Das Interessefeld des Ich
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Das Motiv auf einer Pastellskizze von Steiner enthält ein großes, ernstes Antlitz in rosa-violettem Farbton...
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Statt diesmal einen weiteren Aufsatz zu bringen, möchte ich mein Blog präsentieren...
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Der Umgang mit Kunst baut eine seelische Brücke, die zu geistigem Erleben führt...
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Im höheren Bewusstsein betritt man geistige Orte, wo man sich normalerweise nicht auskennt...
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In vielen Ereignissen ist man allein gewesen...
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10. Februar 2008
Biografisches zu denken, zu bewegen und zu vertiefen, ist eine Voraussetzung für karmische Erkenntnisse...
3. Februar 2008
Fragen über und an die Anthroposophie führen durch...
Jostein Sæther | Ich-Kunst und Karmaforschung
Ein aktueller Aufsatz aus dem Jahr 1994
Zwischen 1979-94 schrieb ich eine Reihe von Aufsätzen und anderen Beiträgen in der inzwischen eingegangenen schwedischen Zeitschrift Antropos. Redaktorin seit 1975 bis ihrem Tod 2001 im Alter von beinahe 90 Jahren war die Anthroposophin, Gefängnisdozentin und Publizistin Ingrid Sahlberg gewesen. Die damalige Monatszeitschrift war gegründet worden in den 50er Jahren als Organ der schwedischen anthroposophischen Landesgesellschaft. Von 1980 bis 1988 war ich Mitglied der Redaktion und pflegte auch einige Jahre die Aufgabe des Layouts und des Versands. Dabei wirkte der Künstler und Autor und spätere Masseur Didrik Wachenfeldt entscheidend mit. Der folgende Aufsatz erschien etwa ein Jahr vor meiner gedanklich-intuitiven Entdeckung meiner früheren Inkarnation im 12. Jahrhundert und zwei Jahre vor meinem im Wandeln unter unsichtbaren Menschen beschriebenen geistigen Durchbruch. Bei einem Besuch in Järna jüngst habe ich unter den dort aufbewahrten Skizzen, Notizen, Büchern und Zeitschriften vieles ausgemistet. Unter dem behaltenen Material befindet sich dieser wieder entdeckte Aufsatz, der mir mein damaliges spirituelles Engagement am Ende des 20. Jahrhunderts erneut vor dem inneren Auge stellte. Viele der einstigen Gedanken scheinen mir in diesen 14 Jahren nicht weniger aktuell geworden zu sein, weshalb ich eine deutsche Übertragung gemacht habe. Der jetzige Schritt dazu scheint gegen der damaligen Intention zu stoßen. Nichtsdestotrotz müsste einen neuen dritten Aufsatz zu diesen weiterhin hochaktuellen Fragen sich an den inzwischen stattgefundenen historischen und geistigen Veränderungen und an eventuellen Leserzuschriften orientieren.
Es ist eine Frage an mich gekommen, ob ich erneut einen Aufsatz publizieren möchte, der vor zehn Jahren geschrieben ist. (2) Er behandelte Schritte in einem Lebensprozess, um sich mit dem zu verbinden, was wir Anthroposophie nennen, und was es existenziell bedeutet, die anthroposophische Sache zu repräsentieren. Dieser Aufsatz nochmals zu publizieren würde gegen seinem Absicht wirken, auch wenn das Inhalt weiterhin volle Aktualität hat. Der folgende Text ist ein Versuch, dieselben Fragen aus einer aktuellen Situation zu stellen. Der Ausgangspunkt ist eine Beschreibung eines individuellen, allgemeinen Erlebnisses des Ich verbunden mit dem Interessefeld für die Umwelt, und wie diese Beschreibung einen Anfang sein kann für Karmaforschung in Verhältnis zur Gegenwart und zur Geschichte. Meine These ist, dass eine solche Forschung künftig die einzige sichere Stütze sein wird für eine sinngemäße Urteilsbildung der anthroposophischen Entwicklung. Die Darstellung ist wegen dem Charakter des Themas teils fragmentarisch, teils bildhaft und deswegen fehlt eine thematische Kontinuität.
1
Das Ich-Erlebnis. Die Ich-Entwicklung des Menschen - eine Konkordanz zwischen Individuen. Ein Zusammenspiel zwischen dem Einzelnen und der Welt, der Natur, der Stadt. Gehen - sprechen - denken.
Das Denkerlebnis - sich selbst zu ergreifen. Aber mit welcher Handbewegung? Dass das Ich in sich selbst handelt - sich selbst jagt (2) - spielt mit sich selbst. Die Zurückhaltung aller egoistischen Gefühle, die zu äußeren Dingen relativieren oder sie spiegeln. Das Gefühlserlebnis. Das Willenserlebnis.
Einsam - mit sich selbst zusammen. Alleine. Das kleine Großartige. Das meist Subtile. Unsichtbar, aber jedoch wahr, schön, gut. Das Kleinste vom Großartigen, das ich denken kann. Dass jeder - in welcher Situation auch immer, Freiheit, Unfreiheit - dieses innere Sein entdecken kann - ich bin. Das ständig in seinem Sein beeinflusst wird, hinuntergezogen wird in Anwesenheit und Abwesenheit - Tagesbewusstsein und Schlaf.
Das Gedächtnis steigert die Kontinuität im Wechsel der Bewusstseinszustände. Es scheint auch bei Erinnerungsverlust sich selbst aufrechtzuerhalten. Das Ich kann sich aufrechterhalten. Das Ich kann sich selbst tragen im Seelenerlebnis. Das Ich kann mit einem Planeten verglichen werden - aber welcher?
Das Gedächtnis vermittelt die Biographie des Ich in einem Lebenslauf. Die Schrift des Lebens, die Schrift des Ich, die Handgebärde des Ich. Ausgestaltungen, die sogar manchmal scheinen, sich zu widersprechen. Sich selbst den Rücken wenden. Trotz diesem Widerspruch wird die Kontinuität im Ich beibehalten. Schlängelungen auf der Lebenslinie. Knoten. Knotenpunkte. Augenblicke der vollen Möglichkeiten des Ich in einem Fragment, in einem Bild, in einer Begegnung mit sich selbst oder mit einem anderen Ich.
Eine Lebensgeschichte kann mit abwechselnden Phasen erblickt werden, Etappen, die rein geographisch von einander geschieden sind. Die Geographie des Ich. Die Karte des Karmas. Der Atlas des Ich, wo die Grenzziehungen wesentliche Organismen ausdrücken, wo es sich entwickeln kann, wenn die Spiegelungen durchschaut werden.
Die Relationen des Ich zu anderen Iche. Die Ethnographie des Ich, die Anthropologie des Ich. Ich und du. Ich und wir. Ein komplexer, aber kontinuierlicher Prozess von gegenseitigem Annähern und Entfernen, Entwicklung und Widerstand, Krise und Verwandlung, Aufruhr und Verständigung. Gruppen von Relationsabschnitten können rückläufig in der Biographie entdeckt und dargestellt werden bis zur Kindheit und zum ersten Erwachen des Erinnerungsvermögens in einem Lichterlebnis. (3) Etwas ist entzündet worden, das seitdem permanent gebrannt hat, ähnlich wie ein olympisches Feuer, das zu vielen Kontinenten getragen wurde, und die Gelegenheit hatte, bei zahlreichen Spielen und Wettkämpfen, Siegen und Niederlagen, Meisterstücken und Hoffnungen anwesend zu sein. Wo die Lebenslatte ständig auf der inneren Arena der Biographie erhöht wird.
Ich in Verhältnis zu anderen Iche. Ich in Verhältnis zum eigenen Ich. In nahen Ringen und im Tauziehen, im Zweikampf und in Mannschaftskampf. Das Leben hat mir gegeben viele Medaillen, die leuchten und glänzen. Auf dem Brust, Kränze auf dem Kopf und Pokale in den Händen. Sie sind alle unsichtbar für die physischen Augen, aber sie wirken im sozialen Umgang wie anziehende oder abstoßende Elemente. Nationalismus oder Neid. Tumulte auf der Tribüne der Ich-Arena.
2
Das historische Gedächtnis. Das kollektive Gedächtnis. Das Interessegedächtnis.
Bei einer Vertiefung in die äußere Geschichte durch Begegnungen mit unterschiedlichen Epochen durch Reisen und Studien, wird eine innere Zuneigung entwickelt zu gewissen Zeitabschnitten und Kulturen und eine Widersetzlichkeit zu anderen. Hier gilt es, unter das erste Glücksgefühl der Größe in der Kultur- und Kunstgeschichte der Menschheit zu drängen. Ein historischer Magnetismus in der Seele.
Diese subtile Sympathie- und Antipathiegefühle können gegenüber verschiedenen Kulturäußerungen von religiösen, künstlerischen oder technischen Motiven entstehen. Die Seelenhaltungen können gehen quer von Zeiten und Orten, aber langsam kann ein innerer Resonanzbild sich aufklären, wo ich mich selbst wieder erkenne in Verhältnis zu dem, was in der Geschichte wirksam gewesen ist.
Wenn eine solche doppelseitige biographische und geschichtliche Übung während Jahre durchgehalten wird, parallel mit den Siebenjahresrhythmen und in den Knotenpunkten, kann das Ich in seinem Organismus wachsen, in seiner Freiheitssphäre, in seinem Liebeselement. Ich-Kunst. Interessekunst. Karmaforschung.
Der Ich-Kunst kann beschrieben werden als eine Situation von einer nach innen gekehrten Besinnung, einer nach außen gekehrten Aufmerksamkeit. Interesse im Jetzt. Wie stehe ich im Leben? Wie steht mein Nächster im Leben? Wie verhalte ich mich zu meinem Nächsten? Wie verhalte er, sie sich zu mir? Und wie habe ich früher in meinem Leben gehandelt? Wie haben die Anderen gehandelt? Das Ich-Gedächtnis. Die Biographien meiner Mitmenschen. Wie sahen ihre Leben aus, ehe wir uns begegneten? Zu welchen Sprüngen von einem Lebensabschnitt zu einem nächsten haben diese Begegnungen mitgewirkt? Oder keine Sprünge überhaupt, sondern der Kontinuität ist aufrechterhalten.
Das Ich-Gedächtnis entwickelt aus dem Willensfeld ein Gefühl für verschiedene Phasen in der Biographie, das bildhaft und unverwandelt oder umgewandelt entstehen lassen bestimmte historische Qualitäten. Die Ich-Erinnerung gibt den Bildcharakter der karmischen Zusammenhänge.
Die Ich-Erinnerung macht die Biographie zu einem Bildtableau für historische Impulse. Ich erblicke, dass diese Impulse eventuell bei mir selbst und bei den Menschen in meiner Umgebung aufleben, oder, dass sie unterdrückt existieren, jetzt oder früher.
Das Geschichtsstudium entwickelt aus dem Denkensfeld eine Menschheitserinnerung, das Geschichtsgedächtnis, das die Geschichte transparent macht, durchsichtig für Ich-Impulse, Gruppenimpulse oder hierarchische Impulse. Das ich kann sich im Jetzt verankern, aber es kann sich in der Geschichte frei bewegen. Das ist das Signum der Bewusstseinsseele, ein Ich-Bewusstsein, das in der konkreten körperlichen Situation in der Gegenwart die Verbindung findet zum Wir-Bewusstsein, das von den Körpern im Raum und in der Zeit unabhängig ist.
Das Ich entwickelt für sich selbst ein Selbstgefühl, das gleichzeitig ein Wir-Gefühl ist. Aber das Du-Gefühl ist der entscheidende Punkt. Der Interessepunkt. Die drei Seelenqualitäten - das Ich-Gefühl, da Du-Gefühl und das Wir-Gefühl - sind im Ich vereint, das jetzt von dem Physischen, was gewesen ist, wegsehen kann. Das Ich übersieht aber nicht das Physische, das gerade existiert. Im Ich wird geschaffen eine Substanz, das nur geistig ist. Das spirituelle Ich, das geistige Selbst, das Geistesselbst als Möglichkeit.
Das Ich wird ein offenes Feld, ein empfangender Grund für die Bilder und für die Impulsströme. Das Ich ist ein biodynamischer Acker. Er wird im Herbst vom Ich im Umkreis gepflügt. Ich-Individualität und Gemeinschafts-Individualität. Wechselwirtschaft durch Siebenjahresperioden.
Das Schicksalsfeld im Ich. Das Karmafeld. Eine Kulturlandschaft. Jetzt kann das Ich sich in diesem Feld orientieren, aber es ist doch nicht ganz erleuchtet. Es ist als wenn der Mond von einem klaren Sternenhimmel eine Septembernacht leuchtet. Das Mondlicht offenbart im Karmafeld die Ackerfurchen aus der Vergangenheit. Der Silberpflug hat geeggt. Das Ich-Sein kann nicht verstanden werden aus der Begrenzung, die diese letzte Biographie verpfändet.
Nur durch volle Bereitschaft in empfangender Haltung - es regnet und stürmt - kann ich die Zeitpunkt für den Saat erwarten. Das Ich findet die Handbewegung, entdeckt die Richtung, nimmt neue Schritte nach vorne. Wagt, auf der Bühne aufzutreten. Wagt, von seiner eigenen Ausstrahlung geblendet zu werden.
Der Sonnecharakter besteht schon im Mondartigen. Begreife ich die Mondstrahlen nur als Schicksalsschläge, kann ich noch nicht die Sternenschrift deuten. Schaffe ich, zu sehen die ausgestreckte Hand, wo die Strahlen den Ich-Organismus treffen, kann ich anfangen, in der Lebenslinie zu lesen, in der Herzlinie, in der Gedankenlinie. Ich sehe die Begegnungsplätze. Ich sehe einen kosmischen M, das ein menschlicher M ist. Der andere Adam sät auf dem Acker. Michael bereithält die Aussaat.
Ich kann die Hand annehmen, die Spiegelung zurückrufen. Das Silber verwandelt sich, wird in einem Wachstumsprozess eingegliedert. Wendet sich gegen das Sonnenlicht. Oder ich gebe es zu jemand, zu dir. Ich hänge die Medaille um deinen Hals und du hast gesiegt. Kann wieder reden. Kann die Liebeserklärung aussprechen. Aber ich selbst habe nicht deshalb verloren, sondern bin sozusagen verlobt mit dir und mit den allen Menschen, die ich in dieser Weise begegnen kann. Und das reicht. Wir dürfen uns gegen neue Aufgaben wenden.
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Diese bildhafte Beschreibung von Prozessen in der Entwicklung des Ich in einer Gegenwartsinkarnation, kann zuerst den Eindruck geben, dass es sehr einfach sei. Die Beschreibung zeigt auf einfache und selbstverständliche Schritte. Aber es ist überhaupt nicht einfach. Aber dennoch versuchen, im Schwierigen und im zeitweilig Unmöglichen die Schritte zu beschreiben. Im Denken einen Schritt vorher zu sein. Und im Denken die historischen und biographischen Felder zu integrieren.
Im biographischen Feld kann ich zum Beispiel nach Jahren der Rückblicke und der helfenden Skizzen ein Ereignis in der Kindheit entdecken, das ich immer als etwas Bedeutendes gesehen habe, aber trotzdem nicht dessen vollen Bedeutung gesehen habe, dessen Ausmaß. Üblicherweise teilen wir das Leben auf in Siebenjahresperioden, und wir versuchen sehen, wie die Wesensglieder graduell sich durchsetzen oder freimachen. Und wir setzen dieses erläuternde Schema auf unseren eigenen Leben um. Zuerst scheint es ziemlich gut zu stimmen. Aber dann geschieht etwas in einem bestimmten Alter, das mit einer Wendung die Schärfe einstellt, und ich sehe, dass die Vorstellungen von den Übergängen dieser Siebenjahresphasen total falsch gewesen sind. Die Verfrühung fällt auf und wirft ein neues Licht über meine ganze Biographie.
Mitten im Winter als ich fünf Jahre alt war, spielte ich mit meinem älteren Bruder und mit zwei Kameraden auf dem Eis eines Flussbeckens, wo wir am Sandstrand bereits im Sommer oft spielten. Dort gab es nun eine offene Rinne, und ich glitt in das eiskalte Wasser und versank unter der Eiskante. Die Erinnerung fängt an, indem ich von meinem Bruder und vom einen Kameraden herausgezogen werde. Und dann die Wanderung nachhause mit knirschenden, steifen Kleidern über die schneebedeckten gepflügten Felder und danach der warme Empfang zu Hause.
Über dreißig Jahre später zeigt sich dieses Ereignis in seiner vollen Bedeutung dadurch, dass der Lebensorganismus in einem Jungen geboren wurde, der sofort lernte, zu schreiben und zu lesen, und er legte los, Besorgungen zu machen, z. B. Hin zu einem benachbarten Bauernhof zu gehen, um Eier für die Pfannkuchen zu kaufen.
Nachfolgend setzt in der Biographie fort die rhythmische Austeilung der kommenden Wesensglieder nach Siebenjahresmuster. Aber der Einsicht von dieser biographischen Uhr ist durch das Ich in der Bewusstseinsseele gekommen. En Fenster ist aufgemacht von außen und von innen kommenden Energien.
Die Ich-Kunst und die Interessewissenschaft holen heraus ein karmisches Material, eine Schicksalspalette, ein Vorrat, das macht, dass das Ich schon in der Inkarnation eine Verwandlung, eine Arbeit anfangen kann, die sonst gemacht wird mit hierarchischer Hilfe in der Exkarnation, nach dem Tod. Dieser Karmasubstanz bekommen wir zum Teil aus individuellem Einsamkeitsstreben, aber zuerst in der sozialen Gemeinschaft kann dieser Substanz stärkt, rhythmisiert, potenziert werden. Silber wird zum Gold. Die Karmasubstanz wird im umgekehrten Kultus, im karmischen Kommunion zu einem Pharmakon. Ein Heilmittel. Gegenwart und vergangen Zeit bilden Zukunft im Raumesdimension. Alle Relationen füllen einen Funktion, füllen einen Becher, füllen eine Schale. Der Gral.
So haben wir den Schlüsselbegriff von Plato wiedergefunden. Pharmakon. Als das Denken seine Mutter in den Mysterien verließ. Als das Denken eine menschliche Angelegenheit wurde während der früheren Epoche, über welche die Michaelwesenheit inspirierend die Fackel hielte. Während des historischen Ablaufes ist dieses michaelische, olympische Feuer verbreitet worden auf alexandrinischen Wegen eingefügt des Menschen eigenes aristotelisches Öl - ohne den Geist in der Flasche.
Das Öl wurde in den intimsten Ereignissen des Christentums einverleibt zwischen Männlichem und Weiblichem vor der Golgatha Wanderung. Um wieder verwandelt und entwickelt zu werden in Rede und in Schrift, in Bild und in Architektur, zwischen Kaiser und Papst, König und Erzbischof, Stättegründer und Abt, Sänger und Hofdame als ein oleum basileum, das wärmte und heilte, öffnete und versiegelte die langsam sich gegen den Himmel erhebende und gegen die Rätsel der Erde sich sehnende Menschenseele.
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Das Ich-Gedächtnis kann im Kreis der Freunde und der Bekannten verschiedene Relationen zu den historischen Feldern unterscheiden. Das Ich kann sich positiv entwickeln in direkten Relationen zum ganzen Kreis. In verschiedenen Gruppen, in verschiedenen Konstellationen kann das Ich Widerstand begegnen. Gewisse historische Elemente, die sich nicht verwandelt haben, sie nicht in die Schale gelegt wurden, können solche Relationen überschatten. Die historischen Felder lösen einander nicht nur ab in der Biographie, sondern sie überschneiden sich. Ein undurchdringlicher Teppich, ein Läufer kapseln die Iche ein in Verhältnis zueinander. Hunde liegen unter diesen Belägen begraben. Ein surrealistisches Muster in diesen Bildern der Biographie zu sehen, ist nicht schwierig.
Krisen im Sozialen, in der Ehe, auf einem Arbeitsplatz, in einem Kollegium können davon verursacht werden, dass die historischen Motive die Relationszusammenhänge verschieben. Das Ich in der Bewusstseinsseele öffnet für die karmischen Fäden. Wenn das Ich zurückgeworfen wird auf die Gemüts- und Verstandesseele brauchen wir den Reinkarnationszusammenhang nicht. Das Ich kapselt sich ab. Bildet Kirche, Staat, Kloster, Orden. Das Ich schafft sich ein Mittelalter. Das Ich kann aber in der Inkarnation in der Gegenwart leben, es kann sogar im anthroposophischen Feld mit unterschiedlich gefärbten Mitgliedskarten tätig sein.
Diese karmisch historischen Schichten, dichte oder transparente, sind Lebenselement für bestimmte geistige Wesen, die die historische Entwicklung begleiten.
Allenfalls die karmische Kommunion irgendwie gehemmt wird, kriegen diese Wesen dennoch die Chance, mit derselben Kraft zu wirken, wie ein Ich in der Initiative, in der Entscheidung, in den Vereinbarungen. Rudolf Steiners außerordentliche Einsatz und Wirksamkeit nach dem Goetheanumbrand kann als Beispiel gesehen werden, wie diese Wesen stattdessen sich bewusst im Dienst für Ziele stellten, die mit einer positiven Entwicklung im Einklang steht. Das karmische Feld, in welchem Anthroposophen und anthroposophisch berührte Menschen heute stehen, ist viel mehr komplex als vor 70 Jahren. Die Hilfe gibt es aber auch viel näher. Sehr nahe dem Ich.
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Plato stand noch in der Schlussphase von den Aufgaben der uralten Mysterien mit Verankerung in der Leitung planetarischer Wesen und in der Sternenweisheit. Plato war der Erste, der die Fackel empfing und die Flamme in der Grotte der Seele entzündete. Er ist in der Grotte stehen geblieben, und zuerst in der Gegenwart wartet er auf die Möglichkeit, herausgerufen zu werden. Aristoteles dagegen ging mit der Fackel aus der Grotte heraus und zündete der Funke im Wesen des jeden Dings in der Welt. Er gründete die Philosophie als Wissenschaft mit der Vielfalt von systematischen Lehren, die wir noch heute haben als Treppe hinauf zu den Pyramiden der Gelehrsamkeit.
Mit Mohammed und mit dem Islam geschah im 7. Jahrhundert ein Aufwachen in der Verstandeskultur der Seelenkräfte, die ein sublimes Verhältnis zum göttlichen Vaterwelt entwickelte. Die christliche Kultur entwickelte gleichzeitig die Seelenkräfte, die das Leben der Seele nach dem Tod aufblühen wollte in der Nachfolge des göttlichen Sohnes. Das muslimische Gebet - Richtung zur Erde. Das christliche Gebet - Richtung zum Himmel.
Eine Vielfalt Polarisierungen ging weiter, und umwechselnde Verhaltensweisen lebten sich aus bei Individuen und in verschiedenen Ländern und lösten sich ab während des Mittelalters. Die Polarisierung zwischen einer Art Sonnenkultur und einer Mondenkultur verstärkte sich ab dem 11. Jahrhundert mit den Kreuzzügen, mit den Gründungen vieler christlicher Orden und mit der Konsolidierung der muslimischen Welt während der Herrschaft Saladins - Salah ad-Din Yusuf bin Ayyub - im 12. Jahrhundert.
Der Übergang von einem Raphael- zu einem Samael-Zeitalter geschah im Jahre 1190. Der dritte Kreuzzug war im Gang, aber als Friedrich Barbarossa starb beim Ertrinken während eines Feldzugs und Richard 1. von England, genannt Löwenherz, wegen politischen Unruhen im Heimatland gezwungen wurde, umzukehren, misslang die Wiedereroberung Jerusalems für lange Zeit.
Als die Kathedrale von Chartres im Jahr 1194 nieder brannte, dämmerte eine neue Zeit. Wie in einem Brennpunkt sammelten sich nun all die christliche Bildung und Innerlichkeit, die sich entwickelt hatten durch die Breite der Lehrer und Schüler, die auf diesem heiligen Platz der Mutter während 200 Jahre gewirkt hatten. Namen wie Fulbert, Bernhard von Chartres, Bernardus Silvestris, Gilbert de la Porée, John of Salisbury, Alanus ab Insulis wurden in die vielfältigen Kunstwerke der Kathedrale eingeordnet. Die Kirche wurde in weniger als dreißig Jahren gebaut.
Gleichzeitig als diese und andere gotische Kathedrale sich gegen den Sternen rund um in Europa sich erhoben, fand eine andere künstlerische und spirituelle Konfrontation statt. Worte und Töne begegneten sich in einem Brennpunkt im sogenannten Sängerkrieg auf der Wartburg im Jahre 1206.
Minnesänger und Dichter trafen sich auf dieser Burg mitten in Europa auf einem Platz, der während der späteren Hälfte des 20. Jahrhundert an der Grenze der geteilten Europa gelegen hat, eine Sache, die wir nun fast vergessen haben. Sie trafen sich, um der Gunst der Fürsten und der Hofdamen zu genießen. Walter von der Vogelweide, Wolfram von Eschenbach, Reinmar von Zweter kämpften um die Ehre der Fürsten und um ihr eigenes Ansehen. Aber es gab einer, der gegen allen anderen war: Heinrich von Ofterdingen.
Falls Heinrich verlor, sollte er erhängt werden. Der Henker war schon ernannt. Heinrich entzog sich der Sache und rief der Zauberer Klingsohr von Ungarn. Dieser wirkte mit in diesem Sängerkrieg so, dass er mit Hilfe eines singenden Jünglings auf die Stelle des Heinrichs von Ofterdingen eintrat. Klingsohr lockte sozusagen den Geist wieder in die Flasche, er ließ geistige Wesen anwesend sein, und er fügte ein solches Wesen in die singende Seele des Jünglings ein.
Wolfram von Eschenbach, der Gralssänger, wurde gedrängt und erst als er begann vom heiligen Abendmahl zu singen, von der Anwesenheit Christi in der Transsubstantiation, musste der Geist weichen. Aus diesem Geist wuchs eine Vielfalt von Wesen, die sich über die Erde verbreiteten. Idole nannte Rudolf Steiner diese Art von geistigen Wesen, die im Schicksalsfeld entstehen. Es gelang Klingsohr, der die Sternenweisheit besaß, Wolfram zu beweisen, dass dieser ein sternenloses Christentum besaß. Der Gralssänger kannte nur dasjenige, welches ausgelassen hatte das kosmische Christentum. Klingsohrs Weisheit aber hatte nicht das irdische Christentum aufgenommen, weswegen seine Kunst eine Auswirkung von schwarzer Magie hatte.
In diesem Zusammenhang führt es zu weit, die karmischen Verläufe vorzuführen, die die betreffende Individualität durchging. In den Karmavorträgen informiert Steiner von diesen Motiven. Das Wichtige in diesem historischen Beispiel ist die allgemeine Tendenz des Wesensartigen, das weitergeht. Dieselben geistigen Wesen, die heraus beschworen wurden bei diesem Sängerkrieg im Mittelalter, tauchten wieder auf im 19. Jahrhundert im Vorspiel am Kampffeld, wo Michael sein Zeitalter vorbereiten sollte. Und während der Jahre vor 1879 mussten die Mitarbeiter Michaels in den erdnahen übersinnlichen Feldern diesen Wartburg-Wesen in neunen Ringen begegnen. Diejenigen Wesen, die damals zwischen 1840-79 nicht verwandelt werden konnten, sangen Gesänge für viele Wissenschaftler, Philosophen, Autoren, Denker, Erfinder, Politiker und andere, meist Männer, während dieser Jahre und später. Und diejenigen, die von anderen Geistern inspiriert wurden, verstummten oder wurden eingeschüchtert. Außer eine Anzahl, die gegen den Strom gingen.
Zurück zum Jahr 1206.
Weit drüben in Asien wurde ein begnadeter und imponierender mongolischer Leiter Namens Temüüdschin von seinem Volk huldigt. Er bekam den Titel Dschingis Khan. Während den folgenden Hundert Jahren wurde durch die Leistungen dieses Mannes die Machtbilanz der ganzen Welt verändert. Viele dieser Mongolen, die sukzessiv enorme Landstriche im Süden und im Wesen unter sich legten, wurden Christen.
Der Großkhan Möngke (regierte die Mongolei zwischen 1251-59) soll nach einigen Historikern wie viele Männer in seiner Umgebung selbst Nestorianer gewesen sein. Er gönnte auch den Buddhismus und den Taoismus und er schützte den Islam. Diese bewusste Toleranz war eine Konsequenz der ursprünglichen Volksreligion der Mongolen, ein Anemismus, wo die Welt von Naturwesen und Göttern bevölkert ist. Alle Priester, die man dachte, dass sie über geistige Mächte einen Einfluss hatten, wurden von den Mongolen respektiert, unabhängig der religiösen Zugehörigkeit. Ludwig IX, der Heilige, schickte den flämischen Franziskanermönch Wilhelm von Rubruk (Willem van Ruysbroek) als Gesandter zu Möngke.
Gleichzeitig waren in Paris die Dominikaner Albertus Magnus und Thomas von Aquin (1225-74) wirksam an der Universität, um zu christianisieren die aristotelische Philosophie, die jetzt Europa in arabischer Abzapfung bekommen hatte. Bernhard Lievegoed beschreibt in seinem Buch Die Rettung der Seele die folgende Situation am Schluss des Lebens von Thomas: „Es kommt ein Augenblick im Leben von Thomas, als er eine innere Offenbarung kriegt. Er schaut dann, wie sein wahres geistiges Wesen sich in der Lichtsphäre der Sonnenwelt offenbart. Nach dieser Erfahrung zieht Thomas sich zurück vom öffentlichen Leben und sagt kein Wort mehr. Er schweigt.“ (4)
In diesem letzten Schweigen erschien für Thomas das innere Bild des Jahres 1206. Mit seinem himmlischen und irdischen Karmamöglichkeiten. Eine der Möglichkeiten war, dass nach 1250 die christliche Welt in Europa hätte der mongolischen Gefahr mit ausgestreckten Armen begegnen können. Eine atlantische Frage wurde der Christenheit gestellt. Trotz z. B. den Empfehlungen des englischen Königs Edward I. (1272-1307), dass man sich mit den Mongolen alliieren sollte, begegnete Dschingis Khans Nachfolger bei den Christen eine massive Unverständnis und eine konsequente Eigenmächtigkeit. Und die mongolische Seele wurde aus moralischen Gründen muslimisch, rechtschaffen. Europa zeigte Asien den Rücken und segelte bald gegen den Westen mit dem Christentum der Kanone. Das Gold lockte. Das Gold der Erde.
6
Etwas vor, zugleich und etwas nach diesem Jahreszahl 1206 fand im übersinnlichen Michael-Feld ein Treffen, eine Beratung, eine Verhandlung, ein Kollegium statt. Viele der Lehrer und Schüler, die in der Schule von Chartres teilgenommen hatten, waren anwesend inklusive Individualitäten, die später vor allem im Dominikanerorden wirksam wurden. Rudolf Steiner beschreibt ein intimes Motiv in diesem Kollegium:
„Es war von tiefer eingreifender Bedeutung, z. B. als Alanus ab Insulis - so hieß er während seinem Erdenleben - von der geistigen Welt einen von ihm gut unterrichteten Lehrling nieder sandte, um zur Erde nieder zu senden gewiss alle die streitenden Meinungen, die zwischen Platonismus und Aristotelismus sein konnten, aber sie so nieder zu senden, dass eine Harmonie aus den damaligen scholastischen Prinzipien entstehen konnte. (…) Die Art, wie er einen Lehrling nieder sandte, drückte sich dadurch aus, dass er diesen Lehrling nieder sandte, um durch den Dominikanerorden noch mehr die Aufgabe losschicken, die zum Aristotelismus übergehen konnte. Der Übergang, der vorlag, drückte sich speziell dadurch nach außen durch ein Symptom aus: dieser, ich würde sagen wollen, überirdische Lehrling von Alanus ab Insulis, trug zuerst Zisterziensertracht, aber er wechselte sie später gegen der Dominikanertracht.“ (5)

In diesem Kollegium im übersinnlichen Feld kamen die folgenden Willensbekundungen auf: Ein Kreis sollte unmittelbar hinuntersteigen, um für die Heimatrecht des Ich auf der Erde zu wirken. Derselbe Kreis sollte diese Arbeit fortsetzen am Anbruch der Michael-Zeitalter gegen Ende des 19. und am Beginn des 20. Jahrhundert. Der andere Kreis, der bereits während des 12. Jahrhunderts wirksam gewesen war, schaute nach vorn gegen das Ende des 20. Jahrhunderts als eine Zeit, die reif sein sollte für eine gemeinsame Arbeit im irdischen Feld für die Spiritualisierung dieses Feldes durch die Spiritualisierung des Ich.
7
Was als Anthroposophie in der modernen Geschichte mit dem Werk Rudolf Steiners erscheint, hätte auch durch andere kommen können. Steiner wies hier besonders hin auf seinen Lehrer, der Goetheforscher Karl Julius Schröer (1825-1900). Aber Schröer zurückschreckte vor dem massiven intellektualistischen Materialismus. Zuerst mit der Stütze Michaels im Rücken schaffte Steiner schrittweise, ausgegangen von Goethes Phänomenologie, die Abgrundphilosophie des Friedrich Nietzsche (1844-1900) zu überbrücken, bei welcher das Ich sich selbst in buchstäblicher Meinung ausrottet.
Rudolf Steiner stieg aus dem Schweigen hervor und erscheint als einer der markantesten Redner der Geschichte. Seine Anthroposophie ist ein Werk eines Individuums als Antwort auf die Abgrundfragen von tausenden Zuhörern vor und nach dem ersten Weltkrieg. Mit einer Weitsichtigkeit, die dem normalen Auffassungsvermögen übersteigt, sprach Steiner zum Menschen-Ich als solches. Iche in Seelenkonfigurationen von allen volkstümlichen und religiösen Sorten erleben sich berührt von dieser Anthroposophie, aber nicht wie von einem Schlag, sondern wie von einer Handbewegung, die heilt. Mit der Freiheitsphilosophie und mit der Anthroposophie entwickelte Steiner die westliche und die asiatische Theosophie, etwas, was die Individualität eines jeden in einem globalen Perspektiv stellt. Jedes ethnisches, religiöses, kulturelles, soziales und politisches Problem wird heute eine Frage der Wesensbegegnung sein.
Eine Forschungsaufgabe, mit der wir fortsetzen könnten, wäre den ganzen Kreis von Mitarbeitern hervorzuheben, der direkt und indirekt an der Seite Steiners stand mit der Entwicklung der Anthroposophie. Und in dieser Forschung darauf hinzuweisen, wie sie beitrugen. Sodass dadurch der Einsatz von Steiner noch mehr als Vorbild für soziale Lösungen hervorgeht. Dort gab es freilich auch Andere von Dignität, aber Hochsinn versteckt sich oft in menschlichen Formen.
8
Als ein markantes Motiv im Historiegedächtnis zeigt sich die Anthroposophie heute. Sie zeigt sich im Rückblick gegen den historischen Fond. Auf welcher Art diese Impulse in der Zukunft als fruchtbare fortsetzen werden, berührt zwei Fakten, die die Anthroposophie heute radikal anders macht als in der Zeit Steiners.
Ein erstes Faktum. Zwischen uns und der Beginn des 20. Jahrhunderts sind die neuen Taten Christi im ätherischen Feld, die von Steiner schon 1910 in ihren prinzipiellen Charakter beschrieben wurden. Aber seit den 1930er Jahren gibt es dieser neue Einschlag in der Entwicklung des Christentums, der in das Schaffen der Anthroposophie hineinleuchtet, der in jedem Ich den Schmerz zu menschlicher Weisheit verwandelt. Der Ich-Kunst hat diese neue Farbe, diesen neuen Ton bekommen. Dass dieser neue Einschlag außerhalb traditionellen anthroposophischen Zusammenhängen eine größere Dynamik entfalten kann, zeugen viele Aktivitäten und Taten in der Gegenwart.
Ein anderes Faktum. Sehr viele Strömungen sind jetzt gegenwärtig. Verstorbene und noch nicht Geborene müssen auch zum ätherischen Faktizität dazu gerechnet werden. Hier gehören diejenigen dazu, die mit mir sind, und diejenigen, die gegen mich sind. Die Andersartigen und die Gleichgesinnten. Die Hauptströmungen, mit welchen ich verbunden bin, und diejenigen, mit welchen ich nicht verbunden bin. Mondkarmische Band und sonnenkarmische Öffnungen. Es ist ein großer Kreis. Ich steh in einem großen Kreis drinnen. Alle Farben sind repräsentiert. Da stehen wir als Individuen in der konkreten Lebenssituation. Das Ich zieht durch den Kreis, es ist bereit an den Abgründen zwischen dem Hellsten und dem Dunkelsten. Alles ist wesensgemäß.
Und dennoch kann eine Verschließung eintreten.
Das Historische kann verschließen. Die Spiegelung. Ich verzichte aus verschiedenen Gründen von diesem Wesensartigen. Es ist unbequem. Die Zuschnürung entsteht drinnen und draußen.
Auch nicht ein Erdbeben, wo genauso viele Individuen durch den Tod gegangen sind, wie es heute Anthroposophen sind, schafft es, die Pforte zum Leben offen zu halten. (6) Aber Christus wirkt im ätherischen Umkreis, stellt aufs Neue das Ich als Zentrum des Universums hin. In jedem Augenblick, in jedem Ich. Hier und dort.
Und das Ich kann eine Möglichkeit freilegen, sich freimachen, eine Lösung finden. Dann sieht ein Du. Du siehst und hörst. Wir sitzen zusammen und sehen uns die Bilder des Lebensdramas an. Das Ich-Gedächtnis und das Geschichtsgedächtnis. Wir stellen uns alle von den Stuhlreihen auf und gehen den Verstorbenen entgegen. Siehe da: der Grundstein zu einer umgekehrten Kathedrale. In ihr gehen die Verstorbenen mit uns hinein und werden Mitglieder in eine Gesellschaft durch ein kosmopolitisches Ich-Bewusstsein, auf eine Fähre ohne Visier - wenn sie einen einzige Farbe sehen, des Inkarnats, wenn sie einen einzigen Ton hören. (7) Angeführt von Julius Knierim zu einem Lied, das macht, dass Geister hinhören und sehend werden in Abgründen, sie sehen die Hand Michaels und erinnern sich, dass er nicht schlägt. (8) Sie wissen dann, dass sie ihr Pharmakon behalten dürfen.
Die Ich-Kunst kann in deinem Haus malen - Umkehrung der Geister, Domestikation der Dämonen.
Die Karmaforschung kann dramatisiert werden auf deiner Bühne - die Ver-Engel-Ichung der Iche.
Und Engel mit mehreren sehen dasjenige, was wir dann sehen können, hören dasjenige, was wir hören können. Und Barbarossa, Alanus, Saladin, Dschingis Khan, Thomas, Möngke und alle Andere tun dasselbe - sie singen.
Der Halbmond schaut die Sonne an und lächelt, weint und wählt die Erde. Die Erde nimmt ihn entgegen, und wir und diejenige, die Anthroposophen werden wollen, können unsere Toden begraben in Angola, in Bosnien, in Estland, in Japan, auf Hawaii, in Ruanda, in Schweden, in der Schweiz. Kein Wesen braucht nicht mehr, sich gehetzt zu fühlen. Das Ich hat sich selbst ermahnt, im Interessefeld zu leben. Ich - ermahne.
Noten 2008
1. Der betreffende Aufsatz war um 1984-85 im schwedischen Mitteilungsblatt der Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft gedruckt.
2. Das schwedische Verb ‚jaga’ enthält das Wort ‚jag’=ich. Eine deutsche Neuschöpfung mit ichen bringt hier leider wenig. Vernichten ginge zu weit.
3. Mein Lichterlebnis als Kind ist im ersten Kapitel meiner karmischen Autobiographie beschrieben.
4. Ich habe Lievegoeds Text aus dem Schwedischen zurück ins Deutsche übersetzt, ohne das Original zu vergleichen.
5. Ich habe Steiners Text auch aus dem Schwedischen zurück ins Deutsche übersetzt, ohne das Original zu vergleichen. Der in diesem Zitat gemeinte spätere Dominikaner soll Albertus Magnus sein, der Lehrer des Thomas von Aquin.
6. Es wird ein großes Erbeben in Indien im Herbst 1993 gemeint.
7. Es wird an die Estonia-Katastrobe angespielt. Die M/S Estonia war eine RoRo-Ostseefähre, die am 28. September 1994 auf ihrem Weg von Tallinn nach Stockholm vor der finnischen Insel Utö sank.
7. Julius Knierim, geboren 1919 in Kassel. Er studierte Musikwissenschaft und Schulmusik in Berlin. Nach dem zweiten Weltkrieg begann er mit seiner musikalischen Tätigkeit am Michaelshof in Hepsisau, einem Heim für schwererziehbare Kinder und Jugendliche. Hier blieb er bis kurz vor seinem Tod 1998. Julius Knierim war Mitbegründer und langjähriger Dozent an der Freien Musikschule; die wesentliche Zielsetzung lag für ihn im Einklang von Kunst, Pädagogik und Therapie. Er entwickelte das Freie Musizieren auf der Leier und weiteren Instrumenten und setzte sich sehr für die Choroi-Werkstätten und die Entwicklung neuer Instrumente innerhalb dieser Bewegung ein. Bei der Michaelikonferenz in Dornach 1993 lernte ich ihn persönlich kennen.
Kommentar 2008
Als der Aufsatz damals in schwedischer Sprache erschien, wurde er wahrscheinlich von einigen hundert Abonnenten gelesen, und vielleicht von einigen, die das Heft in den anthroposophischen Buchhandlungen in Järna und Stockholm kauften. Jedenfalls kriegte ich kaum eine Rückmeldung. Im Rückblick kann es sehr interessant sein, diesen Aufsatz und die Bestrebungen, die dahinter leben, in den seitdem bekannten Ereignissen in der anthroposophischen Szene um den Millenniumwechsel einzuordnen. Beim Schreiben war ich mir damals bewusst, welche Individualitäten hinter einigen der Namen sich versteckten, die von Rudolf Steiner karmisch behandelt und von ihm mit früheren Leben versehen worden sind. Das gilt für Walter von der Vogelweide, Wolfram von Eschenbach, Thomas von Aquin und Karl Julius Schröer.
Für Wolfram kam mir im Herbst 1996 die Erkenntnis, dass er mit der schwedischen Historikerin und Autorin Rut Nilsson karmisch identisch sein müsste. Sie hatte als junger Mensch den Goetheanumbrand 1921-22 erlebt. Sie war 1963 eine neben Arne Klingborg der Gründer des Rudolf Steiner Seminars in Järna, wo ich sie ab 1973 als Lehrerin z. B. der Gralsliteratur zu schätzen lernte. Der Sängerkrieg auf Wartburg 1206 wurde vom Landgraf Herrmann von Thüringen (1155-1217) arrangiert. In ihm sehe ich die in Schlesien geborene Karin Ruths-Hoffmann, die Rudolf Steiner in der ersten Waldorfschule in Stuttgart persönlich kennen lernte. Sie wurde auf seinem Rat Kindergärtnerin. Als ich sie 1973 kennen lernte, war sie in Järna tätig, u. a. mit Kursen über Christentum und Buddhismus. In meinem 1. Buch habe ich sie gewürdigt.
Ab 1996 sind einige der weiteren Namen für mich mit Individualität erfüllt worden. Das gilt für Dschingis Khan, in welchem ich den späteren für uns heute allen bekannten Joseph Beuys (1921-86) erkenne. Nach seinem Tod schrieb ich eine Würdigung seiner künstlerischen Tat in der Zeitschrift Antropos. Ähnliches gilt auch für Saladin, in welchem ich den dänischen Eurythmisten und Autor Christian Høgsberg (1948-90) erkenne. Er war viele Jahre auf der Goetheanum-Bühne tätig und gründete u. a. eine Eurythmieausbildung in Dänemark. Zu Weihnachten 1998 stellte ich meine karmische Erkenntnisse über Christian Høgsberg in einem internen Vortrag in Walsheim vor, nachdem ich eine übersinnliche Austausch mit ihm gehabt hatte.
Über Karmische Zusammenhänge zur Individualität Friedrich Barbarossas besprach ich mit der in Järna damals tätigen dänischen Künstlerin Sonja Robbert (1908-2001) nach ihrer dringlichen Nachfrage darum im Jahre 1997. Als ich in meinem karmischen Autobiographie (1999), die sie las, weitere karmische Zusammenhänge erteilte, ohne ihren heutigen bürgerlichen Namen damit direkt zu verbinden, brach leider unser einst so kollegiale und freundschaftliche Beziehung ab.
Die hier genannten Chartres-Lehrer John of Salisbury und Alanus ab Insulis habe ich ebenfalls erkannt und setze sie mit bestimmten heute lebenden Persönlichkeiten in identischer Verbindung. Jeder kann darüber spekulieren, wer sie sind, aber direkte Hinweise von mir können nur in totalem Schweigen vermittelt werden. Dasselbe gilt für Friedrich Nietzsche, den ich ebenfalls in seiner heutigen Inkarnation persönlich begegnet bin.
Eine Aufarbeitung bis zum heutigen Stand dieser und ähnlicher Zusammenhänge samt Gesichtspunkte und Fragen über die sogenannte Kulmination der Anthroposophie oder die eventuelle Verwesung derselben am Ende des 20. Jahrhunderts und deren eventuellen Auswirkungen muss bis einerlei wann warten.
Blieskastel, 29. August 2008
Jostein Sæther
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Römische Kopie eines griechischen Platonporträts des Silanion, Glyptothek München
Büste von Aristoteles. Marmor. Römische Kopie nach dem griechischen Bronze-Original von Lysippos, um 330 vor Chr. Der Alabaster-Mantel ist eine Ergänzung in der Moderne.
Friedrich I. Barbarossa. Miniatur aus einer Handschrift von 1188, Vatikanische Bibliothek.
Walther von der Vogelweide, Codex Manesse, um 1300
Wolfram von Eschenbach; Autorbild als Ritter im Codex Manesse
Sängerkrieg auf der Wartburg. Miniatur aus dem Codex Manesse.
Dschingis Khan. Bildnis aus dem 14. Jhd.
Thomas von Aquin. Postumes Gemälde von Carlo Crivelli, 1476
Nietzsche um 1875
Rudolf Steiner um 1891/92. Radierung von Otto Fröhlich
Jostein Sæther in Rom 1993 auf einer Kunststudienreise mit Arne Klingborg, Kollegen und Kunststudenten.
Beispiel für die Rezeption Saladins im christlichen Europa: Saladin in einer ritterlichen Darstellung aus einer mitteleuropäischen Handschrift des 15. Jahrhunderts.