Das reine Denken
Gamamila
9. Juni 2009
Chronikarchiv
23. Mai 2009
Impressionen aus Russland III
16. Mai 2009
Impressionen aus Russland II
5. Mai 2009
Impressionen aus Russland I
8. April 2008
Der Willensweg zu Christus
19. Maerz 2009
Zurückwandlung in frühere Zeiten
8. Maerz 2009
Gibt es im Gehirn ein Organ für karmische Erinnerung?
16. Februar 2009
Stigmatisation
26. Januar 2009
Holger Niederhausen II
20. Januar 2009
Holger Niederhausen I
15. Januar 2009
Die Anthroposophie in Norwegen
5. Januar 2009
Das Traumlied vom Olav Åsteson
12. Dezember 2008
Über die Enthüllung der Mysterien
1. November 2008
Dafür ist Güte nötig
2. Oktober 2008
Anwältin für Rudolf Steiner
23. September 2008
Ist Sebastian Gronbach eine Gefahr?
3. September 2008
Der Almandin
29. August 2008
Ich-Kunst und Karmaforschung
28. Juni 2008
Erleuchtung im Sinne Rudolf Steiners - seine Lichtübung frei interpretiert
24. Juni 2008
Baummeditation
26. Mai 2008
Italien und die Zukunft des Südens
Der Weg zur Überzeugung wird nicht von allen beschritten, er hat keine Kennzeichen oder Anweisungen, die sich mitteilen, erlernen oder befolgen ließen. Dennoch hat jeder in sich selbst das Bedürfnis, ihn zu finden, und den eigenen Schmerz als Wegweiser; jeder muss sich den Weg ganz von selbst neu erschließen, denn jeder ist allein und kann nur von sich selbst Hilfe erhoffen: Der Weg zur Überzeugung kennt nur eine einzige Anweisung: Füge dich nicht in die Genügsamkeit mit dem, was dir gegeben ist.*
Carlo Michelstaedter
Durch künstlerische Tätigkeit und Pflege von Seelenübungen, wie solche, die sonst wo auf meiner Website beschriebenen sind, werden wir feststellen, dass gewöhnliches Denken, eingebürgertes Fühlen und gewohntes Wollen mit verschiedenen Dingen belastet sein können, die vor dem meditativen Leben sortiert, klassifiziert und vielleicht ausgeräumt werden müssen, wenn sie uns später nicht im Wege stehen sollen. An unserem Ausgangspunkt sind wir alle durch diesen seelischen Ballast aus Erziehung, Kultur und Gewohnheit geprägt. Das Missverständnis - laut eines Blogkommentars von Michael Eggert -, in welchem ich wahrscheinlich beim Lesen Christian Grauers Spirituellen Aufklärung gefallen bin, bezieht sich letztmöglich auf diesen seelischen Sperrmüll.
Wer würde behaupten wollen, dass das Beste, was er aus früheren Inkarnationen mitgebracht hat, nicht in irgendeiner Weise durch schwierige Kindheits-, Jugend- und Erwachsenerlebnisse - die vielleicht nicht karmisch bedingt sind, aber dennoch aus anderen Gründen aufgetreten sind - gewissermaßen beschädigt worden ist oder sogar fast wie verloren ging? Selbst der in früheren Zeiten höchste Eingeweihte muss in einer heutigen Inkarnation damit rechnen, durch belastende Erfahrungen gehen zu müssen, die ihm klar legen, dass er seine Seele neu zu gestalten hat, wenn er erneut zu Geisterkenntnis kommen will.
Die Übungen, die ich in meinem zweiten Buch beschrieben habe, sind solcherart, dass die Seele dabei eine Reinigung, Aufklärung und Läuterung erfährt. Diese Prozesse finden aber nicht ganz automatisch statt, sondern man muss sich dabei beobachten und sehen, wie sich die Wirkung der inneren Arbeit auf das fortdauernde Bewusstsein und das tägliche Leben entfaltet. Der Seelenfaktor, der diese Aufsichtsarbeit mit einem selbst macht, der diese Kontrollfunktion übernehmen muss, ist unbestritten das Denken. Nur jeder selbst kannst wissen, wie weit man sein Denken geschult hast, damit man durch Selbsterkenntnis so weit gelangt, dass bei der weiteren Geistschulung die Seele einen nicht belasten, betrügen oder in die Irre führen wird.
Die Imaginationen sollen auf dem Schauplatz des Denkens in Verbindung mit einer Art Gefühlsgebilde und dem individuellen Willenslicht entstehen. Das Denken ist mit der Leinwand zu vergleichen und das Fühlen mit der Grundierung, worauf die Farb- und Formgestaltungen sich entfalten sollen. Wenn das Denken nicht sauber, ‚gebleicht’ oder ausgebreitet ist, werden Schattierungen und Flecken auftreten, die nicht zum Imaginativen gehören. Nun werden die imaginativen Tatsachen jedoch so fein, beweglich und dynamisch sein, dass die denkerische Unterlage gleichfalls sehr lebendig und beseelt sein muss, um sie aufzufangen.
So sprechen wir vom reinem Denken als einer Grundlage des hellseherischen Schauens. Um dieses freie, lebendige Denken von anderen Arten des Denkens zu unterscheiden, kann man vorerst die unterschiedlichsten Denkweisen angehen und bestmöglich üben. Die deutsche Sprache hat für Denktätigkeiten eine Reihe von Seelenaktionen, die im Alltag vorkommen, wie z. B. andenken, auffassen, ausfragen, ausdenken, bedenken, besinnen, betrachten, einschustern, entdecken, erdenken, erfinden, erforschen, ergründen, erinnern, erörtern, erwägen, gedenken, grübeln, lernen, nachdenken, prüfen, Rücksicht nehmen, sinnen, spekulieren, studieren, überlegen usw. Welche Art Denken benutzen wir, um den Unterschied zwischen diesen aufgezählten Denkarten zu treffen? Finden wir die Sorte in der Reihe oder gibt es noch eine Bezeichnung für diese gegenüberstellende Tätigkeit im individuellen Denken?
Gehört z. B. Humor zum Denken, zum Fühlen oder zum Wollen oder gründet sich der humoristische Sinn eines Menschen in einer Mischung dieser drei Seelentätigkeiten? Wie ist das Denken, wenn wir lachen? Wie ist es, wenn wir weinen? Wenn das Denken sich selbst will und dabei dem Fühlen gleicht, aber keinen Gedanken, kein Gefühl und keinen Trieb zulässt, sondern ohne Nachdenken oder Wollen ganz in sich ruht, dann liegt das freie Denken als Samen, als Quelle im eigenen Ich-Bewusstsein darinnen. Dieses lebendige Denken gleicht dem anspornenden, freien Zustand, wenn ein Künstler, begeistert vom gerade gemachten letzten Pinselstich, entweder das Werk beendet oder zu einer Fortsetzung sich angeregt fühlt, weil er bemerkt, dass er gerade Entscheidendes gemacht hat. Geradeso verglichen, wäre schöpferische Freiheit eine andere Bezeichnung für das reine Denken. Freiheit kann desgleichen als die geliebte Schwester des Denkens betrachtet werden.
Das zu Evidenz führende autonome Denken ist nämlich ein Bewusstseinszustand, in welchem einen die Freiheit zum Schöpfen nicht dirigiert, etwas zu tun, sondern frei lässt, auch nichts zu tun. Mache vielleicht folgende Übung: Konzentriere dich auf einen Gedanken, eine Idee oder einen Begriff, z. B. ‚Sitzen’, ‚Gespräch’ oder ‚Stuhl’. Erlebe deinen Kopf wie ein Stück dunkle, kalte und feuchte Erde. In ihr liegt ein Same. Das ist ein Bild für den Inhalt deiner Aufmerksamkeit. Der kleine Same besitzt eine Kraft, die aber im eigenen kleinen Wärmevorrat schläft.
Spüre zwischendurch deinen Kopf, die Haut, das Haar, das Gesicht mit den Ohren, den Augen, der Nase usw. Vergiss dann wieder das Physiognomische, erlebe dich ganz als in der Erde drin. Was tut der Same? Was braucht er, um sein Leben zu entfalten? Er braucht Wasser, Licht und Wärme, so dass seine Wurzeln die Mineralstoffe aus der Erde aufsaugen können. Wenn dein noch nicht lebendiges Denken in seinem Samencharakter sich entfalten will: wodurch wird Wasser, Licht und Wärme bei dir gegeben? Was ist für dein Denken das Wasser? Es ist einfach eine individuelle Frage. Genau so ist es mit dem Licht und mit der Wärme auch. Dem einen bringt das Lesen der Philosophie der Freiheit von Steiner alle diese drei Komponenten, für jemand Anderen wäre es eher angebracht, projektive Geometrie zu praktizieren. Und ein Dritter müsste sich ständig mit Politik auseinandersetzen. - Wie ging es übrigens mit der parallelen Konzentration auf das ‚Sitzen’ während dieses
Denkvorgangs des Samenvergleichs?
Was glaube ich denn, was ich bräuchte, um das Denken so anzulegen, dass daraus eine lebendige, dynamische und mächtige Energiequelle entstehen würde, die wie ein Baum tausend Jahre lang in allen Stürmen und Wintern ausharren könnte, das heißt, dass ich ein solch gesundes und starkes Denken zu entwickeln vermag, dass ich mich nicht wegen böser Widersachermächte hinter Angst und Widerwillen in der Meditation verstecken müsste? Das freie, lebendige Denken bedeutet, die Fähigkeit mit jedem - seien es Menschen im Sinnlichen oder Wesen im Übersinnlichen - reden zu können, so dass wir beide in unserer Entwicklung vorwärts kommen.
Statt der Begriffe ‚frei’ und ‚lebendig’ können wir auch ‚künstlerisch’ sagen. Durch Ausbildung eines Denkens, welches das Künstlerische unverfälscht wahrnimmt, werden wir uns zu Geistes-, ja Wahrheitsforscher vorbereiten können. Möglicherweise werden wir ohne aktives, künstlerisches Tun ein imaginatives Bewusstsein, eine Fähigkeit des Hellsehens entwickeln, aber meines Erachtens wird nur derjenige diese Fähigkeit bis zur Erforschung geistiger Realitäten bringen können, der sich als Lebenskünstler, als Schöpfer neuer, menschlicher Lebensrealitäten versteht. So kann ich den Gedanken denken, dass auf diese Weise etwas Bahnbrechendes geschaffen wird, weil dieses freie Denken mich von Überlieferung frei, aber mich deswegen nicht unbedingt zu einem ‚Sünder’ gegenüber aller Tradition macht. So ist es charakteristisch, dass der sehr jung gestorbene italienische Philosoph und Ibsenliebhaber Carlo Raimondo Michelstaedter (1887-1910) auf der Suche nach individuellen, selbstbestimmten Ausdrucksmitteln neben dem philosophischen Denken auch die Literatur und die Malerei für sich entdeckte.
* (In: La Persuasione e la Rettorica. Hrsg.: Vladimiro Arangio-Ruiz, Formiggini, Genua 1913)
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Jostein Sæther |
Freies Denken - das schlicht Künstlerische
Carlo Raimondo Michelstaedter (1887-1910), Selbstportrait.
Er war ein italienischer Schriftsteller, Philosoph und Maler, der sich das Leben im Alter von 23 Jahren nahm. Quelle: Wikipedia
Auguste Rodin, Der Denker. Quelle: Wikipedia
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