Erkenntnisdrama
Gamamila
Jostein Sæther | Karmafähig werden

Das TV in vielen Ländern zeigte in den letzten Jahren was Rückführung ist. Das Fernsehteam erarbeitet die Daten und die Orte werden aufgesucht, wo die Zurückgeführten erklären, früher gelebt zu haben. Eindrucksvolles wird so dem Publikum vermittelt. Ich kann von ähnlichen Erfahrungen mit zahlreichen Menschen berichten.

Zurückwandlung
Wenn ich jemand in Karmaarbeit coache, setzt es voraus, dass ich über mich selbst wahre Einblicke in frühere Leben habe. Ich muss auch über eine Methode verfügen, die für genügend viele Interessenten geeignet ist. Am besten müssen sie mit der Beratung zufrieden sein und die Ergebnisse mit dem Alltag einordnen können. Die Fähigkeit des karmischen Rückblicks kann vielfältig erübt werden. Es geht jedoch nicht darum, frühere Leben als Sensation zu begucken, sondern sich vom darin wirksamen Karma harmonisieren zu lassen, so dass man für die Gegenwart ein ‹neuer› Mensch wird.
Identischwerden mit demjenigen, was man war

In einem Karmavortrag vom 15. Juni 1924 (‹Esoterische Betrachtungen karmischer Zusammenhänge›, GA 239) beschreibt Rudolf Steiner beispielhaft eine Tatsache der Karmaerkenntnis, die ich in zahlreichen Erfahrungen gleichartig bestätigt fand. Wenn frühere Erdenleben für mich durch höhere Erkenntnis aufgehen, dann schaue ich in ihrer geistigen Gestalt hinein. Ich empfinde mich dann nicht so, als ob ich im Jetzt bin, sondern ich erlebe mich quasi erneut im Ablauf der früheren Leben. Steiner betont, dass man nicht außen vor ihnen bleibe, sondern sich innerhalb der eigenen Zeit-losigkeit ‹zurückschaue›: «Es ist nicht ein abstrakt-erkenntnismäßiges Hineinschauen, es ist eine Zurückwandlung, ein Einssein, ein Identischwerden mit demjenigen, was man war. Es wird sehr lebendig das Innere, sehr bewegt und erregt, wenn man da zurückkommt in die früheren Erdenleben.»

Im Erkenntnisdrama des karmischen Erkennens müssen wir unsere Vorstellungen ablaufen lassen wie miteinander ringenden Kräften. Ich lasse Begriffe und Bilder dynamisch werden, sodass ich ihre Einseitigkeit überwinde. Sie müssen für die Karma-schau ‹transparent› sein. Wenn ich ein Motiv von einer Seite charakterisiert habe, muss ich es auch von der Gegenseite deuten. Das meditative Denken gegenüber karmischen Eindrücken wird dann zu einem Organ, das einerseits ‹passiv› die geistige Umwelt durch sich strömen lässt, und auch schmiegsame ‹Fangarme› entwickelt, um übersinnliche Phänomene ‹aktiv› abzutasten und umzufassen.  

Karmaschau als Teamwork
Was enthüllt es, wenn ich einige Ergebnisse aus der Reihe der vielen herauspflücke? Ist es überhaupt möglich von karmischen Inhalten zu berichten, ohne in Verallgemeiner-ungen zu verfallen, die dann besondere Feinheiten nicht beachten? Wäre es nicht besser, ein solches Anliegen nur im Gespräch und direkt mit den Mitwirkenden, die Karmaerkenntnis wirklich suchen, zu pflegen? Ich glaube jedoch, dass es möglich sei, gewisse Aspekte aus einer anthroposophischen Karmaforschung zu vermitteln, weil immer mehr Menschen darin eine Lebensorientierung sehen.

Nicht nur mit Einzelnen sondern auch in Seminaren habe ich Meditation und Rückerinnerung gepflegt und ‹getestet›. In einigen Gruppen, wo die Personen sich gut kannten oder jahrelang Mitarbeiter desselben Instituts waren, fiel das meditative ‹Karmagespräch› äußerst gut aus. Alle im Kreis versuchten, zu demselben Ort in der Vorzeit zu ‹reisen›. Jemand griff ein Motiv auf, das ihm imaginativ aufging, und wir übten, uns ‹dort› aufzustellen oder uns auf einem angrenzenden Ort zu demselben Termin einzuordnen. Einmal ‹wuchsen› aus einem geschmückten Pferdekopf die tragischen Intrigen nach einem fingierten römischen Triumphzug. Derart wurden nun Vernetzungen zu früheren Inkarnationen und bündiges Karma aus vielen Kulturen erkennbar.

Mitarbeiter am ersten Goetheanum?
Viele Personen entdeckten, dass sie ihr letztes Leben wenige Dezennien vor ihrer Geburt beendeten. Einige hatten den Zweiten Weltkrieg, die Zwischenkriegszeit oder den Ersten Weltkrieg damals erlebt. Da ist z.B. der Nationalsozialist, der eine neue Identität in Nordafrika findet, statt den Freitod zu wählen; der amerikanische Bomber-pilot, der über Deutschland abstürzt; die Jüdin, die dem Holocaust entkommt; der amerikanische Freimaurer, der während der Präsidentschaft von Woodrow Wilson sich nicht in die Politik einmischen wollte; der französische Pianist, der im 18. Jahrhundert nach alten Heiligtümern die Welt bereist; der Fischer aus Normandie, der ertrinkt, als er seine Tochter retten will - und der Philosoph, der viele Freunde verliert, da er die Indifferenz des Bürgertums verpönt.

Da sind berühmte und uns unbekannte Anthroposophen um Rudolf Steiner, teils diejenigen, die aus Russland kommen und dabei diejenigen, die nach England übersiedeln. Da sind etliche Schnitzer am Doppelkuppelbau, eine Handvoll junge Eurythmistinnen und ein Arbeitsleiter am Goetheanum. Da sind der Österreicher und der Russe, die beim Essen in der dornacher Baracke Freunde werden und sich trotzdem verpflichtet fühlen, in den Krieg zu gehen, um an der Ostfront "gegen-einander" zu kämpfen. Es tauchen ab und zu bekannte Namen und historische Ereignisse auf.

Wie verhalte ich mich, wenn Lebensmotive geknüpft zu Namen wie Ludwig Eifel, Andrej Belyj, Ella Dziubaniuk, Edouard Schuré, Friedrich Nietzsche, Cosima Wagner, Edvard Grieg, Sophie von Kühn, Diane de Poitiers, Martin Luther, Lothar II. und Lucius Brutus - der Caesarmörder - blitzschnell auftauchen, wenn keiner von uns den geringsten Gedanken zu ihnen hatte davor und am Anfang des Rückblicks? Oft stimmen die geschauten Szenen haargenau mit überlieferten Dokumenten überein - z.B. mit den Tagebüchern von Cosima Wagner. Andere Male bleiben Fragen offen, oder die Resultate reimen nur teils mit historischen Quellen.

Zahlreiche Episoden finden unter ‹bescheideneren› Umständen statt, - aber zu einer Zeit, die jeweils bis auf den Tag festgestellt werden kann - die wir deshalb mit der Geschichte verbinden können. Wir dürfen viele Schicksale der Indianer ersinnen und interessante Lebensläufe der Renaissance kennenlernen. Da ist der junge deutsche Bühnendichter, der an Tuberkulose frühzeitig stirbt; da sind die aufwiegelnden Bauern mit den drahtziehenden Adeligen in Ungarn kurz nach der Französischen Revolution; eine Handvoll friedliche Zeitgenossen von Goethe - und etliche Intriganten, die sich am Hofe Maria Stuarts ‹unterschleifen›.

Wir schauen Jungfrauen im Mittelalter, Ritter, Mönche, Nonnen und unschuldige Andersdenkende, die gequält und verkohlt werden. Es ‹meldet› sich der junge Graf, der seine Erbe nicht antritt, sondern zu den Katharern in den Pyrenäen flieht. Da entläuft auch der minnesingende Sohn eines Pfalzgrafen, der ihn verflucht, weil er im zwingenden Moment das Kastell nicht mitverteidigen will. Es offenbarte sich, dass der Fluch noch mit einer Zyste der betroffenen Karmasucherin zu tun haben könnte - gemäß den Ausführungen Steiners im oben erwähnten Karmaband, wo böse Taten der Vergangenheit zu späteren Krankheiten führen.

Eine außergewöhnliche Inkarnation
Viele Länder und Völker rund um den ganzen Globus und allerlei Kulturen sind repräsentiert wie Atlantier, Chinesen, Inder, Chaldäer, Juden, Araber, Kelten, Römer, Normannen, Eskimos, Hopis und Azteken. Da leben u.a. Nomaden, Priesterinnen, Städtegründer, Kräuterhändler, Schmiede, Zigeuner, Hofnarren, Schuhmacher, Postbeamte, Richter, Komponisten, Sattelmacher, Wirtinnen und Wissenschaftler. In den verschiedensten Gebäuden, an allerlei Orten leben die Leute. Sie treffen sich für ein Gespräch, oder um etwas zu tun in Höhlen, Laubhütten, Iglus, Zelten, Steinkreisen, Campanilen, Burgen, Stabkirchen, Klöstern, Moscheen, Lehranstalten, Bergdörfern usw.

Städtenamen fallen evident ein wie Eridu, Bagdad, Petra, Jerusalem, Phasis, Memphis, Hattusa, Knossos, Ephesos, Byzanz, Athen, Karthago, Roma, Pisa, Prag, Moskau, Nürnberg, Basel, Straßburg, Bilbao, London, Edinburgh, Reykjavik, Charleston und Chicago. Andere Orte und ihre Bewohner konnten auch untersucht werden, aber ohne dass die geographische Diagnose gelang. Viele Sitten, Glauben und Philosophien tauchten auf. Oft standen Völker oder Einzelnen in Konflikt miteinander. Gelegentlich starben viele in einer grausamen Schlacht.

Ein andermal wurde Frieden geschlossen.Ich arbeite auf die Dauer mit einigen, die es gelernt haben, karmische und andere Gefüge selbständig zu erforschen. Indessen warten andere ab, bis sie wagen, ihre Ergebnisse als Teil ihres Karma zu denken. Viele der Auskünfte knüpfen an gegenwärtige Ereignisse derart an, dass mir kein Zweifel übrig bleibt, dass sie aus echtem Karmaschauen stammen.

Jemand, der in einer gemeinnützigen Initiative für Menschen in der letzten Lebensphase tätig ist, entdeckte eine außergewöhnliche Inkarnation, in der er auf einer westafrikanischen Insel in totaler Isolation weiterlebte, nachdem alle seine Verwandten und Stammesmitglieder als Sklaven gefangen genommen worden waren. Der Knabe hatte sich vor den Europäern im Busch versteckt. Aufgrund der damaligen Schicksal - von der Kindheit bis zum Tod ohne anderen Menschen auskommen zu müssen - bereitet diese Individualität heute viele Menschen auf die Todesschwelle behutsam vor.

Nebenübungen und Karmaschau
Immer wieder wurden von esoterischen Autoritäten die Bedeutung der Stärkung des Denkens, Fühlens und Wollens und die Pflege der gesamten Charakterbildung für die esoterische Schulung betont. Dafür arbeitete Rudolf Steiner die sogenannten Nebenübungen aus, die für das Entwickeln eines Karmaverständnisses ebenso notwendig sind. Jeder muss darauf achten, wie unentwickelt oder ausgebildet er in dieser Hinsicht ist, sodass eine erforderliche Ergänzung durch solche Übungen ersucht wird.Ich möchte nun zeigen, wie man eine praktische Denk- zur Karmaübung erweitern kann.

Nehmen wir an, ich halte eine Sicherheitsnadel in der Hand. Ich befrage die Form, die Farbe, das Material, die Funktion und das Verfahren bei ihrer Anfertigung, soweit es mir bekannt ist. Wie groß ist die Sicherheitsnadel? Wie lang und wie breit ist sie? Wie ist die Spitze? Ist die Nadel in der Mitte durch eine Spirale gewunden oder hat sie eine Kugelverstärkung - wie sie extra für Eurythmisten hergestellt wird? Wie funktioniert der Verschluss? Wie schließt die Nadel zwei Stoffteile zusammen? Warum entsteht und wie wichtig ist die Spannung des Metalls? Wie kann ich die Idee der Sicherheitsnadel formulieren? Welches ist ihre immanente Bedeutung, ihr Wesen?

Dann lege ich sie weg und gehe in ein meditatives Verweilen hinein. Ich erinnere nicht den zuvor durchschrittenen Beobachtungsvorgang, sondern ich erneuere ihn seelisch-geistig. Ich bleibe aber jetzt ausführlich bei der Ideenseite oder beim Wesentlichen der Versenkung. Ich schaffe dann einen gedankenleeren Übergang und ‹versetze› demnach mein Selbst zu einer vergangenen Zeit. Ich ‹ausmale›, dass ich mich irgendwann irgendwo befinde. Die Vorstellungen, die ich mit dem untersuchten Objekt verband, müssen nun alle schweigen. Keine Gedanken der heutigen Zeit sind am Platz. Ich lasse wie ‹aus dem Nichts›, aber aus der ‹Essenz› der Idee, aus der ‹Neigung› des Nadelwesens etwas hervorquellen, das Vergleichbares offenbaren könnte.

Ein bezeichnendes Beispiel zeigt, was einmal ein Seminarteilnehmer erlebte, als er diese Übung machte.Er sah sich anwesend in einer Volksversammlung in einem Gebiet mit Hügeln und großen Eichen - ihm schwebte Schottland vor. Gleich bekam er den Eindruck zweier keltischen Stämme, die nach längerem Gefecht gerade durch eine Hochzeit einen Friedensbund vollzogen. Er sah die beiden Häuptlinge, die Braut aus dem einen Stamm und den Bräutigam aus dem anderen. Er schaute, wie die Leute gekleidet waren, und er erlebte die Einhelligkeit, die mittels der Feier entstand.

Die Beobachtung der Sicherheitsnadel gab also die Inspiration zur Eheschließung. Begegnen sich vielleicht ihre Idee und die der Vermählung auf einer höheren Stufe? Solchermaßen können Gegenstände, Faktoren und Gegebenheiten der Sinneswelt Brücken zu karmischen und geistigen Motiven bilden, wenn wir sie nach Erscheinungsart, Funktion und Idee ergründen. Die Denkübung schafft also einen ‹Sprungbrett› in etwas wesensverwandt Übersinnliches, sodass die Seelenverfassung umgebildet wird. Dies ist nötig, um das Karma zu erleben und zu erkennen. Ich kann es für mich, für andere und mit ihnen zusammen erforschen, wenn ich wahrhaft den Willen mit dem Denken verbinde, indem mein Denken eine Aktion wird wie irgendeine andere Handlung - z.B eine, wo ich in einem hügeligem Terrain radle, ohne an frühere Leben zu denken. Karmaarbeit fördert die Freiheit, und würde ich da einem Radler begegnen, könnte ich anhalten und Kontakt aufnehmen. Sofern wir gemeinsames Karma haben, könnte eine Kollision zustoßen, aber nicht, wenn ich ‹karmafähig› bin.

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