








Schwellenphänomene II
Christus als der große Hüter | Jostein Sæther
Sich objektivieren
Der Weg zum bewussten Verweilen in der geistigen Welt führt unter anderem durch die Selbsterkenntnis im Erleben des kleinen Hüters („Goetheanum“ Nr. 3/2007). Daran schließen sich Konfrontationen mit objektiven geistigen Kräften und Wesen an, die das Bedürfnis wecken, sich in die produktiven geistigen Gesetzmäßigkeiten zu stellen. Doch dazu hat man durch schmerzhafte Umwandlungsprozesse zu gehen. An ihrem Ende steht die Begegnung mit dem großen Hüter zur geistigen Welt, dem Christus als Herrn des Karmas.
Christus wurde von Rudolf Steiner „Herr des Karmas“ genannt. Alle künftig zu erwartenden Aussichten karmischen Wandels und der Vervollkommnung treffen sich in ihm als Ideal. Als ein „Ätherischer“ hilft er uns, Karma zu erkennen. Folglich dürfte man ihn auch meditativ suchen. Steiner sah Karma und Christus als „Inbegriff der Evolution“ („Kosmogonie“, GA 94, Vortrag vom 12. Juni 1906). Karma als Gesetz von Ursache und Wirkung ist die allumfassende Entwicklungsspirale. Die Christuskraft schaltet sich in diese Karmalinie als wegweisende Achse ein und ist potenziell in jeder Menschenseele wirksam.
Schweigen lernen
Statt meine Mängel als eine Gestalt zu denken - sowie in den Gleichnisübungen zum „kleinen Hüter“ -‚ kann ich sie als Iandschaftliches Urbild meditieren und mit dem Schutzengel dort „hingehen“. „Um“ das höhere Ich „herum“, das ich als „Tempel“ mit inneren Säulenreihen und Kuppeln bilde, besteht seit je ein „Park“, aber er wird nicht mehr gepflegt. Wiesen, Bäume, Beete, Quellen, Fontänen, Pfade, Treppen, Mauern, Plastiken, Gartentempel und dergleichen sind abgenutzt und defekt. Der Zerfall ist sehr unangenehm.
Der Engel kann mir nicht helfen, weil er vorübergehend „delegiert“ ist. So melde ich die Notlage meinem „Schirmherrn“, dem kleinen Hüter. Ich stelle ihn als Gärtner ein. Weitere Hilfskräfte für die Renovierung suchen wir in der elementarischen Welt. Schließlich wird die Anlage wieder ein Juwel, und ich erlebe, dass Gäste aus eigenem Antrieb gern dort wellen. Wer sind sie? Ich übe mich daran, sie zu identifizieren. Danach lade ich alle zu einem Tempelfest ein. Ich freue mich wie ein Geburtstagskind. Ich sehe, dass mein Engel zusammen mit einer anderen Individualität zurückkommt. Sie und einige Begleiter eskortieren mich zu einem kunstvollen „Raum“, den ich nicht kannte.
Was ich da erfahre, muss für andere, die einen Geisttempel nie bewusst betraten, ein Geheimnis bleiben, wie Rudolf Steiner im Kapitel „Bedingungen“ von „Wie er langt man Erkenntnisse der höheren Welten?“ (GA 10) darstellt. Das Erleben übertrifft all meine Kenntnis der Esoterik. Insofern erkenne ich, was Schweigen wesenhaft besagt. Das Etwas nicht zu verraten, wird bald zu einer Lebensprüfung, weil es flugs „entfliehen“ will, wenn ich mich mit jemandem unterhalte. Das Mysterium zeigt mir, warum Steiner den Begriff „Geheimschüler“ benutzte. In der Mythologie stellt „der junge Gott“, Widar, diese Stufe der Initiation dar. Im Christentum repräsentiert Michael die gleiche Haltung. Der Schweigsame sieht, was aus den menschlichen Taten gut werden kann.
Durchkreuzt und durchströmt
Wir erhalten je nach Gesinnung weitere Prüfungen, die sich nicht nur übersinnlich anbahnen. Weil uns die geistige Welt anders als in früheren Zeiten „näher“ steht, uns quasi kräftiger durchkreuzt und durchströmt, werden die Prüfungen, Widerstände und Schmerzerlebnisse, die gerade für die Veränderungen des höheren Bewusstseins typisch sind, auch inmitten des Alltags häufiger auftreten. Daher können wir von einer Lebenseinweihung sprechen. Beispielsweise stellen sich Leute unerwartet in den Weg. Wie ohne Grund schauen sie mich kritisch an, um mich herauszufordern. Die kleinsten Laster, die früher wenigen auffielen, werden jetzt sofort entdeckt. In dieser Phase macht man am besten keine weitgehenden meditativen Schritte, sondern setzt nur die nötige Kontinuität fort.
Der russische Autor Andrej Belyj, der zwischen 1911 und 1915 im Umkreis von Rudolf Steiner lebte und ein esoterischer Schüler von ihm war, hat solche Schwellenphänomene in seinem Buch „Geheime Aufzeichnungen“ beschrieben. Ihm fiel auf, dass ihm Personen in seiner Umgebung scheinbar „stellvertretend“ solche negativen Attitüden, die er aus Johann Wolfgang Goethes „Faust“ und aus den Mysteriendramen von Steiner gut kannte, quasi „vorspielten“. Belyj erfuhr durch seine Lebensgefährtin Assja Turgenjewa und durch Gerüchte, dass er beschuldigt wurde, „etwas“ Negatives getan zu haben, welches ihm nie von jemandem näher spezifiziert wurde. Aber er wusste bei sich selbst, dass er so „etwas“ nie getan hätte:
„Darum ist es ganz natürlich; mein Anblick veranlasste damals viele, die mich nicht kannten, stehenzubleiben; man er zählte mir, dass ich wie von irgendetwas erregt oder bestürzt aussähe, so, als hätte ich mich selbst verloren; darin dass man mich fragte: „Was ist denn mit Ihnen?“, sehe ich einen Sieg über mich selbst.“
Der Grund der Angreifbarkeit ist, dass uns Widersacher entdecken, wenn wir durch esoterische Schulung bemerkbare Wesen werden. Wieso? Früher wurden wir von Engeln geschützt. Jetzt bin ich selbst ein „guter Geist“ geworden, welcher anderen Geistwesen das Recht gewährt, mich zu prüfen, um Charakter und „Geistansehen“ auszuloten.
Mit welchen Attributen avisiere ich mich geistig? Mit welchen Impulsträgern des Kosmos fange ich an, im Ringen um die Vorwärtsentwicklung der Menschheit zu kooperieren? Solche Fragen erwecken zum Beispiel das Bedürfnis, den doppelten Zeitstrom und die geistigen Strömungen neu zu ergründen. Durch das fortgesetzte Meditieren bemerke ich, dass meine Aktivität manche Menschen erfreut. Trotzdem wird die Arbeit erst erfolgreich, wenn ich mich einige Zeit geistig vereinsame. Wenn jeder lernt, sich aus innerer Einsamkeit zu konsolidieren, wird esoterisches Teamwork tragfähig.
Erkenntniseinsamkeit
In den antiken Mysterien wurden die Initiationsanleitungen generell in Gruppen gelehrt. Der Schüler musste allerdings gewisse Prüfungen separat bestehen. Die Weisen, Propheten und Philosophen mussten durch eigene Inspiration das Geistige suchen, und die Eremiten zogen sich in Höhlen oder auf Felsen zurück, um geläutert zu beten. Auch heute gibt es esoterische Unterweisungen, die gruppenweise erteilt werden. Aber noch mehr als früher führt die Einsamkeit für sich zu Geisterkenntnissen. Wenn wir auf uns selbst achten, ohne deswegen Einzelgänger zu werden, eignen wir uns die adäquate Stimmung für geistiges Erleben und Forschen an.
Im Alltag ist das Ich nicht isoliert. Es ist leiblich eingegliedert und von der seelischen Schutzhülle umgeben. In der Meditation nimmt es eine gewisse Seelenhülle mit. Das Austreten aus dem Leib bewirkt aber eine Art Eremitendasein während des Geistverweilens, sodass Verlustschmerz aktiviert wird. Schmerz entsteht, wenn wir aus Verletzung nicht mehr den Körper ganz durchdringen. Im höheren Bewusstsein sind wir von der Sinneswelt getrennt. Geistiges überflutet uns, weil wir wie ein „Tropfen im Ozean“ sind. Wir erleben alles wund. Diese Erfahrungen klingen voraussichtlich lange nach. Im Mittelalter hatte der Denker einen Beichtvater zur Seite; der Geistesschüler könnte eines mit Esoterik vertrauten Arztes bedürfen, da auch Symptome wie Kopfweh und Hautausschläge auftauchen können.
Sich selbst als unbequem erlebend
Um den Einsamkeitsgefühlen zu entfliehen, hat das Abendland reichlich Vergnügen und „Arzneien“ erzeugt. Die Ausdauer im Geist-Erleben schafft aber eine Steigerung der bekannten Einsamkeit, die alles Denkbare übertrifft. Die Geduld erweckt echte Karmaeinblicke, die altes Leid wieder beleben. Andere Geistzustände lösen neue Qualen aus, die mit einer „Isolierung“ des Ich zusammenhängen. Abgesehen vom Glück, von der Geisthelligkeit und vom erhabenen Kontakt zu Geistwesen werden wir ganz unsicher, wenn wir jenseits „aufsteigen“. Das Gefühl enormer Bedeutungslosigkeit und Leere gegenüber Fülle, Würde und Realität des Geistigen steigt in uns auf.
Steiner erklärte im neunten Kapitel der „Schwelle der geistigen Welt“ (GA 17), dass man solche Zustände bewältigt, ohne aus der Meditation zu rutschen, wenn man aus der inneren Einsamkeit heraus sein Ichgefühl steigert. Die Geisteinsamkeit soll uns ganz auf uns selbst stellen, sodass alles, was uns sonst überwältigen und zerfließen würde, zur Geistgegend wird. Es gibt nun einige Aufgaben und seelische Symptome, die den esoterischen Fort schritt bewahren:
1. Sich abwägen: lernen, die verschiedenen Unwohlgefühle und Schmerzen zu ertragen und Wege zu finden, sie auszubalancieren.
2. Sich berühren lassen: ernsthafte Erschütterungen durchmachen, die notgedrungen kommen, weil man unerahnte Erkenntnisse bekommt und vor allerart Geistbegegnungen „steht“, die es ihresgleichen im normalen Bewusstsein nicht gibt.
3. Sich objektivieren: lernen, sich selbst, sein Ich, als ein Objekt zu betrachten und mehr noch: mit vertrauten Standpunkten flexibel umzugehen. Man muss anpacken, alte Meinungen loszulassen, da sie durch neue Erkenntnisse „verjähren“.
4. Sich durch Kunstfertigkeit erneuern: Das Vorangegangene steigert sich, weil das übersinnliche Verweilen eine gewisse Fremdartigkeit gegenüber dem physischen Leib und der normalen Persönlichkeit mit sich bringt.
Man fängt an, sich selbst als jemand zu erleben, den man immer wieder quasi neu zu erwerben oder wie eine Kleidung anzuziehen hat. Ab dieser Stufe erlebe ich mich als absolut unbequem. Auch beim Erwachen morgens können derartige Unwohlerlebnisse eintreten. Es kostet dann eine Anstrengung, wieder in den Leib zu gehen. Übersteht man diese extremen Phasen, wächst der Mut für weitere Initiationsvorgänge.
Christus als Torhüter
Wenn die Selbstkonsolidierung nicht nur mich selbst trägt, sondern auch für andere eine „Deckung“ garantiert, finde ich ein Tor zur wesenhaften Geistwelt, zur Sphäre der höheren Intuition. In der Literatur fand ich wenig über den Umstand, wenn jemand vor dem „großen Hüter“ die geistige Souveränität gewinnt, quasi geadelt wird. Steiner klärte jedoch auf, welche Wesenheit unser „Ehrenwort“ anhört: der Christus (Kapitel „Die Erkenntnis der höheren Welten“ in der „Geheimwissenschaft im Umriss“, GA 13).
Warum kommen wir nicht früher mit Christus derart in Berührung, dass wir das Schauen in die geistige Welt lernen? Es gibt viele Wege zu Christus, der auf mehreren Ebenen tätig ist. Auch Menschen, die nicht spirituell sind, werden von ihm beschenkt. Er zeigt immer andere Wesenszüge, je nachdem, ob er im Alltäglichen oder auf dem okkulten Pfad wirkt. In der michaelischen Gestalt als Hüter zeigt er, was die Evangelien berichten, als Jesus Christus Jerusalems Tempel von Händlern reinigte: Er bewirkt zwar, bewerkstelligt aber nicht die Läuterung unseres Wesens - man muss sie selbst fertigbringen.
Die Freiheit lässt mir sogar zu, unrein in die geistige Welt zu „stiefeln“. Dann könnte aber die Situation eintreten, dass zum Beispiel eine Psychose ausgelöst wird. Absolute Sorgfalt befördert den Mut und die Kraft, nicht aufzugeben, falls ich schwanke. Das vollkommene Loslassen aller Ängste, der Glaube an die geistige Macht und die Liebe zu allen Schöpfungswesen tragen über die Abgründe zwischen Diesseits und Jenseits.
Sich helfen lassen
Der große Hüter beschenkt uns dann mit Erkenntnisimaginationen. Sie lassen uns alles existenziell erleben, was wir aus der Bibel und der Gralsgeschichte schon kennen. Ich darf schauen, wie zwölf meiner Erdenleben sich um das höhere Ich reihen wie die Jünger um Christus, und mich dabei mit dem Moses-, dem Golgatha- und dem Parsifal-Geschehen vergleichen. Diese Erleuchtung lässt mich abschätzen, wie ich bis heute gereift bin. Der „Herr des Karmas“ konfrontiert uns - nach Rudolf Steiner am 6. Oktober 1911 in der Vortragsreihe „Von Jesus zu Christus“ (GA 131) - speziell mit zwei Ereignissen seines Lebens:
1. Die Versuchung. Das Urbild des Jesus Christus auf dem Wüstenberg, wo er die Einsamkeit für 40 Tage suchte, bedeutet, sich einschätzen zu lernen und sich aus den Daseinsschmerz emporzuarbeiten, an der Materie nicht hängen zu bleiben, aber auch nicht jeder geistiger Erfahrung nachzulaufen. Dieses würde mich fanatisch an Luzifer, jenes verblendet an Ahriman ausliefern.
2. Gethsemane. Christus ist von seinen nächsten Jüngern „verlassen“ worden: Sie können sich nicht wach halten. Er erlebt enorm gesteigert die Angst, die ihm den Blutschweiß auf die Stirn treibt. Ein Engel gibt ihm die Kraft, noch nicht aufzugeben. Die Aufgabe ist, die Angst vor dem Ideal zu fühlen, weil ich aus eigener Kraft es nicht realisieren kann, und die Schwäche zu akzeptieren, weil ich noch so weit von Gott entfernt bin. Das ermöglicht mir, mir helfen zu lassen.
Eine authentische Begegnung mit dem großen Hüter ist trotz der Allgemeingültigkeit seiner Ermahnungen immer eine individuelle. Jeder bemerkt andere Qualitäten, wovon ich drei betone: berührt zu werden von der Prägnanz der Mitteilung, die der Wahre „artikuliert“; zu beachten das „Farb-„ und „Lichtdurchzierte“ des Schönen; und zu spüren, wie der Gütige seine „Hand“ einem auf die „Schulter“ legt.
Das Goetheanum, Nr. 4-2007
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Gamamila
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Weitere Aufsätze:
Bei der Begegnung mit dem großen Hüter
lockt der Egoismus zum schwarzen Pfad (2007), publiziert im "Goetheanum" Nr. 4-2007