








Schwellenphänomene I
Der kleine Hüter
als karmischer Botschafter | Jostein Sæther
Sich demaskieren
Es gibt äußere und innere Schwellenübertritte, die wir meist nicht bemerken. Mit jedem Einschlafen und Aufwachen vollzieht sich ein Übergang zwischen Bewusstseinszuständen. Jeder, der gesund ist, macht diese Wechsel, ohne zu „stolpern“. Nun kann bei psychischer Krankheit ein permanentes „Stolpern“ entstehen oder man kann als Geistesschüler temporär in seelische Zustände geraten, die einen derart packen, dass man Beistand braucht, um wieder in Balance zu kommen. Es ist menschlich, Fehltritte zu machen, aber auch anderen dann die Hand zu reichen. Es braucht uns daher nicht zu entmutigen, dass der innere Pfad viele Stadien kennt, die dem Nichtbetroffenen große Ängste bereiten.
Die eigenen Schwächen im Bild
Geistige Reifung bedeutet (heute wie zu allen Zeiten), dass man seine Schwächen selbst erkennt. Der Anblick der Selbstbilder muss nicht unbedingt als unangenehm erlebt werden. Sie können aber sehr hässlich sein. Denn bei den ersten Eintritten ins Übersinnliche „steht“ man üblicherweise vor sich selbst als ein „Monstrum“, gebildet aus „verzerrten“ Tier- und Selbstbildern. Rudolf Steiner bezeichnete diese Art von Bildern am 24. März 1910 als imaginativ („Makrokosmos und Mikrokosmos“, GA 119). Sie entstehen dadurch, dass die eigenen Schwächen aus dem Astralleib nach außen in das geistige Umfeld strahlen und in einem Wesen fokussiert erscheinen, das die esoterische Tradition den „kleinen Hüter“ nennt, oft als karmischer Doppelgänger bezeichnet.
Der kleine Hüter hält uns in vielen Erscheinungen all das vor, was wir aus früheren Leben als „Karmagepäck“ mitbringen, welches nun unreif, ungeläutert und sogar böse sein kann. Viele historische Darstellungen zeigen, wie Menschen - ohne es zu wissen - aus karmischen Quellen genial schöpften. Sie versuchten, hinter das Persönliche zu blicken.
Rudolf Steiner wies beispielsweise auf August Strindberg, wie dieser als Dramatiker anstrebte, mit seiner negativen Stellung zu Frauen - die in ihm karmisch veranlagt war und ihn psychisch bedrängte - ins Reine zu kommen. Steiner führte am 7. September 1924 dazu aus, dass Strindberg einst als Julia, als Tochter des Kaisers Augustus, lebte („Esoterische Betrachtungen karmischer Zusammenhänge“, GA 238). Wegen ihres ausschweifenden Lebens vertrieb der Vater sie. Strindbergs Leben und Dichtkunst demonstrieren, wie er unaufhörlich mit karmisch disponierten Gegenbildern rang.
Umwandlung des Selbstseins
In den antiken Mysterien wurde eine Initiation sorgfältig von Eingeweihten gelenkt, damit der Aspirant nicht zu Fall kam. In der Initiationsschulung geschah die Begegnung mit dem kleinen Hüter zu meist vor der karmischen Aufklärung. Heute ist es meistens umgekehrt. Die Mysteriendramen Rudolf Steiners zeigen beispielsweise, dass Karmaerkenntnis schon zu Beginn einer esoterischen Schulung nicht nur möglich, sondern sogar anzustreben ist. Denn falls Karmaverständnis nicht genug entwickelt wird, wirken die Doppelgänger de facto viel stärker als früher chaotisierend in das Soziale hinein.
Setzen wir Seelenübungen ein, um diesen karmisch erworbenen „Besitz“ zu kultivieren, verwandeln wir auch den kleinen Hüter. Er tritt uns dann erst in der Gestalt des Doppelgängerwesens imaginativ entgegen, das einerseits unsere Unvollkommenheiten und egoistischen Züge, andererseits Positives vorweist. Wenn wir akzeptieren, dass auch das Abstruse an ihm zu uns selbst gehört, bekommt er allmählich ein „Gesicht“, das frei von uns ist. Dann erscheint er als ein neben uns Emanzipierter, der Aufbauendes erwirkt, wie Rudolf Steiner im zehnten Kapitel seiner Schrift „Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?“ (GA 10) ausführt.
Irrationales im Alltag
Die Schwellenphänomene können wir durch Sinnesbeobachtung und Meditation fortwährend studieren. Ich pflege zum Beispiel die viertägige Karmaübung und schaue mir bekannte Menschen an, wie sie Rudolf Steiner in „Esoterische Betrachtungen karmischer Zusammenhänge“ (GA 236), Vortrag vom 9. Mai 1924, beschreibt. Ich erinnere mich, wann und wo ich mit ihnen zu tun hatte. Ich betrachte Ereignisse, die mein Leben „positiv“ und „negativ“ beeinflussten. An welche Details kann ich mich erinnern? Was sagten die Menschen, die mich berührten?
Stückweise begreife ich, wann und wie mein Doppelgänger ihnen etwas „aufbürdete“ und diejenigen der anderen mir et was „infizierten“. Wohl hatte ich mich ebenfalls empört. Denn solange ich meine karmische Geschichte und Aufgabe nicht kenne, diskreditiere ich andere und setze mich (letztlich gegen mich selbst) zur Wehr. Hier liegt die Ursache vieler Irrtümer und Schuldzuweisungen, die Streit nach sich ziehen.
Gewiss, wir alle erleben soziale Verstrickungen als belastende Lebensphasen. Beim Aufarbeiten von Krisenherden zeigt sich zumeist, dass es schwierig ist, den Ablauf auf die bewussten Aktionen der Beteiligten zu reduzieren. Oft entdeckt man etwas Irrationales, das mit dem Fall direkt nichts zu tun hatte. Darin lauert das Karmadouble mit seinem Versteckspiel.
Stellen wir uns ihn in einer Übung einmal als Menschen vor, ganz konkret. Nur: Er kennt keine Moral, da er nicht inkarniert ist! Dennoch „spielt“ er auf der gesamten Klaviatur lasterhafter Gewohnheiten. Er prahlt jeweils (als Wahrheitsverdreher). Durch Klugheit täuscht er Lügnerisches als Wahrheit vor. Sein Trachten ist oft voller List und Ausrede. Um eigene Schwächen zu verhüllen, tüftelt er immer Neues aus, wie man sich in das Tun anderer einmischt. Er hat auch gute Attribute, die genauso repräsentativ gefunden werden können. Vergegenwärtige ich mir nun die schlechten, dann sind es vielfach solche, die ich aus früheren Leben mitgebracht habe und in Tugenden verwandeln kann.
In einer anderen Übung, die Gleichnisse einsetzt, kann die Vielgestaltigkeit des Doppels zur Schau kommen. Diese Übung baut frei auf einem Steiner-Vortrag vom 27. April 1907 auf („Ursprungsimpulse der Geisteswissenschaft“, GA 96). Man richte sich eine „innere Heimat“, die physisch nicht existiert, an einem geliebten Ort ein. Ich stelle mir einen Tag vor, an dem ich wie aus den Ferien komme. Ich regle alles so, dass mein Schutzengel zuhause ist. Er erzählt mir vom neuen „Nachbarn“, der in der Umgebung zugezogen ist. Mein Engel ist ihm begegnet und hat mich erwähnt. Jener interessierte sich für mich und lud mich ein. Ehe ich gleich zu ihm gehe, ziehe ich mich vorher noch um. Lege ich den gelben Schlips an? Nehme ich ein Geschenk mit? Eine Blume? Ich weiß ja nicht, ob eine „Dame“ oder ein „Herr“ öffnet, weil der Engel Näheres nicht verriet. Hat er einen Palast oder eine Hütte wie ich? Wie fällt die Begegnung aus? Was wird serviert? Ist er allein oder hat er Personal?
Durch die fragende Haltung kann ich alles rund um den neuen Nachbarn denken. Wie anders ist die Gestalt als ich? Haben wir etwas Gemeinsames? Könnte es eine Freundschaft werden? Wenn wir wiederholt ähnliche Übungen variieren, wird sich allmählich eine Gestalt „demaskieren“, die Merkmale zeigt, welche wir teils in früheren Leben hatten, teils aus dem aktuellen Umkreis herrühren. Die Dramaturgie bringt das karmische Double in scheinbar einander ungleichen „Figuren“ hervor, die zunächst nur Symbolwert haben. Aus ihnen kann man jedoch karmische Fakten ermitteln.
Ein paar Beispiele aus meiner Praxis zeigen, in welchen seelischen Szenarien er in der Lage ist, einzuspringen, und womit aus früheren Leben er sich maskiert.
1. Jemand schaute einen Säufer, der ihn zu einer Kneipe mitnahm. Anfangs wollte er sich Schnaps nachschenken, dann begann er, von seiner unglücklichen Liebe zu erzählen. Das schöne Fräulein wies Bezüge zu einem weiblichen Vorleben des Betroffenen, in welchem sie so stolz war, dass sie alle Heiratsbewerber ablehnte.
2. Eine Frau „begegnete“ in einer Luxusvilla einem Aristokraten, der immer von Gästen umgeben war, denen er großartige Umbaupläne vorführte, die aber nie aus führt wurden. Als Adliger hatte sie einst das Familienerbe vergeudet und darauf die Verwandten mit in die Armut gezogen.
Die oft prägnanten Eindrücke, die sich gefühlvoll und imaginativ einfinden, müssen gewissenhaft studiert werden. Dann wird der Doppelgänger aus der „Farce“ der Lebensmotive heraustreten. Je mehr ich meine früheren Leben überschaue, desto weniger wirkt er hinderlich. Ich benenne ihn gern als „Stuntman“, da er für uns einspringt, stellvertretend agiert und Umstände darlebt, die wir momentan nicht selbst bewältigen können.
Er exponiert mich nicht nur so, wie ich war und sein könnte, sondern er ist anwesend in den Ereignissen, die mich schicksalhaft treffen. Er bedient sich auch der Mitmenschen, um ihnen Streiche „einzuflößen“, die dasjenige widerspiegeln, was (für mich) karmisch relevant ist. Die gesamte „Garderobe“ der früheren Leben steht ihm als Hilfsmittel, Schminke, Kosturne und Requisite zur Verfügung. Er besteht in seinen Wesenszügen aus nichts anderem als dem, womit ich als Regisseur ihn ausstaffiert habe.
Dem Schutzengel vergleichbar
Also lohnt es sich, erst einmal diesem karmischen Beiwerk nachzuspüren, um zu erkennen, was ich mit ihm zu tun hatte und noch zu tun haben werde. Mein Doppel verfügt nicht nur über das sogenannte (aus Vergangenheit geschaffene) „Mondenkarma“, sondern er näht seine Netze auch mit Fäden aus (zukünftigem) „Sonnenkarma“. Jenes lebt sich im jetzigen Leben aus, dieses ist der künftige Anteil, der im Entstehen oder für spätere Inkarnationen regulär vorbereitet ist.
In einer Übung bei mir ruhte er einmal als Winzer tagelang in der Liege und kostete Trauben, weil er meinte, es nütze sowie so nicht mehr, vernünftig fortzuleben. Er wartete auf bessere Zeiten. Er zeigte sich also als extreme Schlafmütze. In einer Variante rannte er als Obstbauer nach einem Sturm laufend mit der Motorsäge umher, um ab gebrochene Äste und gefährdete Bäume zu entsorgen. Er zeigte sich wie e zorniger Rücksichtsloser, von dem ich mich selbst besser fernhielt, um nicht mit beseitigt zu werden. Jene Gestalt ist interessanterweise luziferisch geprägt, diese ahrimanisch.
Die imaginative Typologie verbirgt im Grunde ein Hüterwesen, das mich gegebenenfalls zur Schwelle der geistigen Welt hinführt, da ich an ihr die Mitte zwischen den beiden Tendenzen des Bösen in mir selbst erkenne. Wenn der kleine Hüter als Ausgleichender auftritt - wenn ich also bewusst seine Beziehungen zu mir ringsum verfolgen kann und wenn ich erkenne, was er für mich bewirkt hat und heute an regt -‚ bedeutet das, dass er gleichsam die Position meines Schutzengels erfüllt. Wenn dieser ein Aufseher für die Anlagen meines höheren Ich ist, dann ist der kleine Hüter einer dafür, was ich daraus bis jetzt realisiert habe.
Der Schutzengel würde durch die Erlösung des kleinen Hüters selbst eine Befreiung erfahren, aber ohne sich mir deswegen zu entziehen. Er würde seine Aufgabe gegenüber dem Ich-Wesen weiter vollziehen, sodass er seine Sorgfalt mehr auf die Umsetzung der Folgen der geistigen Autonomie richten würde. Früher musste der Engel die Impulse der geistigen Welt in uns hineintragen, damit sie für das Sinnliche geeignet sind. Jetzt würde er unsere Geisttaten in die geistige Welt tragen.
Was man innerhalb eines Lebens als freie Tat erreicht - und Meditation am Doppelgänger kann nur aus Freiheit geschehen -‚ wird der geistigen Welt als ein neuer Kosmos entgegenleuchten. Zum Urkosmos der Hierarchien stellt sich dann die der menschlichen Schöpfung: aus freier Liebe wandelnde Anarchie - mit Steiners Begriff: der ethische Individualismus. So gesehen ist der kleine Hüter mit der Entwicklung der Freiheit eng verbunden.
Der karmische Botschafter, wie wir ihn ab jetzt nennen können, würde also wie ein Engel auftreten. Das kann er nur, in dem ich ihn einlade, sich zu einer humaneren Stufe zu erheben, wo es um das „intimere Zusammenleben mit Engeln“ geht, wie Rudolf Steiner in „Vergangenheits- und Zukunftsimpulse im sozialen Geschehen“ (GA 190), Vortrag vom 23. März 1919, darstellte. Was ich vom Engelwirken erkannt habe, wird er in sich aufnehmen.
Das komplexe Drama unterschiedlicher Typen von Doubles miteinander, in und zwischen uns ist aber eine andere Geschichte.
Das Goetheanum, Nr. 3-2007
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Gamamila
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Weitere Aufsätze:
Von der Irritation zum Erkennen des kleinen Hüters als eine Art Schutzwesen (2007), publiziert im "Goetheanum",
Nr. 3-2007
Die Begegnung mit dem kleinen Hüter findet jeden Tag statt, meistens unbewusst, besonders in unseren sozialen Begegnungen. Jostein Sæther zeigt, dass wir in meditativen Übungen dem „hässlichen Selbst“, unserem Doppelgänger, bewusst begegnen und erkennen lernen können, wie er als „Stuntman“ für uns einspringt, stellvertretend agiert und Umstände darlebt, die wir momentan nicht selbst bewältigen können. Dem Doppelgänger kommt damit eine dem Schutzengel vergleichbare Aufgabe zu.