Farbmeditation
Gamamila
Jostein Sæther | Begegnen dem Geistwesen des Rots
Es ist außerordentlich empfehlenswert, Rudolf Steiners Angaben zu Farbmeditationen zu lesen, noch mehr aber, sie tatsächlich zu üben. Er stellt in einem Vortrag vom 1. Januar 1915 dar (in: Rudolf Steiner, Das Wesen der Farben, GA 291, Dornach 1976, Seite 96-111), wie der Übende beim Hineinleben in das Gelbe in ein Stadium der Evolution zurück versetzt wird, das noch in die Zeit vor der allerersten Inkarnation fällt.
Wenn wir uns meditativ mit den Farben beschäftigen, wird es allmählich deutlich, dass sie mit unterschiedlichen Ebenen der geistigen Welt, mit wechselnden Attributen des Göttlichen und mit bestimmten moralischen Fähigkeiten des Menschenwesens zu tun haben. Aus diesem Grund können wir auch begreifen, warum sowohl in vielen Mythen wie auch in der Bibel der Regenbogen nach der so genannten Sintflut als Zeichen eines erneuerten Bundes zwischen Gott und den Menschen an den Erdenhimmel gesetzt wurde. - Wenn wir in Meditationen innere Bilder und Vorgänge schauen, die Farbiges beinhalten, so dass wir mit Sicherheit sagen können, wie die Farbe erschienen ist, können wir diese als Grundlage für einzelne vertiefende Meditationen auswählen.
Einmal machte ich mit einer Klientin eine Forschung über atlantische Lebensumstände. Es wurde der Unterricht eines Meisters der Wachstumsvorgänge an junge Frauen geschaut. In den Jahren der Belehrungen durften sie ihn überhaupt nicht ansehen. Der unterweisende Eingeweihte stand außerhalb ihres Blickfelds. Er stand oben auf dem Dach einer aus vier wachsenden Bäumen errichteten Laubhütte, unter welchem die Jungfrauen beim Unterricht sich befanden. Erst beim Fest der Schulentlassung durften sie ihn zum ersten Mal sehen und ihn inmitten aller Versammelten begrüßen. Eines ragte sichtbar hervor: die rote Feder, die er als Halsschmuck trug. Es war auffallend, dass er der Einzige war, der diese Ehrenerweisung trug.
Bei weiterem Nachforschen darüber, woher die Feder stammte, zeigten die Imaginationen auf feuerrote Vögel, die in riesigen Bäumen lebten. Diese Vogelart verbrachte ihr ganzes Leben in diesen Bäumen, da die Tiere die Flugfähigkeit verloren hatten. Es kam heraus, dass alle Vögel dieser Art bei der atlantischen Flut ausgestorben waren. Auf die Frage, falls und wie man dem Geistwesen - der Gruppenseele dieser Vogelart - heute begegnen könnte, wurde eine außerordentliche Antwort gegeben. Eine ernsthafte ‚Stimme’ auf der Inspirationsebene gab kund, dass derjenige, der sie suchen wolle, in seinem ganzen Wesen von tiefstem Ernst des Daseins durchdrungen sein müsse. Und nur in einer solchen Ernsthaftigkeit würde er ausfindig machen, wohin er sich begeben sollte, um dem Geistwesen innerlich gleichsam errötend oder demütig zu begegnen.
Dem Geistwesen des Rots zu begegnen, ist in sich ein Begegnen mit einem Wesen der Ernsthaftigkeit. Die Meditation zur zinnoberfarbigen, flammenroten Farbe, zu der Steiner seine damaligen kunstinteressierten Zuhörer ermutigte, sollte genau zu einer inneren Erfahrung des so genannten göttlichen Zorns führen, so dass gleichsam auch die Fähigkeit zum Beten dem Geistesschüler aufblühen würde (Das Wesen der Farben, Seite 99ff). Dementsprechend ergab die beschriebene Erforschung zu der roten Feder aus Atlantis einen erhabenen Hinweis buchstäblich in dieser Richtung.
Als Beispiel des inneren Verlaufs einer einfachen Farbmeditation, möchte ich schildern, wie man dabei konkret vorgehen kann. Grundlage der Farbmeditation soll dann die bereits gemachte sinnliche Betrachtung einer bestimmten Farbe sein. Im Raum oder draußen vor einem Fenster, wo man sich befindet, gibt es viele Farben in der Natur, am Himmel, an Häusern, an Kleidern, in Bildern, an Wänden, an Gegenständen usw. Man wählt eine Farbe beispielsweise der Umgebung aus, die man mag, und konzentriert den Anblick auf diese bestimmte Farbe. Man hält den Blick so lange fest, bis die entsprechende Komplementärfarbe leuchtend drumherum erscheint. Dieses Phänomen kann man mehrmals beobachten, indem der Blick nach dem Fixieren zu einer weißen Fläche hingewandt wird. Die Komplementärfarbe folgt sozusagen mit, weil es sich um ein physiologisches Phänomen des Sehens geht, das objektiv ist. Nach diesem Sehvorgang schließt man die Augen und geht hinein in den inneren Raum der Seele.
Aus der eigenen Schöpferkraft lässt man als zweiten Schritt der Übung diesen Raum ganz mit der beobachteten Farbe durchflutet sein. Wenn von selber eine Farbe nicht entsteht oder man nur schwer die Farbe erzeugen kann, stellt man sich vor, dass man wie eine Biene zu einer Blume fliegt, die diese Farbe hat. Man taucht quasi hinein und saugt die Süßigkeit der Farbe auf. Es ist dabei erlaubt, die Substanz der Farbe mit ‚nach Hause’ zu nehmen, wie eine Biene den Nektar zum Bienenkorb mitnimmt, aus dem Honig entstehen wird. Beim Drinnenschweben in der Farbblume versucht man nun, zu erleben, welche Stimmung die Farbe in einem erzeugt. Was wird erlebt? Welche moralische Kraft wird eventuell erweckt?
Jetzt folgt als dritter Schritt, dass man sein Zuhause in der Meditation aufsucht, das diesmal quasi die eigene Biografie wäre. Man lässt aus der Farbbegegnung eine oder mehrere Episoden in der Biografie aufkommen, als würde die Farbstimmung selbst entsprechende Lebensmotive heranziehen. Zu welchen Erinnerungssituationen kommt man? Was kommt einem in den Sinn, wenn man solcherart aus der Farbmeditation Biografisches wieder anschaut? Ein fortgeführter, meditativer Umgang mit verschiedenen Farben wird immer mehr die eigene Biografie neu durchleuchten und kolorieren.
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Zu weiteren Aufsätzen in dieser Reihe:
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Karmafähig werden…[weiter]
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Können wir Rudolf Steiner bestätigen…[weiter]
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Das Luzifer-Mysterium I…[weiter]
Kraft- und Seelentiere…[weiter]
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Vincent van Gogh (1853-1890), Komplementär-kontrast in Rot und Grün: Das Nachtcafé, 1888. Quelle: Wikipedia
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Kasimir Malewitsch (1878-1935), Rotes Quadrat. Malerischer Realismus einer Bäuerin in zwei Dimensionen, 1915, Staatliches Russisches Museum, St. Petersburg. Quelle: Wikipedia