Impressionen aus Russland I
Gamamila
5. Mai 2009
Chronikarchiv

8. April 2008
Der Willensweg zu Christus

19. Maerz 2009
Zurückwandlung in frühere Zeiten

8. Maerz 2009
Gibt es im Gehirn ein Organ für karmische Erinnerung?

16. Februar 2009
Stigmatisation

26. Januar 2009
Holger Niederhausen II

20. Januar 2009
Holger Niederhausen I

15. Januar 2009
Die Anthroposophie in Norwegen

5. Januar 2009
Das Traumlied vom Olav Åsteson

12. Dezember 2008
Über die Enthüllung der Mysterien

1. November 2008
Dafür ist Güte nötig

2. Oktober 2008
Anwältin für Rudolf Steiner

23. September 2008
Ist Sebastian Gronbach eine Gefahr?

3. September 2008
Der Almandin

29. August 2008
Ich-Kunst und Karmaforschung

28. Juni 2008
Erleuchtung im Sinne Rudolf Steiners - seine Lichtübung frei interpretiert

24. Juni 2008
Baummeditation

26. Mai 2008
Italien und die Zukunft des Südens

Dieser Sentenz im Titel, entnommen der Grundsteinmeditation von Rudolf Steiner, kommt mir in den Sinn, wenn ich versuche, die Eindrücke während meiner ersten Russlandreise zu formulieren. Vorher dachte ich, dass Russland ein Teil von Europa sei, was er teilweise wahrlich auch geographisch ist. Dennoch sprachen meine neuen russischen Freunde in Moskau andauernd von Europa als etwas auswärts und vom Westen, wenn ich von Begebenheiten in Skandinavien, Deutschland und Mitteleuropa referierte, und wenn es um ihre Perspektive ging. Wenn ich nun bauend nur auf meinen Sinnes- und Seelenseindrücken eine Charakteristik versuche, sind sie so eigen und anders gegenüber allem, was ich vorher kannte, dass ich zum Teil nur berichten kann wie von etwas „Fremdem“. Dieses Wort nehme ich sehr ungern in Gebrauch. Es war für mich quasi ein Fremdwort bis ich 1998 nach Deutschland auszog und dann in fast jedem Dorf Schilder mit dem Text „Fremdenzimmer“ sah.

Meine Vorkenntnisse
über Russland
Die Kenntnisse von Russland, von russischer Kultur und Geschichte, die ich bereits hatte, war nie gering. In den 1960er Jahren war ich einen leidenschaftlichen Ausübender und Kenner der Eisschnelllaufsport, und ich verpasste keine internationalen Meisterschaften durch
Rundfunk und Fernseher, sondern schrieb während vieler Jahre alle Resultate in meinen Zeitlisten auf. Ich hatte große Sympathien z. B. für Ants Antson, den ehemaligen estnischen Eisschnellläufer, der bei den Olympischen Winterspielen 1964 in Innsbruck für die damalige Sowjetunion die Goldmedaille über 1.500 m gewann. In demselben Jahr wurde er auch Mehrkampf-Europameister.

Alle Filme der sowjetischer Filmregisseur Andrei Tarkowski sah ich mit Vorliebe - einige davon, z. B. Solaris,
Stalker und Opfer sogar mehrmals - und im Letztgenannten, der teils in Stockholm 1985 gedreht wurde, spielte ich sogar als Statist mit. Ich sah mit eigenen Augen den weltbekannten Filmemacher oben auf der Drehbühne, wie er mehrmals genau angab die Szene mit den etwa 400 Mitspielern. Während dieser Jahre las ich sein Buch Die versiegelte Zeit. Gedanken zur Kunst, zur Ästhetik und Poetik des Films, das mich dazu bewegte, ein Kurs zum Thema Drehbuchschreiben zu absolvieren. Mein damaliger Wunsch, ein Bühnenbild- und Regiestudium anzutreten, konnte aber nicht verwirklicht, da ich keinen Platz an der Hochschule Dramatiska Institutet in Stockholm bekam.  

Viele russischen Autoren wie Tschingis Ajtmatow, Andrej Belyj, Andrej Sacharow und Alexander Solschenizyn und Dichter wie Alexander Blok und Ossip Mandelstam habe ich mit Fleiß gelesen, und ich schätze die Kunst vieler russischer Maler wie Marc Chagall, Alexej von Jawlensky, Wassily Kandinsky, Kasimir Malewitsch,
Ilja Repin, Nicholas Roerich und Marianne von Werefkin. Während meiner nicht zu Ende gebrachte Geschichtsstudium Mitte der 1990er Jahre beschäftigte ich mich mit Nikolai Berdjajew und gebar die Idee, seine Geschichtsphilosophie der „geschichtlichen Symptomatologie“ von Rudolf Steiner gegenüberzustellen. Auch unter den klassischen russischen Anthroposophen wie Maximilian Woloschin und Margarita Woloschina war ich soweit gewandert, dass ich 1988 einen Vortrag darüber hielt auf einer Russland-Tagung in Järna, wo der norwegische Russlandkenner Peter Normann Waage Hauptsprecher war. Damals fing ich an, sogar autodidaktisch Russisch zu lernen, mit welchem ich aber wegen der neuen Aufgaben mit meiner ersten Vaterschaft aufhörte.

Besonders seit dem Auftauchen von Glasnost und Perestrojka durch Michail Gorbatschow ab Mitte der 1980er Jahre verfolge ich die politischen und sozialen Entwicklungen in Russland und in einigen ehemaligen Sowjet-Staaten wie die baltischen, die Ukraine und Georgien. Das tragische Schicksal vom Anthroposophen und Georgiens erster Präsident nach der Wiedererlangung der Unabhängigkeit 1991, Swiad Gamsachurdia, bewegte mich sehr, als darüber mehrfach berichtet wurde in einer schwedischen anthroposophischen Zeitschrift.

Ich lernte vor Jahren einige russisch sprechenden Anthroposophen persönlich kennen, die kommen u. a. aus Georgien, woher ich auch eine „beständige“ Einladung gekriegt habe, um künftig dort meine Methode der Karmaarbeit zu präsentieren. Weil die globale Finanzkrise auf diese ehemaligen kommunistischen Länder stärker als auf den Westen einschlägt, muss aber die Finanzierung solcher Touren für sich und hier organisiert werden. Trotz im Grunde umfassenden Vorkenntnisse erstaunten, überraschten und bestürzten mich nun die Eindrücke in russischen Städten und Dörfern, in Moskau und in Waldai während der mühsamen Autofahrt nach Moissejevitchi.

Ein russisches Rücksichtnehmen existiert nicht
Schon die Vorbereitungen zur Reise mit der Erwerbungen der russischen Einladung, der Reiseversicherung, der Freizügigkeitsbescheinigung der deutschen Ausländerbehörde und der Auftragserteilung für die Visumzentrale in Bonn, um das russische Visum zu kriegen, waren für einen erfahrenen Auslandfahrer wie mich umständlich und zeitaufwendig. Die Ein- und Ausreisebedingungen auf russischem Boden scheinen die Besserungen seit der Wende nicht so sehr befolgt zu haben, dieweil man mehrere Sperren, Durchleuchtungen und Passkontrolle ertragen muss. Ich kam von heißem Frühlingsbrodem in Saarland mit Sommerkleidern zum Moskauer Spätwinter an. Glücklicherweise hatte ich wie immer beschränkt aber fachgemäß meinen Koffer gepackt und konnte die Nullgrad und die kommenden Nächte mit bis sieben Minusgrad gut mit Wollunterkleidern, Pullover und Windjacke ausharren.    

Ich bin geflogen von Flughafen Köln-Bonn mit Germanwings nach Moskau-Vnukovo - früher der interne Airport für Parteimitglieder, der auch noch als  Vnukovo 1 VIP existiert, ist heute ein von mehreren internationalen Flugplätzen Moskaus  -, das im Südwesten der Zehnmillionenmetropole liegt. Die 10 470 318 Einwohner (Stand 2008) sind nur die offiziell gemeldeten Bürger, aber in Russland meldet man sich ja auch nicht unbedingt an, weil es nicht ohne weiteres geht. Massenweise Bürger sind „zufälligerweise“ nicht in Moskau gemeldet, also nicht geschätzt und bei diesen 10,5 Millionen deswegen auch nicht mit berücksichtigt. Sie dürfen da eigentlich nicht wohnen und sind nicht gemeldet, weil sie dazu „nicht berechtigt“ sind, wie es in Russland heißt. Sie sind also sozusagen „Gastarbeiter“. Es leben nun in Moskau schätzungsweise etwa 15 Millionen Menschen, wahrscheinlich auch mehr.

Dieses Hintergrundwissen erzählte mir Anna Gussinskaia, die Gründerin und Geschäftsführerin des anthroposophischen Unternehmens Naturalia, die mich zu diesem ersten Russlandbesuch einlud und am Flughafen auf mich wartete.  Sie war in erster Ehe mit einem deutschen Ambassadeangestellten verheiratet, und sie arbeitete etwa 8 Jahre mit deutschem Sprachunterricht am Goetheinstitut in Moskau. Seit mehreren Jahren dolmetscht sie auch für Russen bei Ärzte-Tagungen am Goetheanum, und sie hat viele Geschäftspartner in Mitteleuropa gefunden, deren naturgemäße Produkte durch den Laden Naturalia in Moskau verkauft werden. Mit ihrem nahezu akzentfreien Deutsch begleitete sie mich während dieser eindrucksvollen 12 Tage in privaten Gesprächen, bei Seminarien und Vorträgen. Auch ihr älteste Sohn, Nikolai, der fließend Deutsch spricht und seit kürzlich eine große Interesse für die Anthroposophie hat, half mir, in das russische Element einzudringen. Ganz wenige Russen, die ich kennen lerne, können überhaupt etwas Deutsch, einige wenige sprechen aber ein verstehbares Englisch.

Am Vnukovo und bei der Autofahrt Richtung Moskau zur Wohnung von Anna und ihrer Familie, die unweit von der Lomomossow-Universität am Prospekt Wemadskovo sich befindet, bemerkte ich viele Phänomene, die anders sind als hier im Westen - jetzt versuche ich mich mit dieser russischen Bezeichnung anzuvertrauen. Russland folgt auch die Wiener Straßenverkehrskonvention und somit herrschen hier dieselben Verkehrsregeln wie bei uns, aber sie werden anders und irgendwie lokal interpretiert oder oft nicht berücksichtigt, weil man beim strikten Regelhalten die Sicherheit gefährden könnte, da z. B. einige Ampel in großen Kreuzungen defekt funktionieren. 

Anna erklärte mir auf: „Das Wort ‚Rücksicht’ kann man bei uns nur schwer und mit einem ganzen Satz wiedergeben, und der Begriff Rücksichtnehmen gibt es im russischen Vokabular nicht und geschweige denn die entsprechende Tugend. Es ist sehr gefährlich auf russischen Straßen und Wegen. Man muss andauernd wach sein und gucken, was die anderen Fahrer wollen und tun, um nicht selbst bedrängt oder angeprallt zu werden.“ Ich verstand bald was sie meinte, weil wir einmal in einem Stau kamen, der dadurch verursacht war, was wir nächst erfuhren, dass drei Autos ineinander gekracht waren auf dem mit drei bis vier Fahrstreifen ausgerichteten, aber schlecht markierten und, was der Fahrbahnbefestigung angeht, durchlöcherten Autobahn.

Das ganze Verkehrssystem ist von den zahlreichen Autos sehr geprägt. Es wimmelte von neuen europäischen, amerikanischen, japanischen und alten russischen Modellen. Wenn die deutsche Abwrackprämie für Russland ausgeweitet werden würde, würden Millionen russische Autobesitzer ihren nicht nur 9-jährigen sondern bis zu 40-jährigen Autos absacken lassen können. Dies wäre für Frank-Walter Steinmeier vielleicht zu überlegen, ehe und falls er die kommende deutsche Regierung im Herbst antreten werde! Besonders die vielen alten Kleinlastwagen und die kommunalen oder privaten Omnibusse fielen mit ihrem Rost und stinkigen Abgasen auf. Überall in Moskau reizte es mir in der Nase wegen der Atmosphäre durchdringenden Autoemission, die ich in dieser Art nicht mehr erlebt habe, seitdem ich 1983 in der DDR zu einem einmaligen und spannenden Besuch war. In Kontrast zu diesem Überbleibsel des 20. Jahrhundert rasten die Neureichen in ihren mit verdunkelten Scheiben bestückten Kfzs wie bepanzerte Inkognitos vorbei - für jeden eine Verkehrsfalle, besonders bei den Fußgängerstreifen -, da man mit ihnen keinen Augenkontakt haben kann, was für die normalen Pkw-Fahrer ein Gebot ist, weil man ja das Einhalten der Verkehrsregel nie voraussetzen kann.               

Nie habe ich so viele Polizeivollzugsbeamten gesehen, die beim kleinsten Versehen mit ihren Stöcken die Fahrer einwinkten, um  Verwarnungsgeld einzukassieren. Es heißt, dass sie das Geld oft in die eigene Tasche verschwinden lassen, weil sie einen solch niedrigen Lohn haben, und deshalb so arbeitsam sind. Die Streifenwagen der Miliz für öffentliche Sicherheit - der offizielle Name für die Polizei in Russland - waren überall an der Hauptverkehrsstrasse - die mit „Autobahn“ bezeichnet wirt, aber keine ist - zwischen Moskau und St. Petersburg und besonders oft direkt nach der Grenze zu der nächsten Region nordwestlich von Moskau - genannt Oblast Twer -  zu sehen. Oblast (deutsch wörtlich „Gebiet“) ist die Bezeichnung für einen größeren Verwaltungsbezirk.

„Die Verkehrspolizisten - verkürzt DPS (Doroshno-patruljmaja slushba) - werden immer noch, wie zu der Sowjetzeit, nach der alten Manier ‚gaischniki’ (Plural), ‚gaischnik’ (Singular) genannt, das Wort klebt an ihnen seitdem wie eine Brandmarke. Früher hieß es ja GAI  (Staatliche Autoinspektion an Straßen). Es werden über sie massenweise und gerne Witze erzählt, wie etwa in Deutschland über die Ostfriesen, sogar mehr. Sie gelten als geldgierig und blöd“, berichtete Anna. Einmal als sie nicht aufmerksam genug war und dort wo 70 angesagt ist, mit nur 2 Stundenkilometer zu schnell fuhr, wurden wir sofort angehalten, und sie musste, trotz der freundlichen Gespräch mit dem jungen Beamten den festgesetzten Betrag nachkommend per Anzahlung begleichen.
                        
Weiß bemalte Baumstämme
Der Frühling dieses Jahres schien zwei bis drei Wochen später als in Mitteleuropa zu sein. Zuerst in den letzten Tagen ließen die Knospen der vielen Birken und Laubbäume einen leisen grünen Lichtschein über die Gärten, Parks und Wälder ahnen. In Moskau sind die meisten Bäume in den bepflanzen Räumlichkeiten zwischen den Hochhäusern und in den Parks vom Boden bis anderthalbem Meter hoch mit vermutlich einer Kalkfarbe Weiß angestrichen. Auf meiner Frage, warum, wusste Anna nicht Bescheid. „Es war immer so seit meiner Kindheit, und keiner fragt warum, und es wird halt weiter gemacht“, sagte sie. Lena - eine Naturalia-Mitarbeiterin - erzählte später dazu, dass in ihrem Dorf dies bei den Fruchtbäumen im Frühling immer gemacht wird, weil Kalk das Hochklettern gewisser Art Schädlinge verhindert. „Aber das macht eigentlich nur bei den Fruchtbäumen einen Sinn“, fügte Anna hinzu. Als ich meine Ehefrau darüber berichtete, erzählte sie, dass es auch in den USA einen solchen Brauch gibt, um die Bäume in den Kälteschwankungen zu schützen, weil sie sonst in der Rinde zersprengen würden. Jedenfalls sah es in meinen Augen nicht schön aus.

Ich wohne in einem saarländischen Dorf, der auf Landes- und Bundesebene mehrmals für seine Schönheit ausgezeichnet worden ist. Die Stadtteile, die Wohnsiedlungen und die Dörfer, die ich in Russland erlebte, würden mit Sicherheit zuunterst in solchen ästhetischen Wettbewerben landen. Es fehlen manchmal Bürgersteige oder sie sind durchlöchert und abgebröckelt, oder man kann sie nicht benutzen, weil sie als Parkplätze ganz okkupiert sind. Dennoch wurde überall gereinigt und gefegt. Das aus südöstlichen oder kaukasischen, ehemaligen Sowjetstaaten stammende oder eingewanderte Reinigungspersonal war sehr fleißig, und sie benutzten sogar Heckenbesen, die ich bei uns nicht mehr gesehen habe seit meiner Kindheit. Und überall in Moskau waren solche öffentliche Arbeitskräfte damit beschäftigt, die Sockel der Häuser und die metallenen Brücken mit neuer Farbe zu streichen.                            

Die überalterte und rostige, metallene Eingangstür zum achtgeschossigen Haus - Annas Familie wohnt in der obersten Etage - schien mir, wie zu einem Schrotthändler zu führen. In Kontrast dazu gab es ein modernes mit Tastkombination versehenes elektronisches Schloss, das jedoch manchmal abends abgeschaltet war, ohne, dass die Einwohner dafür den Grund erkannten. Ein Nachbar, der gerade kam, als Anna einmal abends ratlos mit dem Hund da stand, sagte zu ihr: „Anhauchen soll man das Ding!“ Anna: „Wie bitte?“ Er: „Anhauchen, darauf atmen, ein Paar mal. Nano-Technologie!“ Anna konstatierte: „Und das funktioniert wirklich!!!“ Das Gerümpel, die herumstehenden Pappkartons im Treppenhaus und der als Schrott aussehende Aufzug, der bei uns nicht mehr zugelassen werden würde, ließ mich etwas von der Kehrseite der Kommunismus ahnen. Desto mehr überraschte mich dann die persönliche Atmosphäre des großen Zuhauses, die Gepflegtheit der vielen Blumen, die bilderreiche Räumlichkeit und die Modernität der Möbel als ich Annas Wohnung betrat.  

Das Wohlwollen des Dackels ließ sofort die Ahnung entstehen von der hier wohl immerwährend gelebten Gastfreundlichkeit. In den kommenden Tagen bestätigte sich dies durch die Art, wie die Freunde der Familie und die Teilnehmer des Seminars an die gemeinsamen Aufgaben um die Speisen und die allgemeine Gemütlichkeit sich beteiligten. Die Gefühle und das Mitmachenwollen, das ich selbst spürte, ließen ahnen, dass ich zu richtiger Zeit auf dem richtigen Ort angekommen war mit der angemessenen Pflege der Karmaidee. Die bildhafte Art des Übens, das ich vermittelte, und die Offenheit für das Imaginative, das die Russen besitzen, begegneten sich in einer sehr konzentrierten und außergewöhnlich fruchtbaren Arbeit während der zwölf Tage.         

Andrej Belyjs Geburtshaus
Schon am ersten Nachmittag und am Abend nach meiner Ankunft machten wir ein Sightseeing zur Moskauer Innenstadt. Wir fuhren mit Auto hin, was mich noch mal bestätigte in der Auffassung, dass ich mehrfach gestorben wäre, falls ich am Steuer gesessen hätte. Anna zeigte mir die von Josef Stalin errichteten neoklassischen Wohntürme, wo sie als Kind gewohnt hatte, und die schlichten Hochhäuser, wo sie später im Leben wohnte. Da der eine ihrer Großväter einen hohen Militär gewesen, der lange in Georgien stationiert war, wo Anna viele schöne Erlebnisse als Kind bekam, hatten sie während der Sowjetzeit die Möglichkeit zu einer zentralen Wohnlage mit herrlichem Aussicht direkt auf das Gebiet des Kreml. Wir machten zuerst eine Runde an einige bekannten Prospekts (Avenuen), dann fanden wir einen Parkplatz und machten einen Spaziergang, um einige alte Gebäude und schöne Architektur zu besichtigen.

An der zentralen und einzigen Fußgängerzone, der Straße Arbat, steht das Geburthaus von Andrej Belyj (eigentlich Boris Nikolajewitsch Bugajew, 1880-1934), wo er laut der an der Außenwand befindlichen Gedenktafel bis 1905 auch wohnte. In dieser Teil der Stadt sind die Häuser gepflegt und meisten gut restauriert - so auch das gelbe Belyj-Haus. Von 1899 bis 1903 studierte Belyj - sein Künstlername bedeutet „der Weiße“ - an der naturwissenschaftlichen Abteilung der physikalisch-mathematischen Fakultät der Moskauer Universität. Nach Abschluss nahm er ein Studium an der historisch-philologischen Fakultät auf, das er bereits nach einem Jahr abbrach, um sich der Literatur ganz zu widmen. Der junge Belyj war beeinflusst unter anderem vom Buddhismus und von den Philosophen Immanuel Kant, Arthur Schopenhauer, Friedrich Nietzsche und Wladimir Solowjow. Von 1903 bis zu dessen Tod 1921 war er mit Alexander Blok befreundet.
Ab 1904 arbeitete er an der theoretischen Begründung des literarischen Symbolismus.

Von 1912 bis 1916 beschäftigte sich Belyj intensiv mit der Anthroposophie Rudolf Steiners, dessen persönlicher Schüler er wurde, und er arbeitete an der Errichtung des ersten Goetheanums mit. Das künstlerische Motiv am „Knotenpunkt“ im Architrav, wo die beiden Kuppeln sich über dem Bühnenrand begegnen, entstand unter seiner Hand. Aus diesem Umstand lässt sich ein karmisches Licht auf die Individualität Andrej Belyjs werfen. Sie könnte verstanden werden als jemand, der Brücken bildet zwischen Persönlichem und Öffentlichem, zwischen Innenraum und Außenraum, zwischen Esoterik und Exoterik. In den zwanziger Jahren wandte Belyj sich zeitweise wieder von Steiner ab, so meinen die Literaturhistoriker, und kritisierte etwa die „Verquickung von falscher Esoterik und von Vereinsmeierei“ in der Anthroposophischen Gesellschaft. Sein Buch Verwandeln des Lebens. Erinnerungen an Rudolf Steiner las ich schon in der 1970er Jahren, als es auf Deutsch erschien. In diesen Tagen in Russland fühlte ich mich nun zum ersten Mal bereit, etwas über meine karmische Begegnung mit ihm in einem früheren Leben zu sprechen.                  

Naturalia
Der Laden Naturalia (das Büro des Betriebs ist in Gehabstand von Annas Wohnung) befindet sich zentral in der Straße Armyanskiy pereulok - einige Stadtviertel weiter von Kreml in nordöstlicher Richtung belegen. Der auf zu wenige Quadratmeter enge Laden liegt im Untergeschoß eines ärztlichen Instituts für Mütter (und Väter) mit ihren Kindern, die während der Schwangerschaft und nach der Geburt Hilfe suchen. So finden viele neu gewordenen Eltern zu diesem anthroposophisch inspirierten Laden hin, der viele Produkte anbietet wie Spielzeuge, Windeln aus Naturmaterial, Kleider, Unterwäsche, Waschmittel, Heilsalben, Kosmetik, Lebensmittel, Literatur usw. Viele Produktnamen kenne ich wieder, aber da gibt es bestimmte Produkte, z. B. Baumwollunterhosen für Männer, die besonders für Russland in der Türkei hergestellt werden. 

Im Laden arbeiten mehrere Frauen, die dort einen Tag oder mehr in der Woche Beschäftigung finden und sich für die Anthroposophie und für einen neuen Lebensstil mit Begeisterung einsetzen. Die Mitgründerinnen und Mitarbeiter der Naturalia nahmen teil an meinen Karmaseminaren und Vorträgen. Anna Gussinskaia hat die Vision, das ein neues und faires Wirtschaften in Russland aufblühen könnte als Alternative zum noch nicht ausgerotteten alten Gleichmacherei und kontra die Maffiatendenzen im russischen Neokapitalismus.

Da der Import nach Russland wegen mancher „Löcher“ im öffentlichen System unverschämt teuer ist und nicht wenige Schwierigkeiten mit sich hat, die nur teilweise zu überbrücken sind durch die Zusammenarbeit mit anderen russischen Firmen, die auch neue Wege gehen, verfolgt Anna und ihre Mitarbeiter die Idee, eigene Produkte in Russland herzustellen. Der Anfang dazu ist entstanden durch die Zusammenarbeit mit der Initiative in Waldai, wohin wir am 23. April abreisten. Michail Taracha - alltäglich Mischa genannt - ist der leitende Mitarbeiter in
Moissejevitchi. „In Winter, als die Arbeit in Waldai pausierte, nahm er sogar an den Betriebsversammlungen in Moskau statt, wozu er extra dafür aus Petersburg kam“, erzählte Anna. Naturkosmetik, Kräutertees und Wachskerzen werden dort schon hergestellt. Haut- und Natursalben mit u. a. Johanniskraut, Schachtelhalm und Propolis habe ich als Mitbringsel und zum Ausprobieren bekommen. Mein Sohn, der sie bereits benutzt hat, sagte, dass sie sofort eine heilende Wirkung zeigten.             

Das erste Seminar
In Annas Wohnung fand das erste Karmaseminar statt. Die Oma war mit dem jüngsten Sohn, Arkadij, zu einer Großtante gefahren, um für meine Gastgeberin und Übersetzerin das nötige Spielraum zu geben, aber der bald 19jährige Nikolaj freute sich sehr, unter den Erwachsenen aufgehoben zu werden. Dieweil er ein fleißiger Steiner-Leser ist, sah ich keinen Grund, ihn die Möglichkeit vorzuenthalten, die lebendige Anthroposophie im Üben mit übersinnlichen Realitäten zu erleben. Etwa 15 Teilnehmer fanden sich ein, worauf einpaar etwa neugierige Personen, am zweiten Tag nicht mehr erschienen. Der Verlauf eines Karmaseminars lief hier nicht viel anders als im Westen. Wir stellten uns vor und ich machte die Einleitung aus Fragestellungen, die mich sowohl spontan einfielen als auch mich in den Sinn gekommen, seitdem ich in Moskau angekommen war.    

Schon in der Vorstellungsrunde machten sich Fragen bemerkbar, auf die ich einging, aber als ich erklärte, dass nicht nur allgemein sondern auch persönlich-biographisch gefragt werden dürfte, wurde die Atmosphäre gemütlich, warm und abwechselnd sowohl heiter als auch ernst. Nach einer Lüftungs- und Erfrischungspause waren wir dann soweit, dass wir mit der ersten Übung als geführte Meditation beginnen konnten. Im Laufe des Seminars, das über drei volle Tage von Freitag bis Sonntag lief, wechselten wir ab mit Übungen, die in meinem zweiten Buch beschrieben sind, mit persönlichen Erlebnisberichten aus den Übungen und mit meinen Exkursen über die daraus entstandenen Fragekomplexe.

Ich erlebte, dass die Russen mit denselben Lebens- und Daseinsfragen ringen wie überall anderswo. Es „kriselt“ in den Beziehungen, in den Ehen, im Umgang mit den Kindern und Jugendlichen, auf dem Arbeitsplatz, in den Waldorfschulen, in der Anthroposophischen Gesellschaft usw. Der Egoismus floriert, die Eifersucht hat Hochkonjunktur, der Neid kassiert hohe Zinsen, die Doppelgänger haben sich Führungspositionen angerissen, überall schaffen die Cliquen unnötigen Unsinn usw. Auch unter Anthroposophen kommen Alkoholmissbrauch und andere Notzüchten vor, und selbst von Selbstmord wurde es mir berichtet. Der Unterschied zu Westen ist vielleicht, dass die persönliche Not und die Betroffenheit sich hier noch deutlicher zeigen und mehrere Gesichter haben, weil man hier weniger flink ist, das Elend zu verbergen. Man lebt ja schon in einer Tradition, wo der Verfall auch nach außen gezeigt werden darf oder muss, weil es keine finanzielle Mittel gibt, um ihn zu maskieren.

Aus eigenen Erfahrungen weiß ich, dass es einen Unterschied gibt zwischen Männern und Frauen, wenn es um Fragen der Lebensqualität und des Spirituellen geht. Die Frauen waren immer Vorreiter, wenn es um neue menschliche Wege in der alternativen Lebensführung, in Sachen Bio und in der Esoterik ging. Immer waren auch die Frauen in Überzahl unter denen, die meine Karmaarbeit aufgegriffen haben. In Russland schien es ebenso zu sein, aber hier sind die Frauen auf Gesellschaftsebene noch in großer Majorität. Ausgerechnet sie gehen mit der Perspektiven der Zukunft so um, dass sie Erneuerung wollen und nach Wegen der Umsetzung zielbewusst streben. Die Männer sind irgendwie woanders, sie verfolgen ihren Interessen nach irgendwelchen materiellen Lösungen oder haben die Kraft nicht mehr, neue Schritte zu suchen, wo es darum ginge, dem eigenen Schicksal in die Hände zu nehmen. Dies klingt jetzt sehr pauschal, aber ich fasse eigentlich nur meine Eindrücke aus Russland bezüglich der Geschlechtsdifferenz zusammen.

Mit viel Begeisterung machten die Teilnehmer neue Erfahrungen im meditativen Üben. Mit beglücktem Staunen und manchmal mit Tränen in den Augen wurde festgestellt, dass es möglich ist, die eigenen inneren Erlebnisse zu vertrauen, dass man nach einer Weile und mit genauem Besprechen einiger der Kriterien, selber abwägen und beurteilen kann, was die inneren Bilder eventuell bedeuten, und ob sie auf echte karmische Motive hinweisen. Immer wieder betonte ich auch in Moskau, dass alles, was man so durch meditatives Üben erlebt, auf etwas hinweist, was einen Sinn hat, weiter zu verfolgen, dass es also nichts gibt, was man einfach wegwerfen sollte. Es wurde viel über allgemeine anthroposophische Themen gesprochen und über karmische Gesetze, über Christus, über Doppelgänger und Widersacher.         
     
Die Tretjakow-Galerie
Mit Nikolaj machte ich anfangs der zweiten Woche ein künstlerisches und kulturelles Sightseeing in Moskau. Wir fuhren
mit der Moskauer Metro (umgangssprachlich: Moskowskoje metro). Die U-Bahn der russischen Hauptstadt wurde 1935 eröffnet und gehört zu den tiefsten U-Bahnsystemen der Welt. Tatsächlich bin ich mit solchen langen Rolltreppen früher nie gefahren. Ob die teils mit Holz elegant bestückten Brüstungen die neuesten internationalen Brandstandards nachkommen, bin ich mich jedoch nicht sicher! Die Moskauer Metro ist mit über 2,5 Milliarden Fahrgästen jährlich (Stand 2008) auch eine der am stärksten in Anspruch genommenen U-Bahnen der Welt. Die Stationen der Moskauer Metro sind als unterirdische Paläste bekannt aufgrund ihrer teils sehr anspruchsvollen Architektur, die ich nun mit eigenen Augen bestaunen durfte.  

In der kühlen Sonne oben wieder gut angekommen, gingen wir geradeheraus hin zur Tretjakow-Galerie in der Lawruschinski-Gasse im historischen Stadtteil Samoskworetschje.
Die Staatliche Tretjakow-Galerie (Gossudarstwennaja Tretjakowskaja Galereja) ist mit rund 140.000 Werken der Malerei, der Graphik und der Bildhauerei neben der St. Petersburger Eremitage eine der größten und berühmtesten Kunstsammlungen Russlands. Die Werke umfassen den Zeitraum vom 11. bis zum 20. Jahrhundert.

Wir gingen langsam durch die Ikonensammlung, um die besonderen Arbeiten von Andrej Rubljow
(1360-1430) - Erlöser in den himmlischen Mächten, Erzengel Michael und Die heilige Dreifaltigkeit - sowie diejenigen anderer Künstlern vom 12. bis zum 17. Jahrhundert anzuschauen. Seine „Muttergottes von Wladimir“ ist eine der meist geschätzten Ikonen. Andrei Tarkowski setzte dem Mittelalterkünstler mit seinem filmischen Meisterwerk Andrei Rubljow 1969 ein besonderes Denkmal.

Die mit stimmungsgeladenen italienischen Motiven gefüllten sogenannten Genrebilder von Karl Brjullow (1799-1852) fand ich sehr interessant. Eindrucksvoll fand ich auch die dramatischen Bilder vom Marinemaler Iwan Aiwasowski
(1817-1900), zu denen mein junger Guide eine besondere Vorliebe hat. Die Bilder von Ilja Repin (1844-1930), der wichtigste Vertreter des russischen Realismus, nun im Original zu sehen, war besonders. Die Augen im gleichnamigen Bild Iwans der Schreckliche, der seinen Sohn gerade getötet hat, scheint den ganzen Schreck des künftigen russischen Leiden vorauszuahnen.

Die meiste Zeit verbrachte ich vor den Bildern von Michail Wrubel (1856-1910), Gründer des Symbolismus und der Moderne in der russischen Kunst, den ich vorher merkwürdigerweise nicht kannte. Wrubel malte gerne russisch-religiöse und mythische Motive. Er war auch Bildhauer, Keramiker und Bühnenbildner. Seine Serie Großmalereien mit Dämonengestalten waren in ihrer menschlicher Nähe und Ausdruckskraft sehr ergreifend. Da spürte ich sogleich etwas vom finnischen Gleichmut eines Akseli Gallen-Kallela, etwas von der geballten Kraft eines August Strindberg und etwas vom Tiefsinn eines Edvard Munch.      

Für einen Besuch in der Neuen Tretjakow-Galerie hatten wir diesmal keine Zeit, sodass die Werke nach 1910 von u. a. Kasimir Malewitsch, Marc Chagall und Alexander Rodtschenko für eine kommende Russlandreise warten müssen.

(Der Bericht wird demnächst fortgesetzt.)




Für Leserkommentar gehe zu meinem Blog
Jostein Sæther | „Ihr Lichtes-Geister lasset vom Osten befeuern, was durch den Westen sich formet“
Ein typisches Wohnkomplex in Moskau.
Plakat zum letzten Film von Andrei Tarkowski: Opfer (1986)
Quelle:
imdb.de 
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Vor den Skulpturen zum Motiv der Todessünden auf dem Weg zum Kreml.
Moskauer Autobahnring MKAD. Quelle: Wikipedia
Das russische Autobahnnetz befindet sich noch im Aufbau. Ein zusammenhängendes Autobahnnetz besteht zurzeit nur in der Region Moskau. Dieses setzt sich aus dem Moskauer Autobahnring und von diesem abgehenden Strecken zusammen.  Quelle: Wikipedia
Jedes Jahr verwandelt die Schneeschmelze in Russland Straßen ohne festen Belag in Schlammpisten. Bei unserer Fahrt von Moskau nach Moiseewitschi war die Landstraßen nicht ganz so schlimm, aber schrecklich genug, sodass die letzten Kilometern unter 20 Stundenkilometer gefahren werden mussten. Quelle: verkehrs-rundschau.de
Andrej Belyj, Porträt von Leon Bakst. Quelle: Wikipedia
Andrej Belyj, Petersburg. Roman. Mit einem Nachwort von Ilma Rakusa. Übersetzt aus dem Russischen von Gabriele Leupold. Insel Verlag, Frankfurt a. M. 2001. 450 Seiten. ISBN-10: 3458145796
Das Leitmotiv für Naturalia: Ein Granatapfel von zwei Menschen - Mutter und Kind - gehalten.
Quelle: naturalia.ru
Caspar David Friedrich (1774-1840), Der Wanderer über dem Nebelmeer (ca. 1817). Das Bild kann illustrieren jenes Gefühl der Unbeeinfluss-barkeit, das man entwickeln muss während meditativen Übungen, wo es darum geht, sich von den irdischen Bedingtheiten loszulösen, um sich dann nur auf innere, imaginative Eindrücke zu konzentrieren auf dem Weg zum höheren Ich. Quelle: Wikipedia
Stammhaus der Tretjakow-Galerie. Quelle: Wikipedia
Andrej Rubljow (1360-1430),
Die heilige Dreifaltigkeit
(um 1411). Staatliche Tretjakow-Galerie. Quelle: icon-art.info
Zeigend auf die schönen Formen der Rinnsale des Schneeschmelz-wassers auf der Kiesstrasse  außerhalb des Dorfes Moissejevitchi auf den Waldai-Höhen im Herzen Russlands zwischen Moskau und St. Petersburg. 
Maximilian Woloschin, Aquarell.
Quelle: watercolor.narod.ru
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Michail Wrubel (1856-1910), Dämon (1890). Quelle: staratel.com
Der Arbat im Sommer.
Quelle: Wikipedia