








Ibsen
Biographischer Abriß | Jostein Sæther
Der heimatlose Mensch
Der norwegische Dichter Henrik Ibsen starb vor 100 Jahren am 23. Mai1906. Er errang weltweit den Ruf des größten und einflussreichsten Dramatikers seiner Zeit. Er ging dafür jedoch durch manche Lebenskrise und zeitweilig ins freiwillige Exil. Jostein Sæther weitet den Blick von Ibsen als Dramatiker auf Ibsen als Weltbürger, dessen Schaffenstrieb auf eine frühere Inkarnation zurückgeht.
Rudolf Steiner betonte, dass wir historisch brillante Menschen erst richtig verstehen, wenn wir Wirkungen früherer Erdenleben beachten. Ein intensiv nachwirkender Gemütsinhalt entstand in einem Menschen, den der Mord an Kaiser Julian Apostata erschütterte und dessen Lebensgefühl dadurch bis auf eine „tief in die Diskrepanzen des Menschendaseins hineingehende Weltenbetrachtung“ geprägt wurde. Mit Hellseherblick habe dieser alte Eingeweihte bedauernd festgestellt, dass das traditionelle Christentum seine eigene Geistdimension nicht aufnehmen würde.
Seelenkämpfe und zähe Selbstzügelung
Bei diesem Zeitzeugen handelt es sich - nach Rudolf Steiner in „Esoterische Betrachtungen karmischer Zusammenhänge“ in den Vorträgen vom 26. April und 12. August 1924 - um den späteren Henrik Ibsen. Und so ist es nicht verwunderlich, dass im Gegensatz zu den meisten seiner Rezensenten Ibsen selbst das Drama „Kaiser und Galiläer“ als sein Hauptwerk ansah. Er wollte im abtrünnigen Kaiser einen treuen Abriss von Seelenkämpfen konträrer Lebensauffassungen zeichnen. Doch die Kritiker sahen in seinem Julian zu viel vom Idealismus, der damals Ibsens positiver Weltanschauung entsprach. Den dramatischen Durchbruch errang er erst, als er anfing, „sozialrealistisch“ zu dichten.
Ibsen kam früh in enge Berührung mit der Bühnenkunst in Bergen und Oslo (damals Christiania), wo er Theater über zehn Jahre lang künstlerisch leitete und sich den Blick für die Gestaltungsmittel des Schauspiels erwarb.
Auf einer Studienreise nach Kopenhagen und Dresden entdeckte der ehemalige Medizinstudent dann das, was er „den europäischen Standpunkt“ nannte, der ihn freiwillig in ein Exil brachte. 27 Jahre lebte Ibsen in Deutschland (Berlin, Dresden, München, Meiningen) und Italien (Rom, Sorrent). Erst 1891, mit 63 Jahren, kehrte er nach Christiania zurück, wo er am 23. Mai 1906 starb. Ibsens Leben ist an eminenten Ereignissen arm. Seine Biographie erscheint als die zähe Selbstzügelung von der Armut bis zu internationalem Erfolg.
Durch den eigenen Nebel
1897 notierte der Dichter Christian Morgenstern in „Stufen“ galant: «Man vergißt immer etwas, wenn man über Ibsen urteilt, weil er zu vielfältig ist. Das war es vielleicht auch, was ihm im ‚Solness’ überwältigend zum Bewußtsein kam. Er konnte keine Tempel bauen, ihm fehlte das schöpferische Pathos des naiven Künstlers, des direkten Kindes der Natur.“ Trotz des literarischen Abstands zu Ibsen weilte Morgenstern mit Übersetzungsauftrag mehr als ein Jahr in Norwegen, um die Heimat „Brands“ und „Hedda Gablers“ direkt zu erleben. Er lernte Norwegisch, genoss die Natur und pflegte amüsanten Umgang mit Ibsen und neuen Freunden.
Retrospektiv schrieb Morgenstern 1903 im Tagebuch: „Der große Krumme ist der Nebel, der nordische Nebel im natürlichen wie im geistigen Sinne. Man muß durch ihn hindurch, um ans Licht zu gelangen. Wer um ihn herumgehen will, verliert Leib und Leben dabei; denn er läßt sich nicht umgehen. […] Ibsens ganzes Lebenswerk ist ein solches Hindurchwollen durch seinen eigenen Nebel.“
Ich verknüpfe den Krummen („Bøygen“ in „Peer Gynt“) mit Bumerang. Die Nebelstimme lenkt den Wandervogel ab, so dass er sich von seiner Lebensaufgabe abkehrt und dem Blendwerk des Bürgertums verfällt. Ibsen, der dieses Lesedrama in Rom schrieb, läßt Peer in Ägypten einen Weltmann werden. Jedenfalls wird er heimatlos und muß sich bei der Heimkehr der Kernlosigkeit stellen.
Aus dem Heimatboden heraus
Ein fatales Lebensgefühl gibt Ibsens Dramen ein postmodernes Flair des künstlichen Lebens und des belebten Todseins. Das erklärt, warum sie überall noch beliebt sind. Die Hauptperson ist oft zielsicher, aber ihre Suche führt in die Isolation. Anfangs kann sie den Weg zum Gemeinwohl wählen, der zu Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit hinführt. Ihr Problem ist, dass beide Wege günstig zu sein scheinen und keiner die Folgen der jeweiligen Alternative absehen kann.
In seinem letzten Drama „Wenn wir Toten erwachen“ kontrastiert Ibsen die Kälte der Kunst mit warmer Geselligkeit. Diese erscheint als Lüge und jene als Gefängnis, aus dem der Künstler weder ausbrechen kann noch will. Professor Rubek gesteht seinem Modell meuternd seinen Mangel:
„Ich bin Künstler, Irene. Und ich schäme mich nicht über die Schwächlichkeit, die vielleicht an mir klebt. Denn ich bin zum Künstler geboren, siehst du. - Und werde so nie etwas anderes werden als ein Künstler.“ Irene verhüllt den bösen Blick in milder Stimme: „Dichter bist du, Arnold“ (eigene Übersetzung nach Manuskript). Rubek kann sich nicht helfen; Irene behauptet, dass er in einer fiktiven Welt „den Menschen“ in sich selbst und in anderen verrät. Während einer Bergexkursion reißt eine Lawine beide in den Tod!
Am Ende seiner Laufbahn sagte Ibsen, dass er mit seinem „phantastischen Leben“ nicht glücklich sei und sich selbst im Vaterland heimatlos fühle. Ein entwurzelter Mensch schafft es aber - ohne Einfluss geographisch bedingter und nationaler Gefühle -‚ die Mission der Menschheit zu erfüllen, denn er verändert durch das Exil seinen Ätherleib und wächst quasi aus der Einheit mit dem Heimatboden heraus. Er wird ein „globaler Bürger“ wie Ibsen, der als solcher jenseits seiner bürgerlichen Figuren stand.
Das Goetheanum, Nr. 20-21/2006
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