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jostein sæther | pehr sällström - schwedischer goetheforscher

In jedem Land gibt es Dichter, Schriftsteller und Wissenschaftler die mit ihren Schriften weit über ihr Sprachgebiet bekannt werden, weil ihre Bücher in anderen Sprachen übersetzt werden. Früher konnte es manchmal lange dauern, bis jemand international entdeckt wurde. Heute wird jemand schneller als früher bekannt einerseits durch die gezielte Kulturvermittlung
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der Staaten und andererseits durch die neue Möglichkeit der Präsenz im Internet. Trotzdem könnte es viele Namen geben, die in der Menge des Angebots verschwinden oder nur kurz im Rampenlicht bleiben. Unter anthroposophischen Autoren aus Skandinavien sind einige wenige während des 20. Jahrhunderts wie Dan Lindholm, Frans Carlgren und Peter Normann Waage auf Deutsch hervorgetreten.

Ein Schwede, der ich hiermit mit einer ersten Übersetzung aus seinem umfassenden Werk von 1991 über die symbolische Notation -
Tecken att tänka med (Zeichen zum Denken) - präsentieren möchte, ist im mitteleuropäischen Raum kaum bekannt. Sein Name ist Pehr Sällström. Geboren ist er in Schweden 1938 und studierte später Kernphysik. Sällström bestand als 30jähriger seine Dissertation über die Wechselwirkung der K-Mesonen auf Protonen. 1974 wurde er als Dozent der Farbenlehre an der Stockholmer Universität engagiert. Er redigierte und kommentierte 1976 detailliert eine umfassende schwedische  Ausgabe der Schriften von Goethe zu seiner Farbenlehre  und Rudolf Steiner Kommentare dazu. 1993 kam sein anerkanntes Buch Goethe och matematiken (Goethe und die Mathematik). Außerdem hat er Schriften von Martin Buber ins Schwedische übersetzt und kommentiert.

Pehr Sällström war mit dem schwedischen Anthroposophen, Künstler und Pädagogen Arne Klingborg (1915-2005) befreundet. Von ihm wurde er berufen als Lehrer mitzuwirken am Rudolf Steinerseminar - belegen an einem Fjord der Ostsee in Ytterjärna, etwa 50 Kilometer südlich von Stockholm. Dort lernte ich Pehr 1973 kennen als Dozent zum Kapitel der physikalischen Farben in Goethes Farbenlehre. In einer groß angelegten Ausstellung, bei der ich als Maler mitwirkte, zur anthroposophischen Bewegung im Jahr 1980 schuf Per Sällström diejenige experimentelle von drei Abteilungen der Farbausstellung in Goethes und Steiners Sinne, die in drei großen Zelten untergebracht war. Später ab Mitte der 80er Jahre als ich selbst bei dem zweiwöchigen Kurs der Farbenlehre am Seminar mitarbeitete, wurden wir gewissermaßen Kollegen, und in Beisammensein mit anderen Lehrern und Studenten wurden interessante Diskussionen und Experimente organisiert.
  


pehr sällström | das mysterium der schrift   




Der Ausgangspunkt des Diskurses, den ich in diesem Buch führe, ist ziemlich alltäglich. Es geschieht des Öfteren, dass man sich sagt: Das muss ich mich erinnern! Das war eine gute Idee, die muss ich mich notieren! Es kann ein Einfall sein oder etwas, was man gesehen oder gehört hat. Etwas, was man nicht verlieren will, sondern zu dem man zurückkommen möchte. Aber alles kann nicht im Kopf behalten werden. Das Denken und das Gedächtnis brauchen eine äußerliche Stütze und Unterlagen. 

Die gewöhnlichste Art zu notieren, ist einige Worte auf einem Papier oder in einem Notizbuch niederzuwerfen. Eine spontane Formulierung, vielleicht nicht immer so treffend, aber ausreichend, um sich zu erinnern, um was es sich handelte. Eine alternative Art - beruhend auf was notiert werden soll - ist eine einfache Zeichnung zu machen, eine Prinzipskizze, die die Idee in einem Bild fasst.   

alle machen sie notizen...

Nach näherem Nachdenken kann man konstatieren, dass die meisten Tätigkeiten mehr oder weniger von irgendeiner Form der Schrift beruhend sind, die als Stütze für das Gedächtnis und für das Denken dienen, als Instruktion für Aktivitäten und als Mittel für Kommunikation zwischen Menschen über Zeit und Raum. Was wäre die Mathematik ohne Papier und Stift - oder wenigstens die Möglichkeit im Sand Figuren zu zeichnen? Was wäre der Chemist oder Physiker ohne Formeln, Kurven und Diagramme - für den Uneingeweihten unbegreiflich, aber für den Fachmann mit konzentriertem und präzisem Inhalt geladen. Sowohl der Regisseur, der Architekt, der Schreiner, der Gärtner als auch der Fußballtrainer: Alle machen sie Notizen, um für die Wirksamkeit eine Befestigung zu bekommen, und, um Ideen zu bewahren und weiterzubefordern. Die Möglichkeit, graphische Zeichen zu benutzen als ein äußerliches Hilfsmittel unter anderen, ist eine wesentliche Voraussetzung bei aller Bildungsentwicklung.               

Gewöhnlich braucht man, wie gesagt, für den Notationszweck nur Worte und Bilder. Welche von ihnen am besten seien, beruhen auf die Fragestellung. Manchmal sagt ein Bild mehr als Tausend Worte, aber genau so oft kann ein Wort mehr als Tausend Bilder sagen. Es gibt ansonsten Zusammenhänge, wo man findet, dass sowohl Worte als auch Bilder ungeeignet sind, um das Wesentliche, was man fixiert haben will, auszudrücken. Genau für solche Situationen sind die besonderen Symbolsysteme entwickelt worden. Ihre Ursprünge waren oft, dass eine Notation in Wort (oder Bild) vereinfacht wurde durch die Einführung von Verkürzungen und Spezialzeichen samt dadurch, dass gewisse ständig wiederkehrende Selbstverständlichkeiten ausgelassen wurden, und somit vorgegeben wurden. Was vom Anfang eine Form der Stenographie war, entwickelte sich mit der Zeit zu einem ideographischen Notationssystem, das kaum verglichen werden kann mit seinem rhetorischen (oder figurativen) Ursprung. Zwei wohlbekannte Beispiele dessen sind die Notschrift der Musik und die algebraischen Formeln der Mathematik.                  

das bemerkenswerte der schrift

Notation ist so gesehen - jedenfalls solche Notationen, die ich in diesem Buch behandele - eine Form der Schrift. Die Lust zu schreiben, Zeichen zu formen, Inschriften zu machen, ist tief verwurzelt im Wesen des Menschen. Es sind graphische Symbole seit uralten Zeiten erhalten. Auch wenn Zeichen, wie die ägyptischen Hieroglyphen, als sie in moderner Zeit entdeckt wurden, von dunklem Ursprung und Inhalt sein können, sind sie gleichwohl fesselnd, scheinen, etwas einem zu wollen und sinnliche Handgreiflichkeit zu haben. Das Bemerkenswerte mit ‚Schrift’ in dieser allgemeinen Bedeutung, ist vor allem die folgenden zwei Verhältnisse:
          
1. dass sie zum Unterschied von unseren Gedanken und Vorstellungen ein äußeres Phänomen sind; eine Erscheinung in der Sinneswelt, vor der wir uns stellen, die wir beobachten und zusammen mit anderen erfahren können;

2. dass sie zum Unterschied vom gesprochenen Wort Dauerhaftigkeit hat; man hat wenigstens während einer Zeit, die Möglichkeit zu ihr zurückzukommen, sie zu transportieren, untersuchen und bearbeiten, und zu kopieren.  

Dies zufolge gewinnt die Schrift Autonomie. Sie fängt an, ihr eigenes Leben zu leben, befreit sich von der Absicht desjenigen, der sie einmal bewusst formte, und sie leiht sich selbst ständig neuen Anwendungen und Auslegungen an. Ja, sie kann sogar wie die Hieroglyphen oder gewisse Formel der Physik einen magischen Nimbus bekommen, sie kann gleichsam zum Fetisch werden. Abgesehen davon, ob ich ihre Botschaft zu lesen verstehe oder nicht, wird ‚das Geschriebene’ für mich ein Ding unter anderen Dingen in der Welt. Ich kann mit den Augen die kalligraphische oder typographische Gestalt der Zeichen genießen. Ich kann mit dem Finger das Relief der Inskription folgen. Ein der Notizen im Nachlass von Ludwig Wittgenstein lautet wie folgt:     

„Die Philosophen sind oft wie kleine Kinder, die zuerst mit dem Bleistift einige Striche auf einem Blatt kritzeln und danach fragt der Erwachsene: ‚Was ist es?’ - Es geschah folgenderweise: Der Erwachsene hat oft etwas für das Kind gemalt und gesagt: ‚Das ist ein Mann und das hier ein Haus’ usw. Und nun malt auch das Kind Striche und fragt: ‚Was ist jetzt das hier?’“       

Unschuldig nehmen wir an als eine Natürlichkeit, dass einige Striche auf einem Papier etwas bedeutet. Etwas vorstellt, etwas bedeutet, etwas sagt. Dies ist das Mysterium der Schrift.   

kann die notation verführerisch und bestechlich sein?

Welcher Bedeutung hat es in unterschiedlichen Bildungsgebieten und Tätigkeitsfeldern gehabt, dass man zu einer konzisen und zweckmäßigen Notation gekommen ist? Hat die Notation zum Blühen der Wirksamkeit geholfen, zu neuen Ideen inspiriert, Wege zu schwer erreichbarem Wissen geöffnet, komplizierte  zu koordinierenden Aktivitäten ermöglicht? Man kann erraten, dass dies der Fall  gewesen sei, und manches und vieles von demjenigen, was ich im Folgenden aus der Geschichte unterschiedlicher Disziplinen mitteile, unterstützt dieser Hypothese. Eine treffende Notation kann einen tieferen Zusammenhang hervorheben und uns helfen, Ideen zu konkretisieren. Notationen fungieren als Bindeglieder zwischen Idee und Werk. Was ist denn das Geheimnis hinter der Fähigkeit der Zeichen, die Kreativität zu fördern? Ich werde diese Frage nicht beantworten können, aber ich möchte sie beleuchten, u. a. dadurch, dass die Gegenfrage gestellt wird: Ist nicht die Schrift, die Notation oft verführerisch und bestechlich? Ist sie nicht unterbindend, konservierend und dadurch wohl auch hemmend für die Kreativität?                  

In zwei in der 1960er Jahren viel debattierten Büchern - „The Gutenberg Galaxy“ und „Understanding Media“ - diskutierte Marshall McLuhan wie unsere Medien, das heißt, die technischen Hilfsmittel, die wir für die Kommunikation benutzen und um unsere Einflusssphäre in Zeit und Raum zu erweitern, in verschiedener Umfang Auffassungen und Lebensweisen beherrschen. Das Beeinflussen der Medien auf die Gesellschaftsentwicklung geschieht teils bewusst, teils auch unbewusst und unvorhergesehen aufgrund indirekter Konsequenzen. Es gibt keine unserer Media, deren Introduktion nicht sowohl vom Guten als auch vom Bösen war. Wir haben die Neigung vom Letzteren die Augen schließen zu wollen. Gleichzeitig als ein neues Gerät einer gewissen Typ Wirksamkeit unterstützt, werden andere Aktivitäten zurückgestellt oder erschwert. Die Medien verlangen Aufmerksamkeit, ein aktives Interesse und beanspruchen somit unsere Zeit. Sie müssen genutzt, gepflegt und finanziert werden. Ins Gesamt werden die Medien indirekt unsere Leben lenken, unsere Gewohnheiten und Hoffnungen prägen. Das Gesagte gilt unter anderem der Erfindung des phonetischen Alphabets, später durch die Buckdruckerkunst vollendet, und, in unserer Zeit elektronischer Media für Informationsbehandlung.                       

platons bedenken in phaidros
Die Thesen über Medien McLuhans aktualisiert eine von alters her existierende kritische Perspektive auf die Schreibkunst. Schon Platon gab auf manche Stellen in seinen Dialogen Ausdruck für die Skepsis gegenüber „dem Wissen auf dem Papier“. Eine oft angeführte Stelle findet sich am Schluss des Dialogs Phaidros, wo Sokrates in seinem Gespräch mit Phaidros auf die Redekunst kommt, indem er ein bisschen ironisch und wahrscheinlich fabulierend ein Mythos über den ägyptischen Gott Theuth (oder Thoth) erzählt:         

„Ich habe also vernommen, zu Naukratis in Ägypten sei einer der dortigen alten Götter gewesen, dem auch der heilige Vogel, den sie ja Ibis nennen, eignete; der Dämon selbst aber habe den Namen Theuth. Dieser habe zuerst Zahl und Rechnung erfunden, und Mathematik und Sternkunde, ferner Brettspiel und Würfelspiel, ja sogar auch die Buchstaben. Weiter aber, da damals über ganz Ägypten Thamus König war in der großen Stadt des oberen Bezirks, welche die Hellenen das ägyptische Theben nennen, wie sie den dortigen Gott Ammon nennen, - so kam der Theuth zu diesem und zeigte ihm seine Künste und sagte, man müsse sie nun den anderen Ägyptern mitteilen. Der aber fragte, was für einen Nutzen eine jede habe? Indem er’s nun auseinandersetzte, so wusste er, wie ihm jener etwas gut oder nicht gut zu sagen dünkte, es bald zu tadeln, bald zu loben. Vieles nun soll da Thamus dem Theuth über jede Kunst in beiderlei Richtung frei heraus gesagt haben, was durchzugehen viele Worte fordern würde. Als er aber an den Buchstaben war, sagte der Theuth: ‚Diese Kenntnis, o König, wird die Ägypter weiser und erinnerungsfähiger machen; denn als ein Hilfsmittel für das Erinnern sowohl als für die Weisheit ist sie erfunden.’ Er aber erwiderte: ‚O du sehr kunstreicher Theuth! Ein anderer ist der, der das, was zur Kunst gehört, hervorzubringen, ein anderer aber der, der zu beurteilen vermag, welchen Teil Schaden sowohl als Nutzen sie denen bringen, die sie gebrauchen werden. So hast auch du jetzt, als Vater der Buchstaben, aus Vaterliebe das Gegenteil von dem gesagt, was ihre Wirkung ist. Denn Vergessenheit wird dieses in den Seelen derer, die es kennenlernen, herbeiführen durch Vernachlässigung des Erinnerns, sofern sie nun im Vertrauen an die Schrift von außen her mittels fremder Zeichen, nicht von innen her aus sich selbst, das Erinnern schöpfen. Nicht also für das Erinnern, sondern für das Gedächtnis hast du ein Hilfsmittel erfunden. Von der Weisheit aber bietest du den Schülern nur Schein, nicht Wahrheit dar. Denn Vielhörer sind sie dir nun ohne Belehrung, und so werden sie Vielwisser zu sein meinen, da sie doch insgemein Nichtswisser sind und Leute, mit denen schwer umzugehen ist, indem sie Scheinweise geworden sind, nicht Weise.“             

[Diese Übersetzung ist entnommen: Platon, Sämtliche Werke in zwei Bänden. Phaidon Verlag GmbH, Essen. Band 1, Seite 387. Der Verlag kündet: „Die Übersetzungen folgen in der Regel denen Schleiermachers oder anderen älteren Übertragungen, die jeweils in Lautstand, Orthographie und Interpunktion dem heutigen Gebrauch angepaßt wurden.“ JS]

Hinter dem scherzhaften Ton ahnt man einen bitteren Ernst. Thamus Worte lassen uns nicht unberührt. Was liegt eigentlich in diesem: „Denn Vielhörer sind sie dir nun ohne Belehrung, und so werden sie Vielwisser zu sein meinen, da sie doch insgemein Nichtswisser sind…“? Dieses zu glauben, dass man viel erkennt, und doch unkundig ist? Was ist wahre Erkenntnis? Sokrates warnt uns vor dem Aberglauben an die Macht der graphischen Zeichen und deutet an die Möglichkeit einer menschlichen Reifung, die weit darüber hinausgeht, was der Gebrauch von allerlei Formeln und raffinierten technischen Hilfsmitteln bietet. Abgesehen davon, wie wir die Konsequenzen, die die Schreibkunst auf unsere Zivilisation gehabt hat, beurteilen, muss es konstatiert werden, dass sie weitgehend waren. Genau deswegen verdient das Schreiben, das Notieren, das Kalkulieren so viel mehr unsere Aufmerksamkeit.

festhalten oder improvisieren?
Ob man sich ganz an das Erinnern und die innere Anschauung anlehnt oder die Hilfe von äußeren Bildern und materiell gespeicherten Informationen berücksichtigt, ist nicht gleichgültig, sondern hat ansehnliche intellektuelle Konsequenzen. Eine solche, vielleicht die meist radikale, ist, dass wir mithilfe der Schrift unser Verhältnis zu der Zeit verändern können. Eine chinesische Pinselmalerei muss in einem Zug erfolgen, kein Strich kann behoben werden; eine Jazzimprovisation muss dem  Puls der Musik folgen ohne eines Augeblicks Zaudern; goldene Worte in rechter Stunde müssen aus der Situation geboren werden. Die Schreibkunst rettet uns vor dieser unerbittlichen Forderung des Augenblicks. Mithilfe der Notation kann ein Geschehen bewusst gestaltet und bis ins kleinste Detail ausgearbeitet werden schon ehe es Wirklichkeit geworden ist. Gewiss wird dabei eine Art Vollkommenheit möglich, aber die Improvisation mit ihrem Anspruch auf absoluter Geistesgegenwart hatte auch ihre Vollendung. Der Gebrauch von Notation befördert neue stilistische, ästhetische und wissenschaftliche Ideale.                                         

Als Goethe nach der Heimkehr von seiner italienischen Reise 1786-88 sich im Sinn setzte, eine Farbenlehre zu schreiben, fand er es eigenartig, wie leichtsinnig die Physiker über Lichtstrahlen räsonierten, als ob es ein physisch existierendes Ding sei - etwa die kleinsten Bestandteile des Lichts - gleichzeitig als es klar stand, dass ‚Lichtstrahl’ nichts anderes ist als ein Hilfsbegriff, eine Notationssymbolik, die eingeführt worden ist, um geometrische Verhältnisse in einem Versuchssituation aufzuklären. Goethe sah eine für die Wissenschaft riskante Tendenz darin, das Forscher, nachdem sie gewisse symbolische Bezeichnungen und Konstruktionen eingeführt hatten, mit der Zeit verleitet wurden, über Zeichen zu räsonieren, als ob sie die Sache selbst wären: „…wie schwierig ist es nicht, zu vermeiden, die Bezeichnung anstelle der Sache zu setzen, immer das Inhalt lebendig vor sich zu haben und es nicht mit dem Wort zu töten!“               

Die Frage zum Verhältnis zwischen Modell und Wirklichkeit ist wichtig, heute wie damals. Gewiss hat sie eine nahe Berührung mit der Notationsfrage. Wenn die Formeln und Diagramme gut etabliert worden sind, werden sie schablonenmäßig mit dem Notierten identifiziert und tendieren in dessen Stelle zu treten. Dabei geschieht es manchmal, dass gewisse Züge der Notation, die ursprünglich nicht einem Inhalt zugesprochen waren, zu etwas wird, dem man Bedeutung gibt, und aus dem man Schlussfolgerungen zieht. Gleichzeitig wird man verleitet, von der Rechnung gewisse wesentliche, aber bei der Notiz vorausgesetzten Aspekte der symbolischen Phänomene wegzulassen. Ein wichtiges Motiv in dieser Studie ist zu  berücksichtigen, „wie das Interesse an der Notation das Interesse an der Sache selbst übersteigt“.            

notationssysteme und erkenntnisfragen

Wie soll man sich methodisch die Aufgabe nehmen, das Phänomen Notation aufzuklären? Es kann erst einmal nicht die Frage sein, eine Theorie über Notation und Notationssysteme aufzustellen. Nein, vorderhand gilt es die Fragestellung zu entwickeln, durch die Aufmerksamkeit auf gerade diese Tatsache, dass wir Menschen in den meist variierten Zusammenhängen und Situationen von Schriftzeichen abhängig sind, als Stütze und Wegleitung für Bewusstsein, Denken und Handlung.

Lass uns also im Geiste der interessierten Aufmerksamkeit eine Rundwanderung unter den Notationssystemen innerhalb allerlei Wirksamkeitsfeldern vornehmen! Einfach durch die Betrachtung und durch das Klassifizieren der Symbole bekommt man doch keine Antworte auf die Fragen, die ich gestellt habe, - genauso wenig wie eine Taxonomie á la Linné uns die Antwort gibt auf die Frage, was eine Pflanze ist. Zeichen müssen studiert werden in den Zusammenhängen, wo sie entstanden sind und benutzt wurden, und wo die Diskussion ihrer Dienlichkeit geführt wird. Aus welcher Sichtweise, in welcher Bewusstheit, in welchem Verhältnis zu der notierten Begebenheit ist die Symbolik entstanden? In welchen Hoffnungen? Ich habe zugehört, was Philosophen, Forscher, Künstler, Praktiker über die Notation nebenbei und bei bestimmtem Anlass gesagt haben. Deswegen die vielen Zitaten, um welche meine Untersuchung ihren Fäden zieht. Nicht Grenzmarkierungen zu machen, und das Erfahrungsgebiet nicht einzuteilen, sondern dagegen unbekümmert frei sich bewegen über die Fachgrenzen - eine solche Haltung sehe ich als Voraussetzung für die komparative Übersicht, die hier ersucht ist. Eine unvollständige Studie durchzuführen, ohne in Flachheit zu verfallen, das ist die paradoxe Aufgabe, die ich mich gestellt habe.                  

Eine der Fragen, die ich ständig während dieser Rundwanderung bedacht habe, ist gewesen: In welcher Weise ist ein intuitives Erfassen der Sachverhältnisse eine notwendige Voraussetzung für eine zuverlässige Benutzung von symbolischen Notationen bezüglich dieser Verhältnisse? Ein Ziel der Einführung von Symbolsystemen war oft, das Bedürfnis einer solchen intuitiven Referenz möglichst zu eliminieren. Für gewisse Endzwecke reicht es, die Symbole nach gewissen Regeln zu manipulieren, damit man zur ‚Antwort’ kommt betreffend Fragen der Sachverhältnisse. Es scheint dann, als ob ein Denken, das auf eine intuitives Verhältnis zur Sache gegründet ist, ersetzt werden kann mit einem mehr oder weniger ‚Spielen mit den Zeichen’. Für was steht dieses formalistische Projekt? Wie weit kann es gezogen werden, ohne zu Absurditäten zu leiten? Zu zeigen in welcher hohen Grad trotz allem ein intuitives Erfassen des „Wesens der Sache“ vorausgesetzt wird bei aller Symbolanwendung in der Praxis, ist eines der Ziele mit dieser Studie. Das Verhältnis zwischen dem Gesprochenen und dem Unausgesprochenen; das zur Rechenschaft gelegte und das Vorausgesetzte - das sind Fragen, die ich im Schlusskapitel zur Diskussion stelle.

Mein Ziel mit der Studie war dagegen nicht, ein ideehistorisches Expose über die Entwicklung der Notationssysteme zu präsentieren, auch wenn es teilweise so aussehen könnte. Geschichtliche Rückblicke zeigten sich in der Natur der Sache zu liegen - man muss den natürlichen Ursprung der Systeme enthüllen, wenn man den ideellen Ursprung sucht - und das soweit, dass der Leser vielleicht mehr von ‚modernen’ Notationsexempeln herbeisehnt. Die Ursache, warum ich mich entschlossen habe, diesen elementaren, oft schon in der Schule bekannten Notationssystemen so sorgfältig zu behandeln, ist auch, dass ich es am meisten fruchtbar fand, gerade sie ins Licht zu ziehen und zu befragen, weil diese Notationssysteme durch die Jahrhunderte so sehr etabliert geworden sind, dass sie ihr eigenes Leben führen wie souveräne Mächte in unserer Kultur.

Damit glaube ich, gesagt zu haben, was gesagt werden muss, bevor wir uns auf die Rundwanderung in der Welt der Notationen begeben. Es ist eine Entdeckungsreise, die Gelegenheit zu Reflektionen über viel mehr als nur Symbolsysteme geben wird. Es wird nicht nur von Notation als ein wesentliches Instrument in wissenschaftlichen und künstlerischen Projekten handeln, sondern auch von Denken, Gedächtnis, Phantasie, Intuition, Sinnesbeobachtung und von der Rolle, die die Bücher, Kameras, Computers und andere technische Hilfsmittel haben in Relation zu diesen menschlichen intellektuellen Fähigkeiten.       

Die Ordnungsabfolge ist nicht ein Resultat tiefsinniger Überlegungen. Man muss irgendwie mit einem Ergebnis anfangen. Derjenige, dem es abenteuerlustig gefällt, bei der Kartographie, der Mathematik oder der Physik anzufangen, kann es sehr wohl machen, weil die Kapitel ziemlich freistehend sind. Dass es viele sowohl ausgesprochene wie gedachte Korrespondenzen zwischen ihnen gibt, ist eine andere Sache, und darin liegt auch der springende Punkt, dass sie hier inmitten denselben Buchdeckeln sich sammeln.


Pehr Sällström, Tecken att tänka med - om symbolisk notation inom musik, dans, kartografi, matematik, fysik, kemi, teknologi, arkitektur, färglära och bildkonst. Carlssons bokförlag, Stockholm 1991, 456 Seiten,
ISBN 91-7798-412-9
Pehr Sällström. Foto: Anders Myrdal. Quelle: Pehr Sällströms Website
as hat die Notenschrift der Musik gemeinsam mit einer mathematischen Gleichung oder einen chemischen Strukturformel? Warum ist es interessant, über die Anwendungverschiedener symbolischen Notationssysteme nachzusinnen?
W
Pehr Sällströms populäre Schrift über Goethes Farbenlehre (Kosmos förlag 1996, 158 Seiten).  
Samtal om färgseendets gåta (Gespräche über das Rätsel der Beobachtung von Farben). Ein Psychologe, ein Physiker, ein Architekt, ein Künstler, ein Philosoph und ein Farbpädagoge diskutieren über das menschliche Sehen von Farben. (Kosmos förlag 2001, 230 Seiten).
Pehrs Titel dieses Photos: „Philosophische Untersuchungen“, Mai 1999.
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