Boa
Gamamila
Jostein Sæther | Eine andersartige Weihnachtsgeschichte










Der Weihnachtsbaum mit den vielen Ästen, die sowohl zur Erde sich neigen als auch sich zur Himmel emporheben, die alle geschmückt sein dürfen, kann auch ein Gleichnis sein von diesem kindlichen Geheimnis.

Im Geheimnis der Geburt, wo das neugeborene Kind zum ersten Mal auftaucht, steckt auch ein Abglanz des Sterbens drin. Nicht nur vom Himmel, von den vorgeburtlichen, übersinnlichen Sphären muss die Menschenseele sich losreißen, sich quasi vom Himmlischen erlöschen lassen, um im Fleisch geboren zu werden, sondern sie muss auch dasjenige, was mit in den letzten Tot ging, mit sich tragen, um es in verwandelter Weise zur Erscheinung zu bringen. Manchmal können wir in neugeborene Babys den Weisen, oder sogar den Uralten schauen etwa im Blick oder im ganzen Gesichtsausdruck.

Wenn es uns in der Karmaforschung gelingt, mehrere Leben nacheinander zu erforschen, das Sterben in einem Leben zu begleiten und im Wiederauftauchen in einem neuen Leben dieselbe Individualität zu erleben, können wir echt neue Aspekte des Weihnachtsmysteriums bekommen. In der folgenden Geschichte leuchten solche Elemente durch. Da blicken wir hinein in die oft sehr tragische gemeinsame Geschichte von Europa, Afrika und Amerika, das aber in diesem Fall durch die  Mitwirkung der Schicksalsmächte zu etwas Fruchtbares für unsere Gegenwart verwandelt wurde.         
        
Die aufgezwungene Verlassenheit
Jemand, der in einer Initiative tätig war, die den Impuls verfolgte, eine Einrichtung für Menschen in der letzten Phase des Lebens aufzubauen, entdeckte eine Inkarnation, in der er das ganze Leben auf einer Insel in totaler Isolation von anderen Menschen leben musste. Als Junge spielte er damals oft allein am Ufer einer Bucht auf einer von tropischem Wald bedeckten Insel.

Einmal sah der Junge mehrere Segelschiffe, die Anker geworfen hatten, die er als solche aber nicht einordnen konnte, weil er noch nie so etwas gesehen hatte. Sein schwarzhäutiges Volk lebte in einer Siedlung in einer Lichtung des Urwaldes auf der großen Insel. Seltsam aussehende und eingehüllte Seeleute kamen in Kleinbooten ans Land. Der Junge beobachtete von seinem Versteck in den Büschen und horchte, dass etwas geschah, was nicht normal war, aber er verstand nicht, was vor sich ging. Auf die jammernden Rufe seiner Mutter in der Ferne wagte er nicht zu antworten. Also versteckte er sich weiter und wartete mehrere Tage ab, bis wieder Ruhe eingetreten war. Er wusste nicht, dass es Europäer waren, die sein ganzes Volk als Sklaven gefangen genommen hatten, um es nach Amerika mitzuschleppen.

Als er wagte, zur Siedlung zurück zu laufen, fand er seine Eltern nicht mehr. Niemand war mehr anzutreffen. Die Hütten waren abgebrannt und Keramik, Werkzeuge und andere alltägliche Utensilien lagen überall zerstört herum. Der Junge wusste hier nichts mehr anzufangen, deswegen lief er sofort zurück zu seiner Bucht. Dort hatte er durch Früchte und Beeren genug zu essen. Trinken konnte er in einem kleinen Bach, der einer Klippe entsprang, und zum Schlafen legte er sich unter einen Schutz gebenden Busch, wie er es sich schon als Kind zur Gewohnheit gemacht hatte. Manchmal hatte ihn seine Mutter dort abgeholt; daran konnte er sich noch lange erinnern.

So vergingen viele, viele Jahre, ohne dass sich äußerlich viel veränderte. Der hager gebaute schwarze Mann, zu dem er herangewachsen war, lebte in seiner Bucht. Er machte Wanderungen um die Insel, ging immer wieder zum Platz der alten Siedlung zurück, um etwas zu holen, doch allmählich war es dort von Unterholz so zugewachsen, dass es keinen Sinn mehr hatte, dorthin zu kriechen. Der Mann nannte sich Boa, weil seine Mutter damals, als er sich vor den Fremdlingen versteckt hatte, ihn mit diesem Namen gerufen hatte. Er vergaß langsam die meisten Wörter seiner Sprache. Dinge in seiner Umgebung, die ihm gefielen, benannte er schließlich einfach: ‚Boa’. Noch ein einziges Mal sah er wieder solch große Schiffe, die ein paar Tage wegen Sturm im Golf ankerten. Da versteckte er sich erneut und lag, ohne sich zu rühren, die ganzen Tage und Nächte unter seinem Busch. Er blieb unbehelligt, denn es kamen keine Leute aus den Schiffen zur Insel hin. Auch später in seinem Leben kam er nie wieder mit Menschen in Berührung. Zu den Tieren hatte er ein gutes Verhältnis, weil er keine Jagd betrieb. Viele Vögel hielten sich in seiner Nähe, weil er ihnen herbe Samen gab, die er nicht essen wollte.

Seine letzten Jahre verbrachte Boa fast nur in seiner buschigen Behausung, die zu einer kleinen Laubhütte angewachsen war. Eine leichte manisch- depressive Laune hatte ihn ergriffen. Anfangs hatte er ausprobiert, sich durch allerlei Versuche davon zu befreien, weil er dachte, dass er von kleinen Ameisen angegriffen worden sei. Kein Schwimmen, kein Rennen, kein sich in den Sand Eingraben konnte jedoch helfen. Das Beste, was er entdeckte, war einfach, in der Hütte ruhig zu sitzen und auf das stille Meer hinaus zu schauen. In dieser Stellung schlief er eines Abends ein und ‚wachte’ erst wieder als Verstorbener ‚auf’, der auf dieses seltsame Leben zurückschauen durfte.

Aufgrund der Erfahrungen in dieser außergewöhnlichen Inkarnation arbeitet diese Individualität in der Gegenwart daran, viele Menschen auf die Todesschwelle behutsam vorzubereiten.


Nach oben

Kommentar geben


Zum Glossar

Zu weiteren Aufsätzen in dieser Reihe:

Esoterik und Streitkultur…[weiter]…
Karmafähig werden…[weiter]…
Atlantis im Auge…[weiter]…
Können wir Rudolf Steiner bestätigen…[weiter]…
Soziale Zukunft…[weiter]…
Die Sicherheitsnadel…[weiter]…
Das Luzifer-Mysterium I…[weiter]…
Kraft- und Seelentiere…[weiter]…
Qualitäten der Tiere…[weiter]
Paul Gauguin: Woher kommen wir? Wer sind wir? Wohin gehen wir? (1897) Quelle: Wikipedia
Copyright © 2008 by Jostein Sæther    •     All Rights reserved     •     eMail:
Weihnachten zu feiern, bedeutet ebenfalls, sich mit der eigenen Kindheit und Kindheitskräften in Verbindung zu bringen. Im Bild der Reinkarnation heißt das auch, auf viele zurückgelegene Kindheiten, die ich in früheren Zeiten durchlebt habe, zurückschauen zu dürfen. Mein Kindsein steckt solchermaßen in meinem Wesen drinnen als eine vielschichtige Begebenheit, als eine Quelle, aus der viele Ströme fließen.
Paula Modersohn-Becker, Kinderakt mit Goldfischglas (1906/1907). Quelle: Wikipedia
Paul Gauguin: La Orana Maria (Gegrüßet seist Du, Maria) (1891). Quelle: Wikipedia