständnis befasst gemäß Rudolf Steiners Charakterisierung vor über 80 Jahren:

„So könnte geradezu hingestellt werden als charakteristisches Kennzeichen des gegenwärtigen Anthroposophen, daß er auf dem Wege ist, sich eine begründete innere Überzeugung vom Walten der Idee von Reinkarnation und Karma anzueignen. Alles Übrige, möchte man sagen, ergibt sich daraus dann schon von selber als unmittelbare Konsequenz, als Folgeerscheinung.“ (Vortrag vom 3. August 1924 in: Esoterische Betrachtungen karmischer Zusammenhänge, Band III, Die karmischen Zusammenhänge der anthroposophischen Bewegung, GA 237, Dornach 1959, Seite 155)

Ist Holger Niederhausen für Karmaerkenntnis bereit? Sicher, aber er hat allerdings, wie es mir soweit bekannt ist, bis jetzt nichts zum Karmathema geschrieben. Dürfte ich demnächst Folgeerscheinungen für eine Belebung der Anthroposophie im Austausch mit Niederhausen, einen künftigen Aufschwung ihrer erwarten, deren Reserven in seinem Karma eingeschrieben sein könnten?             

Dieweil Niederhausen außer Mielke Mosmuller (und außer eventuell einer Handvoll anderer unbenannten Anthroposophen) nichts als totes Zeug vorfindet, wird eine Begegnung im gemeinsamen Streben kaum möglich sein. Die vorliegende Antwort auf seine Erwiderung als Zuwendung gedacht, wird vermutlich zu keiner Öffnung oder Begegnung führen. Für Niederhausen sei sie höchstens wieder ein toter, abgebrochener Zweig, der ihn „nicht treffen“ kann. Unsere gemeinsame Freiheit würde zu einem Zusammenfinden im Streben vielleicht ausreichen, die gemeinsame Liebe jedoch ist noch zu schwach. Schließlich tut es mir Leid, diese für Holger Niederhausen unfruchtbare „Totschlag-Polemik“ über die lebendige Anthroposophie sowohl den Internetwandlern als auch Michael, dem Großen, freizuschalten.
   



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Totenmaske von Rudolf Steiner
Quelle: luzi-m.org
"Våg" (Welle), Skulptur von Wive Larsson in Ronneby (SE). Quelle: ronneby.se
Jostein Sæther | Anthroposophen im Strudel der Umkehrung der Seelenkräfte

Die Finale der „Totschlag-Polemik“ mit Holger Niederhausen

In einer Erwiderung setzt sich Holger Niederhausen mit meinem Beitrag über seine Website auseinander, und sein Wahrheitsempfinden regt sich heftig angesichts meiner Diagnose seines denkerischen Zustands. Auf eine Diskussion in meinem Blog lässt er sich nicht ein, da er findet, dass mein Beitrag zeigt, „wie man sich in Totschlag-Polemik verliert, ohne auf den Kern der Sache einzugehen“. Da Niederhausen selbst in seiner Einseitigkeit mangelnd bereit ist, auf den Kern, den ich ihm aushändige, einzugehen, hat er die Möglichkeit zum sachlichen Dialog von vornherein  abgelehnt.

Ich werde mich trotzdem darum bemühen, einigen seiner Gesichtspunkte und Fragen nachzugehen, um dabei mein Streben in der Anthroposophie klarzumachen, sodass meine Gesinnung ihn gegenüber und auch meine Position innerhalb der anthroposophischen Bewegung durchsichtig werden kann. Demzufolge gebe ich ihm nochmals die Chance, sich anders zu positionieren, zumal ich erkenne, dass wir in einer entscheidenden Frage gemeinhin einig sind.

Subjektive Empfindungen und das Wahrheitsempfinden
Holger Niederhausen findet meine Bemerkungen „in mehrerer Hinsicht interessant“, aber er sieht den Begriff „Frust“, das ich benutzte, als „ein Ausdruck für ein sehr subjektives Empfinden“, um die es in Wahrheitsfragen nie gehen durfte: „Wenn es einem um die Wahrheit geht, muss man über subjektive Empfindungen der letzteren Art hinausgewachsen sein.“ Niederhausen widerruft ausdrücklich, dass es bei ihm um persönliche „Frusterlebnisse“ handeln solle. Er wäre aus subjektiven Empfindungen „hinausgewachsen“. Er gibt aber zu, dass „man vieles so oder so formulieren“ könnte. Und das tut er in diesem Beitrag ebenfalls, indem er ausführlich seine bereits umfangreich gegebenen Gedanken in neuen Sätzen detailliert ausbreitet. Es geht ihm „bei vielem aber um die Wahrheit, die einfach nicht gewollt wird“:

„Es wird dann gefordert, man solle ein Urteil schwächer formulieren, man solle es als Möglichkeit formulieren, man solle ‚sachlich’ bleiben, man solle ‚Fakten’ und ‚eigene Meinung’ trennen usw. - letztlich soll man eigentlich überhaupt kein Urteil haben. Meine Buchbesprechung zu ‚Stigmata und Geist-Erkenntnis’ ist eben abgelehnt worden, weil ich in Bezug auf Judith von Halle zu dem gleichen eindeutigen Urteil wie Mieke Mosmuller kam und es wagte, dies auszusprechen.“

Geradeso widerspricht er sich selbst noch mal. Einerseits, schreibt er, sollen wir Rudolf Steiner folgend nicht urteilen, andererseits streut er selber reihenweise Urteile aus. So wirft er wieder sein Beispiel „Info3“ ins Gesicht, wo „man angesichts persönlicher Beziehungen und falsch verstandener ‚Unbefangenheit’ und ‚Positivität’ bei der Wahrheitsfrage zwei Augen zudrückt, weil man die eigene Urteilsfähigkeit und das eigene Wahrheitsempfinden hoffnungslos korrumpiert hat“:         

„Eine ganz deutliche Offenbarung der Tatsache, dass die wesenhafte Anthroposophie heute tot ist, ist eben gerade der Umstand, dass die Wahrheit selbst in solchen sehr klaren Fällen wie ‚Info3’ nicht erkannt wird. Selbst da, wo sie undeutlich oder deutlicher empfunden wird, schreckt man vor ihr zurück - denn man hat Angst vor der Wahrheit, Angst vor dem Konflikt, Angst vor dem eigenen Urteil, Angst davor, jemandem die Anthroposophie absprechen zu müssen.“

Was betrifft meine sowohl sehr bejahenden als auch mich distanzierenden Erklärungen zu einigen Aspekten der Auftritte einiger Info3-Redakteure, habe ich anderswo dargelegt, und muss es deshalb hier nicht wiederholen. Niederhausen ist keinesfalls gnädig, und er fragt: „Wie aber kann man die Wahrheit erkennen? Wie kann man sein Empfinden für die Wahrheit vertiefen?“ - und gibt darüber sogleich Bescheid:

„Es muss das Denken entwickelt und gereinigt werden. Das Denken muss zu einem wirklichen Denken werden, zu einer echten Realität und dann noch zu einer reinen Realität. Dann wird es zu einem Sinn für die Wahrheit.“

Nichts anderes und nicht als desgleichen haben viele anthroposophisch gesinnten Schüler von Rudolf Steiner seit seinen Lebenstagen geübt und manchmal erlangt. Holger Niederhausen würde von mir „einmal eine Handvoll Namen genannt bekommen“, die „verwirklicht haben“, was Steiner als das reine Denken beschreibt! Mehr als eine Handvoll kann er gerne haben! Dabei muss aber sogleich voraus gestellt werden, dass ich mit dem „reinen Denken“ etwas verstehe, dass, indem ich es einmal geschaffen habe, nicht unbedingt es sofort wieder habe oder es für immer besitze. Habe ich es einmal erfahren, kann sogar später daraus Erkenntnisse gezogen werden, ohne dass ich dasselbe noch mal erfahre. Und dieses Neue ist dann auch ein reines Denken, aber eventuell von anderem „Fahrwasser“. Das reine Denken ist etwas, was eigentlich immerfort aufgegeben werden muss. Es kann nie ein Haben, ein Besitztum sein, weil es halt lebendig und somit in ständiger Verwandlung ist.

Die Anthroposophie als Keim
Ich habe den Eindruck, dass Holger Niederhausen sich in Verhältnis zu der Anthroposophie in einer Illusion befinde. Wenn er vorausgesetzt, dass sie immerwährend etwas voll Lebendiges sein solle, ein Impuls, das ständig unseres Leben belebt und von Neuem ergreift, habe er das Wesentliche der Anthroposophie noch nicht entdeckt. Wenn wir zuviel unsere heutigen Möglichkeiten vergleichen mit dem Tun von Rudolf Steiner, der sie inaugurierte und aus ihr eine Reihe von kulturellen und künstlerischen Schöpfungen schuf, könnten wir in unserem eigenen Streben gelähmt werden. Auch die vielschichtige, oft tragische Geschichte der anthroposophischen Bewegung mit den vielen Auseinandersetzungen zwischen Individuen und Gruppierungen können uns lähmen, und, wie Niederhausen findet, die Schlussfolgerung ergeben, dass alles vergebens gewesen und schon ab Steiners Tod nicht mehr als eine lebendige Realität anzusehen sei.        
      
Rudolf Steiner betonte des Öfteren, dass mit dem Eintritt der Anthroposophie eine Aufgabe entsteht, die mit der seelischen Entwicklung der Menschen einer ausgedehnten Zukunft zu tun hat. Sie ist wie ein Kulturkeim, der in die Zukunft hineinwächst und aufsprießen könnte, aber nicht sofort in ihrem ganzen Umfang da sein kann oder muss (Vgl. Vortrag vom 23. Januar 1912 in: Wiederverkörperung und Karma und ihre Bedeutung für die Kultur der Gegenwart, GA 135, Dornach 1978, Seite 78):

„Sie erfüllt ihre vollständige Aufgabe erst dann, wenn sie die menschlichen Seelen lebendig durchdringt und wenn wir durch sie nicht nur etwas begreifen, sondern ganz anders werden in unserer ganzen Stellung und in unserem Verhältnisse zur umliegenden Welt.“
(Vortrag vom 3. Dezember 1912 in: Das Leben zwischen dem Tode und der neuen Geburt im Verhältnis zu den kosmischen Tatsachen, GA 141, Dornach 1983, Seite 64)

Für den ehemaligen Leiter der Pädagogischen Sektion und der Jugendsektion (Sektion für das Geistesstreben der Jugend) in Dornach, Jørgen Smit, war dieser keimhafte Charakter der Anthroposophie das entscheidende Kriterium, der bestimmende Idee, der zum Ideal werden könnte, wenn man aus der Anthroposophie etwas tun will:

„Dieses Keimhafte nehmen wir wahr in dem, was da vorgehen kann in der anthroposophischen Arbeit bei diesem Aufsteigen aus der leeren Nichtigkeit der Gegenwart. Sie ist noch nicht voll von reifen Früchten, noch nicht strahlend von Blüten, manchmal nicht einmal besonders reich an Blättern. Es sind manchmal nur Keime der Zukunft, die gebildet werden, und sie wachsen in einer Winterlandschaft. […] Die Frage drängt sich auf, wie stark sie sich entfalten können, um nach und nach Blätter zu treiben, zu blühen, gar Früchte tragen, die hineinwirken können in das ganze Kulturleben der Gegenwart.“ (Geistesschulung und Lebenspraxis. Dornach 1987)

Diese Worte wurden in einem Vortrag am 3. Januar 1987 in Den Haag in Holland während einer Arbeitstagung der Jugendsektion gesprochen. Sie wurden also vor 22 Jahren gesprochen, aber ihre Gültigkeit hat sich nicht geändert. Viele Anthroposophen, die ich kenne und die anthroposophischen Einrichtungen und Initiativen, wo sie Arbeiten, richten sich nach dieser Idee und versuchen, sie als Ideal zu verwirklichen. Die anthroposophische Arbeit in Saarland, Lothringen und Luxemburg benutzt sogar die Devise „Keime für die Zukunft“ als Bezeichnung ihrer Strebensrichtung, das heißt, man ist sich sehr bewusst, dass alles was sein könnte, lange noch nicht da ist.

Jørgen Smit betonte in diesem Zusammenhang die Geduld und die Bescheidenheit, - zu vergleichen, die Entfaltungsmöglichkeit mit einem Samen, der noch tief unten liegend in der Erde einer mit Schnee bedeckten Winterlandschaft auf den Frühling zu warten hat:

„Wenn wir Schwierigkeiten erleben, daß die Erfolge zu klein sind, müssen wir beachten: Es ist der Winterweg. Deshalb ist ein Doppeltes hier lebensnotwendig: Bescheidenheit, damit man sich nicht einbildet, es sei größer, als es tatsächlich ist, und sich nicht alle möglichen Illusionen vormacht. Aber Bescheidenheit kann auch falsch sein in dem Sinne, daß man sagt: ‚Ich kann nicht.’ Das ist die falsche Bescheidenheit. Die richtige, die starke Bescheidenheit ist, zu sehen, wie klein es ist, aber auch den Keim in der Winterlandschaft und die ganze Zukunft der Menschheit durch Jahrhunderte und Jahrtausende weiter zu sehen, dieses ganze Zukunftsleben in sich zu haben!“
Arne Klingborg (1995)
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Gunhild von Kries spielt auf Tähtivirta (finnisch Sternenstrom). Das sind in fließenden Formen bildhauerisch gestaltete Streichinstrumente aus verschiedenen Holzarten, die seit 1985 von ihr entwickelt, gebaut und weiterhin erforscht werden. Quelle: klangbluete.de
Dr. Yeshayhau (Jesaiah) Ben-Aharon. Quelle: ybaschool.co.il
Jörgen Smit (1916-91)
Jørgen Smit, Geistesschulung und Lebenspraxis. Die Grundstein-Meditation als Zukunftsimpuls
Christiane Feuerstack
Quelle:
christiane.
feuerstack.net
Herbert Vetter
Nothart Rohlfs, Herausgeber des Buches Wie wir wurden, wer wir sind und Organisator (Forum 3 in Stuttgart, Anthroposoph-isches Zentrum in Kassel) verschiedener, teilweise höchst erfolgreicher und wegweisender Publikumsveranstaltungen u. a. zu Reinkarnation und Karma (Berlin, Stuttgart und Kassel 1997-2001); zuletzt die Tagung zum Thema Grundeinkommen in Kassel mit Götz Werner und Ministerpräsident Althaus.
"Våg" (Welle), Skulptur von Wive Larsson in Ronneby (SE). Quelle: ronneby.se
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Erzengel Michael am Kölner Dom. Quelle: Wikipedia