Im Eiscafé
Jostein Sæther | Latte macchiato, bananensplitt und stand-up-anthroposophie

Ich sitze im Blieskasteler Eiscafé und werde hoffentlich bald von meinem autohaus angerufen. Wieder musste der noch nicht mittelalterlich gewordene „osteuropäer“ in die werkstadt. Auf der autobahn in richtung „Tiefseeausstellung“ in Basel ist ihm ein linker „rippen“ geplatzt. Wahrscheinlich hatte er eine vorahnung der schrecklichen ungeheuer mit autolichtern bekommen, und jeglicher eventueller versuch, ein taucher zu werden, somit abgelehnt.

Diesmal müssen wir hoffentlich, schon wieder erwähnt, nichts bezahlen, da eine extraversicherung sich einschaltet für die linken fensterscheibenaufzugsmotorbänder - ich muss extra atmen und spüre meine rippen -, die zum dritten mal in kurzer zeit kaputt sind. Das ist übrigens die einzige versicherung, auf die ich momentan mich zurücklehnen kann. Darüber bitte keine rock- oder rückfragen stellen - sondern themawechsel!

Hier im neu renovierten lokal unseres 2. Francescos - der alte rundlichere möbeleinbau gefiel mir besser - kann ich mich jedoch gut zurücklehnen beim lattetrinken und bananensplittessen. Ich erinnere mich die bananensplitte der 70er jahre in Helgesens Konditori in der Hansastadt Bergen, wo ich mit zwei schriftstellern und waldorflehrern - dem dazu historiker und musiker Hans-Jørgen Høinæs und dem dazu vegetargastgeber Bjørn Moen - jeden donnerstag mich traf, um pläne für den abend zu schmieden. Wir waren mitarbeiter der jugendinitiative Columbus, die mit Jelle van der Meulens neumodischem begriff eine art stand-up-anthroposophie repräsentierte. Das bedeutete, dass jeder dort direkt aus dem herzen sprechen durfte, ohne vorbereitete vortragsmanuskripte aus der anzugstasche zu holen. Wir trugen übrigens meistens jeans und pullover ohne krawatte.

Hans-Jørgen durfte selbstverständlich seine farbigen halstücher tragen, ohne angst zu haben, dass er von violetten tanten erdrosselt werden würde. Diese wahlverwandtschaften, die keine dogmen mochten, kamen im übrigen manchmal mit auf unseren weltreisen.  Heute sind die beiden freunde vorgerückt auf eine geistige ebene, wo ich für sie erhoffe, dass sie nicht in eine art integralem MEGA-LATTE-EISCAFÉ granuliert und ausgerührt wie homöopathische Mittel sind. Nein, ich weiß, dass sie als geistige eigenwesen gut behalten sind, und, dass wir uns in einem kommenden leben auf diesem lieben planeten treffen werden.

Unser 1. Francesco mit dem pizzarestaurant „Am Schlangebrunnen“ ist heute hier gast. Wir grüßen einander nur, da er mit den jungen und alten tanten in bliesgauischem lokalgespräch sitzt. Es ist schon zwei jahre her, dass bei ihm viele der auf diesen seiten zu sehenden malereien ausgestellt waren. Damals kamen keiner der temperabilder und engelfiguren zu verkauf, weswegen sie noch im original zu brüderlichen preisen zu beziehen sind.

Wie oben durchzusickern kam, beschäftigen mein innerer assoziationskörper und mein nachdenken sich unbeirrt mit den folgen der marathonleistung, das buch von Sebastian Gronbach (siehe Chronik vom 2. April) in alleinlauf obsiegt zu haben. Aber ich übe das verdrusseln und lese mitunter ohne gronbachassoziationen eine informative studie von Wolfgang Neve über „Was aus Waldorfschülern wurde“ in der letzten nummer der Zeitschrift Lazarus21, in welcher außerdem ein kleiner aufsatz über meditations- und sit-down-anthroposophie von mir abgedruckt ist.

Nach dem zeitschriftlesen und des genießens des cafélebens entscheide ich mich jedoch von vorn für das verdrussen mit gronbachgedanken: Gestern nach dem publizieren der gronbachrezension schaffte ich noch über 25 emails abzuschicken, um einige zuständigen anthroposophischen prominente im deutschsprachigen raum mitenthalten Dornach auf sie aufmerksam zu machen.

Könnte es sein, dass ich mich bei der charakterisierung von Sebastian Gronbach geirrt habe? Er ist doch auch waldorfschüler gewesen! Nur 4,9% aller waldorfschüler werden künstler, stellt die wissenschaftliche studie (Absolventen von Waldorfschulen, Wiesbaden 2007) von Heiner Barz und Dirk Randell fest, auf die Neve sich bezieht. Gehört er zu dieser minderheit oder gehört er zu den 12,6% arbeitskräften ohne nähere angabe? Aber wenn er doch zu jener elitären minderheit gehört, wäre er doch nicht ernst zu nehmen? Falls es bei ihm um eine stand-up-anthroposophie handelt, darf er ja alles über Rudolf Steiner und andere geistige wesen fieseln, quatschen und schwadronieren was er will? Dann ist also sein buch nur ein geck? Und ich bin reingefallen?

Wieso fühle ich mich denn so übel in meinem umkreisbewusstsein und warum muss ich mich impulsiv an das märchen „Schneewittchen“ erinnern? Etwas in meinem integralen schluckauf fühlt sich infiziert. Hat Gronbach versucht, mich einen heimtückischen kamm preis(frei)-zugeben? Ein giftiger gürtel? Ein ungenießbarer apfel? Gewiss habe ich heute morgen einige zu langen nackenhaare abgeschnitten, deshalb brauche ich nicht sofort einen kamm. Dass er überhaupt keinen braucht, verstehe ich, da er einen kahlkopf hat (ist). Aber wozu der gürtel? Ein migränemittel? Und der glänzende apfel? Ich stehe jedoch derzeit auf bananensplitt und nicht auf apfelstrudel und übrigens hat Francesco keine und zum Café Sturm möchte ich akut nicht hinübersprinten. Die drei gaben sind mir wie der Schneewittchen spleen und lebensüberdrusslich.

Ist Sebastian Gronbach eine verkleidete böse königin, eine stiefmutter oder ist er nur ein ungefährlicher kabarettist? Neve bestätigt ja, dass es andere komiker gibt, die die waldorfschule besuchten wie die geschwister Sibylle und Michael Birkenmeier. Die hausfrauen, handwerker und blieskasteler geschäftsleute können mich bei dieser frage schlechterdings weiterhelfen. Aber es wird interessant zu verfolgen, wie sein buch in der anthroposophischen szene begrüßt wird, ob und wie geklatscht, gelacht oder geschluchzt wird. Ich werde mal Bjørn und Hans-Jørgen fragen, was sie aus der perspektive der geistigen michaelsschule von der stand-up-anthroposophie halten.

Auf dem heimweg ist das auto wieder ganz geerdet und ohne rechts- und linksprobleme. Gott (einfach so ohne MEGA, COOL und GEIL) sei dank! Und auf Sebastian Gronbach keinen bananen(bumerang)gedanken mehr zu splittern kann ich mich der schönheit des lebensbereichs des unsichtbaren, aber nichtsdestoweniger realen bliesgaukönigs genießen. Ob er sieben zwerge noch im dienst hat? Gegebenenfalls könnte ich ihn bald besuchen.                                                     
                                                    
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Mit Halstuch ohne kamm und scheere
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Bjørn Moen 1998 
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1943-2006 )
an seinem Landhaus
Hans-Jørgen unterwegs
Bjørn beim kaffeetrinken
Einen stand-up-anthroposoph in Blieskastel
Foto: © W. Belser