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jostein sæther | esoterik und streitkultur




Nur jemand, der durchaus fertige starre Dogmen haben will, kann glauben, daß die gegenwärtige Form der geisteswissenschaftlichen Verkündigung eine bleibende, oder etwa gar die einzig mögliche ist.


Rudolf Steiner
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Jostein Sæther,
5. Variation
zum Thema Geheimnis
, 2008
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enau genommen können wir nichts anderes tun, als uns vorbereiten, um in die geistige Welt einzutreten. Das übrige bleibt Sache und Gnade der geistigen Welt. Der heutige Esoterikbegriff muss im Kontext des Authentischen interpretiert werden.
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Der alte Begriff "Esoterik" deckt sich nur teilweise mit demselben Modewort, da alles, was einst als "Geheimwissen" galt, durch Medien und Internet zugänglich ist. Früher existierte neben Esoterik (griech. esoterikos = "zum inneren Kreis gehörig") die Exoterik (griech. exoterikos = "für die Öffentlichkeit"). Schon die griechische Philosophie unterschied Logoi (Lehren) esoterikoi von Logoi exoterikoi. Platos Dialoge waren verfasst und daher für die Gebildeten bestimmt. Seine Geheimwissenschaft, die uns heute nur spärlich bekannt ist, lehrte er nur im engen Kreis.

Diesen Unterschied zwischen Exo- und Esoterik finden wir bei Urvölkern und in Hochkulturen bis in unsere Zeit. Das Geheimwissen wurde früher in den Mysterienschulen gelehrt und durch Initiation bestätigt. Es durfte nicht in den Händen von Unbefugten gelangen, weil es kulturelle Schäden anstiften konnte. Darum war es zu jener Zeit verboten und mit Todesstrafe verbunden, esoterisches Lehrgut mitzuteilen. Seit dem Mittelalter wurde zugängliches Wissen von offiziellen Lehranstalten allmählich verbreitet. Wer als Schüler in unserer Zeit esoterisches Wissen erhält, würde - laut Rudolf Steiner - unter allen Umständen nicht gut tun, das Vertrauliche in der ihm überlieferten Form mitzuteilen (vgl. Rudolf Steines Gesamtsausgabe, Bibliographienummer: GA 178). Es wäre nur ratsam das selbst Erforschte preiszugeben, worauf man sicherstellen muss, dass es der Menschheit dienlich sei.

freiräume und chancen

Im 20. Jahrhundert ging ein Bedeutungswandel des Esoterikbegriffs einher, der den Akzent von der profanen Zurückhaltung zum Inneren des Menschen legte. Die moderne Esoterik umfasst Themen und Methoden, die jeden helfen sollen, sein Wesen zu erkennen. Sie will uns Freiräume und Chancen für die Klärung des bisherigen Lebenswegs geben und den Aufbau einer neuen Lebensart aufzeigen. So verstanden, fasst Esoterik allen alternativen Lehren, Lebensformen und Heilweisen zusammen.

Jede große Buchhandlung hat heute eine Esoterikabteilung, wo alles, was Spiritualität betrifft, einfach als Esoterik bezeichnet wird. Wir sollten mit dieser Deutung doch sorgsam umgehen, da das wesenhaft Esoterische immer ein Erkennen ist von Tatsachen, die sich jenseits der Sinne in einer Geist- respektive individuellen Seelenwelt abspielen. Wenn ich geistige Erfahrungen bekannt gebe, ist eine sachgemäße Erläuterung angebracht. Verständnis für das Authentische entsteht, da wo Vertrauen und eine offene Stimmung vorhanden ist.

radikale intimität
Rudolf Steiner betonte, dass er nur dann als Geistesforscher etwas zu verschweigen hätte, wenn er annehmen müsste, dass es der heutigen Menschen wegen Unreife noch nicht mitgeteilt werden dürfte (vgl. GA 186). Ab und zu betonte er diese radikale Intimität des Geistigen und deutete deshalb solche Dinge nur begrenzt an. Später äußerte er sich dann doch über das bisher Zurückgehaltene. So bemerken wir, dass die Zeitbedingungen sich inzwischen geändert haben müssen, indem die alten Zuhörer erfahrener worden oder neue hinzugekommen waren, etwas, was eine neue Basis des Diskurses gab. Ich nehme an, dass er in der Karmaforschung Einblicke besaß, die er niemand anvertraute.

Zwischen 1904-14 leitete Steiner in Anknüpfung an esoterische Gebräuche in Europa eine esoterische Schule, die in drei Abteilungen bestand (vgl. GA 264-266/I-III). Wegen des Ersten Weltkriegs brach er diese Lehrtätigkeit ab. Abgesehen von wenigen Veranstaltungen wurde sie in dieser Form mit der dazugehörigen persönlichen Schülerschaft nicht fortgesetzt. Er betonte nach dem Krieg in einem Lehrerkonferenz der freien Waldorfschule in Stuttgart zur Frage der Esoterik, dass es in den Anfangsjahren sogar genügend davon gegeben hatte (vgl. GA 300b). Er nannte noch einen Grund, warum er später davon absehen musste: Alles Esoterische wurde in schändlicher Weise missbraucht und durch das Hinaustragen in die Welt entstellt. Er sagte, dass die Esoterik ein schmerzliches Kapitel der Anthroposophischen Gesellschaft sei und betrauerte, dass hier das Cliquenwesen eindrang und sich über die Esoterik setzte.

Dennoch entschied sich Steiner mit der Gründung der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft (AAG) und der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft (FHfG) zu Weihnachten 1923/24 für einen Fortschritt und eine Metamorphose der Esoterischen Schule. Vor seinem verfrühten Tod - er starb im Alter von 64 jahren - schaffte er nur einen Teil des Lehrguts der ersten der drei geplanten Klassen zu geben. Er bejahte, dass die Klassenstunden mitstenographiert wurden, aber hielt strikt darauf, dass die Inhalte intern bleiben. Da die Niederschriften im Lauf der Zeit nicht allein im Kreis blieben, wo sie bestimmt waren - wie jeder hätte ahnen können - und teils in fragwürdiger Form verbreitet wurden, gaben die Rudolf Steiner-Nachlassverwaltung und der Vorstand am Goetheanum 1992 die Texte innerhalb der Gesamtausgabe heraus. Obzwar sie heute jedem zugänglich sind, arbeiten die Teilnehmer gemäß der Ursprungsbedingungen, indem das gesprochene und gehörte Wort im Mittelpunkt von Teamwork steht. Insbesondere erstreben die esoterische Mitarbeiter, folgende Vereinbarungen zu verwirklichen (vgl. GA 260a): Der Wille, einen meditativen Entwicklungsweg zu gehen, das Zusammenwirken zu pflegen, und die Anthroposophie im täglichen Leben zu repräsentieren. Selbst war ich zwischen 1975 und 2000 Mitglied dieser esoterischen Hochschule.

individuelle kontra allgemeine esoterik
Also existiert heute wie vor 100 Jahren tatsächlich eine anthroposophische Esoterik. Sie wird aber nicht intern betrieben, weil man etwas geheim hält, sondern auf das anthroposophische Studium weiterbaut und eine erwartungsvolle Stimmung der Seelenruhe schaffen möchte, wo die geistige Welt dem Einzelnen und der Gruppe herankommen könnte. In der Praxis sei dies nur möglich, wenn Menschen gut vorbereitet sind und prinzipielle Fragen der Esoterik für sich längst geklärt haben. Das Näherkommen der geistigen Welt ist ein Akt der Gnade. Sie lässt sich auf keine andere Weise erobern, als indem man sich dafür durch meditatives Üben und sonstiges reif macht.

Wenn Rudolf Steiners interne Angaben und Texte heute öffentlich zugänglich sind, heißt es nicht, dass jeder etwas damit anfangen kann. Ihr Charakter als esoterische Werkzeuge ist behütet, bis sie verstanden und so handhabt werden, wie sie veranlagt sind. Ebenso stellte Steiner fest, dass die Philosophien von Fichte, Hegel und Schelling Geheimlehren bleiben, bis sie verstanden werden (vgl. GA 139). Beim Studium der Anthroposophie wird schon der Eintritt zur Esoterik gemacht. Es gibt keine allgemeine Entwicklung, nur exemplarische Schritte, die der eine, der andere, der dritte oder der tausende Mensch geht (vgl. GA 125). So viele Milliarden Individualitäten es existieren, so viele esoterische Wege müssen es deshalb auch geben.

Steiner gab sein Umriss des Erkenntniswegs eine generelle Form, die in gewisser Weise sich nicht mit dem Individuellen deckt. In Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten? (GA 10) wird er genauso beschrieben, dass jeder ihn gehen kann. Trotz aller Konkretheit ist die Form aber dadurch abstrakt, fast theoretisch. So ist mir klar, warum Steiner um 1924 Maria Röschl-Lehrs, die erste Leiterin der Jugendsektion, bat, das Buch aus ihrer Sicht neu zu schreiben. Sie hat es leider nicht getan - und keiner nach ihr. Als Erinnerung: Steiners Niederschrift vor 100 Jahren (GA 34): "Nur jemand, der durchaus fertige starre Dogmen haben will, kann glauben, daß die gegenwärtige Form der geisteswissenschaftlichen Verkündigung eine bleibende, oder etwa gar die einzig mögliche ist."

In der Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung (Nr. 23, 10.06.2007) interviewte Eberhard Rathgeb den Autor Helmut Zander über Impulse einer zeitgemäßen Spiritualität. Zur Frage: Was können die Anthroposophen im Dilemma von erfolgreicher Praxis und unattraktiver Theorie machen? - antwortete Zander, dass er keine Unternehmensberatung empfiehlt, weil die Immunität der anthroposophischen Esoterik gegenüber den Moden der Moderne aus einem Festhalten an Dogmen und Prinzipien stammt. Diese Art öffentlicher Kritik wird nie verstummen, ehe einerseits der spezifische esoterische Weg Steiners in Verhältnis zu seinen allgemeinen Darstellungen - soweit es nachvollziehbar ist - geprüft wird, und andererseits ein anderer, ein dritter und weitere anthroposophische Esoteriker ihre authentischen Schritte vorweisen. Wenn dafür immer mehr Entgegenkommen entsteht, werden die von Zander festgestellten Defizite der anthroposophischen Streitkultur beseitigt, zumal der gute Geist der Esoterik in dieser Richtung weht.

Gewiss haben Forscher und Autoren wie Andrej Belyj, Christoph Lindenberg, Friedwart Husemann, Sergej Prokofieff, Peter Selg u. a. dieses Projekt mit Steiner begonnen, aber die anthroposophische Esoterik wird nur dann für die Welt denkbar, wenn weitere Forscher sowohl Steiners okkulte Ergebnisse bestätigen oder eventuell widerlegen als auch "neue" Fakten auftischen. Die Angst, dass Steiners Namen von der Anthroposophie getrennt werden könnte, ist hinfällig, da jemand, der übersinnlich forscht, auf seine wahren Erzeugnisse stoßt. Er proklamierte ein neues Mysterienwesen, das frei von dogmatischen und politischen Neigungen sein muss. Die politischen und kulturellen Übergriffe im 20. Jahrhundert, die uns allen betreffen, erwiesen, dass das "Initiationsprinzip" - der Wille, sich durch neue Erkenntnisse zu vewandeln - nur in absolut ehrlichen und von persönlichen Ambitionen befreiten Foren verwirklicht werden kann.
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