








Engelbegegnung
Schulen der Seelenkräfte | Jostein Sæther
Sich aufrichten
In der Meditation verbindet sich die Seele mit geistigen Wesen. Jostein Sæther zeigt einen Weg durch aktive Beziehungssuche zum Engel auf und gibt Anregungen für den Umgang mit Gefährdungen auf dem Weg in die geistige Welt.
Ohne in Verbindung mit Wesenhaftem treten zu wollen, wäre kein wahrhaftes Geisterleben möglich. Rudolf Steiner betonte sogar in „Okkultes Lesen und okkultes Hören“ (GA 156), dass wir in der Meditation nur durch Anteilnahme eines anderen Wesens das geistige Erleben bekommen - und sonst nicht.
Geistiges Erleben mit Hilfe des Engels
Im Laufe seiner kosmischen Entwicklung soll der Mensch zwar immer mehr zu einem freien, schöpferischen Wesen werden, das nicht mehr von Beweggründen anderer Wesen beeinträchtigt wird. Bis er eine nächste Stufe in der kosmischen Ordnung erreicht, wird er jedoch von seinem Engel bis weit in die Zukunft geleitet - durch alle Inkarnationen hindurch. Also ist es einleuchtend zu denken, dass man diesem Wesen Fragen stellen könnte, wenn man in das hineinschauen will, was der eigenen Vergangenheit entspricht.
Das kann erfolgreich geübt werden, in dem wir zunächst mit selbstgestalteten bildhaften Gleichnissen arbeiten. Man lasse den eigenen Schutzengel innerlich „sichtbar“ werden und nicht nur einen unpersönlichen Lichtschein sein. Man gebe ihm Ausdrucksweise und „Farben“.
Man erinnert sich dann an eine Begegnung, die man als Kind zum Beispiel mit der Oma hatte. Man fühlte sich von ihr bestens angenommen. Man stelle sich vor, dass das Verhältnis zum Engel eine Haltung „des Emporschauens“ braucht, damit man seine erhabene Hinwendung erspürt. Man wird bemerken - wenn man den Schutzengel um sein Mitwirken oder seinen Rat fragt -‚ dass er schon alles „versorgt“ hat, als wüsste er, was gleich geschehen soll. Er lebt voraus, mit dem Kommenden, mit der Zukunft. Der Mensch jedoch hat zunächst in der Gegenwart zu leben. Um solche inneren Gegensätze auszuhalten, braucht man die Seelendynamik und die Heiterkeit, alles so zu nehmen, wie es sich momentan offenbart.
Wenn uns der Engel ein geistiges Erleben spendet, wie können wir dann unser Erleben von ihm von demjenigen unterscheiden, was in uns als sein Geschenk auftaucht? Ist es überhaupt möglich, einen Engel separat zu erleben oder zu schauen, wenn er zugleich in unserer Seele etwas produziert? Diese und andere Fragen, die in Zusammenhang mit der meditativen Praxis entstehen, bekommen eine Antwort im geistigen Erleben, von dem ich ein Beispiel anführen möchte.
Bereitschaft zur Geistbegegnung
Ich sitze in einem Lehnstuhl mit auf rechtem Rücken. Während des inneren Geschehens können immer wieder Geräusche des äußeren Lebens bemerkt werden: Menschenstimmen auf der Straße, eine vorbeieilende Ambulanz, Vogeltriller und tropfendes Wasser am Sandsteinhang hinter dem Haus. Sie verklingen aber, wenn die inneren Vorgänge vom Bewusstsein mehr und mehr ergriffen werden. Ähnlich geht es der Seele mit den eigenen Körperwahrnehmungen.
Anfangs entwickelt sich aus dem Gewahrwerden des Alleinseins eine innere Ruhe, die einer Morgendämmerung ähnelt. Sie breitet sich allmählich so aus, dass allerlei Erinnerungsfragmente aufziehen, zum Beispiel eines, bei dem ich mich mit herrlicher Aussicht an der Ostsee aufhielt.
Als solche Gedächtnisinhalte sachlich vorbeigelotst sind, wächst die Gelassenheit an. Sie macht den inneren Standort hell, als käme der Sonnenaufgang. Die Helligkeit kommt nicht von außen, sondern sie stammt aus der Kraft des eigenen Ich. Wenn auch dieses Licht losgelassen wird und ich selbst dastehe, ohne etwas für mich zu wollen oder zu fordern, entsteht die Bereitschaft zur Geistbegegnung.
Wenn ich die Stimmung innerlich festige, kann ich mich wie von außen sehen, weil ein Teil der Lichtquelle quasi Umkreis geworden ist. Ich bleibe aber bei mir und gebe mir selbst eine Gestalt, als würde ich in einem Schauspiel mitwirken. Wenn ich mich deutlich „hingestellt“ habe, wird jemand vor mir bemerkbar werden: Das „ist“ der Schutzengel oder besser, wahrer gesagt: Er macht sich im Rahmen meiner vorbereitenden Dramaturgie unterscheidbar. Es entsteht eine Imagination.
Innere Ruhe rahmt das Erlebnis ein und schützt mich vor inneren Aufregungen und äußeren Ablenkungen. Ich bleibe in dieser imaginativen Position zunächst still und schweigsam. Objektive Fragen können auftauchen und dem Engel als „Geschenk“ übergeben werden.
Zum Fortschreiten aufgefordert
Nach dieser ersten Situation, in der ich eher bewegungslos innerhalb einer ausgedehnten Fläche wie draußen ruhe, kann nun eine „Bewegung“ ansetzen, die den Engel von innen her erlebbar macht. Wenn die erste Begegnung mit ihm wie frontal oder im Waagerechten erlebt wurde, wird sie sich nun ganz im Vertikalen nach oben und unten hin ausleben, ohne dass ich den „Boden“ verliere. Ich fühle mich wie in einem Farbenraum, der einen moralischen, einen zum Fortschreiten auffordernden, leisen „Druck“ macht. Diese Empfindung bedeutet eigentlich keine Forderung, sondern sie zeigt eher einen Wink, wohin sich der Durchlass weiter nach innen erschließt.
Diese Stellung könnte mich erschrecken, weil ich mir plötzlich bewusst werde, dass ich gerade nicht allein bin. Oder ich könnte mich so „klein“ fühlen, dass ich nicht wage, weiterzugehen. Die Entschlossenheit packt mich aber derart an, dass ich dennoch wage, in die „Hütte“ des Engels einzutreten. Ich komme in einen noch eindrucksvolleren „Raum“, der gleichsam über viele architektonische Mittel verfügt, deren „Funktionen“ zu beschreiben den Umfang dieses Beitrags weit überschreiten würde.
Die Rückkehr aus einer solchen Engelbegegnung folgt analog dem Herantasten. Mit Bedacht und wie im Rückwärtsgang nimmt man Abschied. Man begreift, dass nur bewusst erzeugte, reaktionsfähige Aufmerksamkeit vor, während und nach der Meditation zu eventuellen Erkenntnissen führen wird.
Interessanterweise bedeutet ein „Aufstieg“ zum Engel in diesem Sinne einen „Abstieg“ von einer subjektiven Expression zu einer objektiven Impression, als hätte man im gefühlsbetonten Astralleib angefangen und wäre über das Lebenshafte bei der reinen Sinneswahrnehmung angekommen. Diese drei Schritte eines meditativen Erlebens stellen den Auftakt höherer Bewusstseinsarten dar, die über Imagination, Inspiration und Intuition verfügen. Auch Imaginationsinhalte, die während der Meditation nicht höhere Intuition mit einschließen, können zu Erkenntnissen führen, wenn im Tagesbewusstsein die Ergebnisse eine plausible Gliederung an anderen Erfahrungen finden. Wenn das nicht so wäre, könnten wir im Denken keine Freiheit erreichen. Das Ich schafft Prozesse und wird selbst zu einem Prozess innerhalb des Gesamtwerks des Engels. Der Engel benutzt die „Farbtöpfe“ der menschlichen Freiheit, um sich seelisch-geistig sichtbar zu machen. Er tritt quasi zur Seite, um uns „seinen Platz“ zu geben, damit wir geistig erwachen.
Garantie der Authentizität
Ich bin oft gefragt worden, wie Sicherheit entsteht, ob man sich auf dem richtigen Weg befindet. Wie erkennen wir die Wahrheit beispielsweise in Bezug auf karmische Bilder? Wie können wir erkennen, dass karmische Schlüsse keine subjektiven Projektionen sind? Wie kann ich wissen, dass ich mich nicht geirrt habe? Solche und ähnliche Fragen sind jedenfalls berechtigt, aber sie können, wie es mir scheint, dem Fragenden auch seine Begeisterung dämpfen, geistige Forschung zu entwickeln oder sie bei anderen unterstützen zu wollen. Die Art, wie das geistige Erleben in der Seele dauerhaft nachwirkt, gibt die Garantie, ob es wirklich geistig real war oder nicht, inwiefern sich das Freiheitsgefühl steigert oder nicht.
In sich selbst bekommt man die Sicherheit; ein anderer kann einem die Wahrheit nicht geben. Das vorurteilsfreie, denkende Ich ist das Messgerät der Wahrheitsfindung. Ein innerer Kosmos kann aus den verschiedenen Befunden entstehen, die sich in Beziehung zueinander in einem klaren Kontext in Bewegung halten und sich selbst tragen, ohne einen altbewährten Beweisgrund zu brauchen. Auch die Ergebnisse von anderen müssen ähnlich erwogen werden, damit sie zur Erkenntnis „ergründet“ und „aufgebaut“ werden können.
Gefährdungen
Auf diesem Weg gibt es nun einige Gefährdungen.
1. Irrtümer und Täuschungen: Wenn man meditiert, wird einem die Wahrheit nicht entgegenrasen. Man kann aber einen Wahrheitsfaktor etwa wie einen Magneten mitnehmen, der sie anzieht und Fälschungen wegschiebt. Wir müssen uns für die Wahrheit vorerst reif gemacht haben, damit sie sich in der Meditation zu uns wagt; denn sie scheint ein scheues Wesen zu sein, mit welchem der Umgangston erst gelernt werden muß.
Wenn man seine Erwartungen an die geistige Welt nicht bremst oder sie zu groß einstuft, können riskante Illusionen aufgetürmt werden, die zu Enttäuschungen und „unnötigen“ Prüfungen führen oder einen sogar in sogenannte okkulte Gefangenschaft versetzen könnte.
Die Menschenseele kann letztlich nur von Wahrheitssubstanz leben. Wenn also Irrtümer und Illusionen trotz Vorbereitungen die Seele infizieren, wird sie eines Tages krank, oder sie schiebt die Lügen eine Ebene nach unten hin, so dass im Ätherleib Störungen entstehen.
Hochmut, Eitelkeit, Schlaflosigkeit oder Verfolgungswahn könnten aus solchen Fehlurteilen entstehen. Der Forscher des Geistes muß da bereit sein, sich jederzeit in das Licht der allgemeinen Wahrheit zu stellen, um sich von anderen Wahrheitssuchern prüfen zu lassen. Unsere innere Ehrlichkeit muß so charakterfest sein, dass wir andauernd bereit sind, mit allem wieder von vorn anzufangen, wenn wir bejahen würden, dass wir der Wahrheit nicht gedient haben.
In offenen Gesprächen über geistige Erfahrungen wird die Wahrheit „in Person“ anwesend sein und sich aus den erforschten Inhalten aussprechen. So muß man keine Angst haben, die Wahrheit nicht zu finden, auch da, wo sich Scheinwahrheiten fixiert haben.
Tatsachengewohnheit
2. Komplexe Verhältnisse. Wir müssen verzwickte Feinheiten im Auge behalten und nicht ruckzuck alle Befunde als Wahrheit proklamieren. So inkarnieren nicht nur menschliche Iche, sondern auch die ätherischen und astralen Wesensglieder können wiederkehren und für Individualitäten zur Verfügung stehen, von denen diese Hüllen nicht entstammen. Reinkarnation und Karma ist und bleibt eine komplizierte Geschichte, wo sich allgemeine Gesetze und individuelle Ausnahmen manchmal kreuzen. Ich sehe daher den Umgang mit künstlerischen Gesetzen als Vorstufe, weil wir dabei mit Fakten umgehen. Wir lernen, wie physische Bedingtheiten miteinander sachgerecht verbunden sind und zueinander stehen. Diese Tatsachengewohnheit befördert eine Disposition für Wahrheit.
3. Auserwähltheits-Syndrom. Besonders wenn man schon viele geistige Erfahrungen hat, könnte es passieren, dass man Imaginationen überschätzt oder sie falsch deutet. Wenn die Inspiration erlangt ist und ich erlebe, dass Kontakt zu geistigen Wesen, zum Beispiel Meisterseelen, möglich ist, könnte es sein, dass ich zu wenig darauf achte, die imaginative Ebene mit selbstloser Ich-Kraft durchzuleuchten.
Es geht darum, die geistigen Erfahrungen gegenüber dem alltäglichen Leben und den Mitmenschen harmonisch ein zugliedern. Wenn es nicht passt, sie freimütig zu kommunizieren, sollte man besser darüber schweigen. Sonst läuft man Gefahr, andere mitzureißen, die selber nicht fähig sind, dasselbe zu schauen oder es korrekt einzuordnen. Oder wenn einem die eigenen Freunde nicht helfen können oder dürfen, ist der Weg zur Psychiatrie ganz kurz.
Keine Angst vor geistigem Pfad
Mit psychischen Sackgassen und vor übergehenden Abwegen müssen wir allerdings rechnen. Sie sollen uns nicht abschrecken, weitere Schritte zu gehen. Genau das möchten wohl die Widersacher erreichen.
Ein aus Angst oder Faulheit abgebrochener geistiger Pfad bedeutet für sie einen Sieg, der sie mit dauerhafter Energie des schwankenden Geistesschülers auflädt. Auch die Kritiker der Esoterik bekommen dadurch Aufwind, wenn sie sehen, dass sie zu geistigen „Früh-„ und „Fehlgeburten“ führen kann. Anders herum: Wenn man bei einer Stufe nicht weitergeht, was die Freiheit einem ja immer einräumt, aber das Erreichte innerlich „versiegelt“ und für die Zukunft aufspart, besteht keine Gefahr, dass man daraufhin auf Irrwege abgleitet. Derartige Probleme sollten uns im Grunde nur aufrichten, damit wir noch mehr einander helfen und zu stabiler, spiritueller Gemeinschaftsarbeit inspirieren.
Das Goetheanum, Nr. 4-2006
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Gamamila
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